Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Nachtrund: Quatuor Ebène, Tamestit, Altstaedt spielen Noctürnliches

Genau das richtige Programm, wenn man die vorhergehende Nacht kein Auge zugetan hat, wie der Konzertgänger. Aber nicht deshalb richtig, weil man beim Quatuor Ebène so gut schlafen könnte! Sondern weil man für dieses von nächtlichen Stimmungen und Erlebnissen inspirierte Programm in einer gesegneten Rezeptionssituation ist: Keinen hellen Verstand erfordernden Haydn oder Beethoven oder Brahms gibts im Kammermusiksaal, sondern tiefere Formen von Wachheit – Sciarrino und Dutilleux, Night Bridge und Verklärte Nacht. Weiterlesen

Kombinationssicher: Nils Mönkemeyer und William Youn im Pierre-Boulez-Saal

Die Kombinationen machens, und mehr noch die Kombinationen der Kombinationen. Im Pierre Boulez Saal kombinieren der Bratschist Nils Mönkemeyer und der Pianist William Youn Altes und Neues, Mozart mit Sciarrino, Schubert und Brahms mit Boulanger, Chin, Pintscher. Vor allem aber kombinieren sie die Kombination Viola & Konzertflügel mit der Kombination Viola & Hammerklavier. Lauter Traumkombinationen sind das.

Aber am allerobertraumhaftesten ist die letzte. Mönkemeyers Bratsche und der Hammerflügel vom Bamberger Klavierbauer J.C. Neupert sind genau richtig aufeinander eingetönt. Weiterlesen

Schwer gefasst: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Matan Porat

Allmählich spricht sich auch in unserer ach so aufregenden Weltstadt mit Herz herum, dass das spanische (oder muss man jetzt sagen: katalanische?) Cuarteto Casals eins der aufregendsten, herzergreifendsten, besten Streichquartette der Welt ist. Denn im Vergleich zu seinem letzten Auftritt ist der Kammermusiksaal nicht mehr lediglich halbvoll, sondern nur noch viertelleer. Schwer gefasster Entschluss der Berliner! Ein paar weitere Konzerte auf diesem Niveau, dann quillt der Saal über wie ein gerappeltes Glas. Weiterlesen

Stromfangend: Isang Yun mit dem Gyeonggi Philharmonic Orchestra und Kammermusikern

Wie aufregend, mal eins dieser glanzvoll klingenden asiatischen Orchester mit etwas anderem zu hören als Strauss oder Tschaikowsky! Anlass ist der 100. Geburtstag des deutschkoreanischen Komponisten Isang Yun, dem das Musikfest einen ganzen Tag widmet. Das Gyeonggi Philharmonic Orchestra eröffnet ihn sonntagfrüh im Konzerthaus, später folgt ein Kammermusiknachmittag und ein Yun-Einstieg bei der Saisoneröffnung des Rundfunk-Sinfonieorchesters.

Das Konzert des südkoreanischen Gyeonggi-Orchesters wird zu einem Höhepunkt des Musikfests. Zwei großartige Orchesterwerke von Isang Yun sind die Klammer, innerhalb derer zwei geistesverwandte Komponisten zu hören sind: Ligeti und Hosokawa. Ein kompromissloses Programm, und das ohne Pause, Hut ab! Weiterlesen

Gegengewichtig: Ensemble Musikfabrik mit Saunders, Birtwistle und 15 Solos

Kräftiges zeitgenössisches Gegengewicht zum Alte-Musik-Schwerpunkt des diesjährigen Musikfests mit seiner Monteverdi-Serie: achtzehn Stück neue Musik à 5 bis 90 Minuten in zwei Konzerten des Ensemble Musikfabrik, Samstagabend und Sonntagmorgen im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Orpheen, anders: Ilya Gringolts und Sunhae Im beim Musikfest

Lohnende Abstecher während der dreiabendigen Monteverdi-Hochgebirgstour mit Gardiner: eine violinistische und eine gesangliche Gipfelbesteigung im Kammermusiksaal. Die Akademie für Alte Musik tritt mit der umwerfenden Sopranistin Sunhae Im auf, der russische Geiger Ilya Gringolts ganz allein mit seiner Guarneri „del Gesù“.  Weiterlesen

Nichtsnah, himmelwärts: Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout beim Musikfest

Zur Geigerin Isabelle Faust geht der Konzertgänger stets mit den höchsten Erwartungen. Aber dann werden sie doch jedesmal übertroffen.

Was für eine kunstvolle Programm-Architektur bei Faust und dem Cembalisten Kristian Bezuidenhout. Und das einen Tag, nachdem Barenboim und die Staatskapelle ihre Saison und nebenbei das Musikfest Berlin mit einem Programm eröffneten, wie man es sich schwerer (was das Werk selbst angeht) und zugleich unambitionierter (als Saison- und Festivaleröffnung) nicht vorstellen kann: nämlich Bruckner ohne alles (Tagesspiegel-Kritik).

Nun im Kammermusiksaal Bach plus Frühbarock, fast drei Stunden lang. Welche Zusammenhänge und Kontraste sich da hörend erschließen! Weiterlesen

Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

Franz_Kafka_-_Mann_zwischen_GitternLate-Night-Formate sind die wahren Familienkonzerte: Wenn die braven Kinder schnarchen und auch die Ehefrau holdselig schlummert, dann huscht der unruhige Konzertgänger leise ins Konzerthaus zu György Kurtágs Kafka-Fragmenten. Hoch oben im gold- und glitzerfreien Werner-Otto-Saal, erst blau illuminiert wie ein Weg im Herbst oder ein hoher Traum, später rot wie die Süßigkeit der Trauer und der Liebe — oder aber wie die Jagdhunde im Hof.

Anna Maria Pammer singt, Patricia Kopatchinskaja geigt. Weiterlesen

Odysseus auf dem Fahrrad: Eröffnungswochenende der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

Theo_van_Rysselberghe_-_Springbrunnen_im_Park_Sanssouci_in_Potsdam,_1903,_Neue_Pinakothek_Muenchen-1Potsdam lohnt immer einen Ausflug, aber manchmal besonders. Zum Beispiel zu den Musikfestspielen, die am Wochenende eröffnet wurden: u.a. mit einem kontroversen südafrikanischen Puppen-Monteverdi-Ulisses und einer herrlichen Fahrradtour um 7 Seen durch 24 Konzerte.

IL RITORNO D’ULISSE NELL’OSPEDALE

Nicht aus der weiten mythischen Welt kehrt der Listenreiche, Vielgewandte zu seiner Penelope heim, sondern aus den hoffnungslosen medizinischen Irrfahrten im eigenen Körper: Das scheint der (oder ein) Ansatz zu sein, mit dem der listenreiche, vielgewandte William Kentridge der Oper Il ritorno d’Ulisse in patria von Claudio Monteverdi zu Leibe rückt.

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