Golden expansiv: Ungdomssymfonikerne bei Young Euro Classic

Aah, Norwegen!

Grauseelenerquicker Young Euro Classic, das Berliner Sommerfestival der jungen Orchester, das einen vergewissert, dass gar nichts den Bach runtergeht, so ganz allgemein nicht und kulturell schon gar nicht, im Gegenteil, die Bäche unserer Kultur fließen bergaufer denn je. Die Rumänen seien ganz hervorragend gewesen, hört man von Dauergästen. Jetzt also die Norweger der Ungdomssymfonikerne (Copy & Paste schrieb diesen Namen hier rein). Besonders schön immer, wenn die Orchester nicht nur sich selbst ins Konzerthaus Berlin mitbringen, sondern statt der internationalen Klassikhauer von Bee bis Tschai auch noch Musik aus ihrer Heimat. Weiterlesen

Bonfortionös: Junge Deutsche Philharmonie, Saraste, Lugansky spielen Saariaho, Prokofjew, Carl Nielsen

Wer ernstlich meint, Deutschland ginge den Bach runter, der muss sich nur mal die Junge Deutsche Philharmonie im Konzerthaus anhören: Auch wenn man weiß, dass dieses Orchester aus den besten Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen besteht, ist man baff über das musikalische Niveau. Dass ein Dirigent wie Jukka-Pekka Saraste und ein Pianist wie Nikolai Lugansky gemeinsam mit dem 18- bis 28jährigen Nachwuchs auftreten, scheint keine pädagogische Aufopferung zu sein, eher Partnerschaft auf Augenhöhe.

Noch mehr Grund zur Freude: dieses sehr reizvolle Programm. Warum wird bei uns bloß so wenig Carl Nielsen gespielt? Weiterlesen

18.9.2015 – Uudslukkelig: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen Herrmann, Schönberg und Nielsens Vierte

War Carl Nielsen ein Psychopath? Wenn man seine Musik mit Bernard Herrmanns Filmmusik zu Alfred Hitchcocks Psycho kombiniert, bekommt der Begriff des neurotischen Enthusiasmus, mit dem Leonard Bernstein Nielsen beschrieb, einen ganz anderen Klang. Aber wahrscheinlich sollte man nicht an Norman Bates, sondern rein musikalisch denken: Herrmanns zackige Linien und schroffe Konturen könnten gut zu Nielsens rustikaler Symphoniebauweise passen, in der die Fülle des Wohllauts auf den Drang zum Dazwischenfahren und Dreinschlagen trifft.

Im Konzertsaal stößt Bernard Herrmanns Psycho zunächst an seine Grenzen. Das Agitato, bei dem man sich an Marion Cranes Autofahrt erinnert, klingt bei den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle fast zu schön. Aber die leisen Passagen sind dann eine Offenbarung; ganz deutlich werden Herrmanns Wagner-Anklänge, Tristan vor allem, später sogar ein subtiler Walkürenritt. Eine Frau in Block B hustet sich dabei einen ab, so dass der Konzertgänger ihr in einem schwachen Moment einen Norman Bates an den Hals wünscht; nein, gute Besserung vielmehr! Später gespannte Stille, als die Fingerkuppen der Streicher fast unhörbar über die Saiten streichen… bevor die berühmten Duschen-Glissandi erklingen.

Der Konzertgänger zieht für sich noch eine Linie von Psycho zu den stochastischen Streicherattacken in Iannis Xenakis‘ Shaar, die das aufregende Konzert des DSO unter Ingo Metzmacher am Vortag eröffneten. Es gibt doch interessante Verwandtschaften! Während das DSO-Konzert in Schönbergs Jakobsleiter gipfelte, ist bei den Philharmonikern Arnold Schönbergs Die glückliche Hand (1910-13) eine Art Intermezzo. Das haarsträubende Libretto dieses 20minütigen Bühnenwerks tobt sich vor allem in den Regieanweisungen aus, so dass der gesungene Part von Florian Boesch überschaubar bleibt. Zunächst steht aber ein zwölfköpfiger Kammerchor wie ein Vorhang vor dem Orchester und singt von der Sehnsucht ans Unerfüllbare; dahinter murmeln die Instrumente, v.a. die Pauke. Dann hebt sich der Vorhang, zum Glück sanfter als im Motel Bates, und die Bühne gehört ganz dem Orchesterklang, schillernd und farbig dahinfließend, unvorhersehbar und völlig frei – man bedauert, dass Schönberg sich später unbedingt ein System überzwängen zu müssen meinte.

Featured imageDer zweite Teil des Konzerts gehört Carl Nielsen. Die Ouvertüre Pan og Syrinx (1917/18) ist schöne Musik mit wunderbaren Soli, v.a. das Englischhorn (Dominik Wollenweber) mit Glockenspiel, dann die Klarinette (Andreas Ottensamer). Sie hat einen überraschenden Schluss, ein leises, aber fast schrilles Geigensirren, auf dem ein Cellosolo erstirbt.

Die Aufführung der 4. Symphonie Das Unauslöschliche (dänisch unvergleichlich: Det uudslukkelige; 1914-16) ist der Höhepunkt nicht nur des Konzerts, sondern des ganzen Nielsen-Schwerpunkts beim diesjährigen Musikfest. Nielsensche Aufmüpfigkeiten aus allen Ecken, vielleicht hat das mit seiner frühen Existenz als zweiter Geiger zu tun: Die wüsten Schrammelattacken auf die Schönheit und das Glück beginnen schon im 1. Satz, v.a. die Holzbläser halten anmutig und vif dagegen, bis der großartige Hymnus der Blechbläser mit dem Hauptthema vorläufig obsiegt. Der zweite Satz gehört den Holzbläsern und im Mittelteil den Streicherpizzicati, idyllischer geht’s nicht. Im dritter Satz zunächst ein trauriger Streichergesang; dann regt und erregt es sich in allen Ecken, als würden sich die Frontlinien für eine Schlacht formatieren. Die auch stattfindet, und wie: Nach einem erneuten Luftholen im großartigen Finale, das die Philharmoniker, auch im Leisen, unter Hochdruck spielen, ein totales Inferno unter dem wüsten Donner der beiden Pauken, die sich hinter dem Orchester aus den Ecken duellieren. Schließlich aber steigt wieder der Bläserhymnus auf, glorioser denn je: ein Triumph des Lebens und der Schönheit, indiskutabel optimistisch vielleicht, aber überwältigend glanzvoll und beglückend.

Das war jetzt immerhin was Schönes, sagt beim Hinausgehen eine Frau, die offenbar den Schönberg nicht verkraftet hat.

Zum Konzert. Weitere Aufführungen am 19. und 20. September, noch einzelne Karten

Aufhellend: Marek Janowski und das RSB spielen Mahler, Schönberg und Nielsens Dritte

Der Akkord! So wie die Kinder des Konzertgängers über einen Witz, den sie schon hundertmal gehört (oder erzählt) haben, immer wieder lachen, so erschrickt der Konzertgänger jedesmal von neuem, wenn in Gustav Mahlers Adagio  aus der unvollendeten 10. Symphonie der Akkord kommt: das dissonante Neunton-Ungeheuer. Marek Janowski lässt das Rundfunk-Sinfonieorchester nicht mal besonders laut spielen, aber das Blut gefriert einem in den Adern. Dabei hat man die ganze Zeit schon auf diesen Akkord gewartet.

Mit ihm verglichen wirkt beim frühen Schönberg alles harmlos, auch der Tod Toves, den das Lied der Waldtaube aus den Gurre-Liedern erzählt, hier in einer hörenswerten Fassung für mittlere Stimme und Kammerorchester, die Arnold Schönberg persönlich 1922 eingerichtet hat. Durch die kleine Besetzung, v.a. mit Holzbläsern, aber auch Klavier und Harmonium, kommt die Stimme wunderbar zur Geltung. Die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill ist nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, sondern singt mit umwerfend verschwenderischem Vibrato – für eine gurrende Waldtaube ganz angemessen.

Mit den Gurre-Liedern sind wir schon in Dänemark. Das Konzert ist, janowski-typisch sachlich, der heimliche Höhepunkt des Musikfestes, erstens weil unsere eigenen Berliner Orchester letztlich doch die besten sind (poltere nicht, flüstert seine Frau dem Konzertgänger zu) und zweitens, weil hier die drei Schwerpunkte Mahler, Schönberg, Nielsen in einem einzigen Konzert aufeinandertreffen. Etwas viele Schwerpunkte, Mahler zu hören ist immer schön, aber mehr Nielsen wäre noch schöner gewesen, da seltener; aber in diesem Konzert geht es auf. Schönberg ist hier das Bindeglied zwischen Nielsen und Mahler, über den er schrieb: Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schriebe. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Featured imageCarl Nielsen ist mit seinen sechs Symphonien längst nicht so weit gekommen, und nirgends ist er von der Lösung der letzten Rätsel weiter entfernt als in der 3. Sinfonie Sinfonia espansiva (1910/11). Zum Glück! Viel einfacher gestrickt als die weltkriegserschütterte Fünfte, die das Royal Danish Orchestra gespielt hat, und die zerfledderte Sechste, die das Mahler Chamber Orchestra in einer Kammerversion vorgestellt hat, ist die Dritte genau das Richtige für die schöne Schwangere, die in der Pause im Foyer ihren Bauch streichelt: eine Extradosis Lebensenergie. Der begeisterte Schwung des ersten Satzes Allegro espansivo ist pure Freude, frei von jeder hässlichen vitalistisch-biologistischen Ideologie. Im folgenden Andante Pastorale summen Sopran und Bass im Block H stehend auf Aah, ähnlich wie in der (viel abgründigeren) Pastoral Symphony von Ralph Vaughan Williams: Da bekommt der Konzertgänger das Gefühl, ganz allgemein über der Weite des Lebens zu schweben. Ein gutes Gefühl! Das bis ins Finale anhält: ein hymnisches, mitunter etwas redundantes Finale mit viel Posaune. Es kreist vor sich hin, könnte ewig so weitergehen, aber das wäre gar nicht schlimm. Das Gegenteil des Akkords. Expansive Freude allseits!

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Schön gewaltig: Det Kongelige Kapel spielt Nørgård, Schönberg und Nielsens Fünfte

Wenn das älteste Orchester der Welt die Welthauptstadt der klassischen Musik (poltere nicht, flüstert seine Frau dem Konzertgänger zu) beehrt, wer wollte da nicht kommen? Leider einige, die Philharmonie ist ziemlich leer, wie so häufig bei Gastspielen auswärtiger Orchester, die nicht Wiener Philharmoniker oder Concertgebouw Orkest sind. Schön, dass dass das Musikfest Berlin den Luxus erlaubt, hier Orchester vorspielen zu lassen, für die sich Gastspiele auf eigene Faust schwerlich rechnen würden. Sogar die dänische Prinzessin Benedikte ist mitgekommen! Auch wenn man als Berliner im Orchester- und Opernparadies lebt (poltere nicht, flüstert…), ist es gut, über den Tellerrand zu schauen.

Die Königliche Kapelle Kopenhagen, die hier als The Royal Danish Orchestra auftritt, aber auf Dänisch als Det Kongelige Kapel am schönsten heißt, gilt als das älteste Orchester der Welt: Sie existiert seit 1448 und damit glatt 100 Jahre länger als die Sächsische Staatskapelle; unsere 1570 erstmals erwähnte Berliner Staatskapelle ist dagegen ein junger Hüpfer. (Preisfrage: Welches ist das älteste Orchester Deutschlands? Keines der genannten. Die Antwort steht hier.)

Featured imageDet Kongelige Kapel ist aber auch das Orchester, in dem Carl Nielsen ab 1889 die zweite Geige spielte, der (wie der dänische Botschafter hübsch schreibt) in Dänemark weltberühmte Komponist. Ein Pflichttermin also für Nielsen-Fans und alle, die es werden wollen! Und das sind sehr viele Menschen, weltweit; einige von ihnen wissen es bloß noch nicht.

Nichts geeigneter, um Fan zu werden, als Carl Nielsens explosive Fünfte Symphonie von 1921/22. Dieses zweiteilige Werk ist eine Urgewalt, die jeden Hörer wegbläst – gerade im Kontrast mit den herrlichen idyllischen und hymnischen Passagen, die den Brachialpassagen Kontra geben. Den lieblichen Terzwellen, mit denen die Symphonie beginnt, den Gesängen und lustvollen Figuren der Fagotte und Flöten wird im Lauf der Symphonie böse zugesetzt, vor allem von der immer garstiger dreinfahrenden Trommel. Die ohnehin bescheidenen Klavierkünste des Konzertgängers stoßen bereits an ihre Grenzen, wenn seine Tochter im Nebenzimmer wüst gegen den Takt trommelt; aber bei Nielsen und der Königlichen Kapelle obsiegen Ordnung und Schönheit. Doch bis es soweit ist, tobt eine überwältigende Schlacht, der beizuwohnen jeden Hörer packen muss; auch wenn die die Königliche Kapelle unter Michael Boder das Werk eher nüchtern und vielleicht manchmal etwas penibel spielt. Mehr Gewalt wäre schön gewesen. Atemberaubend zart spielt der Klarinettist am Ende des ersten Satzes. Der zweite Satz führt dann von einer ulkigen Fuge in einer langen Steigerung zu einem anton-brucknersch-john-williams’schen Schlusshymnus, der abrupt endet.

Vor Nielsens Weltenkampf hat es bereits Regenbogen- und Mondmusik gegeben: zunächst Per Nørgårds Iris (1966), das wie eine Reflexion über das Einstimmen klingt, wenn die vielfach geteilten hohen Streicher sich mit den Flöten allmählich auf dem A treffen. Der Klang dehnt sich in die Tiefe aus, hin zu Posaunen, Basstuba, Bassklarinette, Tamtam. Als man allmählich fürchtet, dass das Werk auf dieser A-Suche erstarren wird, setzt die Klarinette einen einfachen, in Vierteln schreitenden Gesang entgegen, der im Orchester sein Echo findet, u.a. in der gestopften Trompete – ein schwebender, mystischer Klang, der den Konzertgänger an Charles Ives‘ The Unanswered Question erinnert.

In Arnold Schönbergs Erwartung (1909) darf der Mond in Celesta und Harfe silbrig schimmern; wenn die schöne Harfenistin dann wehende Papierfetzen in die Harfe flicht, um den fast unhörbar besungenen blutigen Kuss zu begleiten, wird auch der erratische Hörer zum Anhänger der freien Atonalität. Die hervorragende Sopranistin Magdalena Anna Hoffmann singt inbrünstig und deutlich, mit rasend bewegtem Gefühl. Da zittert und zagt der erratische Hörer mit, als wäre es Puccini; trotz des kruden Textes, eines hysterischen Psychodramas voller Auslassungs-… wie Robert Musils Verwandlungen. Schade, dass Schönberg keine atonale Manon geschrieben hat.

Schönberg prophezeite bekanntlich, in unferner Zukunft werde man seine Melodien auf der Straße pfeifen. In unserer (schon ziemlich fernen) Zukunft gelingt das an diesem Abend nicht, denn unmittelbar nach dem Applaus beginnen die Flöten, sich mit den markanten Figuren aus Nielsens Fünfter warmzuspielen. Man geht schon mit dem Nielsen-Sound in die Pause, mit dem man später das Konzert verlässt.

Eine Aufzeichnung des Konzerts wird am 25.9. auf Deutschlandradio Kultur gesendet.

Weitere Nielsen-Konzerte am 16.9. (Dritte) und 18., 19., 20.9. (Vierte) beim Musikfest in der Philharmonie sowie den ganzen Herbst über in den Nordischen Botschaften.

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Einfach disparat: Das Mahler Chamber Orchestra spielt Carl Nielsen und Alban Berg

Sehr disparat, sagt ein bleicher Hutträger mit der gequetschten Stimme des Kulturschaffenden, nachdem Carl Nielsens 6. Symphonie Sinfonia semplice mit einem prononcierten Schlussbrummen des Fagotts zu Ende gegangen ist. So gut hätte der Konzertgänger es nicht ausdrücken können, um so mehr hat er sich über das bunte Vielerlei gefreut: zarte Glöckchenklänge, hymnische Passagen, Klarinettentänzchen, Posaunenglissandi, Anton-Webern-Pling-Pling, todesahnungsvolles Streicherlamento, Drehorgelklänge. Der 2. Satz Humoreske klingt anfangs fast wie ein grundschulisches Orff-Instrumentarium, das dann allerdings mächtig gewaltig in Schwung kommt.

Simpel ist die Sinfonia semplice bestimmt nicht, sondern ein lustvoll unverkopftes Flickwerk, in dem völlig gegensätzliche Passagen verkuppelt werden. Geradezu kurios, dass dies ein letztes Werk ist, wenn man an die letzten Werke anderer bedeutender Symphoniker denkt; es klingt wie ein Anfang, im positiven Sinn. Mitunter wirkt es, als würde Nielsen im lustigen Wechsel andere Komponisten imitieren, nicht nur Mahlerschunkeln, Webernpiepsen, Sibeliusschwelgen, sondern sogar Komponisten der Zukunft, bis hin zu Lutosławski (Apogäum im 1. Satz, geblasen, nicht gestrichen; Tonrepetitionen im Finale).

Die, wie man als Hutträger sagen würde, kammermusikalische Faktur der Sinfonia semplice wird betont durch die Bearbeitung des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen, der eine reduzierte Fassung für 18 Musiker erstellt hat. Es klingt, als müsste es so sein: Jedes Instrument tritt individuell hervor, Triangel und Glockenspiel gleichberechtigt mit der ersten Geige, jeder liefert seinen Beitrag zum Klangwunder. (Was in der „Voll“-Version, wo  naturgemäß der Streicherklang stärker dominiert, nicht ganz so ist, wie man z.B. in den ein- und ausdrucksvollen Aufnahmen Herbert Blomstedts mit dem San Francisco Symphony Orchestra hören kann.) Die Abrahamsenversion macht außerdem die Qualität jedes einzelnen Musikers des Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Thomas Søndergård eindrucksvoll hörbar. Featured imageEs passt zu diesem schrulligen Komponisten, den Carl-Nielsen-Schwerpunkt des diesjährigen Musikfests so originell zu eröffnen; wobei es schön wäre, die Sechste dann auch einmal in Originalbesetzung im Konzertsaal zu hören. In den nächsten Tagen folgen noch die Symphonien 3 bis 5, die eher dem Begriff des neurotischen Enthusiasmus entsprechen, mit dem Leonard Bernstein Nielsens Musik beschrieben hat, sowie erfreulicherweise die 4 frühen Streichquartette. Außerdem gibt es im Foyer der Philharmonie bis zum 9. Oktober eine Ausstellung über Carl Nielsen. Mehr als die ersten beiden Symphonien fehlt im Programm jedoch das Liedschaffen, das Nielsen, wie man liest, in Dänemark so populär macht; wenn nicht als Liederabend, warum nicht an einem gemeinsamen Singabend? Auch wenn es nicht so gut klänge wie hier:

[Nachtrag: Die Nordischen Botschaften veranstalten bis zum Dezember ein NACHSPIEL mit Liedern und Kammermusik von Nielsen; und das bei freiem Eintritt.]

Die Symphonie in Spezialensemble-Version passt allerdings bestens zu Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern, die wie die Sinfonia semplice 1925 entstand. Dass es hier strenger zugeht als bei Nielsen, sieht man schon an der Aufstellung, die Bläser sitzen in Reih und Glied wie Erstklässler in Nordkorea, als kollektiver Klangkörper, fast konfrontativ zu Alexander Melnikov am Klavier und Isabelle Faust an der Geige.

Aber die Bläser, allen voran das Horn (Sebastian Posch), müssen ihre Individualität keineswegs an der Garderobe abgeben, und das Stück macht durchaus Spaß (sic), auch wenn die Spaßbremse Theodor W. Adorno erklärt hat, das Lesen der Partitur des Kammerkonzerts mache ihm mehr Freude als das Hören. (Es gibt ja auch Leute, die lieber im Kochbuch lesen als zu essen.) Zwar lassen sich die zu Beginn erklingenden Motive von SCHönBErG, WEBErn und BErG im weiteren Verlauf vom Konzertgängergehör nicht immer erfassen, aber die Musik ist so schilllernd, dass das nichts macht. Das Zusammentreffen von Klavier und Geige ist ein atemberaubender Höhepunkt; der allerdings recht früh kommt, zu kurz ist das Kammerkonzert nicht. Aber es hat einen der tollsten Schlüsse der Musikgeschichte: ein endlos verklingender Monster-Akkord des Klaviers, über dem die Motive des Satzes mit immer längeren Pausen verwehen, bis zum letzten Pizzicato.

Interessant, dass der Naturtöner Nielsen hier irritierender wirkte als der Zwölftöner Berg: Auch wenn Berg mit dem Kammerkonzert nach Wozzeck neue Wege einschlug, meint man den Sound zu kennen (ohne die Struktur zu begreifen); Nielsens Sound fasziniert und verwirrt; zumindest wenn man kein Däne ist.

Als Zugabe spielten Faust und Melnikov eins der Vier Stücke für Geige und Klavier von Anton Webern, ein Bonus an der Grenze zur Unhörbarkeit. So sollte es sein, in einer idealen Welt werden Webern-Zugaben gespielt!

Mit Weberns letztem Ping im Ohr und beseelt vom unendlichen Klangreichtum Bergs und Nielsens radelt der Konzertgänger durch den Tiergarten heimwärts. Das Quietschen seines Fahrrades klingt, als zirpten noch die Grillen; aber die kalte Luft zeigt, dass Herbst ist.

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Carl Nielsen beim Musikfest

Mahler Chamber Orchestra