Fegend: Akamus, Emmanuelle Haïm, Sandrine Piau mit Rameau und Händel

Wenn Rameau kommt, pfeift’s im Kamin der Musikgeschichte. Rameauneurs nannte man seine von den Lully-Treuen geschmähten Anhänger: Schornsteinfeger (ramoneur). Hat der grandiose Teodor Currentzis deshalb bei seinem Rameau-Projekt so mit der Licht-Metaphorik genervt? Die Akademie für Alte Musik führt jedenfalls im Konzerthaus einen feineren, aber ebenso wirksamen Besen, die Dirigentin Emmanuelle Haïm ist eine famose Oberkehrerin und die Sopranistin Sandrine Piau ohnehin der heißeste Feger auf jedem Dach. Die Anna Magnani des Barockgesangs, hat Alfred Brendel sie genannt, und ein Fan sagt: bestangezogene Sängerin überhaupt.

1024px-Vilhelm_Pedersen,_Hyrdinden_og_Skorstensfejeren,_ubt Weiterlesen

1.1.2017 – How strange: Händels „Theodora“ mit RIAS Kammerchor, Akamus, Justin Doyle

Nach dem Jahr 2016 zögert man, leichtfertig zu schreiben: Das Neujahrskonzert des RIAS Kammerchors und der Akademie für Alte Musik habe den Krach der vorangegangenen Nacht aufs Schönste sich verflüchtigen lassen. Denn zum Krach der vergangenen Nacht gehört Istanbul, gehören auch die Echos aus Aleppo, vom Breitscheidplatz, aus Nizza, Brüssel, Orlando…

theodosia_of_tyreTraurigerweise passt es also ganz gut, dass in der Philharmonie am 1. Januar 2017 kein feenleichtes Werk wie im vergangenen Jahr auf dem Programm steht, sondern gewichtige, tragische Musik: Georg Friedrich Händels Oratorium Theodora HWV 68 (1750). Es geht um das Leid der antiochischen Christen, die der römische Statthalter in Syrien zur Verehrung Jupiters und des Kaisers Diokletian zwingen will – und man denkt unweigerlich an die heute verfolgten und vertriebenen Christen im Orient, an die gepeinigten Syrer und auch  an die arglosen Feiernden im Reina, die Homosexuellen im Pulse, die Glühweintrinker auf dem Breitscheidplatz. Und die vielen Flüchtlinge, deren Hoffnung auf ein besseres Leben bei uns oft auf Hass und Häme stößt.

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25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

Die Glückskombi schlechthin heißt Ton Koopman und Avi Avital, wie sich in diesem nachgerade befruchtenden Konzert zeigt.

medieval_musician_playing_gitternJohann Nepomuk Hummels Mandolinenkonzert G-Dur (1799) mag ein im Großen wie im Kleinen recht übersichtlich gebautes Werk sein, mit so ebenmäßigen Perioden, dass man im Kopfsatz schon 4/4-Takt-Überdruss verspüren könnte. Zudem sind die Klangfarben der (Nachtrag: unverstärkten) Mandoline ja nicht unbegrenzt. Aber Avi Avital spielt sie mit solch mitziehendem Schwung, dass man sie vom ersten bis zum letzten Ton für die Königin der Instrumente hält.

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29.2.2016 – Cäcilianisch: Collegium vocale Gent und Akademie für Alte Musik spielen Händel

Wie ein gleißender Lichtstrahl bricht der Chor herein: From harmony, from heavenly harmony, this universal frame began. Das originalklingende Collegium Vocale Gent, das in der Berliner-Philharmoniker-Reihe Umsungen im Kammermusiksaal auftritt, ist ein Chor von bemerkenswert hellem Klang, selbst die tiefen Männerstimmen haben einen fast kindlichen Charakter; jedenfalls ungeheuer durchhörbar.

Georg Friedrich Händels Ode for St. Cecilia’s Day HWV 76, 1739 als Lückenfüller für zu kurze Programme komponiert (und wie im Programmheft zu lesen großzügig bei Georg Muffat kopiert) , ist ein Werk aus dem ein wenig aus der Mode gekommenen Genre der Cäcilienode, zu dem auch Henry Purcell beigetragen hat. In Händels Ode tritt der Chor erst am Schluss wieder auf. Dazwischen tänzeln, wie es sich in einer Ode an die Heilige der Musik gehört, nacheinander die Instrumente des Orchesters einzeln hervor. Das ist pures Glück, wenn es die Solisten der Akademie für Alte Musik sind: Jan Freiheit am Cello, Andrea Theinert an der Traversflöte, ein ebenfalls vorzüglicher Trompeter, den der Konzertgänger nicht namentlich identifizieren kann der Trompeter Franz Landlinger (danke an Akamus für die Auskunft) und schließlich Robert Nassmacher an der Orgel, dem Instrument der Hl. Cäcilia höchstpersönlich. Die Macht der Musik, zeigt uns Händel, ist vielfältig: Sie kann uns zu zartesten Gefühlen animieren wie zu heftigster Kriegswut anstacheln. In schönster barocker Unbefangenheit lässt Händel zu Cäciliens Gesellschaft auch Orpheus, den biblischen Urmusiker Jubal, Mars und Pan auftreten.

Aber das schönste aller Instrumente ist ohnehin… die menschliche Stimme. Die schwedische Sopranistin Klara Ek ist nicht nur ein Koloraturwunder, sondern führt uns durch alle Freuden und Leiden der menschlichen Seele und rührt uns zutiefst, wenn sie am Schluss unbegleitet von der last and dreadful hour singt. Der kurzfristig eingesprungene Tenor Nicholas Mulroy hat eine sehr bewegliche, in den tiefen Passagen recht leise Stimme; er singt, proklamiert und agitiert überaus textverständlich, so dass kein Hörer den Text mitlesen muss.

Aber die Heilige Cäcilia ist mit gutem Grund eine Frau!

Beide Solisten hören, wenn sie pausieren, mit solch sichtbarer Freude der Musik zu, dass es selbst den verstoffeltsten Hörer anstecken muss.

Die Musiker werden sehr umsichtig angeleitet vom Dirigenten Marcus Creed, der ebenfalls kurzfristig eingesprungen ist. Da offenbar momentan die Seuche umgeht (wie der Konzertgänger auch in der eigenen Familie erlebt), muss man einmal den relativ niedrigen Hustenpegel im Publikum loben. Die Akademie für Alte Musik und die Reihe Umsungen haben offenbar ein kultiviertes, geistig piekfeines Publikum; was etwas ganz anderes ist als die soziale Selbstzufriedenheit, die man beim Publikum der Berliner Philharmoniker mitunter erlebt.

Vor diesem grandiosen Lobpreis der heiligen Tonkunst gibt es die Begräbnismusik für Königin Caroline „The Ways of Zion do mourn“ HWV 264 (1737). Obwohl ebenfalls vorzüglich musiziert, ist es doch ein ziemlich gravitätisches, ja behäbiges Stück. Der flächige Klang mag bei der Beerdigung mit über 100 Beteiligten in Westminster Abbey beeindruckend wuchtig gewirkt haben, in dieser schlanken Form im Kammermusiksaal klingt es doch etwas dünn. Dem Instrumentalpart merkt man das Skizzenhafte an. Dafür hat der Chor aus Gent hier mehr, wenn auch weniger Interessantes, zu singen.

Alles, was man musikalisch in dieser Komposition vermisst, bietet die Cäcilia-Ode dann im Überfluss. Der Chor hat dort wenige, dafür um so hellere Momente. Das grandiose Collegium vocale Gent ist herzlich willkommen wiederzukommen, gern mit einem Programm, in dem es sich selbst stärker in den Mittelpunkt stellt.

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Reich: Sommermusik von Veracini bis Cranberries in Südtirol

Auch in Südtirol wird der Konzertgänger nicht ausschließlich zum Berggänger. Obwohl hier, wie sein eingeborener Schwiegervater bescheiden zu sagen pflegt, nicht gerade die Achse aus dem Globus kommt, muss der hochkulturbeflissene Urlauber nicht darben. Im Gegenteil: Kurz vor seiner Heimkehr nach Berlin, wo das Musikfest auf ihn wartet, blickt der Konzertgänger nicht nur auf schwindelerregende Wanderungen, steigungsreiche Radtouren und eiskalte Weihernachmittage zurück, sondern auch auf einen reichen Musiksommer.

Der Brunecker Verein Cordia organisiert nicht nur jedes Jahr einen Sommerkurs mit dem für Berliner Ohren glückverheißenden Namen Akademie für Alte Musik, zu dem sich Musiker aus aller Welt treffen, um sich in historischer Aufführungspraxis fortzubilden und abschließend ein gemeinsames Konzert zu geben: in diesem Jahr ein famoses Beethoven-Programm unter der Leitung von Jos van Immerseel (2.8. in Toblach).

Am 4.8. trat das Ensemble Cordia selbst auf, in der urigen Rainkirche am Schlosshang von Bruneck mit einem ausgefallenen Barockprogramm: zwei spritzige Ouvertüren von Francesco Maria Veracini und zwei aufregende, völlig unhändelhafte Symphonien von William Boyce – so lebendig und kraftvoll musiziert, dass es den eigentlichen Höhepunkt des Programms fast in den Schatten stellte, Händels Silete Venti. Der rauschende Auftritt der Sopranistin Roberta Invernizzi, die dem wütenden Wehen des Orchesters energisch Einhalt gebot, verfehlte trotzdem nicht ihre Wirkung, zumal auf die schwer beeindruckte Tochter des Konzertgängers.

Fast noch mehr nach ihrem Geschmack war die Matinée der Schwestern Reinhilde und Tamara Gamper, die als Wonderful Strings (Zither und Violine) am 16.8. in der Alten Turnhalle Bruneck ein buntes Programm von Renaissance-Musik über Südtiroler und irische Folklore bis zu Cranberries und Police spielten: Die Gamper-Schwestern sind hervorragende Instrumentalistinnen, die auch sehr gut singen können und, wie nicht verschwiegen werden darf, fantastisch aussehen. Unterhaltung im besten Sinne, an die der Konzertgänger wehmütig zurückdachte, als wenig später in seinem Dorf verschwitztes Herrengebumper der Freddy-Pfister-Band die Bergruhe entweihte.

Featured imageDas Theresia Youth Baroque Orchestra, das junge Musiker aus aller Welt im Zeichen des Pirols in Rovereto versammelt und mehrmals im Jahr durch Italien tourt, machte am 21.8. im Grand Hotel Toblach halt, einem Lieblingsort des Konzertgängers in Südtirol. Das Programm unter Leitung von Chiara Banchini beschwor nicht den Geist Gustav Mahlers, sondern den alles andere als wehmütigen Spirit von Carl Philipp Emanuel Bach und Luigi Boccherini. Ausgepowert von der langen Anfahrt mit dem Fahrrad, war im Konzert an Schlaf nicht zu denken! Zumal historische Aufführungen wie für Kinder gemacht sind: Die Instrumente klingen interessanter, die Klaviere haben geheimnisvolle Kniehebel, und kein Konzert vergeht, ohne dass einem Geiger mit lautem Knall die Saite reißt.

In CPE Bachs Concerto per clavicembalo e fortepiano Es-Dur (1788) kommt sogar Fin de siècle-Stimmung auf, wenn auch nicht im mahlerschen Sinn: Das Aufeinandertreffen von Cembalo (Olga Pashchenko) und Hammerklavier (Assen Boyadjiev) ist ja die Begegnung eines untergehenden Instruments mit seinem Nachfolger, der seinen Siegeszug erst antritt – eine sehr heitere Schwermut. Boccherinis 27. Sinfonie D-Dur (1789) ist dagegen ein beglückendes, ausgewogenes Werk, das sich vor Haydn nicht zu verstecken braucht. Besonders zu Herzen gehend das Andante; im Menuett brilliert die junge erste Geigerin. Keine Ahnung, warum man in Deutschland noch immer recht ignorant gegenüber Boccherini ist; dass das nicht immer so war, beweist die Tatsache, dass Friedrich Wilhelm II. diese Sinfonie in Auftrag gab.