Scharfohrig: Berliner Philharmoniker, Rattle, Sellars mit Leoš Janáčeks „Příhody lišky bystroušky“

Leoš Janáčeks Wald webt nicht, sondern lebt. Hört man seine Oper Příhody lišky bystroušky (was man eher als Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf oder auch Scharfohr übersetzen müsste, nicht Das schlaue Füchslein), hat man den Eindruck, dass Janáček im Gegensatz zu Wagner und anderen teutschen Waldweberomantikern auch mal einen Wald betreten hat. Wie überwältigend und unangenehm zugleich es da flirrt, sirrt, sticht, funkelt, kratzt und knackt, zeigt die Aufführung der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und fantastischen Sängern (sowie einer endfaden Semi-Regie).
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Schwön: Berliner Philharmoniker, Mitsuko Uchida, Amihai Grosz spielen Mozart, Walton, Kodály

William Walton (1902-83) / Quelle: Walton Trust

Das sei aber mal ein Bratschenkonzert, das alle Bratschenklischees vermeide, war neulich bei der Uraufführung eines (übrigens sehr schönen) modernen Bratschenkonzerts zu hören. Was aber sind eigentlich die Legionen von Bratschenkonzerten, die dem Bratschenklischee frönen?

Eine Antwort gibts bei den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, der sich gutgelaunt durch seine Abschiedssaison dirigiert. Und sehr schön ist William Waltons Violakonzert (1929, rev. 1962) übrigens auch. Um nicht zu sagen schwön. Weiterlesen

Beeisschränkt: Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ an der Staatsoper

Bei jeder Leoš Janáček-Oper, die er hört, denkt der Konzertgänger: Diese ist nun wirklich die schönste.

Aber Katja Kabanowa ist nun wirklich die schönste.

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Missbräuchlich: Berlioz‘ „La damnation de Faust“ an der Staatsoper Berlin

Wer schaut sich freiwillig ein Pokalfinale an, wenn er zur selben Zeit mit Hector Berlioz zur Hölle fahren kann? O mérikariu! O mévixé! Mérikariba!, wie es (sehr frei nach Goethe) im finalen Pandämonium von La damnation de Faust heißt. Da schunkeln und walzern die höllischen Heerscharen in so trostloser Pracht, dass auch eine Helene Fischer kein Buh befürchten müsste, nur ein anfeuerndes: Has! Has!

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Und dann wird das in der Staatsoper im Schillertheater noch vom genialen Filmregisseur Terry Gilliam inszeniert! Das muss ja was werden!

Wird auch was: nämlich eine gute Gelegenheit fürs Motto prima la musica. Denn musikalisch ists prima. Weiterlesen

Tinnitusriskant: Berliner Philharmoniker und Rattle spielen Simon Holt und Bruckner

Mal wieder ein Anlauf von Simon Rattle Richtung Bruckner, er scheint es ernst zu meinen. Nächste Saison gehts weiter.

johann_wilhelm-preyer-gemaelde-pflaumeDoch zuerst gibts bei den Berliner Philharmonikern diesmal Surcos des 1958 geborenen Briten Simon Holt. Wie viel bleibt von einem sechsminütigen neuen Stück hängen, wenn danach noch Bruckners Achte folgt? Erstaunlich viel. Emmanuel Pahuds erregte Piccoloflöte über liegenden Streichertönen, die höher und höher steigen und, als sie ganz oben sind, schmerzhaft abbrechen – das wäre ein guter Schluss. Ist aber gut, dass es noch weitergeht, erstaunlich viele Klang- und Ausdruckssphären in so einem kurzen Stück, eindrückliches Harfentrio. Hell im Klang, düster in der Stimmung: licht depressiv.

Mit dem degoutanten Etikett Appetithappen (Simon Rattle) scheint das unterbewertet, man hätte es gern gleich nochmal gehört. Weiterlesen

17.2.2017 – Aporkalüptisch: Simon Rattle & Berliner Philharmoniker spielen Ligetis „Le Grand Macabre“

Go, Hauptwerke des 20. Jahrhunderts, go! Eine Woche nach dem Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja führen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle schon wieder György Ligeti auf: die Oper Le Grand Macabre, als von Peter Sellars inszeniertes Konzert. Diese durchgeknallte Anti-Anti-Oper über den abgeranzten Untergangspropheten Nekrotzar im Breughelland passt natürlich bestens ins Jahr 2017, da ein miserabel getarnter Nekrotzar II gerade „mächtigster Mann der Welt“ spielt. Steht zu hoffen, dass der Abklatsch im Weißen Haus wie sein Ligeti-Vorbild bald vor Ärger einschrumpft und, sich hin und her kugelnd, im Boden versickert.

bruegel-deathLe Grand Macabre, 1978 entstanden, 1996 operngemäß überarbeitet (manche sagen geglättet), mag ein Werk für die Ewigkeit sein. Aber die Brillanz einiger Einfälle scheint doch ein Verfallsdatum zu haben, der Witz der konzertierenden Autohupen und Klingeln hat sich schnell abgenutzt. Insgesamt jedoch entwickelt Le Grand Macabre einen erstaunlich aggressiven und direkten Drive. Weiterlesen

11.2.2017 – Ohrend, herzend: Berliner Philharmoniker, Rattle, Kopatchinskaja spielen Ligeti, Rihm, Mahler

mahler_gustav4Diesmal kann kein Nörgler sich beschweren, die Programme der Berliner Philharmoniker wären zu seicht: Hier stellt der großartige, der unsterbliche György Ligeti nicht nur Rihm (und Boulez) in den Schatten, sondern selbst Gustav Mahler, dessen 4. Sinfonie G-Dur nach der Pause natürlich der planmäßige Höhepunkt des Konzerts sein sollte.

Und ist auch keineswegs missglückt. Den ersten Satz gehen die Philharmoniker unter Simon Rattle zwar nicht gerade Bedächtig an, nicht subtil abgründig. Stattdessen heizt der glöckchenklingende Schlitten von Beginn an unter Hochdruck dem Abgrund entgegen. Die gemächliche Bewegung des zweiten Satzes ohne Hast scheint voller sehr giftiger Spitzen, am wärmsten klingt paradoxerweise die um einen Ganzton höhergestimmte Solovioline von Daniel Stabrawa.

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26.1.2017 – Passioniert: John Adams‘ „The Gospel According to the Other Mary“ mit Berliner Philharmonikern und Simon Rattle

Das ist sehr anstrengend, völlig überfrachtet, stellenweise peinlich – aber hat eine Wucht, dass es gewiss der Höhepunkt der Residency ist, die der amerikanische Komponist John Adams diese Saison bei den Berliner Philharmonikern innehat. Und: Definitiv ist der Musikdramatiker Adams viel stärker als der Violinkonzertkomponist Adams, der im Herbst zu erleben war.

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10.12.2016 – Schallend, verhallend: Berliner Philharmoniker, Thielemann, Kremer mit Gubaidulina und Bruckner. Rattle und Hannigan mit Grisey

Das interessante Programm, das die Berliner Philharmoniker unter Christian Thielemann (mehr dazu unten) dreimal gespielt haben, wird am Samstagabend durch das anschließende Late-Night-Konzert mit Simon Rattle, Barbara Hannigan und einem 15köpfigen Ensemble aus Philharmonikern und Gästen außergewöhnlich kontrapunktiert: Vier ergreifende Meditationen über den Tod sind Quatre chantes pour franchir le seuil, die der französische Komponist Gérard Grisey (1946-98) kurz vor seinem Tod komponierte. Ein leises Reiben auf der Großen Trommel ist vor und zwischen den Stücken zu hören, oder eben kaum zu hören, und da meint der (Nicht-)Hörer sein eigenes Atmen zu vernehmen, fassungslos vor der unbegreifbaren Grenze.

Doré_-_Styx.jpg Weiterlesen

8.10.2016 – Oper bizarr: Tristan im Multiplex

Was tut ein Konzertgänger, der alles gehört, gesehen, gerochen, geschmeckt und gespürt hat? In Zeiten, da alle Achttausender bestiegen, alle Pole durchwandert und alle Tiefen ertaucht sind? Er schaut sich Tristan und Isolde im Multiplexkino an. Live aus der Metropolitan Opera New York ins CineStar im Sony-Center.

ticket_unseparated_kurkino-berchtesgadenDie Warteschlange am Einlass ist länger und die Getränke sind teurer als an der Deutschen Oper, die Toiletten zumindest gleich grindig. Dafür sitzt man bequemer (wenn auch nicht so bequem wie im Sessel am heimischen CD-Spieler). Zwischen den Akten könnte man in den Nachbarsaal zu Finding Dorie flüchten. Weiterlesen