Rattle-Abschieds-Countdown ❺④③②①: Hans Abrahamsen und Bruckners vervollständigte Neunte

Simon Rattle, ehemaliger Chefdirigent in spe der Berliner Philharmoniker, dreht heftig am Abschiedstournee-Rad. Drei Programme gibts noch im Juni (inklusive Waldbühne), davor an diesem heißen Wochenende Kernrepertoire en excess: heute Bru, morgen Bra. Vielleicht auch eine letzte Irreminiszenz an den zu Recht vergessenen Sturm im Wasserglas vor einem Achtel Jahrhundert, als es Wirbel um Rattles angebliche Vernachlässigung des Hohen Deutschromantischen Dingsbumses gab. Und selbstverständlich hört man ganz genau zu am Samstag bei Anton Bruckners 9. Sinfonie d-Moll in Chefdirigent Rattles fünftletztem Programm: gespannt wie ein Flitzebogen, schon weils da ein Finale gibt, das es gar nicht gibt. Weiterlesen

Zum Heulen gewaltig: RSB unter Weigle spielt Hans Rott

Müsste man mal nachzählen, aber was das Spielen von Werken angeht, die hier sonst keiner* spielt, dürfte unter Berlins großen Orchestern das Rundfunk-Sinfonieorchester vorn liegen – noch vor dem (auch sehr verdienten) DSO. Für Hans Rott gibts jedenfalls 60 von 60 möglichen Punkten: kein fünfminütiger Alibi-Gegenwarts-Appetizer, sondern das einstündige Monumentalwerk eines Verlorenen aus dem 19. Jahrhundert, die Sinfonie eines verfahrenen Gesellen. Hans Rotts 1. Sinfonie E-Dur (1878-1880) ist zugleich seine letzte. Ein unermessliches Unglück, wenn man dieses gewaltige, zum Heulen ergreifende RSB-Konzert in der Philharmonie unter Leitung von Sebastian Weigle gehört hat. Weiterlesen

Atemraubend talan: DSO und Ticciati spielen Lindberg, Berg, Bruckner

Diverse Atemnöte, ja Talanität in diesem Konzert. Merkwürdige Erfahrung: ein vom Publikum bejubeltes, von der Kritik gelobtes, im äußerlichen Sinn gewiss geglücktes Konzert als befremdlich und beunglückend zu erleben. So dem Konzertgänger geschehen im Konzert des Deutschen Symphonieorchesters unter dessen neuem Chef Robin Ticciati. Weiterlesen

Quer: Rundfunkchor, RSB, Hrůša mit Dvořáks „Stabat Mater“

O wunderbarer November, du Monat nicht enden wollender Lamenti, Requiems, Stabant Matres! Ebensogut in den Totenmonat November wie in die Karwoche passt auch Antonín Dvořáks Stabat Mater op. 58, das das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor Berlin unter Dirigent Jakub Hrůša in der Philharmonie aufführen. Ein Kindertoten-Oratorium möchte man es nennen, weil es nicht nur um den gekreuzigten Sohn Gottes geht, sondern auch um die drei kleinen Kinder des Künstlers, die vor und während der Komposition (1875-77) starben. Unvorstellbar, wie ein Mensch mit einem solchen Schmerz weiterleben kann.

Ist dieses Stabat Mater nicht ein seltsames Werk, in dem einiges quer steht? Weiterlesen

Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

Berlin, wir müssen reden: Dieser Hammer-Bruckner der Berliner Philharmoniker ist nicht ausverkauft. Was geht schief in dir, Berlin?

Liegts am Bruckner vorangestellten Programm?

Der Zusammenhang von Hans Pfitzners Drei Palestrina-Vorspielen (1912-15) zu den thematischen Schwerpunkten „Monteverdi / Italien“ des Musikfests ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber so schön und kenntnisreich gespielt lässt man sich auch den ollen Pfitzner gefallen, rückwärtsgewandt hin oder her. Auch wenn man Pfitzner nicht ins Herz schließt. Weiterlesen

Geheimnisleer: Concertgebouw-Orchester und Daniele Gatti spielen Weber, Rihm, Bruckner

Wie müsste, fragt sich der Konzertgänger, eine Bruckner-Aufführung in der Philharmonie klingen, damit sie nicht in frenetischen Jubel mündet? Um Buhs hervorzurufen oder, vielleicht schlimmer, höfliche Akklamation in der Art akademischen Fingerknöchelklopfens? Man mag sich kaum ausmalen, was da schieflaufen müsste.

Frenetischer Jubel also nach der Aufführung von Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll durch das Royal Concertgebouw Orchestra unter seinem neuen Chefdirigenten Daniele Gatti beim Musikfest. Aber warum? Weiterlesen

Tinnitusriskant: Berliner Philharmoniker und Rattle spielen Simon Holt und Bruckner

Mal wieder ein Anlauf von Simon Rattle Richtung Bruckner, er scheint es ernst zu meinen. Nächste Saison gehts weiter.

johann_wilhelm-preyer-gemaelde-pflaumeDoch zuerst gibts bei den Berliner Philharmonikern diesmal Surcos des 1958 geborenen Briten Simon Holt. Wie viel bleibt von einem sechsminütigen neuen Stück hängen, wenn danach noch Bruckners Achte folgt? Erstaunlich viel. Emmanuel Pahuds erregte Piccoloflöte über liegenden Streichertönen, die höher und höher steigen und, als sie ganz oben sind, schmerzhaft abbrechen – das wäre ein guter Schluss. Ist aber gut, dass es noch weitergeht, erstaunlich viele Klang- und Ausdruckssphären in so einem kurzen Stück, eindrückliches Harfentrio. Hell im Klang, düster in der Stimmung: licht depressiv.

Mit dem Etikett Appetithappen (Simon Rattle) scheint das unterbewertet, man hätte es gern gleich nochmal gehört. Weiterlesen

Samtsichtig: Wiener Philharmoniker, Blomstedt, Kit Armstrong spielen Beethoven & Bruckner

Beethoven_HornemannBesser als in die Scharoun-Philharmonie passen die Wiener Philharmoniker, wenn sie Berlin besuchen, doch ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Sie werden ja wohl nachsichtig sein gegenüber den akustischen und bildhauerisch-malerischen Mängeln im Katzengoldenen Saal unseres realklassizistischen Musikvereins alla piefka.

Gänzlich unentschuldbar ist nur das Rumpeln und Pumpeln, Knistern und Knuspern des Berliner Publikums zu Beginn des Largo von Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37. Aber weder der Dirigent Herbert Blomstedt noch der Solist Kit Armstrong lassen sich etwas anmerken: Gelassenheit des hohen Alters und der knackfrischen Jugend. Weiterlesen

Kleines Dankeschön an den großen Stanisław Skrowaczewski

Von einem schönen Kammermusik-Abend nach Hause gekommen, liest man traurig, dass der große Dirigent Stanisław Skrowaczewski verstorben ist.

Traurig? Gewiss. Aber mehr noch dankbar. Dafür, den 93jährigen noch vor einem knappen Jahr erlebt haben zu dürfen, als der beim Rundfunk-Sinfonieorchester Bruckners Achte dirigierte. In klarer Monumentalität. Im Stehen. Ohne einen Blick in die Partitur, die für ihn bereitlag – er schlug sie zu, bevor er zum ersten Ton anschlug.

Weiterlesen

22.1.2017 – Überraschungsgastlich: Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals

Ein Irrtum ist zu korrigieren. Viele Musikhistoriker und Konzertführer behaupten, Anton Bruckner hätte keine Schüler und direkten Nachfolger gehabt. Das ist falsch: Bruckner hat einen Schüler und direkten Nachfolger. Er heißt Heinz und lebt in Niederbayern.

bruckner_anton_postcard-1910

Überraschungsgast bei Ultraschall

Zum Abschluss des Ultraschall-Festivals für neue Musik, das sich dieses Jahr dem Thema „Stimme“ widmete, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester im rbb-Sendesaal die 5. Sinfonie „Jetzt und in der Stunde des Todes“  des 1946 geborenen Heinz Winbeck. Winbeck spricht mit der Stimme Bruckners, nicht des Vokalkomponisten, sondern des Symphonikers. Sein Werk nach Motiven insbesondere des Finales der IX. Symphonie (das es ja nicht gibt) umkreist Bruckner nicht indirekt und von ganz weit weg, wie es etwa Aribert Reimann in Nahe Ferne mit Beethoven tut, hat auch wenig mit Hans Zenders komponierten Interpretationen zu tun. Ursprünglich sollte Winbecks Werk In Bruckners Kopf heißen, das hätte schon gepasst.

Weiterlesen