Großkopfert: „Hänsel und Gretel“ an der Staatsoper Unter den Linden

Na endlich ist die Staatsoper Unter den Linden, nachdem sie schon im Oktober wiedereröffnet und gleich wieder zugemacht wurde, wirklich offen. Am ersten Weihnachtsfeiertag schaut der Konzertgänger sich die Neuinszenierung von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel an, gemeinsam mit dem Konzertgängerkind – obwohl das nicht gern in Kinderopern geht, weil es in Kinderopern immer so laut ist. Aber 1. sind in Kinderopern immer die Erwachsenen am lautesten, nicht die Kinder, und 2. ist Hänsel und Gretel ja keine Kinderoper. Auch wenn sie aus einem Kinderspiel entstand und die Grässlichkeiten von Grimms Horrormärchen ziemlich abmildert und Kaiser Willem Zwo persönlich befand, das Werk sei für Kinder ganz besonders geeignet, man könnte ganz „unbesorgt“ seine Kinder hineinschicken (Humperdinck an seine Frau, 14.10.1894). Weiterlesen

Labyrinthesk: Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden mit Daniel Barenboim und Maurizio Pollini

Vielleicht das Schönste: Das erste Abokonzert in der vortags mit Pomp & Schmackes wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden fühlt sich nicht an wie eine zweite Pomp & Schmackes-Wiedereröffnungs-Sause. Sondern wie ein Abokonzert. Gut so, Kunst als Alltag, nicht als Staatsaffäre.

Natürlich schaut man sich dennoch vorher neugierig um. Tritt vorsichtig auf und traut sich gar nicht, irgendwohin zu fassen, nachdem man das mit den 400 Millionen gelesen hat. Nicht dass man achtlos irgendwohin patscht, und schon ist sie wieder weg, diese halbe Sekunde Extra-Nachhall! Über die das halbe Land sich mokiert, die aber für einen Musikliebhaber die Welt bedeutet. Weiterlesen

Parsifal und Martha, Hanswurst und Harlequin: Zur Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden

Vorletzte Herrichtung der Staatsoper, 1951       (Quelle deutsche-digitale-bibliothek.de)

Die Frist ist um. Und für Berliner Verhältnisse sogar fristgerecht! Denn eine Verzögerung von drei Jahren gilt in Berlin als überpünktlich. So wird ab dem 3. Oktober 2017 die Musik wieder an der rundum sanierten Heimat der Staatsoper Unter den Linden abheben. Kein Volksentscheid Schillertheater muss den Betrieb im liebgewonnenen Charlottenburger Ausweichquartier bis zum Sankt-Nimmerleinstag verlängern. Und was bedeutet schon ein siebenjähriges Exil angesichts einer jahrhundertelangen Geschichte?

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5.6.2016 – Being Barenboim: Vom Geburtstagskonzert für Martha Argerich zu Martinůs „Juliette“ in der Staatsoper

Einmal auf Daniel Barenboims Spuren wandeln, nein rasen: 15 Uhr Geburtstagskonzert für Martha Argerich in der Philharmonie, 19.30 Uhr Bohuslav Martinůs Juliette in der Staatsoper. Mit dem Fahrrad kommt man sogar schneller rüber als der Maestro in der Limousine. Zumal wenn im Tiergarten ADFC-Sternfahrt ist. Vielleicht trudeln deshalb viele Besucher bei

Martha Argerichs Geburtstagskonzert

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in der proppenvollen Philharmonie erst ein, als die Jubilarin und Barenboim mit Mozarts Sonate für 2 Klaviere D-Dur KV 448 schon fertig sind. Ärgerlich bei Kartenpreisen bis 220 Euro, andererseits fließen ohnehin alle Einnahmen einem guten Zweck zu, dem BER der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden.

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3.4.2016 – Zarenbot und -braut an der Staatsoper

Grandiose Sänger und, wie’s sich in der Oper gehört, vor allem Sängerinnen (Marina Prudenskaya, Elena Tsallagova). Die Staatskapelle in Bestform. Ein melodramatischer Opernschinken, der sich vor anderen Opernschinken weder in puncto Leidenschaft noch in puncto Liebestrankkokolores zu verstecken braucht. Und eine Inszenierung mit Internet und Digitalpipapo, die nicht nervt, sondern bezwingend plausibel ist – da bleibt nur die Frage offen, warum Nikolai Rimsky-Korsakows Zarenbraut nicht auch außerhalb Russlands längst zum Repertoire gehört. Die beeindruckende Wiederaufnahme an der Staatsoper tut ihr Bestes, damit sich das ändert – im April noch dreimal zu erleben.

Meine ausführliche Rezension diesmal bei Bachtrack (mit schönen Fotos von Sängern und noch schöneren von Sängerinnen, allerdings nicht denen, die gesungen haben).

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4. Juli 2015 – Melancholisch: ‚When I Am Laid in Earth‘ in der Staatsoper

Wer bleibt freiwillig im Strandbad, wenn man in der Staatsoper Musik von Sciarrino und Purcell hören kann? Und zwar unter dem einladend morbiden Titel When I am laid in earth! In einer idealen Welt müsste es lange Schlangen geben statt eines gähnend leeren Saals – dabei ist ein zweiter Konzerttermin (offiziell aus dispositionellen Gründen) kurzerhand gestrichen worden. Aber nichts Bildungsschnöseliges gegen Strandbadbesucher, man könnte bei 38°C auch Schlimmeres tun, etwa zu Helene Fischer ins Olympiastadion gehen oder zum AfD-Parteitag nach Essen fahren.

So trifft sich zum Stelldichein von Barock und Gegenwart ein harter Kern von Musikfreunden, die Härtesten sogar im Jackett (ein Kulturradio-Redakteur). Die Musiker der Staatskapelle (fürs Neue, links) und des Freiburger BarockConsort inkl. Hille Perl (fürs Alte, rechts) erscheinen alle langärmlig, nur der coole Langhalslautenist Lee Santana zeigt Elle.

Featured imageDas vielversprechende Konzept des Abends, englische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts im Wechsel mit Gegenwartskompositionen, die auf diese Ahnen Bezug nehmen, geht zum Teil auf. Den Liedern und Arien von Henry Purcell, allen voran natürlich Didos Todes-Arie When I Am Laid in Earth, von Dorothee Mields ganz wunderbar gesungen, möchte man ewig zuhören; und noch ewiger den Suiten von William Lawes und Matthew Locke. Herrlich ist der Schreittanz The Image of Melancholy von Anthony Holborne (1545-1602): Da denkt der Konzertgänger, er hätte gern im 16. Jahrhundert mit seiner posenhaften Melancholie gelebt. Hätte er in den endlosen Stunden seiner Pubertät diese berückende Musik gehört! Dann wäre alles besser gewesen! (Hier ein Youtube-Link.)

Einen ähnlichen Sog entwickeln die neuen Stücke nicht. Einerseits, weil einige Alte-Musik-Freunde die Novitäten als Gelegenheit zum kräftigen Abhusten erachten; andererseits weil die neuen Stücke so miniaturhaft sind, dass sie teilweise vorüberhuschen, ohne nachhaltige Wirkung zu entfalten – obwohl sie in ihrem noblen und leisen Klang gut zu den alten Engländern passen. In nomine nominis ist für Salvatore Sciarrinos Verhältnisse geradezu wuchtig, aber der einzigartige Sciarrino-Sound entfaltet sich über längere Distanzen viel eindrücklicher. requiescat in pace von Claus-Steffen Mahnkopf ist ein sehr leises Stück voll stumpfer Glockenschläge mit einem sehr lauten, fast anmaßenden Untertitel (In memorian victimarum christianitatis). Erst Klaus Hubers Ricercare il nome mit seinen langen, schreitenden, tastenden und suchenden Tönen besteht gegenüber den Altmeistern.

Nur einmal treffen sich Barock und Gegenwart direkt: In Gérard Pessons behutsamer Überschreibung von Thomas Tallis. Mit dieser instrumentation colorée rückt diese alte Musik in faszinierend nahe Ferne.

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