Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

12.3.2017 – Fremd: Schuberts „Winterreise“ mit Barenboim & Gerhaher im Boulezsaal

Zum Raum wird hier die Zeit: Neun Tage dauert die Eröffnungswoche des Pierre-Boulez-Saals. Am achten Tag der Woche zieht Franz Schuberts Winterreise mit Christian Gerhaher und Daniel Barenboim fremd ein, fremd zieht sie wieder aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig in der überaus klaren Akustik und schnörkellosen Architektur, die bei allem geschwungenen Gehry-Genios etwas an einen Plenarsaal mit BVG-Sitzen erinnert. Aber wäre es besser, eine Winterreise Winter_Landscape_by_Caspar_David_Friedrichkönnte sich in einem Saal bequem einheimeln? Je fremder, desto besser.

Der Konzertgänger besucht die zweite Aufführung, am Sonntagvormittag: Auch diese Zeit ist für eine Winterreise befremdlich, wie die Frühlingssonne vor der Tür. Aber wenn man zuvor seinen Nachwuchs frühmorgens in die tiefsten Felsengründe gebracht hat, nämlich zu einem Fußballturnier in eine unwirtbare Weddinger Turnhalle, geht’s schon. Da ist man nicht übel eingestimmt auf alle Trostlosigkeit der Welt. Weiterlesen

15.3.2016 – Ins Offene wankend: Schuberts Winterreise mit Ian Bostridge und Julius Drake

Aus dem diesjährigen Programm des Neue-Musik-Festivals MaerzMusik ragt ein Werk des vielversprechenden jungen österreichischen Komponisten Franz Schubert heraus. Es heißt nicht algor/rigor:::fragments VII oder Genetics-based Melancholy Pt. I & II, sondern peinlich schlicht Winterreise.

Aber kein Mensch, der Musik liebt, wird sich lange darüber wundern oder gar beschweren, wie dieses Werk ins Programm geraten ist. Zumal wenn Ian Bostridge es singt und Julius Drake am Klavier… nein, nicht begleitet. Gegen den Usus soll hier einmal mit dem Spiel des Pianisten begonnen werden: nicht nur weil die Frau des Konzertgängers nach dem Konzert im Kammermusiksaal von ihm geträumt hat (dem Klavierspiel, nicht Mr Drake, obwohl der ein stattliches Mannsbild ist), sondern weil es so bizarr, bewegt und durchdacht ist, dass das Wort kongenial fallen muss. Zu Beginn des Zyklus schreitet Drake nicht einfach los, sondern stürzt mit einem furchterregenden Crescendo in die Tiefe. Die Wetterfahne lässt er mit ekstatisch zitterndem Fuß auf dem Pedal flattern, ein Effekt, den er später wiederholt, etwa im Frühlingstraum. Im Lindenbaum forciert und verschleppt er derart, dass das Lied in seine Einzelteile zu zerfallen droht. Die Tonrepetitionen im Irrlicht zucken so beängstigend synkopisch, dass sie auch den verwirrten Hörer in die tiefsten Felsengründe zu locken drohen. Das Hundebellen und Kettenrasseln Im Dorfe lässt Drake aus gedämpfter Traumtiefe heraufklingen, die Pausen dehnt er bis an den Rand des Erträglichen. Und der Leiermann leiert hier mit nie gehörter Hochspannung. Eins ist diese Winterreise gewiss nicht, nämlich fahl.

Nun wird kein ernstzunehmender Sänger Schuberts Winterreise biedermeierlich klingen lassen, aber so unbiedermeierlich wie bei Bostridge dürfte sie dennoch selten wirken. Denn alles, was an Drakes Spiel packt und begeistert, gilt auch für Bostridges Interpretation, nur dass hier eine visuelle Komponente dazukommt, während Drake selbst die bizarrsten Dinge völlig stoisch tut. Bostridge hingegen ist exaltiert bis zur Karikatur, auf eine Weise, die Hörer zu berauschten Zuschauern werden lässt; auch wenn der eine oder andere Fischer-Dieskau-Veteran vielleicht lieber die Augen schließt. Bereits in Gute Nacht wankt und schwankt Bostridge, beugt sich, stützt sich ab, quetscht die Töne aus dem Mundwinkel, dass man um seine Gesundheit fürchtet. Man erinnert sich, dass Christian Gerhaher (als Sänger natürlich ein völlig anderes Temperament) vor zwei Jahren in der Winterreise zusammenbrach und sich hinter der Bühne fit spritzen ließ, um den Zyklus zum Ende zu bringen. Aber Bostridge bleibt auf den Beinen, auch wenn er den Höchste-Expressions-Modus nicht verlässt: meiner Liebsten Haus in der Wasserflut oder reißend schwillt in Auf dem Flusse deklamiert, ja ruft er so laut, dass es fast weh tut. Er verwandelt nicht nur seine Stimme, sondern sich selbst in die Krähe, so wie er insgesamt nicht darstellt, sondern der romantische Wanderer ist. An einigen Stellen mögen andere Sänger etwas anschaulicher tonmalen, die Melismen im Greisen Kopf noch kunstvoller singen. Aber an Intensität dürfte Bostridge selbst unter den größten Liedsängern einzigartig dastehen. Beziehungsweise wanken und schwanken. Das letzte Wort, drehn, singt er mit einem Crescendo, dass es zum Schrei wird. Nach Sterben klingt das nicht, eher nach Zerrissenheit, die unbedingt leben will.

Die Offenheit der Winterreise betont Bostridge auch im anschließenden Podiumsgespräch mit der lustigen Philharmonikerin Sarah Willis (die die Winterreise zum ersten Mal live gehört hat, als Hornistin gehe sie lieber zu Strauss und Mahler). Trotz Pause ist der relaxte Talk nach den Eruptionen der Musik natürlich emotional etwas diminuierend. Gleichwohl sehr interessant, Bostridge trinkt Hefeweizen, spielt während des Sprechens mit einem riesigen Schlüssel herum, dankt dem Publikum für die lange Stille vor dem Beifall, legt dar, dass Schubert die Winterreise ursprünglich tatsächlich für Tenor, nicht Bariton komponiert habe, und liest aus seinem Buch über die Winterreise (das keinesfalls so schwierig ist, wie Willis behauptet, sondern bei aller Gelehrsamkeit gut lesbar). Die Frage, warum die Berliner und Wiener dem Genre des Lieds weitgehend abgeschworen haben, während in der Londoner Wigmore Hall 95 Liederabende pro Jahr stattfinden, kann auch er nicht beantworten.

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13.3.2013 – Ra(s)tlos: Winterreisen von Elfriede Jelinek und Bernhard Lang bei MaerzMusik

Ein mysteriöser Schwerpunkt im überaus bunten Programm der diesjährigen MaerzMusik ist die Winterreise. Bevor am Dienstag der einzigartige Ian Bostridge im Kammermusiksaal den Liederzyklus singt, gab es am Sonntag im Haus der Berliner Festspiele zwei Variationen von unsicherem Verwandtschaftsgrad zu Schubert.

Elfriede Jelinek ist, wie die Komponistin Olga Neuwirth betont, kein männlicher Nobelpreisträgeranwärter, sondern eine weibliche Literaturnobelpreisträgerin, wird aber trotzdem oder gerade deshalb viel und meist von Männern geschmäht. Aus ihrem Theaterstück Winterreise (2011) liest die Schauspielerin Sophie Rois, die stets als fulminant bezeichnet wird, was hiermit ebenfalls geschieht: Sie schmollt, ruft, raunt, höhnt und jammert, dass es eine Freude ist, quetscht jede mögliche Pointe heraus. Nur leiern tut sie im Grunde nie. So scheint Jelineks rastlose Litanei, in der die Leierfrau ihre eigene Biografie ebenso plündert wie die ZIB-Nachrichten, mal phänomenal assoziierend, mal nervig kalauernd, manchmal fast zu unterhaltsam. Zwischendurch gibt es Winterreise-Lieder, gesungen von Julius Patzak; obwohl aus einem scheppernden Ghettoblaster, löst die Musik kurioserweise im Publikum sofort Hustenreflexe aus. Gute Nacht erklingt zweimal, zu Anfang und Ende, Sophie Rois singt am Schluss ein bisschen mit. Indem aber das Gutenachtlied, das Schubert so verstörend an den Anfang gestellt hat, dorthin zurückkehrt, wo es ja eigentlich hingehören würde, nämlich an den Schluss, wirkt diese Winterreise am Ende irritierend konventioneller als das Original.

Der zweite dubiose Verwandte ist The Cold Trip aus der Serie Monadologie des österreichischen Komponisten Bernhard Lang, über den man im Programmheft erfährt, dass er als Komponist gern in großen Zyklen in die Tiefe des Details denkt und die Simulation musikalischer Automatismen erforscht. Nun ist die großspurige Neue-Musik-Salbaderei ein Ärgernis für sich und sollte keinesfalls gegen einen einzelnen Komponisten gewendet werden. Aber dem Konzertgänger, der raffinierte Texturen zwar nicht intellektuell durchdringt, aber hörend genießt, bleibt Langs dürre Musik mit ihren kargen Wiederholungen und plakativen Abbrüchen verschlossen. Zuerst vom Aleph Gitarrenquartett, dann von Mark Knoop an Klavier und Laptop begleitet performen die Stimmakrobatinnen Sarah Maria Sun und Juliet Fraser eindrucksvoll den ins Englische übersetzten Text Wilhelm Müllers. Je länger, desto deutlicher hörbar werden gewisse Schubert-Module. Aber im Mittelpunkt steht die Hervorhebung der Winterwörter: cold, freeze, shiver, despair, sting zittern, bibbern und stechen die Stimmen, und wenn es crow heißt, krächzt Fraser krähenmäßig. Das ist lustig, aber auch so text(fetzen)nah komponiert, dass im Vergleich dazu das Wort-Ton-Verhältnis bei Richard Strauss geradezu abstrakt wirkt.

Das Publikum scheint aber großteils enthusiasmiert von diesem psychedelischen Palimpsest-Sampling.

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