„Vielleicht hat man gar nicht ein wahres Wesen, sondern …“

… viele verschiedene. Hinweis auf meine Nebentätigkeit als Romanautor: Vor einigen Tagen ist mein neues Buch erschienen. Es heißt Luyánta – Das Jahr in der Unselben Welt. Wie alle meine bisherigen Romane beim Rowohltverlag. Nur dass dieser hier viel länger ist und auch (aber keinesfalls: nur!) für Jugendliche geschrieben ist. Er handelt von einem Mädchen, das einen Drachen in sich trägt, ganz unausstehlich sein kann und doch voller Kraft und voller Liebe ist. Sie trägt mindestens zwei Namen, ist Teenager und Königin und weißes Murmeltier, und sie muss um Frieden kämpfen – in der Unselben Welt und in sich selbst. Sagen wir, wie’s ist: ein Schmöker. In jeder Buchhandlung und natürlich auch online erhältlich.

Weitere Informationen beim Rowohlt Verlag

Ach ja, und ein Hörbuch gibt’s auch: über 24 Stunden, gelesen zu meiner großen Freude von der phantastischen Schauspielerin Constanze Becker.

Und für die erste öffentliche Lesung am Sonntag, 20. März, um 18 Uhr im Berliner Pfefferberg gibt’s auch noch Karten!

Wiegemarschtanzend

Pablo Heras-Casado und das RSB spielen Debussy, de Falla, Bartók

Drei auf je eigene Weise tänzerischen Musiken stellt der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin kurzentschlossen die Berceuse héroïque voran, die Claude Debussy 1914 nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges komponierte: antrisches Wiegenlied, großes Crescendo und Generalpause, dann Trauermarsch. Ein eigenartiges Werk mit paradoxem Titel, aber der aktuellen Situation angemessen als Ausdruck eines gewissen Ratlosigkeit, des gleichzeitigen Drangs zum Sprechen und zum Verstummen. Und eine Ergänzung zu Vladimir Jurowskis Aufführung der ukrainischen Nationalhymne vor zehn Tagen. Dazu passt, dass Heras-Casado nicht viele Worte sagt wie Jurowski (sehr kluge, menschliche Worte), sondern nur: „Wir spielen das im Gedenken an die Ukraine.“ Beide Arten des Umgangs – die introvertierte wie die demonstrative – haben ihre Berechtigung.

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Trismegistisch

Collegium 1704, Les Arts Florissants und Jean Rondeau beim Barock-Festival in der Philharmonie

Drei sehr verschiedene Konzerte am zweiten (und letzten) Wochenende des Barock-Festivals, jedes auf seine Weise beeindruckend: trimagisch, ja geradezu trismegistisch. Den Anfang macht am Freitagabend das tschechische Collegium 1704 im Kammermusiksaal. Auf dem Programm steht unter anderem ein Bachkonzert (BWV 1060, c-Moll) mit den Solo-Instrumenten Oboe und Violine, während gleichzeitig die Berliner Philharmoniker im Großen Saal ebenfalls ein Bachkonzert mit Oboe spielen (BWV 1055R). Kuriose Selbstkannibalisierung. Das Barock-Festival ist ja eine Veranstaltung der Stiftung Berliner Philharmoniker, die Reihe „Originalklang“ in gebündelter Form, und das Collegium 1704 geladener Gast der Hausherr/*/frauschaft. Ohne dem Orchester, Dirigent Roth und vor allem Albrecht Mayer nahezutreten, den aufregenderen, quickigeren Bach gibt’s ziemlich gewiss bei den tschechischen Spezialisten.

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Ukrainisch-umarmend

rsb, Jurowski, Alban Gerhardt spielen Werbyzkyj, Rubinstein, Smirnow und Tschaikowsky

Bei Vladimir Jurowski wird aus einem klaren politischen Statement gleich eine musikalische Weiterbohrung: Denn auf die ukrainische Nationalhymne, mit der nach spontaner Programmänderung das Konzert in der Philharmonie beginnt, spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin noch ein weiteres Werk ihres Komponisten Mychajlo Werbyzkyj, die gut gearbeitete Sinfonische Ouvertüre D-Dur, schmissig wie ein Stück von Suppé. Vor allem aber ergeben sich atemberaubende, in der Mitte geradezu verstörende Bezüge zum planmäßigen Rest des Programms, auf dem drei höchst unterschiedliche Werke russischer Komponisten stehen.

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Deconquista!

Accademia del Piacere beim Barock-Festival in der Philharmonie

Auf welcher Insel der Seligen man lebt, wird einem bewusst, wenn man in der Berliner Philharmonie entzückt beim Barock-Festival sitzt, während gerade ein demokratisches Land von den Panzern eines gewissenlosen Großmachtpsychopathen überrollt wird. Die Ukraine liegt näher an Berlin als Spanien, Kiew näher als Madrid oder gar Sevilla, wo die Accademia del Piacere ihren Sitz hat. Deren Zugabe im Kammermusiksaal widmet der Leiter Fahmi Alqhai der Kraft des Friedens; so wie die Berliner Philharmoniker nebenan im Großen Haus ihr Mahler-Konzert mit Gustavo Dudamel den Menschen in der Ukraine zueignen.

Hier also nur einige inselselige Notizen zum köstlichen Konzert der Accademia del Piacere. Spanische Tänze und Melodien aus dem 16. und 17. Jahrhundert, in aufregender, aber nicht anbiedernder Verzeitgemäßung. Notierte Quellen sind offene Grundlage der Musik, nicht fertige Vorgabe. Nach zwei gediegenen, fast schulbuchmäßigen tänzerischen Nummern beginnt es schlagartig zu lodern: Über stehendem Bordunton setzt ein improvisatorisches Gambensolo von Fahmi Alqhai ein, immer wieder ins Mikrotonale pendelnd, rhythmisch sehr frei gefärbt vom Percussionisten Agustín Diassera.

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Miese beflügelnd!

Ton Koopman beim Konzerthausorchester

So miese kann’s einem gar nicht gehen, dass einem durch Carl Philipp Emanuel Bach nicht neuer Esprit injiziert würde. Und durch die beflügelnd vitale Erscheinung von Ton Koopman, dem schon 77jährigen niederländischen Cembal- und Organisten und auch Dirigenten, der beim Konzerthausorchester unter anderem zwei CPE-Sinfonien aus der späten Hamburger Zeit im Programm hat. Die bekanntere ist die in D-Dur (Wq 183/1), eine der originellsten, überraschungsbombigsten überhaupt. Und auch wenn man sich in den Abschnittsbeginnen des ersten Satzes die Kontraste noch unverschämter geschärft vorstellen könnte, flutschen doch die Streicher famos und die Holzfarben leuchten mit schöner Kontur.

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Herabsphärend

Benedikt Kristjánsson und Margret Köll im Pierre-Boulez-Saal

Gegen die Barockharfe, die in diesem Konzert gleich in mehreren Formen zu erleben ist, wirkt das moderne Konzertgoldflügelgetüm wie ein monströser SUV im Vergleich zu einem wendig-schnittigen Fahrrad. Über mehr als 4000 Jahre leitet Michael Horst in seiner Einleitung die Bedeutung des Instruments und der dazugehörigen Stimme her, bis zu den Pyramiden und natürlich zum Orpheus-Mythos. Vor einigen Wochen hat die Komische Oper einen lohnenden neuen Orfeo vorgestellt: den geradezu simplen von Gluck. Die Lieder von Emilio de‘ Cavalieri und Giulio Caccini, mit denen der Tenor Benedikt Kristjánsson und die Barockharfenistin Margret Köll ihr Programm im Boulezsaal beginnen, erinnern allerdings eher an eine andere, frühere Orphik, nämlich die von Maestro Monteverdi.

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Kältebarmend

Premiere „Die Sache Makropulos“ von Leoš Janáček an der Staatsoper Unter den Linden

Obacht, bevor du die Unsterblichkeit anschaust!

Was für eine Vision: als altgewordener Mann die Geliebte von vor fünfzig Jahren wiederzutreffen, und sie ist genauso jung wie damals, während man selbst am Abend seines Lebens steht. So ergeht es einer Nebenfigur namens Hauk-Šendorf in Leoš Janáčeks „Sache Makropulos“: Tenorbuffo, was die Schwerstmut der Angelegenheit ins Ulkig-Bizarre dreht, dazu spanische Rhythmen, Kastagnetten etc pp. Denn die Geliebte hieß Eugenia Montez, damals war’s, in Spanien … Aber wie fühlt sich das aus der anderen Perspektive an – aus Sicht der Ewigjungen, die den gealterten Liebhaber wiedertreffen muss?

Eine der vielen faszinierenden aus mehreren Perspektiven faszinierenden Situationen in dieser Oper, die einen zuverlässig überwältigt, auch wenn man die Handlungsfeinheiten erst nach der circa dreißigsten Vorstellung kapiert. Denn der Auslöser, ein verzwickter juristischer Erbschafts-Kasus, ist schwer zu durchblicken. Die zugrundeliegende, offenbar eher mittelmäßige Theatersatire von Karel Čapek (dem Schriftsteller, der das Wort „Roboter“ erfand) färbte Janáček in ein sondergleichen existenzielles Drama um, ein genialisches Missverständnis, über das Čapek verwundert den Kopf schüttelte. Die Komik ist aber zum Teil geblieben: Hauk-Šendorf etwa will sofort die Juwelen seiner Ehefrau versetzen, die so alt ist wie er, um mit der aspikierten E.M. durchzubrennen, als könnte er so vor dem Tod davonlaufen.

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Rappelruhigend

Musik von und mit Konstantia Gourzi im Boulezsaal

Ich im Boulezsaal (Symbolbild)

Aus einer „Vibration der Stille“ entstehe die Musik von Konstantia Gourzi, erklärt der Pianist William Youn. Gemeinsam mit dem Bratschisten Nils Mönkemeyer geben die beiden im Pierre-Boulez-Saal ein leises, konzentriertes und doch abwechslungsreiches Konzert, von dem man – klänge es nicht so kitschig – sagen möchte, dass es dem Hörenden tiefe, doch schillernde Ruhe schenkt.

Fein durchgearbeitet sind die vielen kleinen Teile der größeren Einheiten, die sich dem Wind oder dem Blick aus dem Fenster widmen, den Bienen und Bäumen, der Liebe und dem Meer. Dass sich hinter einer bestimmten Komposition etwa die Erinnerung an Chagall-Bilder versteckt, kann man wissen, muss es aber nicht. Denn die Musik lässt sich unmittelbar erfahren. In Klavierstücken tritt der einzelne Ton spannungsvoll hervor, und zum Ereignis wird es, wenn er mit einem zweiten Ton verschmilzt oder mit Tropfen und Klopfen. Oder das Geschehnis eines Crescendo. wind whispers wäre die Musik, die der Film Nomadland gebraucht hätte, dessen Großartigkeit durch den Einaudi-Soundtrack zu ruinieren drohte (denn mit der Banalität Einaudis hat Gourzis zum Klingen gebrachte Stillevibration nichts zu tun).

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Kramsreif

Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, András Schiff spielen Brahms und Josef Suk

Von der Inspiration zum Repertoirewerk (Symbolbild)

Kirill Petrenko setzt bei den Philharmonikern seine Reihe Brahms plus Krams fort. Wobei mich vor allem der Krams reizt. Aber dem vorhergehenden 2. Klavierkonzert von Brahms mit András Schiff (ein Repertoire-Programmpunkt, der narrensicher für volles Haus auch für die folgende Ultra-Rarität sorgt) kann ich mehr abgewinnen als der zweiten Sinfonie im Januar, die mich nicht vollends überzeugte. Schiff ist hier natürlich eine Bank, auch wenn er so viel mehr gelehrt als instinktiv klingt. Vor kurzem brachte er eine der interessantesten Einspielungen der beiden Brahmskonzerte heraus, die es gibt, auf einem Blüthner gespielt.

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Robbenpistolig

Hinreißender Liederabend mit Golda Schultz und Jonathan Ware im Boulezsaal

Liederabend im großen Konzertbetrieb (Symbolbild)

Was der Pierre-Boulez-Saal diese Woche an ausgefallenen (im Sinn von raren, nicht etwa von abgesagten) Programmen bietet, ist bemerkenswert: Den einen Tag spielen der Pianist Melnikov & Co an Hindemith-Sonaten, was niemals gespielt wird. Am Samstagabend wird ein hochbesetztes Trio um die Komponistin Konstantia Gourzi nichts als Musik von Gourzi aufführen. Und dazwischen präsentiert die südafrikanische Sängerin Golda Schultz mit ihrem Klavierbegleiter Jonathan Ware ausschließlich von Frauen komponierte Lieder aus zweihundert Jahren; das Ganze zusätzlich auch als „Elternzeit-Konzert“ für Babys ab 0 Monaten, auf dass in Zukunft niemand mehr behaupten möge, er habe gar nicht gewusst, dass „auch Frauen komponiert haben“. Und wie gut Golda Schultz ist, Weltstar in spe.

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Unwegsam

Premiere ANTIKRIST von Rued Langgaard an der Deutschen Oper Berlin

Irres Zeuch zweifellos – für mich eine höchst eigenartige Mischung aus Faszination und Qual. Pandemiebedingt mehrfach verschoben, jetzt endlich premiert an der Deutschen Oper Berlin wurde die mystikschrullige „Oper“ ANTIKRIST des egomanischen Außenseiters Rued Langgaard (1893-1952). Komponiert in den 1920er Jahren, aber gespielt erst Jahrzehnte später, und inszeniert erstmals überhaupt 1999 in Innsbruck/Tirol: katholisches Aberglaubsland also, wohin das allegorisch-mysterienspielerische Endzeit-Ding irgendwie auch besser passt als ins schnödlutherische Folkekirken-Dänemark. Andererseits ist da ja dieses im Lauf des Antikrist ständig wiederholte Wettern gegen lärmende Kirchen-Ödnis (man shpielt Deutsch, Übersetzung Inger und Walther Mehtlag). Langgaard wirkt wie ein uneheliches Kind von, sagen wir mal, Wagners Parsifal und total verkifftem Kierkegaard.

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Entgelsend

Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko spielen Zimmermann, Lutosławski, Brahms

Komponist und Sparkasse Gelsenkirchen (Symbolbild)

Beim gerade stattgefundenen Ultraschall-Festival für neue Musik fragte ich mich, welches der dort gehörten Orchesterstücke wohl in einem „normalen“ Sinfoniekonzert anginge (und fand im Eröffnungskonzert ziemlich viel). Anlässlich des aktuellen Berliner Philharmoniker-Konzerts weist Malte Krasting zurecht darauf hin, dass ein vor 50 Jahren teils gemobbter Komponist wie Bernd Alois Zimmermann heute viel mehr gespielt wird als etwa der Avantgarde-Bully Stockhausen. Und man könnte ergänzen, dass auch mehr Menschen Zimmermann hören wollen, oder zumindest zu hören bereit sind. Photoptosis von 1968, mit dem Kirill Petrenko und die Philharmoniker beginnen, ist ein klarer Fall von Hören-Wollen.

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Schmutzglänzend

Premiere von Glucks „Orfeo ed Euridice“ an der Komischen Oper

Vom ganzen Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele schrieb Kleist in einem Brief (woraus doitsche Philologen früher Schmerz machten, weil in doitscher Klassikerseele bekanntlich Schmerz sein darf, aber kein Schmutz). Den ganzen Schmutz und Glanz der orphischen Seele und der orphisch-euridicischen Liebe kehrt die neue Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice an der Komischen Oper hervor, eine würdige Nachfolgerin der legendären k+k-Fassung (Kupfer + Kowalski) an diesem Haus. Aus schwarzen Müllhülltüten werden sich hier unter dem herz- und schmutzerweichenden placatevi con me des sängerischen Zentralgestirns Carlo Vistoli hospitalisierte Glanzseelen herausschälen, zupfen, reißen.

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Ultraschall, zweite Hälfte

Solo- und Ensemble-Konzerte im Heimathafen und Radialsystem

Trio Boulanger (Abbildung ähnlich)

An den ersten beiden Tagen des Ultraschall-Festivals für neue Musik gab’s Konzerte für große Orchester, danach folgen die kleineren Besetzungen: am Freitag im schönen Heimathafen Neukölln, am Samstag im feinen Radialsystem in der Nähe vom Ostbahnhof, einem der grauslichsten Orte im am grauslichen Orten gewiss nicht armen Berlin. Neue Musik gehe oft vom „Klang“ im weitesten Sinn aus, heißt es ja gern (und nicht etwa von der „motivisch-thematischen Arbeit“ der kartoffelländischen Musikgeschichte oder gar der „Melodie“). Darum ist es interessant, wenn etlichen bunt durchmischten Gegenwarts-Gruppen mal eine Formation gegenübersteht, wie sie klassischer nicht besetzt sein könnte: das Boulanger Trio mit der von Mozart bis Schostakowitsch gängigen Besetzung Klavier, Geige, Cello.

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