Ultraschall Tage 3 bis 5

Trio Accanto und Zafraan Ensemble im Heimathafen, Ensemble Resonanz im silent green

Erfreulich wenig Rede beim diesjährigen Ultraschallfestival für neue Musik von Trends, Tendenzen etc. (es gehe neuerdings wieder zum Politischen/zum Subjektiven/zum Popjektiven usw). Das hat immer so etwas Bemühtes, zumindest im Blick auf die laufende Gegenwart. Stattdessen unterschiedlichste Musik, viel Reizvolles, zwischendurch etwas Ratlosigkeit, und zum Ende zwei mich begeisternde Werke italienischer Komponistinnen.

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Ultraschall-Festival 1. und 2. Tag

Konzerte des DSO, des RSB und des SWR-Experimentalstudios

Mit zwei vielseitigen, teils prachtvollen Orchesterkonzerten sowie einem interessanten elektronischen Spätabendtermin eröffnet das diesjährige Ultraschall-Festival für neue Musik, endlich wieder in halbwegs normalen postpandemischen Umständen. Man geht einfach so ins Charlottenburger Haus des Rundfunks. Auf dem Programm am Mittwoch und Donnerstag stehen beim Deutschen Symphonie-Orchester (kurz DSO) und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) sage und schreibe acht verschiedene Komponistinnen; Männer sind mitgemeint. Dabei stehen die beiden Werke, die mich am wenigsten interessieren, an den gegensätzlichen Enden der Skala heutigen Komponierens – hier Autoreferenzialität der Musikgeschichte, dort explizites Engagement hinaus in die Welt.

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Wiederaufnahme „Oceane“ an der Deutschen Oper

Wenn Sie die Uraufführung des Jahres von 1853 sehen wollen, müssen Sie nicht unbedingt in die nächste Vorstellung rennen; ebensowenig, wenn die Uraufführung des Jahres von 1865 Sie interessiert. Bei der Uraufführung des Jahres 2019 könnte das schon anders aussehen. Denn La Traviata und Tristan und Isolde wird es auch in Zukunft ständig und überall geben. Aber Detlev Glanerts Oceane, die im Januar insgesamt dreimal an der Deutschen Oper Berlin gespielt wird, nicht unbedingt. Wobei man sagen muss, dass die erste dieser drei Vorstellungen (insgesamt die sechste seit der Premiere 2019) überraschend gutbesucht war.

So dass es vielleicht doch noch eine Berliner Zukunft für diese schöne Produktion geben wird?

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Feurig: Alexei Lubimov und Viktoria Vitrenko führen Schubert und Silvestrov auf

Für die ersten Berliner Konzerte nach ein paar Monaten im Rheinland (mehr dazu hier) gilt es, unbedingt auf sichere Banken und Bänke zu setzen! Neben einer sehr schönen Mahler-Dritten mit Iván Fischer kürzlich im Konzerthaus ist das etwa der originelle Klavier-Altmeister Alexei Lubimov. Er tritt zusammen mit der Sopranistin Viktoriia Vitrenko im Pianosalon Christophori auf, oben im Wedding. Lubimov, Jahrgang 1944, kommt noch aus der großen russischen Pianistentradition (Schule von Heinrich Neuhaus), hat sich aber ziemlich untypisch für diese schon vor langer Zeit der avantgardistischen Musik und mehr noch der Wunderwelt der historischen Instrumente zugewandt. Im VAN Magazin erschien vor einigen Jahren ein sehr interessantes Interview mit diesem besonderen Musiker.

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Herbstritual: Kurz vor der Adventszeit lässt der Autor beiläufig das Wort „Weihnachtsgeschenke“ fallen. Dann verweist er, ebenso beiläufig, auf seinen neuesten Roman, der LUYÁNTA – DAS JAHR IN DER UNSELBEN WELT heißt und geeignet ist sowohl für Jugendliche ab etwa 14 Jahre, sofern diese (noch dazu dicke) Bücher lesen, als auch für nicht mehr Jugendliche bis circa 129 Jahre, sofern diese eine Ader für Phantastik und endlose Abenteuer haben. Oder eben Kinder oder Enkel.

Ebenso empfiehlt er als Geschenk für den musikinteressierten Schwager seinen Roman BEETHOVN. Für die Romantik und/oder Eisenbahnen liebende Tante den Roman FLIEGEN. Für den südtirolaffinen, humorvollem Experimentalismus nicht abgeneigten Arbeitskollegen DIE TRUNKENE FAHRT. Und für die unter Schlafstörungen leidende Ex-Liebhaberin den Roman WACH.

Alle Romane erhältlich in allen Buchhandlungen und natürlich auch online, klassisch auf Papier oder neumodisch in E.

Eckrundend: John Eliot Gardiner dirigiert Beethovens „Missa solemnis“

Kaum fängt das Musikfest Berlin so richtig an, ist für mich auch schon Schluss, denn ich ziehe aus Gründen für einige Monate nach Bonn. Da ist Beethoven natürlich die passende Abschiedsmusik. Denn den Trennungsschmerz pflegt die Geburtsstadt, in die der Boss bekanntlich niemals zurückkehrte, so fleißig, dass dort sogar ein Volkslauf sich „Beethoven-Lauf des Deutsche Post Marathon Bonn“ nennt. (Da ist wirklich alles drin: van B. + BRD noir + zeitgemäße Keine Bindestrich Benutzung.) Und zweiter Grund natürlich, dass John Eliot Gardiner dirigiert,  traditionell ja eine sichere Bank bzw Post beim philharmonischen Saisonstartfestival.

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Tetrathletisch: Concertgebouw mit Mäkelä spielt Mahler und Saariaho

Man eröffnet mit Mahler, heuer. Freitag spielten die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko zum Saisonstart die Siebte. Am Samstag machte Christoph Eschenbach das Konzerthaus mit der Fünften auf. Und zum Start des Musikfests knallt uns das Concertgebouworkest Amsterdam mit Klaus Mäkelä die Sechste rein, aber mit Präzisionshammer.

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Sommerschließlich

Kabanova, Hoffmann und Figaro mit C., E. und O. an Komischer und Deutscher Oper und UdK

Sommerparadox im Opernwesen: Während das Publikum unbeirrt nach den Sehnsuchtsorten von Bayreuth bis Glyndebourne oder Salzburg strebt, leeren sich die städtischen Opernhäuser zum regulären Saisonende rapide. Nur wenige derer, die nicht zu den Festivals reisen, treibt die Sorge vor dem Juli-August-Konzertloch noch in die bald verwaisten Säle. Während Herr Schlatz sich connaisseurhaft das Lindenjuwel Turandot gönnt, eile ich noch zur jungverschiedenen Katja Kabanowa an der Komischen Oper, zu Les contes d’Hoffmann an der Deutschen Oper (die stellenweise gleichsam zerfallen wie ein Automat von Spalanzani/Coppelius) und einem quietschfidelen studentischen Figaro an der Universität der Künste.

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Hüpfnotisch

Philip Glass‘ EINSTEIN ON THE BEACH

Als „Gehirnwäsche“ bezeichnete meine gleichermaßen konzertsüchtige wie meinungsfreudige Bekannte K. einmal den sogenannten Minimalismus. Philip Glass‘ Einstein on the Beach von 1976 war jedenfalls schon „immersiv“, bevor sich mittels dieses Zauberworts jeder Jungklangkünstler jede Strapazierung von Publikumsgeduld und -grenzen erlaubte. Jetzt gab es eine Fassung dieser handlungsfreien Oper von Susanne Kennedy und Markus Selg im Epizentrum der künstlerischen Immersion, nämlich dem Haus der Berliner Festspiele, das architektonisch sowas ist wie die kleine Schwester der Deutschen Oper, aber schöner gelegen.

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Märchenonkelig

Medtner und Schostakowitsch bei Spectrum

Märchenonkeltreffen im Kammermusiksaal: Wenn Nikolaj Karlowitsch Medtner der nostalgische Geschichtenerzähler war, dann war Schostakowitsch das Väterchen mit den nicht endenden Gruselstories. Beide Haltungen haben ihre eigene, auch biografisch beglaubigte, Wahrheit. Kaum ins Hirn zu kriegen aber, dass Medtners Klavierquintett C-Dur und Schostakowitschs e-Moll-Trio ungefähr gleichzeitig entstanden.

Oder auch alles andere als gleichzeitig. Dann Medtner arbeitete an seinem Quintett, das erst 1955 und damit vier Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde, anscheinend ein halbes Jahrhundert lang. Zum Glück nicht durchgehend, es gibt ja sehr viel andere Klaviermusik von ihm und auch mehrere Klavierkonzerte.

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Turbulenzromantisch

Iván Fischer im Konzerthaus, Petrenko und Oramo bei den Berliner Philharmonikern: Entdeckungsreisen von Sinigaglia bis Langgaard

Drei hochinteressante Programme, reich an Unbekanntem: Iván Fischer ist zwar formal bloß der Ex, aber irgendwie doch der Chefdirigent der Herzen am Konzerthaus, jeder seiner Besuche ein Hochlicht. Boss Kirill Petrenko gab bei den Berliner Philharmonikern letzte Woche das vielleicht wichtigste Konzert der Saison. Und dieser Tage dirigierte Sakari Oramo ebendort ganz Seltsames: ein unverschämtes Werk, das alle hundert Jahre gespielt wird.

Foto: Steven Mathey CC BY-SA 4.0
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Pausenbericht

Worüber ich nicht geschrieben habe

Die Abonnenten merken es, im Moment schreibe ich nicht so häufig in diesem Blog wie gewohnt. Aus persönlichen und aus Energieeffizienz-Gründen. Dabei wäre einiges Gehörte und Erlebte der Nachrede wert gewesen! Ein Klavier- und ein Xenakis-Festival etwa, verschiedene Sinfoniekonzerte, oder auch ein Klavierabend von Grigory Sokolov.

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Vogelwerdend

„into the sky“ mit dem hr-Sinfonieorchester, Lubman, Aimard

To love a mockingbird

Hut ab, das ist mal ein Gastspiel der anderen Art. Während reisende Orchester ihren Auditorien sonst gern Feuervögel oder Pathétiquen reinbuttern, um zu zeigen, was man auf der Pfanne hat, spielt das hr-Sinfonieorchester Frankfurt in Berlin: George Crumb, Augusta Read Thomas, Olivier Messiaen und Claude Vivier. Mut in der Tradition von Hans Rosbauds Frankfurter Rundfunk-Symphonie-Orchester. Wenn auch exakt Programm der Art, dass Zuhörer im Großen Saal der Philharmonie einander per Handschlag begrüßen können müssten. Doch der Saal hat sich ziemlich gefüllt; wie, das bleibe mal Betriebsgeheimnis des Veranstalters. Dem man das Beste wünscht für seine hiermit begonnene Konzertreihe GREAT!CLSX, bei der vorzügliche Orchester auch weiterhin keine Petruschken und Boleri spielen werden, sondern Meisterwerke von Zemlinsky und Ives bis zu Lutosławski und Gérard Grisey. Im besten Sinn kompromisslose Programme, die dennoch breitenkompatibel erhofft werden, frei von Voraussetzungen außer der einen: die Ohren zu öffnen.

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Innovationsgipfelnd

RSB und DSO erproben neue Konzertkonzepte und Konzeptkonzerte

Innovationsgipfel erwarten dich

„Innovative Formate“ sind für manch emsigen Konzertgänger eher Drohung denn Verheißung. Trotzdem, man will nicht borniert sein, also imma rin inne jute Innovationsstube. Denn jene beiden vortrefflichen Berliner Orchester, die ohnehin häufig die originelleren, mutigeren Programme bauen als die berühmten Philharmoniker-Kollegen, präsentieren zum „World Earth Day“ Unbekanntes wie auch Wohlvertrautes auf ungewohnte Weise: das Rundfunk-Sinfonieorchester erdwühlend mit Vladimir Jurowski im Haus des Rundfunks, und in der Philharmonie das Deutsche Symphonie-Orchester gipfelstürmend mit Andris Poga anstelle des erkrankten Robin Ticciati sowie (nanu?!?) Reinhold Messner.

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Sternfallend

Der RIAS Kammerchor singt Musik aus Jahrtausenden und die Uraufführung von Jüri Reinveres „Die Vertreibung des Ismael“

„Ist Gott mit den Sternen?“, fragt der kleine Ismael in der nächtlichen Wüste, in die er mit seiner Mutter Hagar vertrieben wurde (vertrieben, wie es auch heute Millionen Menschen werden), und: „Können die Sterne auch runterfallen? Sieht das dann so aus wie Regen?“ Der Glaube droht sich im Niederschlag aufzulösen, Gottessturz. Aber die Mutter antwortet dem Kind nicht mehr, sie schweigt. Und Engel sind anscheinend auch nicht zu erwarten. Es ist der beklemmende Schluss von Jüri Reinveres Die Vertreibung des Ismael, einem Vokalwerk nach der Erzählung aus Genesis, das der RIAS Kammerchor unter Justin Doyle eindrucksvoll im Kammermusiksaal der Philharmonie aufführt. Und bei diesen ins Leere fallenden letzten Fragen des unglücklichen Kindes (das in der koranischen Überlieferung einer der großen Propheten und Erbauer der Kaaba sein wird) widerhallt im Ohr Musik aus dem 13. Jahrhundert, die der Chor zuvor sang: Santa Marìa, Strela do día. „Tagesstern“: So heißt die Muttergottes in dem galicisch-portugiesischen Gedicht aus einer Sammlung des kastilischen Königs Alfonso X el Sabio. Es gehört zum gewichtigen ersten Konzertteil, der weit mehr als eine Hinleitung auf die Uraufführung ist.

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