Freispinnend: Gidon Kremer, David Zinman, KHO spielen Gubaidulina und Schubert

Eine schon liebgewonnene Herbst-Institution sind die Hommages, die das Konzerthaus Berlin seit einigen Jahren veranstaltet. Zuletzt galt sie den Wiener Philharmonikern, einem Ensemble also. Das war ein Sonderfall, entstanden wahrscheinlich aus der günstigen Gelegenheit. Sonst wurden stets einzelne herausragende Musiker geehrt: Die Hommage an den bereits 2007 gestorbenen Rostropowitsch war dabei schon eine Geisterbeschwörung. Die an Nikolaus Harnoncourt kam gerade noch rechtzeitig. Alfred Brendel war, ohne selbst Klavier zu spielen, sehr präsent – als Persönlichkeit und in seinen Schülern. Die Kunst des Geigers Gidon Kremer aber, der man heuer Honneurs erweist, scheint sich auf ihrem Zenit zu befinden, wie seine Interpretation von Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium am Eröffnungswochenende zeigt.

Da gibt es im Zentrum eine lange Solo-Passage, kadenzartig und sogar mit Anflügen von Rhapsodischem und Virtuosem, was sonst diesem Werk der innigen Verinnerlichung eher fern scheint. Und auch ein schostakowitscheskes Flötentonpfeifen der Geige ist zu hören, klingt das verängstigt oder sich selbst ermutigend?

Man ist geneigt, bei der 1931 geborenen Gubaidulina immer fürs Ermutigende, fürs Unbeirrbare zu optieren. Offertorium, 1981 für Kremer entstanden, ist ein bei allen Bedrängnissen und Prüfungen friedfertiges, kommunikatives, mystisches und wunderschön klingendes Werk. Das berühmte „königliche Thema“ aus Bachs Musikalischem Opfer wandert zu Beginn Ton für Ton durch die verschiedenen Bläser und hat in dieser klangfarbenmagischen Anverwandlung überhaupt nichts mehr von einschüchternd-gebildeter Harschheit. So wie die Solovioline hier den Triller des Horns aufnimmt, gibt sie später zurück: Ihr kunstvolles Fitzeln spinnen Piccoloflöte und Glockenspiel weiter und geben damit der Geige luftigen Grund, ihre musikalische Suche fortzusetzen. Ein ständiges Hin und Her von Impulsen. Erst am Ende verschmilzt man in einem betörend meditativen Gesang miteinander.

Und so streng das gewiss komponiert ist (vom Bach-Thema wird Ton für Ton abgeschnitten, sozusagen geopfert), entsteht doch der Eindruck eines innerlich freien ständigen Sichfortspinnens. Silbrige Triangel und schwere Gongschläge können dabei unbös nebeneinander liegen wie Löwe und Lamm an jenem fernen Tag. Diese Musik, die man wohl religiös nennen darf, ist berührend, geheimnisvoll, auch witzig. Macht man sich unmöglich, wenn man findet, dass sie weder so niederdrückend noch so kitschig ist wie manches Katholische von Messiaen?

Dass Offertorium ein Herzensanliegen Kremers ist, spürt man in jedem Ton, ohne dass er dafür pathetisch werden müsste. Die kompetente Sachlichkeit des Dirigenten David Zinman am Pult des exzellent vorbereiteten Konzerthausorchesters ist daneben ideal. Zinman, berühmt geworden in Baltimore und Zürich, wird dieses Jahr 83 und hat einen Hocker hinter sich, eher zur Sicherheit als zum Draufsitzen.

Franz Schubert (undatiertes Jugendbild)

Das Gleiche ist es mit der Partitur von Franz Schuberts „Großer“ C-Dur-Sinfonie D944, die das Orchester in der zweiten Konzerthälfte spielt: Die Noten liegen geöffnet vor Zinman, aber er blättert bis zum Schlussakkord nicht ein einziges Mal um. Und da die Partitur am Ende immer noch auf Seite 1 ist, denkt man am Ende, nach einer Stunde: gern gleich nochmal von vorn.

Eine wohlgestaltete und gewinnende Aufführung ist das nämlich, vielleicht nicht ganz von der federnden Selbstverständlichkeit Iván Fischers vor einiger Zeit bei den Berliner Philharmonikern. Und ganz schlau wird man nicht aus Zinmans historischem Zugriff: Da sind Naturtrompeten und in den Paukerhänden flauschlose Holzknubbel-Schlägel, aber das bleiben eher Extras. Der Orchesterklang ist nicht „historisierend“, schon gar nicht „schlank“ – aber das muss er ja auch nicht. Denn warm und beweglich tönt’s allemal. Das schreitende Hornthema ist ja auch ein königliches Thema: ein Beginn, als genügte er sich selbst, und das tut er ja auch, obwohl diese Sinfonie bekanntlich nie enden zu wollen und zu können scheint. Wo ist diese Kunst des Nichtaufhörenkönnens am schönsten? Im langen Scherzo mit den herrlichen Holzbläsern vielleicht, wie der Sohn des Konzertgängers findet, der sich mit Gudaidulinas Violinkonzert noch etwas schwertat? Oder im vierten Satz, der doch eins der wenigen uneingeschränkt beglückenden Jubenfinals ist: nicht weil der Jubel ungetrübt und ungefährdet wäre (im Gegenteil, es gibt Momente, die zittern machen), sondern weil es seinen Jubel niemals herausschreit? Oder im zweiten Satz, in dem eine unerwartete Katastrophe stattzufinden scheint – und der dann doch unkaputtbar weitersingt?

Gubaidulina und Schubert, das passt, und das ist doch auch eine Erkenntnis. Die Musik von Sofia Gubaidulina ist ein Saisonschwerpunkt im Konzerthaus. Schubert aber gilt bei der von Gidon Kremer selbst kuratierten Hommage ein besonderes Augenmerk – neben den Werken von
Mieczysław Weinberg, die in einer ganzen Reihe von Konzerten zu hören sein werden. Bis zum 27. Oktober dauert die Kremer-Hommage, und für und mit Kremer werden Künstler auftreten wie Martha Argerich, Yulianna Avdeeva, Iveta Apkalna, Mirga Gražinyte-Tyla oder Lucas Debargue: Zum Programm der Hommage

Besuchte Aufführung war die zweite, am Samstag. Kritik vom Freitag bei Schlatz: So einfach wie Gidon Kremer spielt keiner. Sein Spiel wirkt auf einen Schlag „richtig“.

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