Schwungvoll blühend: Korngold und Tanejew bei Spectrum Concerts

Allegorie der Kammermusik, ca. 1900

Drei Merkmale tollkühner Kammermusik: 1. Programme voller unbekannter, vergessener, verdrängter Werke, 2. Besetzungen ohne Staraufgebot, 3. dennoch ein langes Leben auch ohne öffentlichen Geldsegen. Insofern ist auch das letzte Programm der Saison ein Beweis für die hartnäckige Tollkühnheit der Spectrum Concerts: Obwohl es seit kurzem wohl einen fördernden Sockelkleckerbetrag gibt (und irgendwann auch mal wieder die zum Star gewordene Spectrum-Geigerin Janine Jansen vorbeischauen wird), ist das ein kompromissloses Programm vom Feinsten und Sinnlichsten, was die fünf musikalischen Fachkräfte da anbieten. Denn Korngold und Tanejew fegen schwerlich die Straßen Berlins leer und den Kammermusiksaal voll. Der Riesenauflauf rund um die Philharmonie gilt vielmehr Simon Rattles letztem Programm im Großen Saal. Der Konzertgänger wird von der zweiten Rattle-Aufführung am Mittwoch berichten. Denn – Tanejew geht vor. Weiterlesen

Rattle-Abschieds-Countdown ⑤④❸②①: Krystian Zimerman, Robin Hood & Co.

Vorletztes Sir-Chefdirigent-Programm in der Philharmonie, sechs Tage vor dem letzten Konzert, zehn Tage vor der allerletzten Waldbühnen-Sause: Am Abend der WM-Eröffnung hat Simon Rattle, scheidender Trainer der Berliner Philharmoniker, eine wild wuchernde Kunterbunter-Garten-Taktik ausgetüftelt. Tick, Trick und Track sind als magisches Dreieck dabei, Tom & Jerry als Flügelflitzer und Robin Hood im unwiderstehlichen Sturm.

Der ersten Halbzeit drückt indes der Pianist Krystian Zimerman seinen Stempel auf. Weiterlesen

Maßlos erlösend: Korngolds „Wunder der Heliane“ an der Deutschen Oper

Ist der beinah einhellige Jubel über diese Erich-Wolfgang-Korngold-Produktion der Deutschen Oper Berlin berechtigt? Und hat Das Wunder der Heliane tatsächlich das haarsträubendste Libretto der Operngeschichte oder bloß das zweithaarsträubendste? (Und falls Letzteres, welches ist noch haarsträubender?)

Bis Anfang April ist Gelegenheit, das herauszufinden. Der Konzertgänger ergreift den Schopf bei der zweiten Aufführung, vier Tage nach der Premiere. Weiterlesen

8.1.2017 – Vollendet: Janine Jansen & Co spielen Korngold, Berg, Schönberg

emotionheaderMittags Rodeln, abends  Schönberg. Tagsüber ruft der Schnee in den Park, am Abend Spectrum Concerts in den Kammermusiksaal. Das ist die interessanteste, vielfältigste, immer hochklassige, kurzum: wohl beste Kammermusikreihe, die es in Berlin gibt. Nur Star-Appeal fehlt meistens, so dass der Saal manchmal halbleer ist und die Reihe seit Jahren immer mal wieder ums Überleben kämpft.

An diesem Abend ist jedoch ein Star dabei, darum ist der Saal nicht halbleer, sondern halbvoll: die niederländische Geigerin Janine Jansen, die Spectrum als ihre kammermusikalische Heimat bezeichnet. Unter den sechs Musikern des Abends ragt sie jedoch in keiner Weise heraus – was für Jansens kammermusikalischen Spirit spricht, aber natürlich auch für die Qualität der anderen.

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12. Juni 2015 – Glühend: Bartók, Schulhoff, Korngold und Enescu bei Spectrum Concerts

Es sollten mehr Oktette gespielt werden, findet der Konzertgänger. Oder auch Septette, Sextette, Nonette. Wenn er große Symphonien hören will, hat er in Berlin jeden Tag die Qual der Wahl; wenn es um anspruchsvolle Kammermusik in gemischten Besetzungen geht, sieht das schon anders aus. Geradezu waghalsig ist ein Programm ohne prominentes Zugpferd wie Beethoven-Septett oder Schubert-Oktett: Beim Spectrum Concert sind 80 Minuten Sextett- und Oktett-Musik eines 17- und eines 19jährigen Komponisten aus der Zeit kurz nach 1900 angekündigt – das klingt nach einer Geduldsprobe. Trotzdem geht der Konzertgänger hin; die Karten für das Konzert zum Richtfest des Stadtschlosses hat er der Kindergärtnerin seiner Tochter geschenkt.

Und siehe da, es wird keine Strapaze; ein langer Abend zwar, jedoch glückliche Überstunden.

Denn erstmal gibt es zwei markante Werke in kleinerer Besetzung: Béla Bartóks Kontraste für Klarinette, Violine und Klavier von 1938 entstanden im Auftrag von Benny Goodman, aber Jazz und Swing muss man darin mit der Lupe suchen. Auch von ungarischer oder südosteuropäischer Bauernfolklore kann nur in einem äußerst abstrakten Sinn die Rede sein. Das mittlere Stück mit dem Titel Pihenö (Ruhe) ist eine Art Nachtmusik, in der aus fast schematischem Aufbau (konsequente Gegenbewegung von Klarinette und Geige) mysteriöse Sphärenklänge entstehen. Die schnellen Rahmensätze sind sehr künstliche Volkstänze, der Verbunkos mit einem Klarinettensolo, der Sebes mit virtuosem Schrammelsolo für die Geige, die zunächst sogar auf einem „verstimmten“ Zweitinstrument spielen muss. Das Klavier steuert einige tolle Glissandi bei (mit denen der Sohn des Konzertgängers sich gerade im Klavierunterricht plagt), bis eine feurige Coda mit famosem Wetthupen das Stück krönt.

Auch die 5 Études de Jazz für Klavier des im KZ Wülzburg zu Tode gekommenen Erwin Schulhoff von 1926 wird man kaum als Jazzstücke bezeichnen können, als Etüden durchaus: ein atonaler Charleston, ein Blues wie von Eric Satie nach einer Memphis-Reise, ein Chanson, der doch nach etwas klimprigem Bar-Piano klingt, ein steifer Maschinen-Tango, schließlich eine beeindruckende Toccata sur le Shimmy ‚Kitten on the Keys‘ – vor Energie platzende Klaviermusik eines aus der Musikgeschichte Eliminierten, für dessen Wiederentdeckung sich Spectrum Concerts seit langem einsetzen, im nächsten Jahr mit einem reinen Schulhoff-Abend (3. Januar 2016).

Nach diesen beiden kantigen Werken wirkt das Streichsextett D-Dur op. 10, das Erich Wolfgang Korngold 1914 im Alter von 17 Jahren zu komponieren begann, geradezu plüschig. Auch in seinen dramatischen Phasen badet es in höchstem Wohlklang, es gibt tremolierende Verzückungen, schwere Leidensseufzer im zweiten Satz entschweben immer wieder in verklärte Regionen. Sehr hübsch der dritte Satz, ein zerpflücktes Tänzchen voll schöner Ideen, die aber doch mehr aneinandergeklebt als ausgeführt sind; wie das ganze Werk recht kleinteilig wirkt.

Featured imageDagegen hatte der Rumäne George Enescu schon als 19jähriger das Geheimnis des großen Bogens raus. Sein Streichoktett C-Dur op. 7 wirkt auch additiv, aber in meisterlichen Übergängen fließt doch eins ins andere, so dass der Hörer sich vom ersten Takt an begeistert mittreiben lässt. Der erste Satz präsentiert auf einem durchgehenden Bass-Grundschlag gefühlte 25 Themen, so dass die wohl irgendwie heraus-analysierbare Sonatenform sich von vornherein erledigt. Das erste Thema ist allerdings ein Ohrwurm, der an allen Schnittstellen wiederkehrt. Von der brahms’schen Unisono-Wucht des Beginns aus durchwandert die Musik die verschiedensten Klang- und Gefühlslandschaften. Der zweite Satz Très fougeux ist ein wahres Feuerwerk, im Lentement singen Violinen und Bratschen, schließlich das Cello im Wechsel. Das Finale ist ein überraschend komplex gebauter Walzer mit nie erlahmendem Stimmengeflecht. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass das Stück mal einen Hänger hat; aber der Sog hält eine Dreiviertelstunde lang an. Geniestreich ist ein zu kleines Wort für dieses Feuerwerk, ein unbekanntes Meisterwerk aus dem Jahr 1900.

Die Aufzeichnung dieses Konzerts wird am Sonntag, 14.6. um 20:03 Uhr auf Deutschlandradio Kultur gesendet.

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