Entnachtend

Klavierfreuden in Mendelssohn-Remise und Pianosalon Christophori, John Eliot Gardiner bei den Philharmonikern

Die kleinen Musikorte erholen sich – wie die freien Musiker – mühsamer von der langen Nacht der (wohl noch nicht beendeten) Pandemie, als es große Institutionen und begehrte Stars tun. Eine kleine Klavierrunde führte mich in der vergangenen Woche nordwärts in den Wedding, wo im Pianosalon Christophori an zwei Abenden die jungen Musiker Andrei Gologan und Florian Heinisch spielten, und tags zuvor in die feine Mendelssohn-Remise, unweit vom Gendarmenmarkt. Dort eröffnete gleichzeitig die große Elisabeth Leonskaja eine Schostakowitsch-Hommage, den lang geplanten und nun von kriegerischen Zeitläuften an den Rand des Heiklen geführten Programmschwerpunkt des Konzerthauses. Auf der breiten Freitreppe stimmt dort eine Menschenmenge gutgemeint, aber schwer erträglich ein von beschwingtem Moderator animiertes Lied für den Frieden an.

In der Mendelssohn-Remise hundert Meter östlich ist dagegen eine Duo-Sonate zu hören, die Leoš Janáček 1914 komponierte, im Jahr, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Die Geigerin Judith Ingolfsson und der Pianist Vladimir Stoupel, ein vortrefflich aufeinander eingestimmtes Musikpaar, spielen sie. Das ist gewiss keine pazifistische Musik, stellenweise sogar euphorisch; um dann aber ins Träumende, Dämmernde zu führen. Die a-Moll-Sonate von Schumann führen Ingolfsson/Stoupel dann noch auf, und eingangs ein atmosphärisches Misterioso des anwesenden, auf die 80 zugehenden Krzysztof Meyer. In einer Sonate von Eugène Ysaÿe zeigt Ingolfsson zudem solo ihre stupende Virtuosität; wenn auch niemand weiß, wie man den Namen Ysaÿe richtig ausspricht, weiß sie, wie seine Musik zu klingen hat.

Die Mendelssohn-Remise wird von einer emsigen, dem Augenschein nach nicht allzu jugendlastigen, aber höchst verdienstvollen Gesellschaft getragen: gewiss auch fortan ohne bleibende Schäden über die dunklen Jahre hinaus. Und ist die hell ausgeleuchtete Atmosphäre im Hinterhaus auch eher sachlich und zweckdienlich als romantisch (aber Mendelssohn ist ja der helle Romantiker), überrascht sie immer wieder mit einer vorzüglichen Akustik. Klavierfreundlicher als der (zu) Große Saal im Konzerthaus, möchte man anmerken, wo die große Leonskaja nun spielt, sensationell übrigens, wie später aus zuverlässigen Quellen berichtet wird.

Der Pianosalon Christophori im Wedding, links der Panke, lebt dagegen durch keinen organisierten Verein. sondern durch ein treues Stammpublikum. Gleichwohl, man kämpft derzeit, viele Konzerte sind spärlich besucht. Das ist allerdings auch andernorts so; von der Staatsoper Unter den Linden erhält man gerade wiederholte Einladungen, zwei Rosenkavalier-Karten zum Preis von einer zu erwerben. Für den Pianosalon und die jungen Künstler, die dort auftreten, ist das Problem mit einem derart zaudernden, verunsicherten Publikum natürlich akuter, wenn auch hoffentlich (noch) nicht existenzbedrohend. Aber es ist eben so, für das Konzertpublikum ist die Corona-Pandemie augenscheinlich noch nicht vorbei, so sehr die regierende breitbeinige FDP auch das Ende der Pandemie amtlich beschlossen haben mag. Und vielleicht mehr noch könnte das Bewusstsein fürs unsägliche Leid der von Putins Russland überfallenen Ukraine manchen Musikfreund abhalten, sich kulturell verlustieren zu wollen. Man kann es keinem verdenken. Auch wenn es mir genau andersherum geht: Angesichts des Albtraums würde ich am liebsten jeden Abend Live-Musik hören.

Und es gibt einiges zu verpassen im Pianosalon: Der rumänische Pianist Andrei Gologan begeistert schon mit einer spannenden Programmarchitektur. Drei Phantasien bzw drei Préludes gehen jeweils einer „großen“ Sonate voran. Dabei wirkt die Mozart-Phantasie in d-Moll wie eine Theaterszene, die Gologan eben jetzt erfindet; die Phantasie von Haydn in C-Dur steckt voller Überraschungen, manchmal fast clownesk, während die Kontraste, auch klanglichen Härten in Beethovens g-Moll-Phantasie in ganz andere Dimensionen des persönlichen Ausdrucks führen. In der folgenden A-Dur-Sonate Opus 101 wird die Form der Phantasie dann über alle Grenzen hinweggeführt, und selbst die mächtige Schlussfuge wirkt bei Gologan wie gerade eben spontan erdacht. Bravouröse Darbietung, der dann die gelungene Gegenüberstellung von drei Debussy-Préludes mit der D-Dur-Sonate Opus 24 von George Enescu aus den 1930er Jahren führt. Das ist mal eine aufregende wahrhafte Rarität, zugleich wahrhaft und aufregend gespielt, alles pianistisch sehr reizvoll. Höchstens bleibt die architektonische Frage, was die zwei in sich stimmigen Konzerthälften einander zu sagen haben.

Bei Florian Heinisch trifft Beethoven hingegen auf zwei Bachs: eine schwungvolle Follia von Carl Philipp Emanuel, ein Präludium und eine Fuge aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian. Das kann gar nicht nicht passen zu van B., von dem es erst die E-Dur-Sonate Opus 14,1 und das Andante favori gibt, später die Waldstein-Sonate, in die Heinisch sich mit Wucht und kompromisslosem Tempo hineinwirft. Im Moment arbeitet er auch noch an den Diabelli-Variationen, ist später zu erfahren! Einen reizvollen Gegenpol setzt er mit der bewusst einfachen, sehr sanglichen Zugabe, einem Solidaritätslied für die Ukraine nämlich, das ein australischer Pianist namens Paul Hankinson kürzlich schrieb und ihm schickte. Während Gologan einen Tag zuvor – ebenso spannender Kontrast – ein ursprünglich für Glasharmonika komponiertes Adagio von Mozart zugab. Das funktioniert ganz zauberhaft an dem alten, so sperrigen wie spannenden „unausgeglichenen“ Steinway des Pianosalons, mit dem beide Pianisten sich auseinandersetzen müssen. Oder dürfen. Denn es ist ein unglaublich lebendiges Instrument. Das kann zu Ausschlägen in jede Richtung führen – möglicher Kontrollverlust sowohl im chaotischen als auch im ekstatischen Sinn.

Ekstase durch Perfektion entsteht indessen in der zweiten Wochenhälfte bei den Berliner Philharmonikern, wo John Eliot Gardiner Brahms‘ Schicksalslied nach Hölderlin sowie die Lobgesang-Kantate von Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert. Von den Waffen des Lichts singt betörend der idiomatisch perfekte Monteverdi Choir, den Gardiner mitgebracht hat. Das geschieht, kurz nachdem der Tenor Werner Güra im eindringlichen Rezitativ mehrfach fragte: Hüter, ist die Nacht bald hin? Schließlich antwortet der Sopran erlösend von der Empore. Lucy Crowe ist die zweite Sängerin in einem tollen Solisten-Terzett, das von Ann Hallenberg komplettiert wird. Sehr rührt einen diese mustergültig aufgeführte Musik Mendelssohns, durchdrungen von Bildungsglaube und emphatischem Vertrauen in den menschlichen Geist. Erschütternd wurde dieser Optimismus widerlegt in der mörderischen deutschen Geschichte, erschütternd wird er gerade jetzt wieder verhöhnt. Und doch: Gerade angesichts des Grauens ist diese Musik, deren Credo die menschliche Vernunft ist, von tragischer Größe, in einer solchen vollendeten Aufführung fast unerträglich bewegend.

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