Gar: Artemis Quartett spielt Bartók und Schubert

Hast du „Saunaclub“ gesagt?

Fragt man den gemeinen Dessauer nach dem Bauhaus, wird man zu OBI geschickt, und fragt man den Berliner nach Artemis, landet man im Halenseer „Saunaclub“. Von wegen! Im Kammermusiksaal spielt die Musik: Das Artemis-Quartett hat sich, vier Jahre nach der Katastrophe des Tods von Friedemann Weigle, quasi neu erschaffen. Im vergangenen Sommer verließen die neue Geigerin Anthea Kreston und vor allem der Gründer Eckart Runge, nach dreißig Jahren, das Quartett. Jetzt zu drei Vierteln weiblich, spielt Artemis Schubert und Bartók.

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Fremdwohlwollend: Chiaroscuro Quartett spielt Fanny Hensel, Haydn, Schubert

Komponistinnen! In der Gegenwartsmusik mags nicht ideal, aber besser aussehen, doch im klassischen Kanon bleibts heikel. Im Clara-Schumann-Jahr könnte man sich fragen, warum alle Welt diese Künstlerin Clara zu nennen sich erlaubt (niemand würde von Robert oder Johannes sprechen). Die verdienstvolle Arbeit des seit 40 Jahren arbeitenden Frankfurter Archiv Frau und Musik wurde kürzlich von der örtlichen FDP torpediert. Und im VAN Magazin beginnt dieser Tage eine Serie, in der 250 Komponistinnen vorgestellt werden. Den Namen Fanny Hensel aber kennt jeder, kaum jedoch Hensels Musik. Es sei denn, man ist bei dem unbedingt hörenswerten Chiaroscuro Quartett im Pierre-Boulez-Saal dabei.

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Für Mieczysław Weinberg: Gidon Kremer musiziert mit Martha Argerich und Yulianna Avdeeva

Die Hommage, welche das Konzerthaus am Gendarmenmarkt ihm dieser Tage widmet, hat der Geiger Gidon Kremer einfach zu einer Hommage an den Komponisten Mieczysław Weinberg umgepolt. In zwei Konzerten widmet er sich aufschlussreich Weinbergs Kammermusik. Zwei großartige Pianistinnen stehen ihm dabei zur Seite, übrigens die Chopin-Preisträgerinnen von 1965 und 2010 (Kinners, wie die Zeit vergeht): am Sonntagabend Martha Argerich, am Montagabend Yulianna Avdeeva.

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Freispinnend: Gidon Kremer, David Zinman, KHO spielen Gubaidulina und Schubert

Eine schon liebgewonnene Herbst-Institution sind die Hommages, die das Konzerthaus Berlin seit einigen Jahren veranstaltet. Zuletzt galt sie den Wiener Philharmonikern, einem Ensemble also. Das war ein Sonderfall, entstanden wahrscheinlich aus der günstigen Gelegenheit. Sonst wurden stets einzelne herausragende Musiker geehrt: Die Hommage an den bereits 2007 gestorbenen Rostropowitsch war dabei schon eine Geisterbeschwörung. Die an Nikolaus Harnoncourt kam gerade noch rechtzeitig. Alfred Brendel war, ohne selbst Klavier zu spielen, sehr präsent – als Persönlichkeit und in seinen Schülern. Die Kunst des Geigers Gidon Kremer aber, der man heuer Honneurs erweist, scheint sich auf ihrem Zenit zu befinden, wie seine Interpretation von Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium am Eröffnungswochenende zeigt.

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Herbstorganisch: Manuel Walser singt Schuberts „Winterreise“

Herbstreise in den Winter

Berghain-Syndrom in der Off-Klassik? Im Weddinger Pianosalon Christophori ist eine organisierte amerikanische Touristengruppe zu Gast. Aber nicht irgendeine: Man erscheint nicht im Reisebus, sondern mit mehreren Taxis. Und, so ist zwischendrin aufzuschnappen, es handele sich um Fachmenschen auf Herbstreise durch Deutschland in Sachen Orgelbau. Mit Manuel Walsers Vortrag von Franz Schuberts Winterreise, am Klavier begleitet von Anano Gokieli, haben die Orgelkundler jedenfalls einen guten Griff getan, sogar einen hervorragenden.

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Musikfest 2019: Les Siècles spielen Rameau, Lachenmann, Berlioz

Abruzzen-Gebirgler pfeifen dir eins!

Das Musikfest auf der Zielgeraden: unter anderem mit einem Klavierdonnerstagabend von Pierre-Laurent Aimard (bei dem man sich ein wenig fragt, wozu) und einem Sonntagskonzert des französischen Orchesters Les Siècles mit seinem Dirigenten François-Xavier Roth: die zwingende und unbedingt notwendige Antwort auf eine Frage, von der man nie wusste, dass man sie hat.

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Zeitlosreich: Shai Wosner spielt Schubert

Der sich da in Reihe 4 so verrenkt, ist der Konzertgänger, welcher sich in den Hintern zu beißen versucht, dass er den ersten Auftritt von Shai Wosner beim Klavierfestival im Konzerthaus verpasst hat. Aber diesmal, immerhin, ist er dabei: wieder drei Schubertsonaten, und zwar die letzten. Sanktes Terrain also (darum Sterbehaus zur Linken!). Und nicht nur, weil Shai Wosner – wie Isabel Herzfeld anlässlich des ersten Konzerts anmerkte – dem Komponisten derart ähnelt, sondern auch weil er am Klavier eine körperliche Präsenz hat wie loderndes Schubertfeuer, will der Konzertgänger seine Augen partout nicht schließen. Aber dann zwingt ihn Wosners packendes Klavierspiel doch, keinen Deut Aufmerksamkeit mit Gucken zu verschwenden.

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Geschehend: Bernard Haitink und Paul Lewis bei den Berliner Philharmonikern

Sag niemals nie, aber fühlt sich ziemlich nach Farewell an in diesem bewegenden Konzert von Bernard Haitink bei den Berliner Philharmonikern. In der Saisonvorschau 2019/20 fehlt sein Name, der sonst immer dastand. Gebrechlich wirkt der nun ja nicht mehr ganz jugendliche 90jährige am Freitag nach der zweiten von drei Aufführungen, schwer erschöpft, wie er sich am Ende auf seinen Gehstock stützt, sogar für den tosenden Applaus der grausamen Verehrer noch einmal extra herauskommt. Andererseits, wie kaputt wäre erstmal ein 19jähriger heutzutage, nach einem Brucknerdirigat! Ein Sabbatical wolle Haitink einschieben nach mehreren Stürzen, hört man, that’s the spirit, und inshallah, sag niemals nie.

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(Noch?): Seong-Jin Cho im Kammermusiksaal

Erstaunlicher, aber (noch?) nicht unangenehmer Trubel beim Klavierabend von Seong-Jin Cho, dem letzten Sieger des alle fünf Jahre stattfindenden Chopin-Wettbewerbs und kürzlichen Lang-Lang-Einspringer. Cho ist Charts-, aber kein Bilder-Stürmer, eher museal ist sein Programm mit Schubert, Mussorgsky, Debussy sowie Zugabe Brahms (aber ohne Chopin). Halb Südkorea scheint anwesend, ein bisschen gehts im Kammermusiksaal zu wie im Louvre vor der Mona Lisa. Die Fanschar ist allerdings konzentriert und diszipliniert bei der Sache, davon könnte sich das sonstige Berliner Publikum ein Scheibchen abschneiden. Rein musikalisch hingegen ists (noch?) so lala.

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Sauhimmelnd: Grigory Sokolov spielt Beethoven, Brahms und 6 Zugaben

Alljährlicher Grigory Sokolov-Aufschlag in Berlin, ein Aufprall wie eine kosmische Feder. Beethoven und Brahms stehen heuer auf dem Programm, aber ein bisschen spielt Sokolov immer Sokolov. Man verstünde allerdings, wenn er bald mal mit dem jungen Beethoven riefe: Für solche Schweine spiele ich nicht! Und dann nur noch in Kartäuserklostern aufträte. Denn im Großen Saal der Philharmonie ist es ein Must-go der Adabeis mittlerweile. Es blitzlichtert schon, wenn der Pianist hereinschlurft. Spielen muss er in Bronchialgewittern und unter Bonbonpapierknister-Tröpfchenfolter. Und eh nur das Adagio aus Beethovens 3. Sonate C-Dur op. 2/3 vorbei ist, haben schon mehrere Handys gebimmelt.

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Fastenschwankig: Yefim Bronfman im Boulezsaal

Ein Gutes zumindest hat das deutschsprachige Karnevalswesen hervorgebracht: Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien. Das Intermezzo daraus, Satz 4, spielt Yefim Bronfman gern als Zugabe. Jetzt ist es mal als Teil des ganzen Faschingsschwanks zu hören, zwischen Bartók, Ustwolskaja und Schubert. Stellenweise hat man allerdings den Eindruck, Bronfman habe auf diesen Klavierabend so viel Bock wie ein Flensburger auf Helau und Alaaf. So fühlt sich der Rosenmontags-Abend im Pierre-Boulez-Saal schon ein bisschen wie Fastenzeit an.

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Kargfarbig: KHO mit Valčuha spielt Schostakowitsch und Schubert

Da würde die Afd den Saal verlassen: Dina Pronitschewa, Überlebende des Massakers, 1946 bei ihrer Aussage im Kriegsverbrecherprozess von Kiew gegen 15 deutsche Polizeiangehörige.

Guter Zeitpunkt, um Dmitri Schostakowitschs „Babi Jar“-Sinfonie zu spielen: kurz vor dem Holocaustgedenktag. Und kurz nachdem im bayrischen Landtag gewählte Abgeordnete demonstrativ den Saal verließen, weil sie die Rede der 86jährigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Charlotte Knobloch, nicht ertragen wollten. Knobloch wird seitdem von Afd-Fans bedroht.

Dabei ist Schostakowitschs 1962 entstandene 13. Sinfonie b-Moll, die das Konzerthausorchester unter Juraj Valčuha spielt, natürlich keine ausdrückliche „Holocaust-Sinfonie“ (wenn es so etwas überhaupt geben kann). Weiterlesen

Beherzt: Berliner Philharmoniker, Fischer, Gerhaher mit Dvořák, Wolf, Schubert

Für den Weltklasse-Orchester-Freund in Berlin ist bereits zwischen drittem und viertem Advent Bescherungsbrimborium: Dienstag und Freitag die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Donnerstag die Berliner Philharmoniker in ihrem eigenen Haus. Ein herzensvolles Konzert, Iván Fischer dirigiert, Christian Gerhaher singt: auf dem Gabentisch liegen Dvořák, Lieder von Hugo Wolf und Schuberts große C-Dur-Sinfonie.

Die Legenden op. 59 von Antonín Dvořák scheinen mit zwei Stück gerade richtig dosiert: Nummer 6 in cis-Moll und Nummer 10 in b-Moll, die letzte. Sie alle zu hören, würde vielleicht Überdruss bereiten. Weiterlesen

Feenbärtig: KHO, Fischer, Schiff kündigen die Wiener an

Brahms (links) und Schubert (rechts)?

Konzert mit Verwien-Aroma™: Sind, adventlich metaphert, die Wiener Philharmoniker in der ihnen gewidmeten Hommage im Berliner Konzerthaus das Christkind, so ist das gastgebende Konzerthausorchester das Johannestäuferlein, mit Iván Fischer als Zacharias und András Schiff als Elisabeth (vgl. Lukas Kapitel 1). Lediglich auf dem Papier droht dem Eröffnungsprogramm der Wiener-Hommage bedenkliche Schieflage, weil im ersten Teil einmal Fettiges und einmal Gewichtiges sitzt, im zweiten Teil dann jugendlich Schwungvolles. Aber Dirigent Iván Fischer wuppt alles ins Gleichgewicht.

Dabei ist es rein äußerlich der alttestamentliche Standard-Ablauf Ouvertüre (Strauss), Solokonzert (Brahms), Sinfonie (Schubert). Weiterlesen

Belesend: Gerhaher singt, Huber spielt Schubert, Wolf, Berg, Rihm

Doppel-Benikolausung in der Philharmonie: Während im Großen Saal Teddy Currentzis (für manchen Traditionalinski eher ein Knecht Ruprecht) das großmahlersche Riesen-Schoko-Likör-Ei in den Stiefel batzt und dabei selbst eingeschworene Rezensissimi wie Krieger überzeugt, kredenzen der Sänger Christian Gerhaher und sein Pianistenpartner Gerold Huber im Kammermusiksaal 24 allerfeinste Preziosen. Edelste, nobelste Gäste sind da: Altbischof Huber etwa, Tabea Zimmermann; Thomas Quasthoff plaudert vor Konzertbeginn mit Max Raabe, der Fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2019. Ja, für solche Gaben hängt man die Seidenstrümpfe seiner Liebsten vor die Tür: 95 Minuten Liedkunst von Franz Schubert, Hugo Wolf, Alban Berg, Wolfgang Rihm. Weiterlesen