Gratfunzend: DSO, Ticciati, Uchida spielen alles Mögliche

Wann ist ein Programm überprogrammiert? Robin Ticciatis Additionen beim Deutschen Symphonie-Orchester wandeln manchmal auf dem Grat zwischen thrilling und too matsch. Zwei Vorspiele und Liebestode rahmen das Programm in der Philharmonie, wobei die Vorspiele von Richard Strauss‘ Don Juan auf direktere Weise ejakulativ sind als Wagners. Zwangsvorstellung eines riesigen sich aufrichtenden Gemächts beim hochsausenden Thema der Sinfonischen Dichtung. Aber Ticciati erigiert das Tongebäude vorzüglich und prachtvoll.

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Entgrenzend: Vladimir Jurowski stellt 2019/20 vor und den Gustav dem Brahms gegenüber

Dirigent zieht, Orchester schiebt – in dieselbe Richtung

Was Berlin am Dirigenten Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester hat, zeigt nicht nur das jüngste Konzert mit Brahms und Mahler (mehr dazu unten), sondern auch der Ausblick auf die kommende Saison. Die steht unter dem Motto grenzenlos und wurde am passenden Ort vorgestellt: nicht auf der Bornholmer Brücke, aber immerhin im Max-Liebermann-Haus – „wenn Sie nach Berlin reinkommen, gleich links“. Seinen Vertrag beim RSB wird Jurowski, zur allseitigen Freude, bis 2023 verlängern, einige weitere Jahre sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

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Ligetiös: Karina Canellakis und Pekka Kuusisto beim DSO

Sein Violinkonzert hat György Ligeti für Pekka Kuusisto geschrieben! Auch wenn er bei der Komposition kaum gewusst haben dürfte, dass es den Kuusisto gibt, der war da gerade sechzehn. 1992 war das, Montserrat Caballé und der tote Freddy Mercury besangen die Olympiastadt Barcelona – Jahr der bizarren musikalischen Ereignisse also. Ligetis Konzert aber ist, wie sich bei der Aufführung in der Philharmonie mit der Dirigentin Karina Canellakis und dem Deutschen Symphonie-Orchester wieder zeigt, ein Werk von divinatorischer Schönheit und überirdischem Witz.

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Flatterig: Fure, Janulytė und Neuwirth bei MaerzMusik

Zu den prägenden Jugenderfahrungen der Frau des Konzertgängers zählt das tagelange mysteriöse Flattergeräusch über dem Badezimmer der Studentinnen-WG. Schließlich untersuchte ein männlicher Übernachtungsgast einmal den Lüftungsschacht und fand Blut und Federn einer verendeten Taube. – Ungefähr so klingt der Beginn von Ashley Fures Bound to the Bow, das ein Programm der aktuellen MaerzMusik mit drei Komponistinnen und dem Konzerthausorchester unter Peter Rundel eröffnet.

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Lippenhängend: Rattle kehrt mit Bachs „Johannespassion“ wieder

Neuer Chef trifft den alten? So ein Quatsch.

Hoppla, gleich nach dem Neuen ist der Alte da – und er ist immer noch der Alte, will heißen junggeblieben: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker eine Woche, nachdem es sein Nachfolger Petrenko tat. Und siehe, das verträgt sich. Welt-Kritiker Manuel Brug, an dem sich die Geister scheiden, hielt kürzlich der Musikkritik das hysterische Japsen über die Petrenko-Ankunft vor (auch mit Zitaten von dieser Seite, einem davon allerdings missverstanden). Brugs wohl wichtigster Punkt: Eine ihrer verlorenen Bedeutung hinterherjagende Musikkritik macht aus Kirill Petrenko den Heiland schlechthin! Und verteufelt allen Ernstes bereits jetzt Simon Rattle, dem sie vorher noch ähnlich albern zugejubelt hat, macht ihn klein, und den aktuellen Nachschöpfer zum angehimmelten Gott. Offenbar wird das immer noch so gebraucht. Ein Ersatz-Christus muss sein.

Recht hat er. Dann lieber den richtigen Christus. Johannespassion. Bach.

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Knallziseliert: Budapest Festival Orchestra im Konzerthaus

Nach der jensinnig-verzwickten Psalmensinfonie noch einen dreinfahrenden Sacre, will man das wirklich? Aber die Knaller müssen abgehakt sein beim Strawinsky-Festival im Berliner Konzerthaus, jene des Herzens und jene des Staats (um mal Sarah Kirsch fehlzuzitieren). Schade allerdings auch im abschließenden Konzert mit dem Budapest Festival Orchestra, dass der späte Strawinsky ganz ausgespart bleibt. Dafür gibt es vorab drei Knallbonbons.

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Elefantastisch: Concertgebouw-Orchester im Konzerthaus

Endlich mal wieder ein rundweg königlicher Auftritt des Koninklijk Concertgebouworkest in Berlin! Zweimal war das Nach-Mariss-Jansons-Orkest in den letzten Jahren hier: einmal mit einem Dirigenten, bei dem der Konzertgänger nicht recht weiß (Manfred Honeck), einmal mit einem deprimierenden Totalausfall (Gatti, unabhängig von den später publik gewordenen Grabscherei-Vorwürfen). Nun aber Iván Fischer, beim Festival Absolut Strawinsky!

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Gespreizt: Strawinsky animiert und :animated im Konzerthaus

Diese Reihe ist mehr als Absolut Iván Fischer! Zwar sind dessen drei Programme mit dem Konzerthausorchester (Bericht dazu unten), dem Concertgebouw und dem Budapest Festival Orchestra das Rückgrat und wohl auch der Anlass des Konzerthaus-Festivals Absolut Strawinsky! Aber rundherum ranken und spreizen sich speziellere und kleinere Formate: Es gab bereits Evenings am Kamin und ein live-elektronisch bereichertes Petruschka-Popuschka der Jungen Norddeutschen Philharmonie – darüber müssen Sie sich von anderen berichten lassen. Mit dabei war der Konzertgänger dafür bei der Geschichte vom Soldaten in einer Produktion des umtriebigen Podium Esslingen unter dem Titel strawinsky:animated.

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Seelfoppig: Petrenko und Kopatchinskaja bei den Berliner Philharmonikern

Analyse einer Zwölftonreihe (zeitgenöss. Darstellung)

Programm wie zum Adorno-Foppen: erst Schönberg, dann Tschaikowsky. Man kugelt sich vor Aussichtsfreude auf die kommenden Jahre bei dieser jüngsten Kirill-Petrenko-Verheißung bei den Berliner Philharmonikern – so toll ist das.

Von Anbeginn aktiven und konzentrierten Mitvollzug verlange Arnold Schönbergs Violinkonzert opus 36: So weist Adorno den Hörer zurecht (zitiert im lesenswert unverschraubten Einführungstext von Malte Krasting). Aber bei Patricia Kopatchinskaja wird die Philharmonie gottlob nicht zur geschlossenen Mitvollzugsanstalt. Es ist keine Interpretation für Merker mit Tabulaturen, die die Zwölftonreihen rauf, runter, rückwärts und im Sechseck gegen den Uhrzeigersinn verzeichnen. Sondern gestische Musik, klangtheatrig im besten Sinn. Schönberg aus dem Geiste des Pierrot; ein auch fürs Hören produktiver Ansatz.

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Stillend: Brahms zum Dritten und Vierten

Brahms-Versteherin

Die Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati sind auch in den beiden Konzerten am Abschluss-Wochenende eine erfreuliche, teils begeisternde Angelegenheit. Das Konzert mit der Dritten ist ein Freitagabend der leisen, aber umso glühenderen und funkelnderen Töne. Das mit der Vierten wird dann ein Samstagabend der auf zurückhaltende Weise gespannten weiten, fast kosmischen Bögen – und findet schließlich einen unerwarteten, stillen, sehr persönlichen nächtlichen Kontra- und Höhepunkt.

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Nachhallig: Brahms zum Zweiten

Brahms-Versteher*innen

Nachhalligkeitssiegel für die Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati: Kommt man aus diesem und jenem Grund erst zwei Tage nach dem zweiten Konzert dazu, drüber zu schreiben, klingt und schwingt einem die Zweite Sinfonie D-Dur immer noch im Kopf. Das bestätigt den vortrefflichen Eindruck, den man schon Montagabend in der Philharmonie hatte. Auch und gerade, was die Koppelung mit zwei Stücken von Henri Dutilleux angeht.

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Entstrickend: Brahms zum Ersten

Brahms-Versteher (1)

Ein besonderer, und nicht der geringste, Reiz an der Reihe Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters sind die raffinierten Programmkonstruktionen rund um die vier Sinfonien. Nur der Vorlauf zur 1. Sinfonie wäre mit Robert Schumann (und Igor Levit) fast standardiger als die Wiener Originalithäts-Policey erlaubt – gäbe es nicht zuvor eine exquisite Heinrich Schütz-Psalmodie mit dem RIAS Kammerchor. Erfreulicherweise wird sich aber zeigen, dass der Abend selbst ohne diese originelle (und sehr willkommene) Prä-Exquise, allein mit SchuBra, imposant wäre. Für den Konzertgänger wirds das beste Konzert, das er bisher mit dem DSO-Chef Robin Ticciati erlebt hat.

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Brahms-Perspektiven zum Nullten

Schräger, lustiger, nerviger, ansteckender, am Ende umjubelter Aufgalopp zum Brahmsfestival des Deutschen Symphonie-Orchesters: Drei Ensembles verwursten die 3. Sinfonie zu einer „Klangpörformänz auf Basis von“. Statthaben tut die Chose im Weißenseer Theater im Delphi, dem Moka Efti aus der vielbekakelten Babylon Berlin-Serie, die auf mehreres Nachfragen hin ja doch nicht so dolle sein soll, so dass man vielleicht Lebenszeit gewonnen hat, wenn man sie verpasst hat. Wie stehts nun mit Gewinn und Verlust von Lebenszeit bei diesem Konzert?

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Teutönend: Berliner Philharmoniker und Janowski arbeiten Bruckner

Es gibt Kombinationen, die passen einem normalerweise einfach. Eine Kombination, die dem Konzertgänger normalerweise sehr passt, ist Marek Janowski mit Anton Bruckner: Kohäsion statt Schnickschnack, Elaboration statt Ekstase. Die sich dann freilich ereignen kann, aber eben nicht, weil sie einem vorgetanzt und eingebläut würde.

Manchmal ereignet sie sich aber auch nicht. Weiterlesen

Herzmittdrin: Iván Fischer und das Konzerthausorchester spielen Mahlers Neunte

Es gibt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt diese mittendrin-Reihe des Ex-, Ehren- und für manche Hörer Irgendwie-immer-noch-Chef-Dirigenten Iván Fischer, bei der Musiker und Publikum bunt durcheinander gewürfelt sitzen und die bekannten Stücke auf einmal ganz sonderbar klingen. Aber wenn der Fischer Gustav Mahler dirigiert, kann man auch senkrecht überm Orchester sitzen oder jottweedee im elfzehnten Rang und die Konzerthaus-Akustik kann so schluffmuffig sein, wie sie will – man wähnt sich auch hier mittendrin im Herz der Musik. Mahlers 9. Sinfonie beginnt in D-Dur und endet in Des-Dur, wenn man das überhaupt noch so nennen will; ein kleiner Schritt auf der Tonleiter, aber ein großer Schritt für die Menschheit usw, und für den markerschütterten Hörer schon mal überhaupt. Weiterlesen