Sommerschließlich

Kabanova, Hoffmann und Figaro mit C., E. und O. an Komischer und Deutscher Oper und UdK

Sommerparadox im Opernwesen: Während das Publikum unbeirrt nach den Sehnsuchtsorten von Bayreuth bis Glyndebourne oder Salzburg strebt, leeren sich die städtischen Opernhäuser zum regulären Saisonende rapide. Nur wenige derer, die nicht zu den Festivals reisen, treibt die Sorge vor dem Juli-August-Konzertloch noch in die bald verwaisten Säle. Während Herr Schlatz sich connaisseurhaft das Lindenjuwel Turandot gönnt, eile ich noch zur jungverschiedenen Katja Kabanowa an der Komischen Oper, zu Les contes d’Hoffmann an der Deutschen Oper (die stellenweise gleichsam zerfallen wie ein Automat von Spalanzani/Coppelius) und einem quietschfidelen studentischen Figaro an der Universität der Künste.

„Habet acht“, aber keine neunte oder zehnte mehr: In die Berliner Operngeschichte wird die Katja Kabanowa der Komischen Oper nicht als großer Erfolg eingehen, acht Monate nach der Premiere ist nach der achten Vorstellung Schluss für immer, werden die kaum zusammengefügten Kulissen bereits wieder zersägt, wie die Hauptdarstellerin Annette Dasch nach der Derniere mit professionell unterdrücktem Schmerz verkündet. Großes Aufsehen erregt der Abschied nicht, weil diese Tage im Zeichen eines anderen Goodbye stehen, des Endes der Intendanz von Barrie Kosky, die man schon epochal nennen kann.

Zu der Kabanova der Komischen Oper gab es allerlei kritische Stimmen, die Hauptdarstellerin sei überfordert, das Dirigat lahm, die Inszenierung laufe am Stück vorbei. Ich hingegen sehe, oder sah, diese Kabanova mit viel Sympathie. Nicht nur wegen Abschiedsweh, dafür war dieses Katjaleben einfach zu kurz. Die strenge hochwandige Verzimmerung des Wolga-Spielorts, die Jetske Mijnssen inszeniert, funktionierte für mich gut: die Einsperrung eines unendlichen fliegenwollenden Lebens in Wohn-, Ess- und Leerraum. Und ganz praktisch macht die Familiarisierung das sacht verwirrende Personaltableau der Kabanova übersichtlich. Das Dirigat der energischen Giedrė Šlekytė finde ich sehr solide. Und der Hauptdarstellerin Dasch, auf die hier alles zugeschnitten ist, gelingt es wiewohl nicht schrillfrei, so doch herzgreifend das kabanovasche Seelendrama mit Haut und Haar zu verkörpern. Die Kunst der Wahrhaftigkeit. Die Sängerin ist sichtbar gerührt, und sie rührt. Auch meine Begleiterin C.  ist bewegt. So ist es also, für die Hauptfigur wie für die Inszenierung: Gerade eben schwirrten noch die Vögel im Frühling, träumte der kindliche Mensch vom Fliegen; einen Flügelschlag später flattern die Vöglein über seinem frischen Grab.

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Da führt kein Weg heraus. Denn die unermüdlich schweifende Suche nach der einen, der Richtigen macht die Sache ja auch nicht besser, wie wir aus Jacques Offenbachs Les contes d’Hoffmann an der Deutschen Oper lernen. Eine wunderschöne Inszenierung von Laurent Pelly (auch wenn sie am Ende im Venedig-Akt etwas schwächelt): höchst atmosphärisch, phantasiereich überbordend, dabei aber nicht anbiedernd blöd. In dieser Saisonschluss-Aufführung wird das Potenzial leider nicht ganz abgerufen. Schlendrian dringt herein. In der Bühnentechnik etwa, wenn die bei früheren Aufführungen beeindruckenden Spiegel-Effekte im Venedig-Akt, bei Hoffmanns Verlust seines Spiegelbilds, einfach ausgeschaltet bleiben. Und meine Begleiterin E., hauptberufliche Musikerin, wittert Schlehmilismus im von Emmanuel Villaume geführten Orchester, äußert gar den Verdacht entspannten Bläser-Biers in der ersten Pause. Ein Augenzeugenbericht liegt hierzu nicht vor, nur ein Ohrenzeuginnenbericht. Früher sah man das jedoch öfter an der Deutschen Oper, man sollte hoffen, dass diese Unsitte mittlerweile ein Tabu ist. Auch bei einem wenig oder „nur“ mit Touristen gefüllten Saal. Man kann gewiss nicht jeden Tag um sein Leben spielen, sonst ergeht’s einem wie dem armen Hoffmann, diesem Wrack; aber ein bisschen eben doch, sonst kann man’s lassen.

Zum Glück aber sind da zwei Hauptdarsteller, bei denen es tatsächlich um alles geht. Auch in den Nebenrollen ist die Produktion übrigens befriedigend besetzt, François Lis gefällt ausnehmend gut als Krespel mit ideal geführtem Bass, Andrew Dickinson glänzt in mehreren kleinen Dienstboten-Rollen. Was nun die weibliche Hauptrolle angeht, ist die Interpretation aller drei hoffmannscher Traumfiguren Olimpia, Antonia und Giulietta plus der Drei-in-eins-Stella durch dieselbe Sängerin ja zwangsläufig eine Heraus- bis Überforderung, eine Zumutung. Auch wenn Offenbach persönlich das gewünscht haben sollte; und auch wenn es auf Platte das Beispiel von Joan Sutherland gibt. Hier geht der tapferen Heather Engebretson etwa als Antonia das Kristalline wie das Fragile ab. Dennoch gibt es keinerlei Grund, mit E.T.A. Hoffmanns dem Antonia-Akt zugrundeliegender Erzählung Rat Krespel zu rufen: „Was ist denn das für ein gemeines Quinkelieren?“ Denn insgesamt und zumal in der dramatischen und in der komödiantischen Aktion ist Engebretson vorzüglich. Und die Tenorführung ebenso wie die emotionale Intensität von Robert Watson als Hoffmann ist geradezu sensationell. Als er im Epilog zusammenbricht vor dem Bild seines Lebens, ein verzweifelter Alkoholiker, der uns tatsächlich zwei Verse lang ins Gesicht schreit: Da hat er uns am Kragen, da hat uns auch dieses überreiche Wunderwerk, Offenbachs Hoffmanns Erzählungen.

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Kaum Wünsche offen lässt schließlich Le nozze di Figaro offen, die Sommeroper an der Universität der Künste, im zweckdienlichen UNI.T-Saal in der Fasanenstraße. In anderen Jahren gab es hier schon rechte Raritäten zu sehen. Diesmal also Kernrepertoire (schrecklicher deutscher Begriff, der sowohl Atomphysik als auch Vollkornbrot insinuiert). Die Spielfreude, die hier von der ersten bis zur letzten Sekunde zu spüren ist, würde man sich auch in den arrivierten Häusern manchmal wünschen. Motivierend und atmosphärisch vorteilhaft ist natürlich, dass dieser Saal ausverkauft ist; wenn auch dank übereifriger 50%-Besetzung noch im Schachbrettmuster, was an den Opernhäusern längst aufgegeben ist.

Aber man hat das Gefühl, diese Musiker würden auch vor leerem Haus alles geben, und Schlaffheit gegenüber touristischem Publikum scheint undenkbar. Mögen die jungen Leute sich das erhalten, so lang es geht! Das Orchester unter der Leitung von Errico Fresis schnurrt au point. Die Inszenierung von Isabel Hindersin ist zurückhaltend zweckdienlich, doch ohne geisttötend bloßdekorative Arbeitsverweigerung: mit verdreieckten Schlosswandteilen, das ancien régime löst sich quasi in geometrische Formen auf, ohne den Prunk aufzugeben; und mit Einrichtungsobjekten wie einer gräflichen Badewanne, die sich später mit geheimnisvollem Nachtsinn aufladen (auch wenn nicht alles schlüssig wirkt, etwa die Zugabe einer tanzenden Puck-Figur).

Vor allem aber ist da eine Besetzung voller Elan, trotz kurzfristiger Umbesetzungen in allen Rollen überzeugend mit durchweg guten Gesangsleistungen, selbst wenn an dieser oder jener Stelle mal was wackelt. Hervorzuheben bei der Premiere wären etwa Charlotte Schetelich als gewitzte Susanna, der charmesprühende Figaro von Kento Uchiyama und vor allem der berückende Edelsopran von Laura Albert als Contessa d’Almaviva. Ein Wermutstropfen ist der Verzicht auf den Chor. Aber insomma, das ist ein wirklich formidabler Figaro, den die Studierenden da präsentieren. Auch O., meine liebste aller Opernbegleiterinnen, ist zufrieden. So rundet sich die saisonschließende Opernrunde durch Berlin beglückend ab. Evviva zum Saisonschluss!

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