Untapeziert: RSB, Jurowski, Richard Goode spielen Mozart und Bruckners Fünfte

Sehnsucht nach dem Frühling …

76 ist ja kein Alter für einen Pianisten, und immerhin ist der Amerikaner Richard Goode jünger als die beiden Herren Joe B. und Bernie S., von denen einer im November 2020 zum 46. Präsidenten der USA gewählt werden wird. In den USA ist Goode eine ziemlich große Nummer, hierzulande fast unbekannt, was wohl für die Ignoranz des deutschen Musikbetriebs spricht. Richard Goode jetzt eine halbe Stunde lang im Konzerthaus Mozart spielen zu hören, ist erfüllte Lebenszeit – zumal im Zusammenwirken mit Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB).

Weiterlesen

Sterntanzend: Berliner Philharmoniker spielen Strawinsky, Zimmermann, Rachmaninow – und nächtlichen Grisey

Dreierlei Tanzmusiken in der Philharmonie. Nein, viererlei. Denn nach dem Konzert der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko tanzt es sich erst so richtig sternwärts – im nächtlichen Foyer.

Weiterlesen

Zwangshammernd: Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Sechste

Mahlers Sechste (zeitgenöss. Darstellung)

Die Menschheit teilt sich in zwei Gruppen, die vermutlich unterschiedlich groß sind: diejenigen, die sich brennend für die Frage interessieren, ob in Gustav Mahlers 6. Sinfonie zuerst das Scherzo und dann das Andante kommt oder aber zuerst das Andante und dann das Scherzo. Und diejenigen, denen es egal ist. Kirill Petrenko macht bei den Berliner Philharmonikern zuerst das Andante und dann das Scherzo. Was unter anderem zeigt, dass sich in dieser Hinsicht sein Abgrenzungsbedürfnis zum Vorgänger Simon Rattle in Grenzen hält.

Weiterlesen

Albtraumleicht: RSB mit Jurowski spielt Nikodijević und Mahler

Wichtige, lobenswerte, erfreuliche Durchlässigkeit vom Spezialistenreservat in den normalen Konzertbetrieb und umgekehrt: Der aus Serbien stammende Stuttgarter Komponist Marko Nikodijević, dessen Musik das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Vladimir Jurowski vor Mahlers Vierter spielt, ist auch beim gerade laufenden Ultraschall-Festival für neue Musik zu hören. Und Nikodijevićs „да исправится / gebetsraum mit nachtwache“ scheint beim RSB-Publikum im Konzerthaus großteils gut anzukommen; trotz einer Dame, die zwanzig Minuten lang immer wieder „Das ist doch keine Musik“ murmelt, wie dem Konzertgänger in der Pause berichtet wird.

Let me tell you about paradise …
Weiterlesen

Monumental-intim: Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko spielen Josef Suks Asrael-Symphonie

Propheten dürfen vor – Kritiker auch?
(Außerdem oben 4. v.l. Todesengel Asrael)

Prima Raritätenquote nach wie vor von Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern! Doch erstmal muss man durch gespannte Atmosphären: Im Kassenbereich drängelt sich ein bekannter Kritiker an der Reservierte Karten-Schlange vorbei, mit demütigender Ignoranz für den hilflosen Philharmonie-Mitarbeiter, der ihn mehrfach freundlich bittet, sich (wie andere Besucher und Kritikerkollegen) anzustellen. Im Block B hört man dann einen gutbürgerlichen Normalbesucher ohne Scham über „nur noch Araber und Türken“ abrotzen. Aber Beethoven hören, ist klar!

Weiterlesen

KURZ UND KRYPTISCH (4): Schütz und Brahms-Requiem mit Jurowski, RSB, Cantus Domus

KURZ UND KRITISCH hieß einst eine Rubrik im Tagesspiegel, die es leider nicht mehr gibt. Da aber k & k immer fein ist, rezensiert der Konzertgänger, wenn er wenig Zeit hat, auch mal KURZ UND KRYPTISCH. Heute: Das Rundfunk-Sinfonieorchester und Cantus Domus führen Heinrich Schütz und Brahms‘ „Deutsches Requiem“ auf.

Weiterlesen

Freispinnend: Gidon Kremer, David Zinman, KHO spielen Gubaidulina und Schubert

Eine schon liebgewonnene Herbst-Institution sind die Hommages, die das Konzerthaus Berlin seit einigen Jahren veranstaltet. Zuletzt galt sie den Wiener Philharmonikern, einem Ensemble also. Das war ein Sonderfall, entstanden wahrscheinlich aus der günstigen Gelegenheit. Sonst wurden stets einzelne herausragende Musiker geehrt: Die Hommage an den bereits 2007 gestorbenen Rostropowitsch war dabei schon eine Geisterbeschwörung. Die an Nikolaus Harnoncourt kam gerade noch rechtzeitig. Alfred Brendel war, ohne selbst Klavier zu spielen, sehr präsent – als Persönlichkeit und in seinen Schülern. Die Kunst des Geigers Gidon Kremer aber, der man heuer Honneurs erweist, scheint sich auf ihrem Zenit zu befinden, wie seine Interpretation von Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium am Eröffnungswochenende zeigt.

Weiterlesen

Musikfest 2019: Les Siècles spielen Rameau, Lachenmann, Berlioz

Abruzzen-Gebirgler pfeifen dir eins!

Das Musikfest auf der Zielgeraden: unter anderem mit einem Klavierdonnerstagabend von Pierre-Laurent Aimard (bei dem man sich ein wenig fragt, wozu) und einem Sonntagskonzert des französischen Orchesters Les Siècles mit seinem Dirigenten François-Xavier Roth: die zwingende und unbedingt notwendige Antwort auf eine Frage, von der man nie wusste, dass man sie hat.

Weiterlesen

Musikfest 2019: Münchner Gergiev und Londoner Rattle

Hohe Besuche beim Musikfest in der Philharmonie — Valery Gergiev kommt mit seinen Münchner Philharmonikern, Simon Rattle mit seinem (fühlt sich immer noch seltsam an, das zu schreiben) London Symphony Orchestra. Wachsam wägend wuppen sie geWaltiges, ein Erst- und ein Letzthauptwerk zweier solitärer Komponisten: Die Londoner haben Messiaens kurz vor seinem Tod komponierte Éclairs sur L’Au-Delà dabei, die den Vorhang zur Ewigkeit lupfen (mehr dazu unten). Die Münchner Philharmoniker beginnen mit Alfred Schnittkes 1. Sinfonie, die aus den 1970ern stammt, aber ein paar Jahrhunderte Musikgeschichte verquirlt und den Hörer so auf einen fernen Bewusstseinsplaneten verraumschifft.

Weiterlesen

Musikfest 2019: Peter Eötvös mit dem Ensemble Musikfabrik und den Berliner Philharmonikern

Ein Tag für und mit Peter Eötvös beim Musikfest Berlin: ein einnehmendes musikalisches Beisammensein. Eötvös ist kein eitler Selbstdarsteller, sondern wirkt sachlich, bescheiden, freundlich. Das ist durchaus schätzenswert in Zeiten so vieler grabschender und cholerischer Männer im Klassikbetrieb. Am Sonntag leitet Eötvös (während Frank Castorf mit Verdis La forza del destino das Deutsche-Oper-Publikum triggert) zuerst das Ensemble Musikfabrik im Kammermusiksaal und eine Stunde später die Berliner Philharmoniker im Großen Saal. Keine üble Leistung mit 75! Und es geht dabei auch noch bis nach Japan und ins maurische Mittelalter.

Weiterlesen

Musikfest 2019: BBC Symphony Orchestra von A bis Z

„BBC“ stands for Beloved British Colourfulness

So eine Freude, in Zeiten des Brexit-Chaos (nichts daran ist lustig – eine Tragödie!) diese großartigen Musiker von der durch und durch europäischen Insel Großbritannien zu erleben. Das BBC Symphony Orchestra spielt unter seinem finnischen Chefdirigenten Sakari Oramo ein herrliches Programm von A wie Abba bis Z wie Zappa, genauer gesagt von Andriessen bis Zibelius: mit niederländischen, russischen, österreichischen und finnischen Komponist(inn)en. Die BBC-Musiker tragen Namen von Alzapiedi bis Zarb, und ein norwegischer Trompeter namens HH ist auch dabei.

Weiterlesen

Musikfest 2019: Concertgebouw mit Tugan Sokhiev spielt Andriessen und Tschaikowsky

Schön, dass es sie überhaupt gibt. Aber dass die neuen Fahrradständer vor dem Haupteingang längst nicht ausreichen, zeigt sich besonders deutlich, wenn Besuch aus der Weltfahrradhauptstadt kommt. Dabei ist die Philharmonie schändlich unausverkauft, so als spielte hier die ADFC-Kapelle Wanne-Eickel und nicht eins der besten Orchester der Welt: das Amsterdamer Koninklijk Concertgebouworkest (was viel hübscher ist als „Royal Concertgebouw Orchestra“). Letztes Jahr mit Manfred Honeck war der Auftritt eher solide, vor zwei Jahren mit Gatti doch arg enttäuschend. Heuer aber dirigiert der geschätzte Tugan Sokhiev. Vor Tschaikowsky gibts den Niederländer Louis Andriessen, der dieses Jahr 80 wird, was die Berliner Musikwelt noch weniger jubiläumiert als den 150. Todestag von Hector Berlioz; außer eben beim Musikfest. Ist Andriessen ein guter Komponist?

Weiterlesen

Wohlkandidelt: Kirill Petrenko inauguriert mit Alban Berg und Beethovens Neunter

Ausnahmezustand? Nun ja, die alte Nachbarin des Konzertgängers und der Späti-Verkäufer am Eck wirken tiefenrelaxt wie immer. Aber das philharmoniker-affine Berlin freut sich, dass Kirill Petrenko inauguriert. Während der Wartezeit auf den neuen Chef der Berliner Philharmoniker wirkte die Stimmung ja teilweise überkandidelt, auch dieses Blog hier kandidelte hoch. Aber fürs offizielle Antrittskonzert hat Petrenko dennoch ein ganz besonderes Werk ausgesucht, etwas Ewiges gleichsam.

Sie wissen natürlich längst, wovon die Rede ist. Richtig: Alban Bergs Lulu-Suite.

Weiterlesen

Wollmilchig: Eröffnung von Young Euro Classic

Eierlegende Wollmilchsäue

Morgens Friday for Future mit Greta T. am Invalidenpark, abends Pastorale mit Ludwig van B. im Konzerthaus: Zu letzterer nimmt der Sohn des Konzertgängers seinen Vater mit – Eröffnung von YOUNG EURO CLASSIC, dem großen Klassikfestival der Sommerferienschwänzer! Zwanzig Jahre wird das heuer alt und setzt einen van B.-Schwerpunkt, weil der nächstes Jahr bekanntlich putzmuntere 250 Jahre alt geworden wäre und immer noch in Wien leben würde, wenn, ja wenn er sich damals nicht so schlimm erkältet hätte bei der Kutschfahrt im Winterregen. Es wird nicht der letzte Beethoven-Zyklus bleiben in den kommenden 18 Monaten.

Es eröffnet das Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus imienia Jerzego Semkowa.

Weiterlesen