Sachgemäß: Arditti Quartett spielt Boulez

Unsachgemäße Assoziationen bei dieser Reise ins Äon des musikalischen Erz-Avantgardismus: Hat der Nachkriegs-Serialismus nicht ein bissl was mit dem Nachkriegs-Brutalismus in der Architektur gemeinsam? Werkstoff und Textur sind zwar grundverschieden. Aber beides sind solche Nullpunkt-Dinger, die man fasziniert anstaunt, ohne dass es recht heimelte. In Gegenwart und Zukunft möchte man’s schon gar nicht verlängern. Aber gut, dass es mal da war. Und ist; bloß nicht alles abreißen!

Begrüßenswert also, dass das Arditti Quartett sach- und fachkundig den vervollständigten Livre pour quatuor von Pierre Boulez aufführt, logischerweise im Pierre-Boulez-Saal. Dinosaurier oder Klassiker, fragt sich der Konzertgänger zuvor; und weiß es danach immer noch nicht. Weiterlesen

Mikrosexy: Vogler Quartett und Gäste spielen Brahms, Haydn, Rihm

Mikrotonale Beziehungskiste (Symbolbild)

Vor dem Entfleuchen in den konzertlosen österlichen Arbeitsurlaub mit der Familie noch irgendwo hingehen, wo’s garantiert gut wird: Da ist das Vogler Quartett eine sichere Bank. Bewährte Qualität, aber nie routiniert.

Schön auch das Konzerthaus an einem Samstagabend, wenn im Großen Saal nix gespielt wird. Auf dem Weg hinauf zum Kleinen Saal magische Atmosphäre wie in einem Badeort nach Ende der Saison. Oben wartet Rihm, eingerahmt von Haydn und Brahms. Vor Konzertbeginn unterhalten sich zwei alte Damen über die ehrenamtliche Deutschnachhilfe für einen Flüchtlingsjungen. Das Publikum hier hat neben aller sonstigen auch Herzensbildung. Weiterlesen

Lückenheizend: Nurit Stark und Cédric Pescia spielen Ernest Bloch

Lücken im Repertoire schließen sich in Berlin oft schneller als Baulücken oder Risse im Radnetz. Zum Beispiel dank des Piano Salon Christophori im Wedding, wo die Musiker ihre Instrumente nach vorbeiziehenden Polizeisirenen stimmen können. Und dank außerordentlicher junger Künstler wie Nurit Stark und Cédric Pescia. Die israelische Geigerin und der französisch-schweizerische Pianist spielen nämlich einen ganzen Abend lang nicht Beethoven oder Brahms, sondern ausschließlich Ernest Bloch (1880-1959); nur als Zugabe gibts so eine Art Zen-Nocturne von John Cage.

Donnerwetter.

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Virtuoskindlich: Kopatchinskaja und Leschenko im Boulezsaal

Ein Kessel Buntes, aber nicht Wahlloses im Pierre-Boulez-Saal: explosiv vom knarzenden Knarren im Salonmatsch bis zum schmalzigen Schalk, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weil das enfant terrible Patricia Kopatchinskaja mittlerweile eine prosperierende Fanschar hat (einerseits erfreulich, andererseits bedenklich wegen der lärmigen Begleiterscheinungen wie Johlen und Füßetrappeln nach jedem Stück), hier erstmal ein paar Worte zu ihrer gleichrangigen Partnerin, der wunderbaren Pianistin Polina Leschenko. Weiterlesen

Wehwellig: Robert Helps, Brahms, Bartók bei Spectrum

Spät starten die Spectrum Concerts in die Saison, aber sie tuns, und bessere Kammermusik wird man in Berlin schwerlich finden – selbst wenn der erwartete Höhepunkt gar nicht mal das aufregendste Stück des Abends wird. Ein Nachtstück, ein Herbststück, ein Frühlingsstück im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Starkschwachstark, solovielsaitig: Langes Ultraschall-Wochenende

Großes Bohei um den „Klang“ beim diesjährigen Ultraschall-Festival: Klangerkundungen aller Art, Klangfarben, Klangmischungen … Hat das wirklich mit den bösen Weltumständen zu tun, wie einige Quo-vadis-neue-Musik-Beobachter deuten, mit bewussten oder verängstigten Rückzügen oder Geschrei-opponierenden Widerstandshaltungen? Oder gehts auch eine Nummer kleiner, hats vielleicht mehr mit praktischen Gründen zu tun? Es gibt einige Ensembles mit schrägen Besetzungen, und die verteilen Kompositionsaufträge, und der Komponist muss von was leben, und wenn er für so ungewohnte Mischungen komponiert, liegt das Rumschnüffeln in den Klangmöglichkeiten nahe.

Und daran ist ja auch nix Schlechtes. Weiterlesen

Kopfsinnlich: Trio Catch bei Ultraschall

Kurze, aber frohe Notiz vom Freitag beim Ultraschall-Festival für Neue Musik im Heimathafen Neukölln: Das Hamburger Trio Catch widmet sich der Klarinette und ihren Verwandten Bassklarinette und Bassetthorn. Ein Ensemble, dem Helmut Lachenmann nicht nur klangliche Brillanz und gestalterische Intelligenz bescheinigt, sondern auch unwiderstehliche persönliche Ausstrahlung.

Tatsächlich sehen die drei Musikerinnen auch verdammt gut aus, aber das hat Lachenmann bestimmt nicht gemeint. Nicht Lachenmann!

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Ultraschall (1): GrauSchumacher Piano Duo und LUX:NM im Heimathafen Neukölln

Ultraschall Berlin dürfte das einzige Festival der Welt sein, bei dem das Wetter noch scheußlicher ist als bei der Berlinale. Trotzdem hat der Konzertgänger sich am zweiten Tag des Neue-Musik-Festivals durch Wind & Wetter & Saus & Graus bis Neukölln durchgeschlagen. In der Eiseskälte nagt, wie so oft, der Hader an ihm, was er bisher verpasst hat: Das Eröffnungskonzert mit Heinz Holliger im rbb-Sendesaal. Eine Gelegenheit, zur Geburtstagsfeier der Kunst dieses Berghain zu betreten, von dem alle Amerikaner und Ostfriesen reden. Und Musik für Lupophon (sic) und Kontraforte (nochmal sic) in der HfM.

Aber die beiden Donnerstagabend-Konzerte im Heimathafen Neukölln sind Entschädigung genug. Weiterlesen

Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.

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Oboenrein vielfältig: Ensemble Berlin Prag spielt Zelenka, Isang Yun, Bach, F. Couperin

Isang Yun und Jan Dismas Zelenka im Kammermusiksaal, zwei Komponisten mit der stärksten Sogwirkung überhaupt –  eine glühende Kandidatur für die schönste Kombination des Jahres! Der Konzertgänger hat beide erst in jüngerer Zeit für sich entdeckt: den tschechisch-dresdnerischen Barockkomponisten tippelschwrittweise in den vergangenen Jahren, den deutschkoreanischen Klangdenker und Kulturenverschmelzer im zu Ende gehenden Jahr, in dem Yun hundert geworden wäre.

Beim Weiterentdecken hilft ihm das fünfköpfige, 2011 gegründete Ensemble Berlin Prag auf die Sprünge, Weiterlesen