Starkschwachstark, solovielsaitig: Langes Ultraschall-Wochenende

Großes Bohei um den „Klang“ beim diesjährigen Ultraschall-Festival: Klangerkundungen aller Art, Klangfarben, Klangmischungen … Hat das wirklich mit den bösen Weltumständen zu tun, wie einige Quo-vadis-neue-Musik-Beobachter deuten, mit bewussten oder verängstigten Rückzügen oder Geschrei-opponierenden Widerstandshaltungen? Oder gehts auch eine Nummer kleiner, hats vielleicht mehr mit praktischen Gründen zu tun? Es gibt einige Ensembles mit schrägen Besetzungen, und die verteilen Kompositionsaufträge, und der Komponist muss von was leben, und wenn er für so ungewohnte Mischungen komponiert, liegt das Rumschnüffeln in den Klangmöglichkeiten nahe.

Und daran ist ja auch nix Schlechtes. Weiterlesen

13.11.2015 – Agogisch: Mandelring-Quartett wird Mendelssohn-Quintett

Featured imageIron Man auf Hawaii? 144-Stunden-Rave im Berghain? Für Weicheier. Wer wirklich hart ist, geht zur Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Challenge des Mandelring Quartetts. Bevor am Samstag sämtliche Streichquartette erklingen, gibt es am Freitag als Horsd’œuvre zwei Streichquintette: Der ausscheidende Bratscher Roland Glassl und sein Nachfolger Andreas Willwohl spielen gemeinsam mit. Erwartungsvolle Stimmung im Radialsystem, auch zähe Entschlossenheit: Wirklich sechs Streichquartette morgen? fragt ein Mann. Nein, antwortet sein Begleiter, sieben. Ein Junge im Grundschulalter trinkt in der Pause fritz-kola (der Konzertgänger, wiewohl im besten Mannesalter, würde das mit Schlaflosigkeit bis zum Morgengrauen bezahlen).

Mendelssohns spätes 2. Streichquintett B-Dur op.87 (1845), das nach der Pause gespielt wird, erinnert mit seinem unwiderstehlichen Tremolo-Beginn an das Violinkonzert. Jeder einzelne Mandelringianer, denkt man, könnte gut als Solist dieses großen Konzerts brillieren (nun gut, außer dem Cellisten). Dass ein Quartett bzw Quintett mehr ist als die Summe seiner Teile, beweist das vollendete Zusammenspiel, das seinen Höhepunkt im Adagio e lento erreicht: das Gegenteil klassizistischer Glätte, ein aufwühlender Trauergesang, schmerzhaft ausdrucksvoll gespielt mit fahlen Bratschen-Doppelgriff-Einwürfen, dann wieder in weiche Dur-Passagen sich erhebend. Das Finale spielen die fünf so intensiv, dass es alles andere als leichtgewichtig klingt, wie Mendelssohn selbst es empfand.

Vor der Pause gab es das frühe 1. Streichquartett A-Dur op. 18 (1826), das Werk eines 17jährigen, hochbegabt ist kein Ausdruck dafür. Das aufsteigende Thema ist so hübsch, dass man es sich seine zahllosen Wiederholungen gern anhört, zumal wenn sie so tranlos gespielt werden wie hier. Origineller als die Rahmensätze sind die beiden Mittelsätze, das Intermezzo und das rasante Scherzo, ohne Altklugheit fugiert und vom Mandelring Quintett superpräzise und perfekt abgestuft gespielt. Spätestens im 4. Satz bedauert der Konzertgänger, dass seine Kinder nicht dabei sind, er würde ihnen gern zurufen: Höre, Tochter, dies ist ein schöner Strich! Höre, Sohn, dies ist Agogik!

Was klingt schöner als eine Bratsche? fragt der neue Mandelringianer Andreas Willwohl im Pausengespräch und gibt selbst die Antwort: Zwei Bratschen.

Samstagabend also: Sieben Streichquartette.

Zum Konzert

Zur Startseite des Blogs