„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: SIEGFRIED

Wonneproppen zeugen im Wintermond

Schade, dass Wagner-Heldinnen niemals Kinder bekommen, wie Nietzsche feststellte (Sieglinde hatte er wohl übersehen). Denn ansonsten könnten Iréne Theorin und Andreas Schager, die Brünnhilde und der Titelheld im SIEGFRIED, glatt die Übermenschenstimme zeugen. Die beiden bringen die Mauern der Staatsoper Unter den Linden kräftig zum Wackeln, noch vor der Götterdämmerung, mit der diese allzu nuschelige Ring des Nibelungen-Inszenierung von Guy Cassiers dann wohlverdiente Geschichte sein wird.

Gegen Iréne Theorins Brünnhilde, die bekanntlich erst im dritten Aufzug des Siegfried wieder erwacht, könnte man Einwände erheben: Man versteht nicht ein einziges Wort, und ihr Monstervibrato klingt wie aus einem anderen Zeitalter, fast an der Grenze zur Persiflage. Nur klingt es halt so schön und dramatisch und wahr, dass jeder Einwand zugrunde geht. Der Siegfried von Andreas Schager hingegen besticht mit immer wortgenau verständlicher Stimmführung selbst im Poltern und Dröhnen. Sein Siegfried ist eben mehr als ein optimaler Vokalmuskeldepp. Zwar ist der berühmt-berüchtigte Sehrlautschager auch immer wieder mal dabei, auch im dritten Aufzug; aber nie entgleist das. Schager ist nicht nur ein Naturwunder, sondern auch ein Wunder an Stimmkultur. Hört man ihn regelmäßig, wirkt er als Gestalter jedesmal interessanter. Hier begegnet er immer wieder auch als grandioser Komiker, und vor allem rühren seine persönlichen, verletzlichen Töne – im zweiten Akt zumal, wenn Siegfried an seine tote Mutter denkt. Sowas macht ja die verstähltesten Buben weich.

Der dritte Aufzug des Siegfried ist ja ein Phänomen, diese (nach jahrelanger Unterbrechung der Komposition) auf einmal mit Tristan- und auch Meistersinger-Klängen verzauberte Ring-Musik. Ist das nicht der schönste Akt des ganzen Zyklus?

Und ausgerechnet den verpasst jenes ältere, spanischsprachige Touristenpaar, das im ersten Aufzug noch neben dem Konzertgänger saß, aber nach der Pause nicht wieder auftaucht. Vielleicht war dieser erste Siegfried-Akt ja der erste Wagner-Akt der beiden überhaupt, und falls das so sein sollte, wird es wohl auch der letzte Wagner-Akt ihres Lebens gewesen sein. Denn mit diesem frauenlosen Männerstimmenwumms Siegfried I haben sie natürlich den herbestmöglichen Wagner-Einstieg überhaupt erwischt, der leicht zum direkten Wagner-Wiederausstieg wird.

(Man beachte das Schuhwerk!)

Frauenstimmen wären dann ja noch gefolgt, mit Verzögerung: Im zweiten Akt das Waldvögelchen (die ungünstig verstärkte Serena Sáenz klingt eher nach mächtiger Sirene als lieblich schillerndem Kehlchen) und im dritten, vor Brünnhildes Wiedererwachen, die zufriedenstellende Erda von Anna Larsson. Aber bereits im ersten Akt könnte Schagers potenter Siegfried mit Stephan Rügamers Mime, warum denn nicht, eine tolle Stimme zeugen: der Gestaltungswitz von Rügamer (der im Rheingold als Loge begeisterte) gekreuzt mit Schagers stimmlichen Möglichkeiten, das wär was.

Betritt aber erst Michael Volle als The Wanderer (formerly known as Wotan) die Bühne, flutet ein stimmlicher Farbenrausch den Saal. An diesem Bassbariton, hier oft getragen von erlesenem Blech, kann man sich gar nicht satthören. Selbst nicht in diesem wahrlich nicht zu kurzen Frage-und-Antwort-Ritornell mit Mime im ersten Akt. Und schon gar nicht in den Konfrontationen mit Jochen Schmeckenbechers Alberich und Falk Struckmanns Fafner, zwei Rollen, die man sich kaum besser und markanter besetzt denken kann. Dass Volles Obergott sich nach der Begegnung mit dem speerzerschlagenden Enkelflegel aus dem Ring verabschiedet, ist angesichts von Volles Kunst ein kaum zu verknusender Verlust.

Immerhin bleibt der Staatsopern-Wotan Daniel Barenboim bis zum Weltuntergang an Deck. Die Staatskapelle ist wiederum berückend, voll dramatischem Schwung, mit konzisem Stop & Go. Zuckende Streicher, als Mime erschaudert, zwitscherndes und zullendes Holz, drachiges und göttliches und fluchiges Blech. Hört man aber zu Beginn des Abends dieses tiefe Knarzen, dann ist man sicher, dass das Siegfried-Vorspiel das aufregendste des ganzen Rings ist.

Die Inszenierung von Guy Cassiers, die in drei Tagen entsorgt wird, ist weiterhin des Hinsehens nicht wert. Monotones Dauerflimmern, elende Rumsteherei; Fafner wird von geschwenkten Tüchern dargestellt wie in einer Kindergarten-Aufführung, Purzelbaum schlagende Tänzer markieren den Tarnhelm. Und geht das Licht nach vielen schummrigen Viertelstunden mal an, denkt man, schummrig wars besser, denn der Wanderer sieht aus wie der Waschbärsuppe essende Kakman aus Bibi & Tina 3.

Heftige Bild-Klang-Schere also wieder. Klingt phantastisch. Sonntag Götterdämmerung, bleiben Sie doch dran hier. Runterrollen zum Blog-Abonnieren, wenn Sie mögen. Und bis dahin: Mein Bericht von Rheingold und Walküre. Und ein Bericht über den Siegfried bei Herrn Schlatz.

Nachtrag: Hier auch alles zur „Götterdämmerung“

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Ein Gedanke zu „„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: SIEGFRIED

  1. Interessant, wie gegensätzlich bisweilen gehört wird. Ich fand bei beiden Vorstellungen den ersten Akt am interessantesten und den 3. seltsam überinstrumentiert.

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