Bonfortionös: Junge Deutsche Philharmonie, Saraste, Lugansky spielen Saariaho, Prokofjew, Carl Nielsen

Wer ernstlich meint, Deutschland ginge den Bach runter, der muss sich nur mal die Junge Deutsche Philharmonie im Konzerthaus anhören: Auch wenn man weiß, dass dieses Orchester aus den besten Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen besteht, ist man baff über das musikalische Niveau. Dass ein Dirigent wie Jukka-Pekka Saraste und ein Pianist wie Nikolai Lugansky gemeinsam mit dem 18- bis 28jährigen Nachwuchs auftreten, scheint keine pädagogische Aufopferung zu sein, eher Partnerschaft auf Augenhöhe.

Noch mehr Grund zur Freude: dieses sehr reizvolle Programm. Warum wird bei uns bloß so wenig Carl Nielsen gespielt? Der Nielsenschwerpunkt des Musikfests vor zwei Jahren hat wenig geändert an der Misere. In der 4. Sinfonie op. 29 „Das Unauslöschliche“ (1914-16) ist wieder alles da, was Nielsen so aufregend macht: rabiate Kontrastmontagen mit innigem Holz und wüste Schrammelattacken von der Seite, irre Klangballungen und putzige Figuren, die sich mit höchster Bedeutung aufladen. Unauslöschlicher élan vital, ahì! Die finale Wiederkehr des großen Themas im Blech flößt sogar Toten neuen Lebensmut ein.

All das auch dank der jederzeit hörbaren hohen Qualität des jungen Orchesters, das Saraste mit freundlicher Bestimmtheit leitet: anmutige Holzbläser, majestätisches Blech, wunderbar schostakowitschesk sehrende Streicher im dritten Satz. Fein gestaffelter, kohärent verschmelzender Tuttiklang. Und last but not least diese sich duellierenden Pauken im Finale!

Nennen wir die Leistung der Jungen Deutschen Philharmonie statt luzide, konzis, fulminant doch einfach mal, wie Tschick es ausdrücken würde: bonfortionös, meine Damen und Herren.

Dufte und duftig auch der erste Teil des Programms. Der Titel von Kaija Saariahos Laterna magica (2008) übernimmt den Titel von Ingmar Bergmans lesenswerter Autobiografie, die den Urahn des Filmprojektors als Metapher menschlicher Selbsterkenntnis versteht. Die Projektion wird sichtbar, ehe sie zu hören ist: wenn der Dirigent Saraste im Lichtkegel steht und das Orchester im Dunklen zu spielen beginnt. Braucht es unbedingt die Farbspiele, mit denen der Lichtdesigner Matthias Rieker das Podium im Konzerthaus flutet? Atmosphärisch sind sie, aber schöner und nuancenreicher sind die Farben, die man sieht, wenn man die Augen schließt. Denn dazu lädt Saariahos vielfarbige Musik unbedingt ein: schillernde Klangflächen, die sich wellen, stauchen, in Bewegung setzen, dann wieder ausbreiten. Subtile Traumpfade, mystisch und mysteriös. Im zweiten Teil des Stücks flüstern die Musiker Fragmente aus Bergmans Buch, die mögliche Qualitäten des Lichts beschreiben: mild, gefährlich, traumhaft. Giftig, beruhigend. Lebendiges totes klares Licht.

Hellstes Licht, zweifellos, scheint in Sergej Prokofjews 3. Klavierkonzert C-Dur op. 26 (1917/21). Nikolai Lugansky ist ein Pianist von unaufgeregter, aber nie langweiliger Virtuosität, glasklar, doch ohne Kälte. Magisch, wie er Stimmungen und Belichtungen verschiebt. Den Holzbläsern gelingt indes das Kunststück, sich nicht den Hals zu brechen, wenn sie mit tollkühnen Purzelbäumen Luganskys rasanten Fingern folgen. Hier und da ein blauer Fleck macht nix. Schön schlanker Streicherton, wonnig warme Klarinette, wohlig weicher Hörnereinsatz im Variationensatz.

Der klanglichen Leichtigkeit steht höchstens eine gewisse äußerliche Steifheit gegenüber. Bei diesem Prokofjew könnte man doch auch mal lachen im Orchester vor Glück! Die Dunkelhaarige bei den zweiten Geigen machts ja vor!

Und ein abschweifender Gedanke am Schluss: Dieses bunte Orchester mit seinen europäischen und vielen asiatischen Gesichtern ist doch ganz anders bunt als unser buntes Straßenbild. Dafür kann die Junge Deutsche Philharmonie freilich nichts, da müsste man viel weiter unten ansetzen, am Musikunterricht, an den städtischen Musikschulen. Wann wir wohl mal eine erste Geigerin mit Kopftuch sehen werden? Na, der Tag wird kommen, und das ist auch gut so.

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