Vogelerdig: NABU führt durch den Tiergarten, Jurowski durchs „Lied von der Erde“

Das Lied von der Erde singen in der Sonntagabenddämmerung erstmal die Vögel im Tiergarten. Denn vor dem Konzert mit Schubert und Mahler bietet der altehrwürdige Naturschutzbund NABU einen vogelkundlichen Spaziergang in der Nähe der Philharmonie an – als Kooperationspartner des Rundfunk-Sinfonieorchesters, dessen aktuelle Saison Chefdirigent Vladimir Jurowski unter das Motto Der Mensch und sein Lebensraum gestellt hat.

Der Herbst ist im Konzertbetrieb beginnende Hauptsaison, im Vogelbetrieb Gesangsnebensaison. Weiterlesen

Gründig: Michael Abramovich spielt Schubert, Haydn, Beethoven

Einen Ort, den sogar die Frankfurter Allgemeine schon als „Untergrund“ bezeichnet hat, den mag man kaum mehr so nennen. Also ist der Pianosalon Christophori wohl einfach einer der schönsten, interessantesten Klavier- und Kammermusikgründe Berlins. Und immer ein Obergrund, in den (nicht nach!) Wedding zu fahren. Zumal im August hilft der Pianosalon dem Klassikfreund, der nicht in Bayreuth oder Salzburg weilt, ohne bleibende Schäden zu übersommern. Weiterlesen

Unvollendlich: Radu Lupu spielt Schubert

Radu Lupu ist kein Pianist für so eine Hitze. Im Grunde wirken 33 Grad im Schatten wie eine Unverschämtheit gegenüber Radu Lupu. Aber zum Glück ist der Pierre-Boulez-Saal (der soeben seine neue, wieder hochkarätige Saison 18/19 präsentiert hat) halbwegs radulupugemäß temperiert, sogar im geschwungenen Rang.

Was nicht bedeuten soll, Radu Lupu spielte seinen geliebten Franz Schubert lau. Die Kontraste im ersten Satz der Sonate a-Moll D 784 (1823) sind stark. Wo ein pp oder ff steht, schmuggelt Lupu kein m hinein. Die vier eröffnenden Töne suchen sich selbst, die unerbittliche Exposition ist dann wie in Stein gemeißelt. Der anschwellende Triller im Bass, von pp nach ff, ist ein aufregendes Ereignis. Weiterlesen

Wahrvögelnd: Trio Gaspard spielt Bernd Alois Zimmermann, Haydn, Schubert

Bernd Alois Zimmermann da, wo er hingehört: zwischen Haydn und Schubert. Ein Klassiker. Das merkt man erst recht, wenn man Zimmermann vor einigen Monaten zwischen halbgaren Neuwerken gehört hat. Das deutschgriechbritische Trio Gaspard aber setzt ihn in angemessen olympische Umgebung. In einem sensationell guten Konzert im Pierre-Boulez-Saal.

Zimmermanns Présence ist mehr als ein Trio für Violine, Cello, Klavier: Ballet blanc in fünf Szenen heißt es im Untertitel. Aber schon bei der Darmstädter Uraufführung 1961 wurde das Stück, das drei Gestalten der Weltliteratur zu Protagonisten hat, ohne Hupfdohlentum aufgeführt. Auch der Sacre, möchte man meinen, braucht ja nicht das Ballett, das sein Anlass war.

Aber bei Zimmermann ist das Ballett nicht Anlass, sondern Bestandteil der Komposition. Das Trio Gaspard nimmt sie fast albern ernst und führt sie darum ernsthaft albern auf: in knalliges Schwarzweiß kostümiert, mit nur wenigen roten Tupfern. Weiterlesen

Hörstörung (20): Können und Mögen

Bei den Lunchkonzerten der Berliner Philharmoniker (wo am kommenden Dienstag Franz Schuberts vierhändige f-Moll-Fantasie D 940 erklingen wird, ein Stück, das den Konzertgänger garantiert bis weit übers Dinner hinaus fällen würde) gibt es immer diesen höflichen Hinweis des Veranstalters an die Eltern kleiner Kinder:

Mit Rücksicht auf die ausführenden Künstler und die anderen Konzertgäste bitten wir interessierte Eltern, vor dem Besuch eines Lunchkonzertes abzuwägen, ob ihr Kind ca. 45 Minuten still sitzen kann und möchte. 

Der Konzertgänger möchte indes nach den verheerenden Erlebnissen der letzten Woche diese Bitte an alle richten, die ein klassisches Konzert zu besuchen im Begriffe sind, vom zullenden Kind über das blühende Manns- wie Weibsbild bis zum Greis dicht vor der Lebensscheide: Wäge ab, ob du eine gewisse Zeit still sitzen kannst und möchtest.

Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Instinktreflexiv: Dmitry Masleev im Pianosalon Christophori

Schöne Gelegenheit, einen aufgehenden Klavierstern noch in intimer Beleuchtung zu erleben: Der russische Pianist Dmitry Masleev spielt im Weddinger Pianosalon Christophori. Man hört nicht alle Tage einen aktuellen Tschaikowsky-Wettbewerbs-Sieger in so einer gleichermaßen sachlichen wie fancy Location. Noch dazu an einem Bösendorfer! Masleev spielt auf eigenen Wunsch hier. Spricht für seinen Instinkt und seine Reflexion. Denn es ist immer schmerzlich, einen hochbegabten Musiker im stimmungstötenden halbleeren Kammermusiksaal zu sehen. Der Pianosalon aber ist rappelvoll, und man darf während des pausenlosen Rezitals Bier trinken; leise, versteht sich. Weiterlesen

Kombinationssicher: Nils Mönkemeyer und William Youn im Pierre-Boulez-Saal

Die Kombinationen machens, und mehr noch die Kombinationen der Kombinationen. Im Pierre Boulez Saal kombinieren der Bratschist Nils Mönkemeyer und der Pianist William Youn Altes und Neues, Mozart mit Sciarrino, Schubert und Brahms mit Boulanger, Chin, Pintscher. Vor allem aber kombinieren sie die Kombination Viola & Konzertflügel mit der Kombination Viola & Hammerklavier. Lauter Traumkombinationen sind das.

Aber am allerobertraumhaftesten ist die letzte. Mönkemeyers Bratsche und der Hammerflügel vom Bamberger Klavierbauer J.C. Neupert sind genau richtig aufeinander eingetönt. Weiterlesen

Entspannt: Christian Zacharias spielt Schubert, Beethoven, Schumann

António_Carneiro_Claudio_ao_piano_by_Henrique_Matos_02Ein bisschen wie ein Musiklehrer schlurft Christian Zacharias beim Klavierfestival im Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses auf die Bühne: Aber keiner jener Musiklehrer, die das halsstarrige Dummseinwollen der Schüler ausgemergelt hat, sondern einer, den die Schüler in seiner Schlaksigkeit mögen und bewundern, weil er kompetent und zugleich entspannt ist. Seine Schuhe glänzen nicht, die Hose schlottert, das Hemd hängt über den Bund, es ist vielleicht sein einziges. Eine äußerst sympathische Erscheinung.

Scheinbar tiefenentspannt spielt sich Zacharias auch ins Allegro ma non troppo von Franz Schuberts Sonate a-Moll D 537, so dass man sich zuerst fragt: troppo moderato? Weiterlesen