Geheimnisleer: Concertgebouw-Orchester und Daniele Gatti spielen Weber, Rihm, Bruckner

Wie müsste, fragt sich der Konzertgänger, eine Bruckner-Aufführung in der Philharmonie klingen, damit sie nicht in frenetischen Jubel mündet? Um Buhs hervorzurufen oder, vielleicht schlimmer, höfliche Akklamation in der Art akademischen Fingerknöchelklopfens? Man mag sich kaum ausmalen, was da schieflaufen müsste.

Frenetischer Jubel also nach der Aufführung von Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll durch das Royal Concertgebouw Orchestra unter seinem neuen Chefdirigenten Daniele Gatti beim Musikfest. Aber warum? Weiterlesen

Tinnitusriskant: Berliner Philharmoniker und Rattle spielen Simon Holt und Bruckner

Mal wieder ein Anlauf von Simon Rattle Richtung Bruckner, er scheint es ernst zu meinen. Nächste Saison gehts weiter.

johann_wilhelm-preyer-gemaelde-pflaumeDoch zuerst gibts bei den Berliner Philharmonikern diesmal Surcos des 1958 geborenen Briten Simon Holt. Wie viel bleibt von einem sechsminütigen neuen Stück hängen, wenn danach noch Bruckners Achte folgt? Erstaunlich viel. Emmanuel Pahuds erregte Piccoloflöte über liegenden Streichertönen, die höher und höher steigen und, als sie ganz oben sind, schmerzhaft abbrechen – das wäre ein guter Schluss. Ist aber gut, dass es noch weitergeht, erstaunlich viele Klang- und Ausdruckssphären in so einem kurzen Stück, eindrückliches Harfentrio. Hell im Klang, düster in der Stimmung: licht depressiv.

Mit dem Etikett Appetithappen (Simon Rattle) scheint das unterbewertet, man hätte es gern gleich nochmal gehört. Weiterlesen

Samtsichtig: Wiener Philharmoniker, Blomstedt, Kit Armstrong spielen Beethoven & Bruckner

Beethoven_HornemannBesser als in die Scharoun-Philharmonie passen die Wiener Philharmoniker, wenn sie Berlin besuchen, doch ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Sie werden ja wohl nachsichtig sein gegenüber den akustischen und bildhauerisch-malerischen Mängeln im Katzengoldenen Saal unseres realklassizistischen Musikvereins alla piefka.

Gänzlich unentschuldbar ist nur das Rumpeln und Pumpeln, Knistern und Knuspern des Berliner Publikums zu Beginn des Largo von Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37. Aber weder der Dirigent Herbert Blomstedt noch der Solist Kit Armstrong lassen sich etwas anmerken: Gelassenheit des hohen Alters und der knackfrischen Jugend. Weiterlesen

Kleines Dankeschön an den großen Stanisław Skrowaczewski

Von einem schönen Kammermusik-Abend nach Hause gekommen, liest man traurig, dass der große Dirigent Stanisław Skrowaczewski verstorben ist.

Traurig? Gewiss. Aber mehr noch dankbar. Dafür, den 93jährigen noch vor einem knappen Jahr erlebt haben zu dürfen, als der beim Rundfunk-Sinfonieorchester Bruckners Achte dirigierte. In klarer Monumentalität. Im Stehen. Ohne einen Blick in die Partitur, die für ihn bereitlag – er schlug sie zu, bevor er zum ersten Ton anschlug.

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22.1.2017 – Überraschungsgastlich: Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals

Ein Irrtum ist zu korrigieren. Viele Musikhistoriker und Konzertführer behaupten, Anton Bruckner hätte keine Schüler und direkten Nachfolger gehabt. Das ist falsch: Bruckner hat einen Schüler und direkten Nachfolger. Er heißt Heinz und lebt in Niederbayern.

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Überraschungsgast bei Ultraschall

Zum Abschluss des Ultraschall-Festivals für neue Musik, das sich dieses Jahr dem Thema „Stimme“ widmete, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester im rbb-Sendesaal die 5. Sinfonie „Jetzt und in der Stunde des Todes“  des 1946 geborenen Heinz Winbeck. Winbeck spricht mit der Stimme Bruckners, nicht des Vokalkomponisten, sondern des Symphonikers. Sein Werk nach Motiven insbesondere des Finales der IX. Symphonie (das es ja nicht gibt) umkreist Bruckner nicht indirekt und von ganz weit weg, wie es etwa Aribert Reimann in Nahe Ferne mit Beethoven tut, hat auch wenig mit Hans Zenders komponierten Interpretationen zu tun. Ursprünglich sollte Winbecks Werk In Bruckners Kopf heißen, das hätte schon gepasst.

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16.12.2016 – Geschmackssachlich: Berliner Philharmoniker, Thielemann, Buchbinder mit Beethoven und Bruckner

Den dunkelwarmen Klang, den Metzmachers überragende Bruckner-Vierte beim DSO verweigerte, schenken Christian Thielemann und die Berliner Philharmoniker bei Anton Bruckners Symphonie Nr. 7 E-Dur im Übermaß. Drei Abende lang, hier geht’s um den zweiten.

Bei Metzmacher klang Bruckner ganz anders, als man ihn sich vorstellte, und das war gut so – aber auch Geschmackssache, ein älteres Ehepaar ging nach dem ersten Satz. Bei Thielemann klingt Bruckner, wie man ihn sich vorstellt, und das ist auch gut so, grandios, glorios. Aber ebenfalls Geschmackssache.

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14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

Sogenannte apollinische Kunst ist ja oft langweiliger als sogenannte dionysische, weil mit Apollon nicht der krasse Marsyashäuter oder der hinterhältige Bogenschütze auf Trojas Mauern gemeint ist, sondern irgend so ein diatonischer Musenizer. Aber bei Igor Strawinsky ist Neoklassizismus kein Euphemismus für gepflegte Langeweile. Was machen diese falschen Töne in der Dur- und Terzenseligkeit von Apollon musagète (1928)?

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10.12.2016 – Schallend, verhallend: Berliner Philharmoniker, Thielemann, Kremer mit Gubaidulina und Bruckner. Rattle und Hannigan mit Grisey

Das interessante Programm, das die Berliner Philharmoniker unter Christian Thielemann (mehr dazu unten) dreimal gespielt haben, wird am Samstagabend durch das anschließende Late-Night-Konzert mit Simon Rattle, Barbara Hannigan und einem 15köpfigen Ensemble aus Philharmonikern und Gästen außergewöhnlich kontrapunktiert: Vier ergreifende Meditationen über den Tod sind Quatre chantes pour franchir le seuil, die der französische Komponist Gérard Grisey (1946-98) kurz vor seinem Tod komponierte. Ein leises Reiben auf der Großen Trommel ist vor und zwischen den Stücken zu hören, oder eben kaum zu hören, und da meint der (Nicht-)Hörer sein eigenes Atmen zu vernehmen, fassungslos vor der unbegreifbaren Grenze.

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27.4.2016 – Atemlos blühend: Andris Nelsons mit Wagner und Bruckner bei den Berliner Philharmonikern

Zu den geheimen Hintergründen der letzten Chefdirigentenwahl der Berliner Philharmoniker gehört, dass die Frau des Konzertgängers gegen Andris Nelsons frühzeitig ihr Veto eingelegt hat: Sie kann einfach seinen Dirigierstil nicht ansehen. Das viele Rudern, Kreisen, Beugen erinnert sie zu sehr an die enervierende Akrobatik ihrer Kinder beim Abendessen. Aber die Augen schließen geht auch nicht: Einerseits aus instinktiver mütterlicher Sorge, dass der große Junge Andris gleich ein Saftglas oder Papas Weinflasche vom Tisch wischen könnte. Andererseits weil sie mit geschlossenen Augen immer einschläft; selbst bei Bruckner.

Was sehr schade wäre. Und merkwürdig, denn Nelsons ist der Wachhalter schlechthin. Emotionaler Erwecker oder an einen Fußballtrainer erinnerndsolche Beschreibungen, obwohl anscheinend positiv gemeint, hat Nelsons aber auch nicht verdient. Intensiver kann man nicht dirigieren. In der Uraufführung 1877 soll Anton Bruckners 3. Symphonie d-Moll (auch dank Bruckners Dirigier“kunst“) ja so übel getönt haben, dass nicht nur das Publikum, sondern auch einige Wiener Philharmoniker vorzeitig den Konzertsaal verließen. Dabei war ihre Renitenz ja zumindest mitschuldig an dem Desaster. Da konnte es Bruckner auch nicht trösten, dass der unerreichbare, weltberühmte und erhabene Meister der Dicht- und Tonkunst  ihm in Anerkennung dieser Symphonie eine Prise Bayreuther Schnupftabak angeboten hatte; und einige Bier, so dass Bruckner am nächsten Tag nicht mehr wusste, welche Symphonie er Wagner widmen durfte, die zweite oder die dritte.

Hätte Bruckner doch Hingabe und Sound der Berliner Philharmoniker erleben dürfen!  Gespielt wird, wie üblich, die 3. Fassung der Symphonie von 1889. (Es wäre ein Traum, wenn das Orchester einmal in einer Saison die verschiedenen Versionen einer Brucknersymphonie spielte.) Nelsons setzt auf Ekstase statt roter Fäden, was sehr beeindruckend klingt. Der ununterbrochene Höchstexpressionsmodus kann aber auf Dauer auch ins Leere laufen, die Intensität des Moments geht auf Kosten der großen Bögen; insgesamt eine sehr laute Aufführung. Und wenn Nelsons sogar mit den Fingern die Flötentriller in die Luft zeichnet, fragt man sich, ob das aus einem Instrumentalisten wie Emanuel Pahud wirklich etwas herauskitzeln kann. Schnürt es einem Interpreten nicht die Luft ab? Man ist halt kein Musiker. Als Showdance fürs Publikum kann man Nelsons‘ Dirigat auch nicht abtun, dafür ist das Orchester offenhörlich zu begeistert bei der Sache. Gut sowieso.

Das Publikum fühlt sich erst recht nicht bevormundet, sondern ist enthusiasmiert. Überwältigend ist dieser Bruckner, zweifellos. Aber auch überzeugend?

Parsifal passt besser zu Bruckner als jede andere Musik Wagners: Im Vorspiel zum 1. Akt erinnern die mischklangfreien Register und die weihevollen Generalpausen frappierend an die archaisch-futuristische Symphonik des Linzer Halbgotts bzw. Halbtrottels (Mahler). Nelsons präsentiert das gefühlt langsamste Parsifal-Intro seit Wilhelm Furtwängler. Die Besucher der Bayreuther Festspiele, wo Nelsons im Sommer den neuen Parsifal leiten wird, können sich auf mindestens 30 Gratis-Extra-Minuten einstellen. Im Karfreitagszauber bewährt sich Albrecht Mayers Radfahrerlunge beim brillanten Oboensolo. Instinktsicher antizipierte das Publikum diese exorbitante Leistung bereits vor dem Konzert, als der allein aufs Podium kommende Mayer singulären Applaus erhielt.

Der Konzertgänger kommt sich bei solchen Wagner-Exzerpten aber immer wie ein Schummler vor, der den langen Weg zum musikdramatischen Blütenmeer schnöde abgekürzt hat. Kein Wunder, wenn man da ins Hecheln kommt.

Nachtrag: Herr Schlatz weist zurecht darauf hin, dass Knappertsbusch der größte Parsifal-Trödler war, wie hier zu hören.

Ausführliche Kritik bei Bachtrack.

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17.4.2016 – Klar monumental: Stanisław Skrowaczewski beim RSB mit Bruckners Achter

Der älteste praktizierende Dirigent weltweitStanisław Skrowaczewski hat die persönliche Bekanntschaft mit Anton Bruckner nur knapp verpasst und könnte der Vater von Daniel Barenboim oder Marek Janowski sein. Alles praeter propter. Um exakt zu sein: Er erblickte das Licht der Welt im damals polnischen Lwiw/Lemberg genau 23 Tage vor der ersten funklautlichen Regung des Klangkörpers, der später zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) werden sollte.

Wie es sich gehört, gilt Skrowaczewski als Bruckner-Experte, ab 80 scheint Dirigenten eine über den Notentext hinausgehende Kenntnis dieser Musik zugänglich, die Jüngeren, sich noch unsterblich Wähnenden verschlossen ist. Und ab 90? Dass Skrowaczewski, der dieses Jahr 93 wird, gut zwei Jahre nach seiner imposanten Aufführung der Vierten mit Anton Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll noch einmal nach Berlin in die Philharmonie zurückkehrt, ist ein Geschenk.

Die für ihn bereitliegende Partitur der Achten (Haas-Fassung) berührt Skrowaczewski ein einziges Mal – vor Konzertbeginn, um sie zu schließen. Kein Stuhl, kein Hocker auf dem Dirigentenpodest für die kommenden 80 Minuten. Allein davon wäre man beeindruckt, selbst wenn das Konzert so lala wäre. Aber davon kann keine Rede sein, Skrowaczewskis Bruckner ist enorm: alles andere als ausgewogen, oft durchaus laut mit schwerem Blech (man sitzt gut in Block D, zwanzig Meter vom Orchester entfernt) – Skrowaczewski wird sich nicht mehr von 70jährigen Grünschnäbeln erklären lassen, dass eine Brucknersinfonie im Grunde eine spezielle Form von Kammermusik sei. Er betont die Härten der Partitur, etwa den Kontrast von brutaler Wucht und zartestem Piano im Scherzo oder das infernalische Vorschlaggewitter im Finale.

Aber bei aller Massivität keine Spur von Undurchsichtigkeit: Das polyphone Stimmengeflecht ist deutlich und plastisch, Musik von klarer Monumentalität und monumentaler Klarheit. Die sich aber auch immer wieder verflüssigt, denn die Solisten genießen bei Skrowaczewski große Freiheit und sind durch die Reihe wunderbar: Horn (Martin Kühner), Oboe (Gabriele Bastian), Flöte (Silke Uhlig), Klarinette (Michael Kern) et al., nicht zuletzt die Pauke (Jakob Eschenburg), die nach den gleißenden Trompetenschreien am zerfallenden, verlöschenden Schluss des ersten Satzes Allegro moderato so beklemmend sanft wispert. Der Konzertgänger ist wieder überrascht, wie kurz dieser erste Satz ist.

Im Scherzo leuchtet dem Konzertgänger wieder ein, warum er anno dunnemal beim ersten Hören dieser Symphonie das Trio bereits für den langsamen Satz hielt. Da kannte er ja das wahre Adagio noch nicht, den Satz der Sätze, für den die Frau des Konzertgängers erst auf die Welt gekommen zu sein meint. Unter feierlich langsam versteht Skrowaczewski wirklich langsam, es ist ein Musikstrom, in dem der Konzertgänger seinerseits der Sonatensatzwelt abhanden kommt; doch nicht schleppend, die Übergänge grandios, dito die Solovioline von Rainer Wolters. So wie die einzelnen glänzen, so glanzvoll eins ist das Ganze, ein in seiner Zerrissenheit außerordentlich organischer Orchesterklang.

Nach der großen Themenvereinigung und dem a tempo gespielten Schlussknall beobachtet man zitternd Skrowaczewskis heiklen Weg vom Podest zur Treppe. Stehende Ovationen des Publikums, ein Gefühl überwältigender Dankbarkeit. In der Saison 2017/18 ist ein weiteres Konzert geplant. Gott befohlen!

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