Nachtspritzig: Akademie für Alte Musik und Queyras spielen Haydn, Boccherini, Pleyel

„Madrid oder London – Hauptsache Wien.“ Von wegen. Die musikalische Vielfalt zur Zeit der Wiener Klassik zwischen 1780 und 1800 deutet dieses Programm der Akademie für Alte Musik mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras im Konzerthaus an – und das, obwohl die Hälfte aus Haydn besteht. Die andere Hälfte sind Boccherini und Pleyel. Ein gar nicht mal spektakulärer, aber aufschlussreicher Ausflug in die Nacht unseres Unwissens.

Luigi Boccherinis nachtlautmalerische Musica notturna delle strade di Madrid (ca 1780) mag gerade auf dem Weg zu modernem Klassikerstatus sein – wie andere Bizarrerien, die über unsere Klischeevorstellungen von epochentypischem Klang hinaustönen. Aber es bleibt einem wieder die Spucke weg, wenn am Anfang nur so ein paar helldunkel sich wiederholende Töne ziepen – vulgo die Glocken läuten. Oder wenn die Streicher ihre Instrumente als Bettlergitarren zupfen. Und schließlich die Nachtwache aus der Ferne aufzieht und sich wieder verzieht. Der Große Saal des Konzerthauses ist (zu?) groß für diese Musik, und so klingt sie verhalten und unheimlich. Aber es spritzt einen was Gespenstisches an, und dann macht die ausgelassene Spielfreude des Bettler-Cellisten Jan Freiheit alle nächtlichen Schatten tanzen.

Etwas Verhaltenes hat auch Joseph Haydns Cellokonzert D-Dur Hob. VIIb:2 (1783). Dass das nicht Haydns allerspritzigste Schöpfung ist, diesen Eindruck kann dem Konzertgänger nicht mal der spritzige französische Cellist Jean-Guihen Queyras nehmen, der das Ensemble über Blickbande mit dem Konzertmeister Georg Kallweit antreibt – wenn er sich nicht gerade den Hals verrenkt, um zu den hinter ihm sitzenden Musikern zu schauen. Das ist gesprächig und charmant und licht und witzig und filigran.

Aber was echt spritziger Haydn ist: das zeigt einem mehr noch die Sinfonie Nr. 52 c-Moll Hob. I:52 (ca 1772) am Ende des Konzerts. Voller abrupter Wendungen und Überraschungen und Ruppigkeiten. Ein Satz origineller als der andere bei diesem „mittleren“ Haydn. Springt einen im Menuett nicht Scherzo-Bizarrerie an? Genau zwanzig Musiker sind auf der Bühne, akkurat und feurig. (Auch wenn beim einen oder anderen die Körpersprache gelegentlich etwas verschnarcht wirkt.)

Zwischen den beiden Haydns aber spritzt ein anderes Stück, noch ein Cellokonzert: C-Dur B. 104 von Ignaz Joseph Pleyel (1757-1831), der nach 1790 in London Haydn Konkurrenz machte. Endlich hört man mal Musik zu diesem Namen einer Klavierfabrik und eines Saals!

Und das ist wirklich ein heller Spritzer in der Nacht unseres Nichtwissens. Auch bei erstmaligem Hören entgeht einem zwar nicht die fast schematische Klassischkeit der Form. Aber eben auch nicht das grandios Effektvolle, das bis zum umwerfend witzigen Rondo keine Sekunde langweilt. Auch ein Stück für die Sorte Hörer, die bei Klassik gern mal fragt: Na, wo ist denn da die Melodie?

Na, bei Pleyel. Im Adagio zumal.

Queyras entzückt auch hier mit Witz und Spritz und Wärme und Chärme. Dass ihm doch erstaunlich viele Töne verrutschen, wird seiner Freiheit und Risikofreude geschuldet sein. Vielleicht auch dem Barockbogen und dem stachellosen Cello, keinen Schimmer, wie original das ist, man ist ja nicht vom Fach.

Diese Pleyel-Komposition von 1789 mag nicht gerade mehr Substanz haben als Haydns Cellokonzert, darüber mögen die MuWis richten. Aber als unschuldig entzückter Hörer möchte man schon den Klassikbetrieb fragen, warum ein Gast, der das im Vergleich so pomadige Haydnkonzert schon hundertmal gehört hat, dieses Stück zum ersten Mal hört.

Zugabe das Adagio cantabile aus Haydns 13. Sinfonie D-Dur Hob. I:13, nur Streicher und Solo-Cello. Das ist nun wiederum so sanglich, dass man vor Hörfreude innerlich spritzt.

Nächstes Akamus-Konzert bei den Telemann-Festtagen am 11.3. in Magdeburg. In Berlin am 23.3. die Johannespassion mit der Audi Jugendchorakademie.

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