Fremdwohlwollend: Chiaroscuro Quartett spielt Fanny Hensel, Haydn, Schubert

Komponistinnen! In der Gegenwartsmusik mags nicht ideal, aber besser aussehen, doch im klassischen Kanon bleibts heikel. Im Clara-Schumann-Jahr könnte man sich fragen, warum alle Welt diese Künstlerin Clara zu nennen sich erlaubt (niemand würde von Robert oder Johannes sprechen). Die verdienstvolle Arbeit des seit 40 Jahren arbeitenden Frankfurter Archiv Frau und Musik wurde kürzlich von der örtlichen FDP torpediert. Und im VAN Magazin beginnt dieser Tage eine Serie, in der 250 Komponistinnen vorgestellt werden. Den Namen Fanny Hensel aber kennt jeder, kaum jedoch Hensels Musik. Es sei denn, man ist bei dem unbedingt hörenswerten Chiaroscuro Quartett im Pierre-Boulez-Saal dabei.

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Sanfttröstend: Sampson und Bezuidenhout im Boulezsaal

Ariadne auf Naxos, sich nach einem Clavier sehnend I

Gelobt sei die Kunst des sinnigen Sichversprechens und Sichversingens! Nur ein die und ein der vertauscht, und schon ersetzt der Großvater die Oper: Flieht, was der Opa singet und folgt der Phantasie. Wie schön ist das denn! Wahrlich von tieferem Sinn aber, wenn die wunderbare Sopranistin Carolyn Sampson nicht singt Doch nein, laß mir mein Leid und meine Zärtlichkeit, sondern: mein Leid und seine Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeit des Leids. So geschehen in einer Ode an das Clavier von Friedrich Gottlob Fleischer, einer von vielen wertvollen Raritäten, die man an dem schönen, klugen Liederabend von Sampson und dem sorgsamen Pianisten Kristian Bezuidenhout im Pierre-Boulez-Saal kennenlernen darf.

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Dürrheil: Haydns „Jahreszeiten“ mit RSB, Vocalconsort, Jurowski

Gute Sache, ein paar Tage nach diversen Gewitter- und Pastoralmusiken mal wieder Joseph Haydns Jahreszeiten zu hören. Moment, „mal wieder“? Es ist der Erstkontakt seit dem Musikunterricht in der Schule, damals in der mittlerweile gefühlten nullten Jahreszeit des Lebens. Dass für Bammel und Kontaktsperre gar kein Grund war, zeigt aber die schöne Aufführung durchs Rundfunk-Sinfonieorchester und Vocalconsort Berlin mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski.

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Streichquartett-Woche: Belcea spielt Haydn und Janáček

„Seids vernünftig, sonst gibts eins mit dem Staberl über!“ (Schiller)

Abgenudeltster Über-Streichquartette-Einstieg: dieses berühmte Kant-Zitat (oder wars Konfuzius), demzufolge man vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten höre und dabei langweile. Bei Joseph Haydn aber hört man manchmal eine Person, die sich mit dreien unterhält, und Vernunft ist nicht alles, Vergnügen und Spielkultur sind von wenigstens gleicher Bedeutung. Und wenn im Menuett des d-Moll-Quartetts Hob. III:76 der Tanzbär hudelt, ist Vernunft schon gar keine Kategorie. Oder in diesem Largo e cantabile im G-Dur-Quartett Hob. III:41, einem erstaunlich pathetischen, teils sogar harschen Satz.

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Mestorein: Belcea Quartett spielt Mozart, Bartók, Mendelssohn

Nach ein paar Tagen alter Musik auch wieder Freude über die vollkommene Intonationsreinheit eines Streichquartetts. Die ist bei einem guten Ensemble natürlich nicht Ziel, sondern bloß Bedingung erfüllten Musizierens – erst recht bei einer Hausnummer wie dem Belcea Quartett, dem Ensemble in Residence des Pierre-Boulez-Saals. Der Ton ist rein, aber der Sinn ist trüb, ja mesto in diesem novemberabschiedlichen Programm mit Mozart, Bartók, Mendelssohn.

Die vier Musiker (man ist versucht zu schreiben: Corina Belcea und drei Männer) sitzen je rechtwinklig einander zugewandt in der Mitte des Saals, ein Streichquadrat. Wie neulich das JACK-Quartett im Kammermusiksaal spielen sie alle vom Tablet, während die Partitur-Mitleser im Auditorium noch am Gedruckten kleben, den Bleistift zwischen Zeige- und Mittelfinger. Weiterlesen

Naturgezartig: Staatskapelle und Rattle spielen Gabrieli, Haydn, Janáček

Stehen in der Berliner Philharmonie Haydn und Janáček auf dem Programm, muss man den Namen des Dirigenten gar nicht dazu sagen. Es sei denn, um zu streiten, ob man ihn Sir Simon nennen soll, wie laut Musiklehrer des Konzertgängersohns alle Berliner sagten (nein, ruft der Vater), oder eben Simon Rattle.

Beide Herzensstücke dirigiert er auswendig, nicht nur Haydns Pariser D-Dur Sinfonie Nr. 86, sondern auch Janáčeks gigantische Glagolitische Messe. Kurze Irritation, weil ihm das falsche Orchester gegenüber sitzt: nicht die Berliner Philharmoniker, sondern die Staatskapelle. Aber was heißt falsch, Rattle ist jetzt ein freier Mann, und das Orchester der Lindenoper dirigiert er ja schon seit langem immer wieder. Weiterlesen

Dreihirnherzig: Andreas Staier spielt Mozart, Haydn, Beethoven

Beethoven empfängt Mozart’s Hirn aus Hayden’s Händen. Rechts Gräfin Waldstein

Beethoven-Sonaten kann man sein ganzes Leben lang immer neu kennenlernen, aber zwei Kennenlernen sind einschneidend: das allererste natürlich, meist auf einem handelsüblichen Steinway. Und dann das erste Mal auf einem historischen Klavier. Da hört man plötzlich ein ganz neues Werk.

Der Pianist Andreas Staier spielt bei seinem Rezital im Pierre-Boulez-Saal Ludovico van Beethovens Sonate d-Moll op 31, 2 von 1802 auf dem Nachbau eines Alois-Graff-Flügels von etwa 1830 aus Wien. Das ist die Sonate, die nach einem vom Ober-Apokryph Schindler kolportierten kryptischen Hinweis auf Shakespeare geradezu apokryptisch Der Sturm genannt wird. Weiterlesen

Gründig: Michael Abramovich spielt Schubert, Haydn, Beethoven

Einen Ort, den sogar die Frankfurter Allgemeine schon als „Untergrund“ bezeichnet hat, den mag man kaum mehr so nennen. Also ist der Pianosalon Christophori wohl einfach einer der schönsten, interessantesten Klavier- und Kammermusikgründe Berlins. Und immer ein Obergrund, in den (nicht nach!) Wedding zu fahren. Zumal im August hilft der Pianosalon dem Klassikfreund, der nicht in Bayreuth oder Salzburg weilt, ohne bleibende Schäden zu übersommern. Weiterlesen

Wahrvögelnd: Trio Gaspard spielt Bernd Alois Zimmermann, Haydn, Schubert

Bernd Alois Zimmermann da, wo er hingehört: zwischen Haydn und Schubert. Ein Klassiker. Das merkt man erst recht, wenn man Zimmermann vor einigen Monaten zwischen halbgaren Neuwerken gehört hat. Das deutschgriechbritische Trio Gaspard aber setzt ihn in angemessen olympische Umgebung. In einem sensationell guten Konzert im Pierre-Boulez-Saal.

Zimmermanns Présence ist mehr als ein Trio für Violine, Cello, Klavier: Ballet blanc in fünf Szenen heißt es im Untertitel. Aber schon bei der Darmstädter Uraufführung 1961 wurde das Stück, das drei Gestalten der Weltliteratur zu Protagonisten hat, ohne Hupfdohlentum aufgeführt. Auch der Sacre, möchte man meinen, braucht ja nicht das Ballett, das sein Anlass war.

Aber bei Zimmermann ist das Ballett nicht Anlass, sondern Bestandteil der Komposition. Das Trio Gaspard nimmt sie fast albern ernst und führt sie darum ernsthaft albern auf: in knalliges Schwarzweiß kostümiert, mit nur wenigen roten Tupfern. Weiterlesen

Gräflich: Bezuidenhout spielt Mozart, Haydn, Beethoven

Wahrscheinlich wäre dem Beethoven des Jahres 1797 dieser Conrad-Graf-Flügel von 1822, auf dem Kristian Bezuidenhout anno 2018 im Pierre-Boulez-Saal seine Musik spielt, wie das erträumte Ding von einem andern Stern vorgekommen.

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Mikrosexy: Vogler Quartett und Gäste spielen Brahms, Haydn, Rihm

Mikrotonale Beziehungskiste (Symbolbild)

Vor dem Entfleuchen in den konzertlosen österlichen Arbeitsurlaub mit der Familie noch irgendwo hingehen, wo’s garantiert gut wird: Da ist das Vogler Quartett eine sichere Bank. Bewährte Qualität, aber nie routiniert.

Schön auch das Konzerthaus an einem Samstagabend, wenn im Großen Saal nix gespielt wird. Auf dem Weg hinauf zum Kleinen Saal magische Atmosphäre wie in einem Badeort nach Ende der Saison. Oben wartet Rihm, eingerahmt von Haydn und Brahms. Vor Konzertbeginn unterhalten sich zwei alte Damen über die ehrenamtliche Deutschnachhilfe für einen Flüchtlingsjungen. Das Publikum hier hat neben aller sonstigen auch Herzensbildung. Weiterlesen

Nachtspritzig: Akademie für Alte Musik und Queyras spielen Haydn, Boccherini, Pleyel

„Madrid oder London – Hauptsache Wien.“ Von wegen. Die musikalische Vielfalt zur Zeit der Wiener Klassik zwischen 1780 und 1800 deutet dieses Programm der Akademie für Alte Musik mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras im Konzerthaus an – und das, obwohl die Hälfte aus Haydn besteht. Die andere Hälfte sind Boccherini und Pleyel. Ein gar nicht mal spektakulärer, aber aufschlussreicher Ausflug in die Nacht unseres Unwissens.

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Lehrsinnlich: Le Concert Olympique mit Jan Caeyers spielt Haydn und Beethoven

Wer liebt schon das Tripelkonzert? Im Konzertbetrieb wirds meist gescheut, fast als wärs ein Tripperkonzert. Dass es dazu gar keinen Grund gibt, beweist das belgisch-weltumspannende Ad-Hoc-Orchester Le Concert Olympique unter seinem Gründer Jan Caeyers im Kammermusiksaal.

Der Appeal des scheinbar unspektakulären Programms mit zwischen 1795 und 1810 entstandenen Werken von Haydn und Beethoven zeigt sich nicht auf den ersten Blick, aber aufs erste Hören. Und dass man das im Zentrum stehende Tripelkonzert C-Dur op. 56 (1804) von Ludwig van Beethoven sogar zu lieben lernt, daran ist nicht zuletzt das Solistentripel schuld. Weiterlesen

Lacrimös: Michael Francis beim Rundfunk-Sinfonieorchester mit Haydn, Britten, Ives, Vaughan Williams

Zu den sieben Plagen der Musikkritik gehört (neben diesem Werthers-echte-farbenen Vokabular von konzis bis luzide und irisierend bis saftig) die ewige Herumkauerei, wie viel Publikum da war. Oder eben nicht da war. Da in diesem Blog mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik sein soll, hier nur so viel: Dieses tränenreiche englische Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Michael Francis hätte full house verdient. Oder wie Opa Werther sagen würde: fulminant! Weiterlesen

Hiobsbotschaftlich: DSO, Norrington, Bostridge spielen Haydn, Britten, Vaughan Williams

Glücklich, wer bei Roger Norringtons über fünf Jahre laufendem Ralph Vaughan Williams-Zyklus von Anfang bis Ende dabei war! Zum Abschluss und als Zugabe zu den Sinfonien dirigiert er beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie „Job“ – A Masque for Dancing (1930).

800px-William_Blake_-_Satan_Before_the_Throne_of_GodDiese dreiviertelstündige, von Bildern William Blakes inspirierte Hiobs-Musik für Riesenorchester ist eher symphonische Dichtung als Ballett, aber auf jeden Fall ein theatralisches Spektakel und ein Fest für Freunde des romantischen Mischklangs, der auch mal zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Plakativ (erztonaler Gott versus dissonanter Tritonus-Springteufel), manchmal leicht bescheuert (plötzliches Losfetzen der Orgel wie in einem bizarren Horrorfilm), aber herrlich lustig und schaurig.  Auch gut als Orchester-Leistungsschau missbrauchbar, wäre also Berliner-Philharmoniker-tauglich. Weiterlesen