Nachtrund: Quatuor Ebène, Tamestit, Altstaedt spielen Noctürnliches

Genau das richtige Programm, wenn man die vorhergehende Nacht kein Auge zugetan hat, wie der Konzertgänger. Aber nicht deshalb richtig, weil man beim Quatuor Ebène so gut schlafen könnte! Sondern weil man für dieses von nächtlichen Stimmungen und Erlebnissen inspirierte Programm in einer gesegneten Rezeptionssituation ist: Keinen hellen Verstand erfordernden Haydn oder Beethoven oder Brahms gibts im Kammermusiksaal, sondern tiefere Formen von Wachheit – Sciarrino und Dutilleux, Night Bridge und Verklärte Nacht. Weiterlesen

Schwer gefasst: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Matan Porat

Allmählich spricht sich auch in unserer ach so aufregenden Weltstadt mit Herz herum, dass das spanische (oder muss man jetzt sagen: katalanische?) Cuarteto Casals eins der aufregendsten, herzergreifendsten, besten Streichquartette der Welt ist. Denn im Vergleich zu seinem letzten Auftritt ist der Kammermusiksaal nicht mehr lediglich halbvoll, sondern nur noch viertelleer. Schwer gefasster Entschluss der Berliner! Ein paar weitere Konzerte auf diesem Niveau, dann quillt der Saal über wie ein gerappeltes Glas. Weiterlesen

Rotierend, schneidend: Mandelring Quartett spielt Brahms‘ Quintette und Sextette

e0180dbf5e83d76ed19b4b3b116e3641Was hatte Johannes Brahms eigentlich mit diesem albernen Symphonik-Ideal? Was er da noch zusetzen wollte, fragt man sich, wenn man seine Streichquintette und Sextette rotieren hört, die das Mandelring Quartett am zweiten Tag seines Brahms-Marathons im Radialsystem spielt.

Draußen bumpert die 1.-Mai-Vergnügung, diese eigenartige Kreuzhainer Loveparade. Ab und an dringen Polizei- oder Feuerwehrsirenen in die alte Abwasserpumpmaschinenhalle, die jetzt ein Konzertraum ist. Und zwar ein sehr schöner. Das Radialsystem nervt zwar bei jedem Besuch: überall Gedrängel – beim endlosen Warten auf einen Kaffee, am Einlass, beim Kampf um die besten der unnummerierten Plätze. Zwei ältere Damen stehen dicht vor einer Keilerei, weil die eine mehrere Plätze mit einem Seidenschal geblockt hat; die andere schwingt ihre Faust mit der alten Revolutionärs-Parole Freie Platzwahl! Weiterlesen

Sternspritzend: 5 Streichquartette im Konzerthaus

Scheme_of_things1475Wagner ist für Weicheier, Harteier gehen zum Streichquartett-Fest ins Berliner Konzerthaus. Acht Stunden dauert das. Gut, ein paar Pausen sind dabei, aber zwischen den Pausen: starker Tobak, kein Haydn oder Mozart, kein Ravel, sondern zweimal Spätes von Beethoven, dreimal Letztes von Schubert. Alles im Rahmen der Alfred-Brendel-Hommage.

Mag man in der Großen Fuge auch mal einen Hänger haben: Wenn man so viel Streichquartett hört, kommen einem Beethovens Klavierkonzerte, die hier ebenfalls zyklisch aufgeführt werden, wie der reine Kuddelmuddel vor. Weiterlesen

Fernkammernd: Tetzlaff Quartett spielt Mozart, Berg, Schubert

Lange, allzu lange nicht bei Christian Tetzlaff gewesen … der trägt ja jetzt einen Zopf! Und der kann ihm nicht erst gestern gewachsen sein. Aber keine Spur von Verzopftheit, wenn das Tetzlaff Quartett im Kammermusiksaal Mozart spielt: das dritte der, aufgrund Vorbild und Widmung, sogenannten Haydn-Quartette, Streichquartett Es-Dur KV 428.

Notwendige Abschweifung:

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Erstlich: Michelangelo String Quartet im Boulez-Saal

Pompeii_-_Casa_dei_Vettii_-_PentheusZerreißen müsste der Konzertgänger sich können! An der Komischen Oper feierte eine Mussorgsky-Rarität Premiere, an der Deutschen Oper Götz Friedrichs legendärer Ring Derniere, zehn andere Köstlichkeiten nicht zu vergessen … ach, und im Pierre-Boulez-Saal gibt’s nichts Geringeres als ein Quartettfestival. Nach dem Staatskapellen-Streichquartett (da war der Konzertgänger im Rheingold) und einem Haydn-Marathon des famosen Hagen Quartetts (da war Walküre, seufz) spielt das Michelangelo String Quartet drei grundverschiedene Erstlinge. Beethoven, Bartók, Smetana. Am Abend zwischen Walküre und Siegfried. Weiterlesen

Hörstörung (11): Ein Herr kratzt sich am Knie

sketch-of-a-knee-1886.jpg!LargeDer Segen steil ansteigender Reihen wie im neuen Pierre-Boulez-Saal, die (anders als etwa in unseren Opernhäusern) auch noch nicht ausgewachsenen oder kleingeratenen Hörern uneingeschränkte Sicht auf die Musiker erlauben, verkehrt sich für denjenigen in eine Heimsuchung, dessen Ohr sich auf der Höhe eines fremden Knies befindet, welches offenbar so unerträglich juckt, dass der hinter einem sitzende Herr, zu dem dieses Knie gehört, sich genötigt sieht, sich an selbigem ein ganzes Beethoven-Streichquartett lang zu kratzen.

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11.3.2017 – Linear: Vogler Quartett spielt Sven-Ingo Koch, Schubert, Schumann

wassily-kandinsky-schwarze-linienUnwahrscheinlich, wie weit ein fast frivol simpler Ausgangspunkt führen kann. Dieser Punkt ist die Linie: auf- und abwärtsführend, gezeichnet aus Ganztönen, Halbtönen, Vierteltönen, Achteltönen, auch brahmsschen Sexten, wie der Primarius des Vogler Quartetts in seiner Einführung zu Sven-Ingo Kochs Streichquartett Nr. 2 im Konzerthaus erläutert. Eine lockere Einführung, die hilfreiche Informationen liefert, aber mehr noch eine werbende Einladung zum offenen Hören ist. Denn klanglich erschließt sich das Stück unmittelbar – wenn man es seinen Ohren denn erlaubt: Mal flirrend durchsichtige, mal sehr warme Klänge entstehen aus den Linien, bald fragil, bald schwermütig, manchmal witzig, oft mystisch. Herzensmusik, nennt Tim Vogler das und  verheißt Viertelton-Ohrwürmer. Weiterlesen

22.2.2017 – Sowas von unvergleichlich: Mandelring Quartett spielt Schubert und Berg

Reizvoll, an zwei Abenden nacheinander zwei hochkarätige Streichquartette im Kammermusiksaal hören zu dürfen: erst Artemis, dann Mandelring. Das Artemis Quartett scheint von einzigartigem Wohlklang – manchmal fast zu schön, um wahr zu sein. Das Mandelring Quartett wirkt dagegen spontaner, risikofreudiger – fast zu wahr, um schön zu sein. Was nicht heißt, dass die Mandelrings nicht einen schönen Ton beherrschten. Aber wie vorbehaltlos die vier sich in Ausdrucksextreme werfen, wie rau etwa der erste Geiger Sebastian Schmidt den Bogen aus dem Ton reißt, wenn es um alles geht, würde man bei Artemis wohl kaum je erleben.

Aber was soll die elende Vergleicherei! Da könnte man ja gleich Alban Berg und Franz Schubert vergleichen! Jedoch … warum eigentlich nicht? Beim Mandelring Quartett steht SchuBerg auf dem Programm. Weiterlesen

21.2.2017 – Theseisch: Artemis Quartett & Anna Vinnitskaya spielen Beethoven, Bartók, Schumann

In einer niveauvolleren Welt gäbe es einen alljährlichen Feiertag für die Erfindung des Klavierquintetts durch Robert Schumann. Aber in unregelmäßigen Abständen wird dieser Feiertag begangen: etwa im Konzert des Artemis Quartetts mit seinem Gast Anna Vinnitskaya im Kammermusiksaal.

Die Pianistin Vinnitskaya ist für die ursprünglich angekündigte Maria João Pires eingesprungen: Obwohl auf den ersten Hörblick ein ganz anderes Anschlagstemperament, gibt es Kammermusik vom Feinsten bei Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 (1842). Es heißt ja, die Streicher würden bei Klavierquar- und -quintetten oft von zu guten Pianisten untergebuttert. Aber Vinnitskaya ist von so tiefenentspannter Virtuosität, dass sich, wo nötig (etwa bei den Anfangsakkorden), orchestraler Vollsound ergibt, ohne dass sie dezibelmäßig forcieren müsste.
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