Düstrentagshoffend: „Rheingold auf dem Parkdeck“ der Deutschen Oper

Wagner-Wahnsinn kündigt ein Plakat an der Beton-Mauer des Parkhauses hinter der Deutschen Oper Berlin immer noch an, und um die Ecke wird Entdeckerkurs verheißen. Um Rued Langgaards raren Antikrist aus den 1920er Jahren, der im März ohne Corona hier Premiere gefeiert hätte, kanns einem besonders leidtun. Und auch auf das neue Rheingold, das es als Höhepunkt der Wagner-Wochen und Beginn des neuen Ring-Zyklus im Juni hätte geben sollen, war man gespannt. Eine eingeschmolzene Fassung also nun. Unter strikten Bedingungen im Parkhaus der Oper – eher Lebenszeichen als Geniestreich, aber ein wohltuendes, für manche sogar lebensnotwendiges.

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Anfangend: Kleine Bilanz zum Meyerbeer-Finale in Berlin

Giacomo Meyerbeer 1855

Was bleibt von dem fünfwöchigen Meyerbeer-Spezial an der Deutschen Oper Berlin, das dieses Wochenende ins Finale geht? Unter anderem die Erkenntnis, dass man Gutes nicht nur tun sollte, sondern auch laut drüber sprechen, poltern, protzen. Ups, völlig übersehen, völlig verplant, schrieb kürzlich auf Twitter eine von diesen paar Dutzend verrückten Opernliebenden, die das ganze Jahr kreuz und quer durchs Land reisen und die man mit der Zeit kennt, wenn man regelmäßig in die Oper geht und sich in sozialen Netzwerken darüber unterhält. Die Meyerbeer-Wochen in Berlin unter Radar, wie konnte das passieren?

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Ziegträumend: Meyerbeers „Dinorah“ an der Deutschen Oper

Grand opéra und Opéra comique (v.r.n.l.)

Entzückende Musik zu entdecken: Bevor es am Wochenende zum Abschluss des Giacomo Meyerbeer-Schwerpunkts an der Deutschen Oper Berlin nochmal die beiden Wuchtbrummen Les Huguenots und Le Prophète setzt, gibt es eine wunderbar leichtfüßige konzertante Aufführung des ulkigen Spätwerks Dinorah ou Le Pardon de Ploërmel. Und in dieser „Wallfahrt nach Ploërmel“ ist ein völlig anderer Meyerbeer kennenzulernen. Ein kurioses Amalgam aus Pastorale und Spukmärchen ist dieses Spätwerk von 1859, mit ebenso kurioser zentraler Symbol-Ziege.

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Phremde Phedern: Ein Lob auf Giacomo Meyerbeer!

Berlin hat etwas wiedergutzumachen an diesem Komponisten – aber vor allem hat es die Chance, den großen Meyerbeer ausgiebig zu genießen! Anlässlich des am Sonntag beginnenden Giacomo-Meyerbeer-Vorfrühlings an der Deutschen Oper Berlin schreibt der Musikwissenschaftler Thomas Kliche hier als Gastautor über seinen Herzblut-Künstler.

Berliner Suchbild mit jungem Meyerbeer
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Mittsommerspartanisch: Benjamin Brittens A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM an der Deutschen Oper

Die Feenwelt ist ganz schön gruselig. Und der Wald bei Athen, wo Benjamin Brittens A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM nach Shakespeare spielen soll, arg spartanisch. Zumindest in der Inszenierung von Ted Huffman, die jetzt an der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte.

Sommernachtstraum, spartanisch
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Graboffen: TRISTAN UND ISOLDE an der Deutschen Oper

Regietheater (Symbolbild (no na))

Lachendes Löschen von Leuchte und Lebens Licht statt Adventskerzlein-Anzünden. Zum meteorologischen Winteranfang, Welt-AIDS-Tag und Jour des Heiligen Eligius, der widerspenstigen Pferden die Füße ausriss und fertig beschlagen wieder anheilte, nimmt die Deutsche Oper Berlin Richard Wagners TRISTAN UND ISOLDE wieder auf, in der ziemlich kontroversen Inszenierung von Graham Vick, die für Regieverächter auch ein dramaturgisches Raufen, Rupfen und Zupfen von Extremitäten ist, für den Konzertgänger jedoch – ja, fast ein Wunder.

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Kammerherzig: Chaya Czernowins HEART CHAMBER und Brittens DEATH IN VENICE an der Deutschen Oper

Auf in die verborgenen Herzkammern

Ambitionierter Programm-November, und das Publikum zieht ziemlich mit: Die Saalgläser an der Deutschen Oper sind eindeutig halbvoll. Denn immerhin gibts hier erst eine anspruchsvolle Uraufführung, Heart Chamber der israelischen Komponistin Chaya Czernowin, dann Benjamin Brittens letzte und längste Oper Death in Venice. Von der befürchteten gähnenden Leere jedenfalls in den besuchten Vorstellungen am 21. und 22. November keine Spur. Und? Erreicht diese Musik nicht nur das Sitzfleisch, sondern auch die Herzkammern des Publikums?

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Krankpfeifend: Offenbachs „Les contes d’Hoffmann“ an der Deutschen Oper

Dichter und Muse (1)

Musiktheatralisch Hochinteressantes gibts im November an der Deutschen Oper Berlin: eine Uraufführung von Chaya Czernowin und Brittens Death in Venice mit Ian Bostridge. Nur dass es, wie’s halt so ist, den 1859-Plätze-Saal wahrscheinlich gut durchlüften wird. Vorher aber läuft noch, was eigentlich auf Jahre hinaus ein sicherer Publikumsmagnet sein müsste: Jacques Offenbachs Les Contes d’Hoffmann in einer rundum schönen Inszenierung. Im aktuellen Durchlauf ist sie besser besetzt als beim Start vor einem Jahr.

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Beyond: Ambroise Thomas‘ HAMLET an der Deutschen Oper

Bedauerlich, dass das Saxophon seit seiner Patentierung anno 1846 nie so richtig heimisch wurde in den Sinfonie- und Opernorchestern des 19. Jahrhunderts. Es ist doch eine klangfarbliche Erweiterung und schafft Atmosphäre für die besonderen Momente. Nicht zuletzt sein subtil eiernder Ton macht den zweiten Akt der Oper HAMLET eindrucksvoll, wo der Titelheld das den Königsmörder entlarvende Schauspiel fingiert. Die Oper ist von 1868, ihr Komponist Ambroise Thomas also einer der ersten Nicht-Sax-Ignoranten. Einer von ziemlich vielen eindrucksvollen Momenten in dieser konzertanten Hamlet-Aufführung an der Deutschen Oper Berlin, die mehr ist als bloß ein véhicule d’étoile für Diana Damrau als Ophelia: ein wahres Sängerfest nämlich, und je länger je mehr auch ein Orchesterfest.

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Zahnlos: Premiere von Massenets DON QUICHOTTE an der Deutschen Oper

Bild: Corradox

Eine Don Quichotte-Oper scheint eine Kuriosität, denn wie müsste ihr Held klingen, stellte man ihn sich nach dem Roman des Cervantes vor: verprügelt, durchgewalkt und ab Kapitel 18 fast ohne Zähne im Mund? Nun denn, sagt ihm da Sancho Pansa nach der Bimse durch einen liebestollen Maultiertreiber, in der unteren Kinnlade habt Ihr auf dieser Seite nicht mehr als zwei Backenzähne und einen halben und in der obern keinen halben und keinen ganzen mehr; denn da ist alles glatt wie die flache Hand. 

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Unselgträumerisch: „Fliegender Holländer“ eröffnet Wagner-Woche

Die Wagner-Woche an der Deutschen Oper Berlin ist eine Jungwagnerwoche, es gibt Tannengrin, Lohnhäuser, Rienzi und zur Eröffnung einen sehr gut besetzten FLIEGENDEN HOLLÄNDER. Die Idee des Regisseurs Christian Spuck, die tragische Figur des Jägers Erik in den Mittelpunkt zu stellen, besticht auch beim Wiedersehen zwei Jahre nach der Premiere, die Umsetzung der Idee dagegen nur in Maßen.

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Liebesverwunderlich: Detlev Glanerts OCEANE an der Deutschen Oper

Juhu, endlich mal wieder eine Berliner Opern-Uraufführung mit Pause sowie unverquaster Sprache! Letzteres dank Theodor Fontane, der eine zwölfseitige Skizze über eine Wasserfee hinterließ, die unter die Menschen gerät, und dank Hans-Ulrich Treichel, der daraus ein Libretto gezimmert hat, das er Sommerstück nennt. Und die Musik des Komponisten Detlev Glanert in der am Sonntag an der Deutschen Oper uraufgeführten OCEANE kann man auch prima anhören.

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Arg: Zemlinskys „Zwerg“ an der Deutschen Oper

Himmelhochjauchzen à la berlinaise: nichts zu meckern heute. Wahrscheinlich ist das sogar die beste, rundeste Premiere der Saison an der Deutschen Oper. Besetzung hervorragend, Orchester gut in Schuss, Inszenierung schlüssig. Und das Werk, DER ZWERG von Alexander Zemlinsky, eine arge Angelegenheit im besten Sinn.

Und das, obwohl Tobias Kratzers Regie der Sache über die biografische Schiene kommt. Da könnte man an sich zweierlei fragen: Erstens allgemein, was einen das heute noch anginge, dass Zemlinsky nur einssechsundfuffzig war und eine Frau ihn mal hässlich fand. Zweitens konkret, ob die inszenierten Auftritte von Komponisten in ihren Opern nicht abgenudelt sind. Der arge Hallodri Wagner in Koskys Bayreuther Meistersingern blieb zuletzt in bestürzender Erinnerung – ebenfalls im besten, d.h. schlimmen Sinn.

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Gerade richtig: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Deutschen Oper

Eine schöne und grundgescheite und gerade richtig dicke Inszenierung in ihren besten Jahren ist das. Denn mit den neuen Les Contes d’Hoffmann in der Regie von Laurent Pelly hat die Deutsche Oper sich nicht die Katze im Sack gekauft, sondern eine Art Karlsson von allen Dächern, die bereits von Lyon bis San Francisco lief und (wie man im Kulturradio erfährt) später nach Neapel weiterschwirren wird. Dass es keine „richtige“ Neuproduktion ist, wird dem Otto Normaloperngeher wurst sein, vulgo fleischklößchen. Und wenn man, wie der Konzertgänger, die zweite und dritte Aufführung besucht (einmal im Rang, einmal im Parkett), ist das Premiere genug.

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Schattendinglich: „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper

E.M. on the isle of the living

Drei, zwei, eins – keins, nevermore, nie wieder: Wiederaufnahme der Sache Makropulos von Leoš Janáček an der Deutschen Oper Berlin, noch zwei Vorstellungen gibts bis zur Derniere am 22. November. Dreieinhalb Jahre waren das seit der Premiere, ein Hundertstel der Zeitspanne, die diese Oper umspannt: ein packendes Werk über das Entsetzen der Unsterblichkeit oder, denk pink, übers Glück der Sterblichkeit.

Eigentlich aber dürfte man, bevor man reingeht, gar nichts wissen über die Handlung von Věc Makropulos. Das findet jedenfalls Michael Füting in seiner kleinen Biographie von Leoš Janáček (Transit-Verlag). Denn diese Oper von 1926 ist ja ein Thriller, der erst am Ende aufgelöst wird. Nur dass wir Heutigen, bevor wir ins Opernmuseum gehen, mittels Opernführer oder Wikipedia eigenmächtig Surprise durch Suspense ersetzen, um mit Hitchcock zu sprechen. Ob man am Ende alles durchblicken würde, wenn man sich das Stück ganz unvorbereitet anschaute?  Man sollte schon ausgeschlafen sein, denn die Personenkonstellation ist verwickelt. Einen Versuch wärs aber wert, wenn man das Stück nicht kennt. In dem Fall hier nicht weiterlesen, sondern eine Karte kaufen, ohne die Inhaltsangabe zu lesen. Wer dagegen bis zum Schluss des Krimis vorblättern will (denn die Auflösung besteht in der Vorgeschichte): bitte sehr.

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