Entstrickend: Brahms zum Ersten

Brahms-Versteher (1)

Ein besonderer, und nicht der geringste, Reiz an der Reihe Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters sind die raffinierten Programmkonstruktionen rund um die vier Sinfonien. Nur der Vorlauf zur 1. Sinfonie wäre mit Robert Schumann (und Igor Levit) fast standardiger als die Wiener Originalithäts-Policey erlaubt – gäbe es nicht zuvor eine exquisite Heinrich Schütz-Psalmodie mit dem RIAS Kammerchor. Erfreulicherweise wird sich aber zeigen, dass der Abend selbst ohne diese originelle (und sehr willkommene) Prä-Exquise, allein mit SchuBra, imposant wäre. Für den Konzertgänger wirds das beste Konzert, das er bisher mit dem DSO-Chef Robin Ticciati erlebt hat.

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Brahms-Perspektiven zum Nullten

Schräger, lustiger, nerviger, ansteckender, am Ende umjubelter Aufgalopp zum Brahmsfestival des Deutschen Symphonie-Orchesters: Drei Ensembles verwursten die 3. Sinfonie zu einer „Klangpörformänz auf Basis von“. Statthaben tut die Chose im Weißenseer Theater im Delphi, dem Moka Efti aus der vielbekakelten Babylon Berlin-Serie, die auf mehreres Nachfragen hin ja doch nicht so dolle sein soll, so dass man vielleicht Lebenszeit gewonnen hat, wenn man sie verpasst hat. Wie stehts nun mit Gewinn und Verlust von Lebenszeit bei diesem Konzert?

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Südrosig: Wiener Philharmoniker mit Welser-Möst spielen Brahms

Sympathischer Trigger, das Zitat des Wiener Philharmoniker-Gründers Otto Nicolai ins Programmheft zu drucken, demzufolge im Wiener einfach mehr musikalisches Blut sei als im Berliner, der Süden halt mehr Talent habe. Der Halbsatz davor verleiht dem Satz freilich den Ruch des Obskuren: In Berlin ist wohl mehr Ordnung… So ändern sich die Zeiten. Aber ganz unmusikalisch sind die südlichen Philharmoniker dennoch nicht geworden. Das beweist auch ihr rosiges Johannes Brahms-Programm mit Franz Welser-Möst. Es läutet das Abschlusswochenende der Wiener-Hommage im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ein.

Der Wien-Besuch bringt also zwei Auftritte berühmter, aber in Berlin recht seltener Dirigenten mit sich. Weiterlesen

Feenbärtig: KHO, Fischer, Schiff kündigen die Wiener an

Brahms (links) und Schubert (rechts)?

Konzert mit Verwien-Aroma™: Sind, adventlich metaphert, die Wiener Philharmoniker in der ihnen gewidmeten Hommage im Berliner Konzerthaus das Christkind, so ist das gastgebende Konzerthausorchester das Johannestäuferlein, mit Iván Fischer als Zacharias und András Schiff als Elisabeth (vgl. Lukas Kapitel 1). Lediglich auf dem Papier droht dem Eröffnungsprogramm der Wiener-Hommage bedenkliche Schieflage, weil im ersten Teil einmal Fettiges und einmal Gewichtiges sitzt, im zweiten Teil dann jugendlich Schwungvolles. Aber Dirigent Iván Fischer wuppt alles ins Gleichgewicht.

Dabei ist es rein äußerlich der alttestamentliche Standard-Ablauf Ouvertüre (Strauss), Solokonzert (Brahms), Sinfonie (Schubert). Weiterlesen

Heiter luguber: Berliner Philharmoniker mit Paavo Järvi spielen Lutosławski und Brahms

Brahms‘ Wolkenzeichen beachten!

Man muss nicht immer was hineingeheimnissen oder hineinabgrunden, oft ist das Überwölken wichtiger. Und Überwölkung wirkt umso berührender, je glänzender die überwölkte Schönheit strahlt. Das zeigen der Dirigent Paavo Järvi und die Berliner Philharmoniker bei dieser herrlichen Aufführung von Johannes Brahms‘ sonnenwolkiger 2. Sinfonie D-Dur.

Denn die Musiker lassen den Hörer jederzeit spüren, wie Brahms diese Zweite nach der Mühsal der Ersten aus der Seele geflutscht ist. Kunstvolle Natürlichkeit. Der Streicherklang bringt viel Sonne in den Saal, die nie brennt, sondern wärmt. Und die Bläser, allen voran der im Lauf der Sinfonie immer wieder herzbewegend hervortretende Hornist Stefan Dohr, sind eine Klasse für sich. Das große Ganze, um das es hier jederzeit geht, ist dabei so flüssig und frei von allem klanglichen Gründerzeitfett, dass man hier glatt die Berliner Kammerphilharmoniker zu hören meint – bis zur völlig polterfreien Streicherfreude im Finalsatz. Weiterlesen

Schwesterlich: Berliner Philharmoniker, Bychkov und Katia & Marielle Labèque

Die große Schwester Brahms trägt dich

Das einzige, was hinreißender ist als eine hinreißende Pianistin, sind zwei hinreißende Pianistinnen. Und wie Aristoteles schrieb, Platon sei sein Freund, die Wahrheit aber noch mehr, so muss der Konzertgänger bekennen, dass strikte Neutralität gegenüber äußerlichen Reizen seine Freundin ist, aber mehr noch die unwiderstehliche Attraktivität der klavierspielenden Schwestern Katia & Marielle Labèque. Die sind so hinreißend, da wird er ganz hirnrissig. Noch hinreißender aber, dass die Kunst der Schwestern sich am äußerst selten gespielten Doppelklavierkonzert von Max Bruch bewährt. Semyon Bychkov stellt es bei den Berliner Philharmonikern zwischen Detlev Glanert und Antonín Dvořák, in eine Drillingsreihe von Werken, die in gewisser Weise alle kleine Schwestern von Johannes Brahms sind. Die große Schwester Brahms ist die allgegenwärtige Abwesende in diesem Konzert, das als Ganzes dann aber nicht ganz so hinreißend ist wie die Labèque-Sœurs.
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Rattle-Abschieds-Countdown ⑤❹③②①: Widmann, Lutosławski, Brahms

Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker am Abschiedsrotieren, einen Tag nach Bru folgt Bra. Vor der Philharmonie hört man noch immer das Wummern der Bässe, die der Afd gezeigt haben, was Berlin von ihr hält. In Block B sitzt ein junger Mann, der bis zum Konzertbeginn auf dem Smartphone Malen nach Zahlen spielt. Auf dem Programm stehen drei Tänze auf dem Vulkan: Ein Stück heißt so, zwei sind es. Weiterlesen

Mikrosexy: Vogler Quartett und Gäste spielen Brahms, Haydn, Rihm

Mikrotonale Beziehungskiste (Symbolbild)

Vor dem Entfleuchen in den konzertlosen österlichen Arbeitsurlaub mit der Familie noch irgendwo hingehen, wo’s garantiert gut wird: Da ist das Vogler Quartett eine sichere Bank. Bewährte Qualität, aber nie routiniert.

Schön auch das Konzerthaus an einem Samstagabend, wenn im Großen Saal nix gespielt wird. Auf dem Weg hinauf zum Kleinen Saal magische Atmosphäre wie in einem Badeort nach Ende der Saison. Oben wartet Rihm, eingerahmt von Haydn und Brahms. Vor Konzertbeginn unterhalten sich zwei alte Damen über die ehrenamtliche Deutschnachhilfe für einen Flüchtlingsjungen. Das Publikum hier hat neben aller sonstigen auch Herzensbildung. Weiterlesen

Zum Heulen gewaltig: RSB unter Weigle spielt Hans Rott

Müsste man mal nachzählen, aber was das Spielen von Werken angeht, die hier sonst keiner* spielt, dürfte unter Berlins großen Orchestern das Rundfunk-Sinfonieorchester vorn liegen – noch vor dem (auch sehr verdienten) DSO. Für Hans Rott gibts jedenfalls 60 von 60 möglichen Punkten: kein fünfminütiger Alibi-Gegenwarts-Appetizer, sondern das einstündige Monumentalwerk eines Verlorenen aus dem 19. Jahrhundert, die Sinfonie eines verfahrenen Gesellen. Hans Rotts 1. Sinfonie E-Dur (1878-1880) ist zugleich seine letzte. Ein unermessliches Unglück, wenn man dieses gewaltige, zum Heulen ergreifende RSB-Konzert in der Philharmonie unter Leitung von Sebastian Weigle gehört hat. Weiterlesen

Wehwellig: Robert Helps, Brahms, Bartók bei Spectrum

Spät starten die Spectrum Concerts in die Saison, aber sie tuns, und bessere Kammermusik wird man in Berlin schwerlich finden – selbst wenn der erwartete Höhepunkt gar nicht mal das aufregendste Stück des Abends wird. Ein Nachtstück, ein Herbststück, ein Frühlingsstück im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.

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Quer: Rundfunkchor, RSB, Hrůša mit Dvořáks „Stabat Mater“

O wunderbarer November, du Monat nicht enden wollender Lamenti, Requiems, Stabant Matres! Ebensogut in den Totenmonat November wie in die Karwoche passt auch Antonín Dvořáks Stabat Mater op. 58, das das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor Berlin unter Dirigent Jakub Hrůša in der Philharmonie aufführen. Ein Kindertoten-Oratorium möchte man es nennen, weil es nicht nur um den gekreuzigten Sohn Gottes geht, sondern auch um die drei kleinen Kinder des Künstlers, die vor und während der Komposition (1875-77) starben. Unvorstellbar, wie ein Mensch mit einem solchen Schmerz weiterleben kann.

Ist dieses Stabat Mater nicht ein seltsames Werk, in dem einiges quer steht? Weiterlesen