Unabgestanden: Sommerliche Raritäten mit der Akademie für Alte Musik

Wir werden auch im Herbst nicht wieder in der Philharmonie sitzen, als wär nie was gewesen; und auch nicht im Winter und im Frühling. Die Akademie für Alte Musik hat sich jetzt aber auch vorgewagt und gibt eine Reihe von windfrischen Sommerkonzerten in der Elisabeth-Kirche und der angrenzenden Villa Elisabeth in der Invalidenstraße. Denn Frischwind ist alles derzeit.

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Meisterinlich: Isabelle Faust und Akamus spielen Bachs

Dass Maestro Grigory Sokolov aus Corona-Vorsicht sein Konzert in der Berliner Philharmonie auf den Juni verschoben hat, dispensiert den geneigten Konzertgänger vom Zwang, sich an diesem Märzmontag in zwei Hälften aufzuspalten, um gleichzeitig Maestra Isabelle Faust im Kammermusiksaal zu hören. Auf deren Tournee mit der Akademie für Alte Musik fielen zwar bereits die beiden letzten Termine in Italien aus. In Deutschland aber darf man sich noch versammeln. (Nachtrag: Anderthalb Stunden nach Veröffentlichung des Beitrags hat sich das geändert.) Im ausverkauften Kammermusiksaal klaffen sichtbare Publikumslücken. Wir husten nicht, und sogar auf den Herrentoiletten werden sich neuerdings die Hände gewaschen.

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Trosthoffend: Berliner Neujahrskonzert in der Philharmonie

In Wien ist bekanntlich alles feiner als in Berlin, vom Dialekt bis zu den Radwegen; allein die Neujahrskonzerte sind, seien wir ehrlich, hierzustadt besser. Dank der seit Jahren bewährten Alliance von RIAS Kammerchor und Akademie für Alte Musik!

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Aqualamentös: DIDO & AENEAS an der Staatsoper

Früher war mehr Lamento. Die späte Hochsommerwelle ist ein guter Anlass, mal wieder die Flügel traurig hängen zu lassen und die Sasha Waltz-Inszenierung von Henry Purcells Dido & Aeneas zu besuchen, diesen Klassiker, der mit einem beherzten Sprung der Tänzer ins trübe Nass beginnt, als wär die Staatsoper Unter den Linden das Kombibad Seestraße. Die Eröffnungs-Choreografie der Männer- und Frauenkörper im Aquarium hat schon ikonischen Charakter, die bleibt wirklich nachhaltig hängen von dieser 2005er „Neukreation“ (so die Selbstbezeichnung) der 1689 in einem Mädchenpensionat in Chelsea uraufgeführten Oper.

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Boombastbibrig: „Salzburger Messe“ im Berliner Dom

NO …

Spirituelle Bambule vom Feinsten! Alle Witze über Justin (Vorname des Dirigenten Doyle) und Biber (Name des Komponisten) sind schon vorab gerissen und jede Lästerung gelästert über den klobigen Berliner Dom, diese Riesen-SUV-Hohenzollern-Bratwurst unter den Kirchen. Jedesmal kommt im Konzertgänger auf der Spreeinsel das Gefühl auf, dass hier vor 12 Jahren das falsche Monstrum abgerissen wurde, und der heimliche Wunsch, der sich ausbreitende Spree-Biber möge mal das Holzgepfähl unter dem Dom anknabbern. Null geistliche Empfindung auch beim Eintreten, dafür stets der Blick auf die vier protestantischen Ersatz-Evangelisten Luther, Melanchthon, Calvin und Zwingli, deren Statuen vorn an der Wand protzen. Was hätte der eifernde Musikverächter Zwingli wohl zu so einem Konzert zu seinen Füßen gesagt?

Doch dass Heinrich Ignaz Franz Bibers Missa Salisburgensis ein packendes Werk ist, machen der RIAS Kammerchor und die Akademie für Alte Musik auch in der schwabbligen Akustik des Berliner Doms deutlich.

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Dreigewittrig: Akademie für Alte Musik pastoralisiert

Pastorale mit Fortbildungsbeilage. Und mehr als das, ein Vergnügen! Die Akademie für Alte Musik Berlin (derzeit übrigens eins von zehn nominierten Ensembles als Gramophone Orchestra of the Year, über das man hier abstimmen kann) kombiniert im Konzerthaus Beethovens bekanntlich keineswegs unverwüstlichen Klassiker mit zwei ähnlich und doch ganz anders gewittrigen Werken von Ignaz Jacob Holzbauer und Justin Heinrich Knecht.

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Lustmonströs: Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ an der Staatsoper

Drei Großbühnenwerke hats, nebst jeder Menge Kammer- und Instrumentaljuwelen, als Hauptereignisse bei den Barocktagen der Staatsoper. Aber sashawaltz-choreografierter Orfeo hin, event-overkillte Rameau-Premiere her: Claudio Monteverdis L’Incoronazione di Poppea in der lustvoll konzentrierten, wohltuend professionellen Regie von Eva-Maria Höckmayr ist die mit Abstand gelungenste der drei Produktionen. Eine Arbeit, an der alles, aber wirklich alles passt. Das macht sie sogar weit über Barock und Linden hinaus zu einer der attraktivsten Angelegenheiten, die man derzeit auf Berliner Opernbühnen erleben kann.

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Metaspektakelig: Wiederaufnahme von Purcells „King Arthur“ an der Staatsoper

Abwesenheit macht Freude. Abwesenheit: Daniel Barenboims Staatskapelle gastiert mit ihrem vor wenigen Tagen in Berlin gespielten Debussy-Programm im noblösen Musikverein Wien, hoffentlich macht sie uns Ehre. Freude: Die Staatsoper Unter den Linden hat daher Vakanz für eine willkommene Wiederbegegnung mit Henry Purcells King Arthur, gespielt von der Akademie für Alte Musik unter René Jacobs. Schon die Erstbegegnung vor einem Jahr, noch im Schillertheater, war ja ausnehmend einnehmend.

Wie schlägt sich die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch im Stammhaus Unter den Linden? Weiterlesen

Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

Immer mal wieder die Lobcanzonetta auf den Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin singen: flauschige Atmosphäre, behagliches Klima, moderate Preise – erstrangige Kammermusik zum Preis einer Kinokarte. Sitzt man auf den Seitenplätzen an der Wand, kann man die Füße ausstrecken. Verwunderung nur bei einigen südländischen Kulturtouristen darüber, dass man am Buffet schon 20 Minuten vor Konzertbeginn nichts mehr zu essen kaufen kann: Alles aus, tut uns leid. Kam das Konzert so überraschend, fiel ein Tasmanischer Vielfraß übers Buffet her, oder rechnete man einfach nicht mit Besuchern?

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Aufatmend: „Johannespassion“ mit Audi Jugendchorakademie und Akademie für Alte Musik

Das ist mal was anderes von der deutschen Autoindustrie als Diesel, Diesel, Diesel: Licht, Luft und freier Atem mit der Audi Jugendchorakademie. Dieses verdienstvolle Projekt hat talentierte junge Sänger nicht nur nach Montréal oder in die Elbphilharmonie (mit Kent Nagano) geführt, sondern nun schon zum vierten Mal mit der Akademie für Alte Musik in die Berliner Gethsemanekirche. Zuletzt vor zwei Jahren mit der h-Moll-Messe – nun gabs Johann Sebastian Bachs Johannespassion. Wieder vorzüglich. Weiterlesen

Nachtspritzig: Akademie für Alte Musik und Queyras spielen Haydn, Boccherini, Pleyel

„Madrid oder London – Hauptsache Wien.“ Von wegen. Die musikalische Vielfalt zur Zeit der Wiener Klassik zwischen 1780 und 1800 deutet dieses Programm der Akademie für Alte Musik mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras im Konzerthaus an – und das, obwohl die Hälfte aus Haydn besteht. Die andere Hälfte sind Boccherini und Pleyel. Ein gar nicht mal spektakulärer, aber aufschlussreicher Ausflug in die Nacht unseres Unwissens.

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Orpheen, anders: Ilya Gringolts und Sunhae Im beim Musikfest

Lohnende Abstecher während der dreiabendigen Monteverdi-Hochgebirgstour mit Gardiner: eine violinistische und eine gesangliche Gipfelbesteigung im Kammermusiksaal. Die Akademie für Alte Musik tritt mit der umwerfenden Sopranistin Sunhae Im auf, der russische Geiger Ilya Gringolts ganz allein mit seiner Guarneri „del Gesù“.  Weiterlesen

Fegend: Akamus, Emmanuelle Haïm, Sandrine Piau mit Rameau und Händel

Wenn Rameau kommt, pfeift’s im Kamin der Musikgeschichte. Rameauneurs nannte man seine von den Lully-Treuen geschmähten Anhänger: Schornsteinfeger (ramoneur). Hat der grandiose Teodor Currentzis deshalb bei seinem Rameau-Projekt so mit der Licht-Metaphorik genervt? Die Akademie für Alte Musik führt jedenfalls im Konzerthaus einen feineren, aber ebenso wirksamen Besen, die Dirigentin Emmanuelle Haïm ist eine famose Oberkehrerin und die Sopranistin Sandrine Piau ohnehin der heißeste Feger auf jedem Dach. Die Anna Magnani des Barockgesangs, hat Alfred Brendel sie genannt, und ein Fan sagt: bestangezogene Sängerin überhaupt.

1024px-Vilhelm_Pedersen,_Hyrdinden_og_Skorstensfejeren,_ubt Weiterlesen

Sehstörung

velazquezSichtbehinderungen sind dem Konzertgänger, im Gegensatz zu Hörstörungen, ziemlich egal.

Aber er verstünde doch, wenn ein ungünstig sitzender Besucher von Henry Purcells King Arthur in der Staatsoper im Schillertheater an dem etwa dreißig Zentimeter hohen Haarturm einer Dame in Reihe 2 Anstoß nähme.

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17.1.2017 – Frostheiß: Purcells „King Arthur“ mit René Jacobs und Akamus

boys_king_arthur_-_n-_c-_wyeth_-_title_pageHenry Purcell kann man an den Füßen in die Luft heben und rütteln, es fällt lauter Gold und Silber aus seinen Taschen.

So macht es René Jacobs, der zwischen und auch unter die Sprechszenen in Purcells Semi-Oper King Arthur, or The British Worthy (1691) weitere Musik dieses Komponisten legt: kunstvolle, strenge Gambenfantasien, gemessen schreitende Pavanen – ein Stück schöner als das andere.

Jedes Jahr übernehmen Jacobs und die Akademie für Alte Musik die Staatsoper, während die Hausherren (ab Donnerstag neunmal in New York) auf Tournee gehen. Weiterlesen