Zartnagelnd: Mozarts Es-Dur-Sinfonie und Requiem mit Iván Fischer im Konzerthaus

Was spielt man so vor Mozarts Requiem? Beim Musikfest grundierte der teils vergötterte, teils verspötterte Teddy Currentzis es mit einem mystischen Overkill von Hildegard von Bingen bis Ligeti. Iván Fischer hingegen spiegelt und kontrastiert das Mozart-Requiem beim Konzerthausorchester Berlin mit — nun ja, mit Mozart. Eine helle, federnde Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 gibts vor der Pause. Höchste Lebensfreude, die durch ihre Momente von plötzlicher Eintrübung nur noch größer wird. Und durchs Bewusstsein, was danach kommen wird: Il Requiem. Weiterlesen

Flüchtig: Konzerthausorchester, Iván Fischer und Gustav Mahler spielen Gustav Mahler

Séance in der Philharmonie! Nicht nur das Konzerthausorchester verirrt sich beim Musikfest an diesen ungewohnten Ort, sondern Gustav Mahlers Geist erscheint höchstpersönlich. Und er findet sich dort schneller zurecht als Dirigent Iván Fischer, den man neulich bei Gardiners Poppea orientierungslos herumsuchen sah, bis das Personal ihn an seinen Platz in Block A führte. Gustav Mahler aber findet ohne Probleme den Steinway-Flügel, der für ihn vor dem wartenden Orchester aufgebaut ist. Weiterlesen

Weh: Konzerthaus-Saisoneröffnung mit Iván Fischer und Cameron Carpenter

Einiges tut weh bei dieser Saisoneröffnung im Konzerthaus Berlin. Zum Glück überwiegt das wohlige Weh.

Aber vor Mahlers Fünfter mit dem Konzerthausorchester gibt es erstmal Cameron Carpenter zu bestaunen, den Organisten, der Patricia Kopatchinskajas Nachfolge als Artist in Residence antritt. Zwangsvorstellung des Konzertgängers: dass bei Johann Sebastian Bach, als er in einer Leipziger Probe vor Ärger seine Perücke herunterriss und darauf herumtrampelte, eine ähnliche Haarbürste zum Vorschein käme wie auf Carpenters Kopf. Weiterlesen

Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus

50dddab938844c06e7b894ab0874dfb9Forderung: Jede Geigenschülerin im Laufe ihres Geigenschülerindaseins mindestens einmal zu Patricia Kopatchinskaja schicken. Nicht weil sie da die sauberste Bogenführung sähe oder hören würde, wie makellose Intonation geht oder süffiges Vibrato oder historisch korrektes Stilbewusstsein. Sondern weil sie da die Frage vor den Latz geknallt kriegte: Was ist dein Stil? Was willst du von der Musik?

Mit Jean Sibelius‘ Violinkonzert d-Moll op. 47 verabschiedet sich PatKop von der hochoffiziösen Würde als Staatsviolinistin-in-residencia des Konzerthauses. Da weht einen teils ein eisiger Wind an, so ungewohnt klingt das alles. Weiterlesen

Spektakulös: Konzerthausorchester, Iván Fischer, Kit Armstrong spielen Kagel, Zimmermann, Beethoven

Iván Fischer-Programme können auf skurrile Weise spektakulär sein. Rund ums angeblich langweiligste der Klavierkonzerte Beethovens strickt er das originellste Programm, das in der zyklischen Aufführung aller fünfe im Konzerthaus zu hören ist: vorneweg Kagel, hintendran Bernd Alois Zimmermann.

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13.11.2013 – Geisterstimmig (2): PatKop encore im Konzerthaus

V0036040 A boy appearing to two girls as a ghost. Stipple engraving.

Der Vollständigkeit halber: Zweite Aufführung des Programms des Konzerthausorchesters mit Iván Fischer und Patricia Kopatchinskaja, das der Konzertgänger bereits am Freitag gehört hat; diesmal gemeinsam mit seinem Erstgeborenen.

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11.11.2016 – Geisterstimmig: Patricia Kopatchinskaja, Iván Fischer, KHO spielen Cerha, Schumann, Beethoven

Dass Robert Schumanns Violinkonzert d-Moll bis heute so einen zweifelhaften Ruf hat, ist völlig unverständlich … sobald man es hört!

Warum das Stück seine Kindheit im Gefängnis verbrachte, eingekerkert von Clara, Brahms und Joseph Joachim, und was die Geisterstimmen von Schumann und Joachim sowie der leibhaftige Joseph Goebbels mit der problematischen Adoleszenz des Konzerts zu tun hatten, hat Patricia Kopatchinskaja in einer lesenswerten Einführung erklärt.

Wie umwerfend es klingt, zeigt Kopatchinskaja im Konzerthaus, bevor sie auch nur einen einzigen Ton gespielt hat: Weiterlesen

27.10.2016 – Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart

Nach einem, wie man liest, exzellenten Beethoven mit seinem Konzerthausorchester dirigiert Iván Fischer (der soeben seinen Abschied aus Berlin angekündigt hat) bei den Berliner Philharmonikern ein originelles Programm, dessen Zusammenhang sich beim Hören enescu-la-parisaufs Wunderbarste erschließt: Enescu, Bartók, Mozart.

Das Prélude à l’unisson aus der 1. Orchestersuite von George Enescu (1903) ist ein rhythmisch freies und harmonisch kaum greifbares Streicher-Unisono. Bedeutungsträchtig cresciert schließlich die Pauke unter dem Streichergesang und diminuiert ebenso mächtig, bis die zwischen Folklore, Archaik und Avantgarde schillernde Musik im zartesten Flageolett entschwindet. Keine Spur von Sprödheit, der ungeheuer präzise Streicherklang der Philharmoniker strahlt herbe Wärme aus.

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28.5.2016 – Liebend machend: „Die Zauberflöte“ im Konzerthaus

Unsere Kultur und Zivilisation geliebt machen – das nannte Iván Fischer in seinem charmanten ungarischen Deutsch auf der Pressekonferenz, in der das spannende, vielfältige Programm der nächsten Saison vorgestellt wurde, als Beweggrund für das außergewöhnliche Engagement des Konzerthauses für Flüchtlinge. Max_Slevogt_Zauberflöte_SzeneWer wäre geeigneter als Fischer, unsere Kultur geliebt zu machen?

Weil es nie zu früh und nie zu spät ist, sich dem dritten großen Rätselwerk unserer Kultur (Peter von Matt) zu nähern, pilgert das Publikum von 3 bis 99 zu Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte als „szenisches Konzert“. Auch der Konzertgänger mit seiner ganzen Familie; die Jüngste wohlpräpariert durch intensives Videostudium herausragender Königinnen der Nacht wie Diana Damrau, Natalie Dessay und Florence Foster Jenkins:

Iván Fischer dirigiert nicht nur sein Konzerthausorchester, sondern verantwortet auch die Inszenierung, die schon in Budapest, London und Abu Dhabi zu sehen war.  Das Orchester sitzt in einem Ad-hoc-Graben. Auf dem Podium blättern sich die Seiten eines großen Bilderbuchs um, vor dem die Sänger agieren. Im ganzen Saal bewegen sich sechs Schauspieler, die die Hauptfiguren spiegeln und die Sprechpassagen übernehmen. Die simulierte Spontaneität, mit der die sechs Darsteller im Publikum als scheinbar Freiwillige gefunden werden, ist zwar etwas ernüchternd, das Berlinerisch des Papageno-Doubles nicht astrein und der zum Teil umgeschriebene Text nicht immer besser als der von Schikaneder; aber auch nicht schlechter.

Die Aufführung macht durchgängig großen, großen Spaß. Das klein besetzte Konzerthausorchester spielt federleichten, stets deutlichen Mozart in einer originellen, aber wunderbaren Mischung aus historisch informiertem schlanken Sound (in der vibratofreien Schreckenspforten-Szene klingt es fast wie die Akademie für Alte Musik) und in einigen Arien eher breiten Tempi. Iván Fischer leitet es in seinem typischen kuriosen, furiosen Stil, mit schlaksigem Gefuchtel und viel Zeigefinger auf den Lippen: Sein Mut zu leisen Tönen ist geradezu ein Alleinstellungsmerkmal im Klassikbetrieb.

Die Sänger machen ihre Sache durchweg gut, obwohl sie es manchmal schwer haben, weil die Mikrofone der unsichtbaren Sprecher hinter dem Vorhang zu laut eingestellt sind und den folgenden Gesang anfangs dünner wirken lassen, als er tatsächlich ist.

Mandy Friedrich ist als Königin der Nacht mehr als wacker, klingt definitiv eher nach Damrau als Jenkins, erreicht jede Höhe und überzeugt als höllischer Stinkstiefel. Bernard Richter singt den Tamino nach kleinen Anlaufschwierigkeiten kraftvoll und männlich. Valentina Nafornita (Pamina) hat eine eher frauliche als mädchenhafte Stimme, ist aber in der Höhe ganz täubchenhaft. Krisztián Cser ist ein nobler Sarastro, Peter Harvey ein klarer, markanter Sprecher, Hanno Müller-Brachmann ein rundum überzeugender Papageno mit überragender Diktion. Die drei Damen Eleonore Marguerre, Olivia Vermeulen und Barbara Kozelj harmonieren aufs Damenhafteste, Drachentöterischste und Verludertste. Norma Nahoun und Rodolphe Briand sind ordentliche Papagena und Monostatos, Letzterer eindrucksvoll auch aufgrund seiner unter Lack und Leder sich wölbenden Wampe, die den Sohn des Konzertgängers fasziniert. Die Tochter verliebt sich sehr nachvollziehbar in die drei Knaben von der Ungarischen Staatsoper.

Unbestechliche Qualitätskontrolle: Die Tochter, 6, bleibt wach bis zum Schluss. Der Sohn, 9, vergisst seinen Groll wegen des verpassten Champions-League-Finales (er wird es dann noch zu Verlängerung und Elfmeterschießen, in dem ohnehin der Falsche gewinnt, nach Hause schaffen).

Eine der charmantesten Aufführungen der Saison. Geeignet, unsere Kultur geliebt zu machen. Und uns Hörer zu Liebenden. Sogar die Kinder des Konzertgängers zanken auf dem Heimweg nur halbherzig.

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