Musikfest 2019: Les Siècles spielen Rameau, Lachenmann, Berlioz

Abruzzen-Gebirgler pfeifen dir eins!

Das Musikfest auf der Zielgeraden: unter anderem mit einem Klavierdonnerstagabend von Pierre-Laurent Aimard (bei dem man sich ein wenig fragt, wozu) und einem Sonntagskonzert des französischen Orchesters Les Siècles mit seinem Dirigenten François-Xavier Roth: die zwingende und unbedingt notwendige Antwort auf eine Frage, von der man nie wusste, dass man sie hat.

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Musikfest 2019: Münchner Gergiev und Londoner Rattle

Hohe Besuche beim Musikfest in der Philharmonie — Valery Gergiev kommt mit seinen Münchner Philharmonikern, Simon Rattle mit seinem (fühlt sich immer noch seltsam an, das zu schreiben) London Symphony Orchestra. Wachsam wägend wuppen sie geWaltiges, ein Erst- und ein Letzthauptwerk zweier solitärer Komponisten: Die Londoner haben Messiaens kurz vor seinem Tod komponierte Éclairs sur L’Au-Delà dabei, die den Vorhang zur Ewigkeit lupfen (mehr dazu unten). Die Münchner Philharmoniker beginnen mit Alfred Schnittkes 1. Sinfonie, die aus den 1970ern stammt, aber ein paar Jahrhunderte Musikgeschichte verquirlt und den Hörer so auf einen fernen Bewusstseinsplaneten verraumschifft.

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Musikfest 2019: Peter Eötvös mit dem Ensemble Musikfabrik und den Berliner Philharmonikern

Ein Tag für und mit Peter Eötvös beim Musikfest Berlin: ein einnehmendes musikalisches Beisammensein. Eötvös ist kein eitler Selbstdarsteller, sondern wirkt sachlich, bescheiden, freundlich. Das ist durchaus schätzenswert in Zeiten so vieler grabschender und cholerischer Männer im Klassikbetrieb. Am Sonntag leitet Eötvös (während Frank Castorf mit Verdis La forza del destino das Deutsche-Oper-Publikum triggert) zuerst das Ensemble Musikfabrik im Kammermusiksaal und eine Stunde später die Berliner Philharmoniker im Großen Saal. Keine üble Leistung mit 75! Und es geht dabei auch noch bis nach Japan und ins maurische Mittelalter.

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Musikfest 2019: BBC Symphony Orchestra von A bis Z

„BBC“ stands for Beloved British Colourfulness

So eine Freude, in Zeiten des Brexit-Chaos (nichts daran ist lustig – eine Tragödie!) diese großartigen Musiker von der durch und durch europäischen Insel Großbritannien zu erleben. Das BBC Symphony Orchestra spielt unter seinem finnischen Chefdirigenten Sakari Oramo ein herrliches Programm von A wie Abba bis Z wie Zappa, genauer gesagt von Andriessen bis Zibelius: mit niederländischen, russischen, österreichischen und finnischen Komponist(inn)en. Die BBC-Musiker tragen Namen von Alzapiedi bis Zarb, und ein norwegischer Trompeter namens HH ist auch dabei.

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Musikfest 2019: Concertgebouw mit Tugan Sokhiev spielt Andriessen und Tschaikowsky

Schön, dass es sie überhaupt gibt. Aber dass die neuen Fahrradständer vor dem Haupteingang längst nicht ausreichen, zeigt sich besonders deutlich, wenn Besuch aus der Weltfahrradhauptstadt kommt. Dabei ist die Philharmonie schändlich unausverkauft, so als spielte hier die ADFC-Kapelle Wanne-Eickel und nicht eins der besten Orchester der Welt: das Amsterdamer Koninklijk Concertgebouworkest (was viel hübscher ist als „Royal Concertgebouw Orchestra“). Letztes Jahr mit Manfred Honeck war der Auftritt eher solide, vor zwei Jahren mit Gatti doch arg enttäuschend. Heuer aber dirigiert der geschätzte Tugan Sokhiev. Vor Tschaikowsky gibts den Niederländer Louis Andriessen, der dieses Jahr 80 wird, was die Berliner Musikwelt noch weniger jubiläumiert als den 150. Todestag von Hector Berlioz; außer eben beim Musikfest. Ist Andriessen ein guter Komponist?

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Wohlkandidelt: Kirill Petrenko inauguriert mit Alban Berg und Beethovens Neunter

Ausnahmezustand? Nun ja, die alte Nachbarin des Konzertgängers und der Späti-Verkäufer am Eck wirken tiefenrelaxt wie immer. Aber das philharmoniker-affine Berlin freut sich, dass Kirill Petrenko inauguriert. Während der Wartezeit auf den neuen Chef der Berliner Philharmoniker wirkte die Stimmung ja teilweise überkandidelt, auch dieses Blog hier kandidelte hoch. Aber fürs offizielle Antrittskonzert hat Petrenko dennoch ein ganz besonderes Werk ausgesucht, etwas Ewiges gleichsam.

Sie wissen natürlich längst, wovon die Rede ist. Richtig: Alban Bergs Lulu-Suite.

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Wollmilchig: Eröffnung von Young Euro Classic

Eierlegende Wollmilchsäue

Morgens Friday for Future mit Greta T. am Invalidenpark, abends Pastorale mit Ludwig van B. im Konzerthaus: Zu letzterer nimmt der Sohn des Konzertgängers seinen Vater mit – Eröffnung von YOUNG EURO CLASSIC, dem großen Klassikfestival der Sommerferienschwänzer! Zwanzig Jahre wird das heuer alt und setzt einen van B.-Schwerpunkt, weil der nächstes Jahr bekanntlich putzmuntere 250 Jahre alt geworden wäre und immer noch in Wien leben würde, wenn, ja wenn er sich damals nicht so schlimm erkältet hätte bei der Kutschfahrt im Winterregen. Es wird nicht der letzte Beethoven-Zyklus bleiben in den kommenden 18 Monaten.

Es eröffnet das Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus imienia Jerzego Semkowa.

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Dürrheil: Haydns „Jahreszeiten“ mit RSB, Vocalconsort, Jurowski

Gute Sache, ein paar Tage nach diversen Gewitter- und Pastoralmusiken mal wieder Joseph Haydns Jahreszeiten zu hören. Moment, „mal wieder“? Es ist der Erstkontakt seit dem Musikunterricht in der Schule, damals in der mittlerweile gefühlten nullten Jahreszeit des Lebens. Dass für Bammel und Kontaktsperre gar kein Grund war, zeigt aber die schöne Aufführung durchs Rundfunk-Sinfonieorchester und Vocalconsort Berlin mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski.

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Zackig: Andris Nelsons und Daniil Trifonov bei den Berliner Philharmonikern

Vera Skrjabina 1907

Die älteren Abonnenten werden sich erinnern: Zum letzten Mal wurde Alexander Skrjabins Klavierkonzert fis-Moll im Oktober 1910 bei den Berliner Philharmonikern gespielt, von Skrjabins verlassener Ehefrau Vera in der alten Philharmonie an der Bernburger Straße. Statistisch gesehen also ein Jahrhundertereignis, wenn der scheidende Artist in Residence Daniil Trifonov es jetzt wieder spielt. Beim letzten Mal dirigierte Wassili Safonow, der ist schon länger indisponiert, am Pult darum diesmal Andris Nelsons.

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Dreigewittrig: Akademie für Alte Musik pastoralisiert

Pastorale mit Fortbildungsbeilage. Und mehr als das, ein Vergnügen! Die Akademie für Alte Musik Berlin (derzeit übrigens eins von zehn nominierten Ensembles als Gramophone Orchestra of the Year, über das man hier abstimmen kann) kombiniert im Konzerthaus Beethovens bekanntlich keineswegs unverwüstlichen Klassiker mit zwei ähnlich und doch ganz anders gewittrigen Werken von Ignaz Jacob Holzbauer und Justin Heinrich Knecht.

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Frugalfeurig: Constantinos Carydis bei den Berliner Philharmonikern

Schnackeliges Berliner Philharmoniker-Debüt von Constantinos Carydis. Nur hoffentlich kein Treppenwitz deutscher Austeritätspolitik, dasss ausgerechnet ein griechischer Dirigent in Berlin zum Sparen gezwungen wird: kein Solist, zwei reine Streicherstücke und zwei Mozartsinfonien mit überschaubarem Gebläse. Aber vielleicht ist es wirklich sein ureigenster Wunsch so. Auch gar nicht so wichtig. Denn wenn Carydis dirigiert, dann brennt das Sparschwein.

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Phonogen: Valčuha dirigiert Korngold, Chatschaturjan, Janáček

Auch wenn das Berliner Konzerthaus gerade seinen sehr photogenen künftigen Chef Christoph Eschenbach stadtweit plakatiert, scheinen dem Konzertgänger die Auftritte des ausgesprochen phonogenen Ersten Gastdirigenten Juraj Valčuha derzeit die eigentlichen Ereignisse. Es sind am Freitagabend viele Schüler da, die direkt vom #Klimastreik kommen (ein solidarisches „Keep on schwänzing!“ an dieser Stelle), ansonsten ist der Saal bei diesem zweiten von drei Valčuha-Konzerten unter Wert gefüllt. Das heißt, es laufen in Berlin Menschen herum, die freiwillig auf Janáčeks Sinfonietta verzichten!?!

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Humanorganisch: Gérard Griseys „Les espaces acoustiques“ mit Vladimir Jurowski

Heimlicher Höhepunkt der Saison, und für die Anwesenden im Konzerthaus Berlin gar nicht so heimlich: Vladimir Jurowski führt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) und dem ensemble unitedberlin das Spektral-Spektakel Les espaces acoustiques von Gérard Grisey auf. Wenn man nun pingibel darlegte, was es mit dieser „Spektralmusik“ auf sich hat, deren Opossum Magnum das Werk des 1998 gestorbenen Grisey darstellt – ja, da könnte einem die Lust aufs Hören gleich wieder vergehen. Im Blog von musica viva lässt sich das alles akkurat und durchaus unverquast nachlesen, aber es fehlt doch ein entscheidender Hinweis: nämlich dass das eine berauschende Klangerfahrung von überwältigender Schönheit ist.

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KURZ UND KRYPTISCH (2): Blomstedt bringt Wilhelm Stenhammar nach Berlin

KURZ UND KRITISCH hieß einst eine Rubrik im Tagesspiegel, die es leider nicht mehr gibt. Da aber k & k immer fein ist, wird der Konzertgänger, wenn er wenig Zeit hat, in Zukunft immer mal KURZ UND KRYPTISCH rezensieren. Heute: Herbert Blomstedt und Yefim Bronfman bei den Berliner Philharmonikern.

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Aufrichtig: „Missa solemnis“ mit Jacobs, FBO, RIAS Kammerchor

Orchester- und Choraufstellung nach René Jacobs (von rechts gehört)

Das Beethovenjahr wirft seine Highlights voraus. Die Schattenseiten werden uns 2020 noch mächtig auf die Nerven gehen, aber eine MISSA SOLEMNIS mit Freiburger Barockorchester und RIAS Kammerchor ist immer zu begrüßen. Es kommt dabei in der Philharmonie zu einigen unerwarteten Klangereignissen. Nicht bei allen ist klar, ob sie beabsichtigt sind oder passieren, und die Hörgemüter sind teils gespalten im Publikum, nicht jedem geht, was hier von Herzen kommt, zu Herzen. Aber der Konzertgänger hörts tutto sommato mit der innigsten Empfindung.

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