Fein- bis überdimensioniert: Vladimir Jurowski beim RSB mit Isang Yun, Schönberg, Nono und Gustav van Beethoven

Verdient auch mal festgehalten zu werden: Von allen Berliner Orchester liefert allein das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen nennenswerten Beitrag zu einem der diesjährigen Themenschwerpunkte des Musikfests: Neben „Monteverdi 450“ ist das nämlich Isang Yun 100. Mit einem bedeutenden Werk des deutschkoreanischen Komponisten (1917-1995) eröffnet das RSB sein Konzert in der Philharmonie: und zwar nicht irgendeins, sondern sein Saisoneröffnungkonzert und das Antrittskonzert seines neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski. Es ist der Abschluss eines Isang Yun gewidmeten Tages und zugleich das Eingangstor zu einer wüst-genialen Programmmischung, wie Jurowski sie offenbar liebt: von Arnold Nono bis zu Gustav van Beethoven. Dafür muss man Jurowski zurücklieben. Weiterlesen

Stromfangend: Isang Yun mit dem Gyeonggi Philharmonic Orchestra und Kammermusikern

Wie aufregend, mal eins dieser glanzvoll klingenden asiatischen Orchester mit etwas anderem zu hören als Strauss oder Tschaikowsky! Anlass ist der 100. Geburtstag des deutschkoreanischen Komponisten Isang Yun, dem das Musikfest einen ganzen Tag widmet. Das Gyeonggi Philharmonic Orchestra eröffnet ihn sonntagfrüh im Konzerthaus, später folgt ein Kammermusiknachmittag und ein Yun-Einstieg bei der Saisoneröffnung des Rundfunk-Sinfonieorchesters.

Das Konzert des südkoreanischen Gyeonggi-Orchesters wird zu einem Höhepunkt des Musikfests. Zwei großartige Orchesterwerke von Isang Yun sind die Klammer, innerhalb derer zwei geistesverwandte Komponisten zu hören sind: Ligeti und Hosokawa. Ein kompromissloses Programm, und das ohne Pause, Hut ab! Weiterlesen

Kreisquadratisch, überzeugwältigend: RIAS Kammerchor, Capella de la Torre, Justin Doyle mit 2x Monteverdi

Abschluss, vielleicht sogar heimlicher Höhepunkt des Claudio Monteverdi-Bogens beim diesjährigen Musikfest: Nach den drei Opern unter John Eliot Gardiner (mehr dazu und noch mehr) setzt es Geistliches im Doppelpack im Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Justin Doyle beim RIAS Kammerchor. Vor der unsterblichen Marienvesper gibts nämlich endlich mal den selten aufgeführten Hauptteil von Monteverdis gescheitertem Bewerbungsschreiben beim Papst zu hören, die Missa „In illo tempore“.

Die rangierte im Druck von 1610 vor der berühmten Marienvesper, die sich auf dem Titelbild nur im Kleingedruckten findet (ac Vespere pluribus decantandae). Während die Vesper ein Sammelsurium der verschiedensten modernen Stile ist, sollte die Missa Monteverdis Kompetenz im streng polyphonen Altväterstil beweisen. Weiterlesen

Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

Berlin, wir müssen reden: Dieser Hammer-Bruckner der Berliner Philharmoniker ist nicht ausverkauft. Was geht schief in dir, Berlin?

Liegts am Bruckner vorangestellten Programm?

Der Zusammenhang von Hans Pfitzners Drei Palestrina-Vorspielen (1912-15) zu den thematischen Schwerpunkten „Monteverdi / Italien“ des Musikfests ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber so schön und kenntnisreich gespielt lässt man sich auch den ollen Pfitzner gefallen, rückwärtsgewandt hin oder her. Auch wenn man Pfitzner nicht ins Herz schließt. Weiterlesen

Wahrhaft schön: Scala-Orchester spielt Brahms und Verdi

Gelinde Enttäuschungen im sonst starken Musikfest-Jahrgang 2017: Nach dem mauen Auftritt des Concertgebouw will auch beim Gastspiel der Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly keine rechte Begeisterung aufkommen. Dabei klingt alles wahrhaft schön. Aber auch schön wahrhaft? Beim Konzertgänger stellen sich Zweifel ein: vor der Pause an der Interpretation, nach der Pause an einem Teil der Werke und mehr noch an ihrer Zusammenstellung. Weiterlesen

Flüchtig: Konzerthausorchester, Iván Fischer und Gustav Mahler spielen Gustav Mahler

Séance in der Philharmonie! Nicht nur das Konzerthausorchester verirrt sich beim Musikfest an diesen ungewohnten Ort, sondern Gustav Mahlers Geist erscheint höchstpersönlich. Und er findet sich dort schneller zurecht als Dirigent Iván Fischer, den man neulich bei Gardiners Poppea orientierungslos herumsuchen sah, bis das Personal ihn an seinen Platz in Block A führte. Gustav Mahler aber findet ohne Probleme den Steinway-Flügel, der für ihn vor dem wartenden Orchester aufgebaut ist. Weiterlesen

Segnend: SWR Symphonieorchester spielt Mark Andre und Luigi Nono

Neunmalschräge Programmgestaltung des SWR Symphonieorchesters beim Musikfest Berlin: von Renaissance-Madrigalen über einen romantischen Nachtfetzen bis zu einem seriellen Klassiker und einer kaum zu hörenden Jenseitssuche.

Auch wenn das Konzept nicht ganz aufgeht, wirds ein gesegnetes Konzert, weil zwei fesselnde Werke dabei sind. Mark Andre und Luigi Nono.

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Gegengewichtig: Ensemble Musikfabrik mit Saunders, Birtwistle und 15 Solos

Kräftiges zeitgenössisches Gegengewicht zum Alte-Musik-Schwerpunkt des diesjährigen Musikfests mit seiner Monteverdi-Serie: achtzehn Stück neue Musik à 5 bis 90 Minuten in zwei Konzerten des Ensemble Musikfabrik, Samstagabend und Sonntagmorgen im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Weh: Konzerthaus-Saisoneröffnung mit Iván Fischer und Cameron Carpenter

Einiges tut weh bei dieser Saisoneröffnung im Konzerthaus Berlin. Zum Glück überwiegt das wohlige Weh.

Aber vor Mahlers Fünfter mit dem Konzerthausorchester gibt es erstmal Cameron Carpenter zu bestaunen, den Organisten, der Patricia Kopatchinskajas Nachfolge als Artist in Residence antritt. Zwangsvorstellung des Konzertgängers: dass bei Johann Sebastian Bach, als er in einer Leipziger Probe vor Ärger seine Perücke herunterriss und darauf herumtrampelte, eine ähnliche Haarbürste zum Vorschein käme wie auf Carpenters Kopf. Weiterlesen

Bittschreiend: Teodor Currentzis und MusicAeterna mit Mozarts Requiem und Chormusik aus 1000 Jahren

Ein Konzert so berührend, dass es kaum zu ertragen ist. Ein Konzert, das Glauben sucht und Gott anschreit.

Ob es den Hörer auf die Palme bringt oder zu sich selbst, ihn belästigt oder erleuchtet, hängt sicher von dessen Persönlichkeit ab. Das beginnt schon beim Einzug des Chorus MusicAeterna, der schwarzgewandet und Kerzen tragend die abgedunkelte Philharmonie betritt. Dort bildet er einen Kreis um Teodor Currentzis, der mit ausladenden Wischbewegungen dirigiert: halb Magier, halb Touchpad-Benutzer. Sektenartig findet eine kluge Bekannte des Konzertgängers das alles. Weiterlesen