Lehrsinnlich: Le Concert Olympique mit Jan Caeyers spielt Haydn und Beethoven

Wer liebt schon das Tripelkonzert? Im Konzertbetrieb wirds meist gescheut, fast als wärs ein Tripperkonzert. Dass es dazu gar keinen Grund gibt, beweist das belgisch-weltumspannende Ad-Hoc-Orchester Le Concert Olympique unter seinem Gründer Jan Caeyers im Kammermusiksaal.

Der Appeal des scheinbar unspektakulären Programms mit zwischen 1795 und 1810 entstandenen Werken von Haydn und Beethoven zeigt sich nicht auf den ersten Blick, aber aufs erste Hören. Und dass man das im Zentrum stehende Tripelkonzert C-Dur op. 56 (1804) von Ludwig van Beethoven sogar zu lieben lernt, daran ist nicht zuletzt das Solistentripel schuld. Weiterlesen

Lacrimös: Michael Francis beim Rundfunk-Sinfonieorchester mit Haydn, Britten, Ives, Vaughan Williams

Zu den sieben Plagen der Musikkritik gehört (neben diesem Werthers-echte-farbenen Vokabular von konzis bis luzide und irisierend bis saftig) die ewige Herumkauerei, wie viel Publikum da war. Oder eben nicht da war. Da in diesem Blog mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik sein soll, hier nur so viel: Dieses tränenreiche englische Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Michael Francis hätte full house verdient. Oder wie Opa Werther sagen würde: fulminant! Weiterlesen

Hiobsbotschaftlich: DSO, Norrington, Bostridge spielen Haydn, Britten, Vaughan Williams

Glücklich, wer bei Roger Norringtons über fünf Jahre laufendem Ralph Vaughan Williams-Zyklus von Anfang bis Ende dabei war! Zum Abschluss und als Zugabe zu den Sinfonien dirigiert er beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie „Job“ – A Masque for Dancing (1930).

800px-William_Blake_-_Satan_Before_the_Throne_of_GodDiese dreiviertelstündige, von Bildern William Blakes inspirierte Hiobs-Musik für Riesenorchester ist eher symphonische Dichtung als Ballett, aber auf jeden Fall ein theatralisches Spektakel und ein Fest für Freunde des romantischen Mischklangs, der auch mal zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Plakativ (erztonaler Gott versus dissonanter Tritonus-Springteufel), manchmal leicht bescheuert (plötzliches Losfetzen der Orgel wie in einem bizarren Horrorfilm), aber herrlich lustig und schaurig.  Auch gut als Orchester-Leistungsschau missbrauchbar, wäre also Berliner-Philharmoniker-tauglich. Weiterlesen

29.11.2016 – Singgehaltvoll: Marc-André Hamelin im Kammermusiksaal

Wie dem Spinat sein Eisen-Image, so eilt dem Kanadier Marc-André Hamelin der Ruf voraus, der technisch beste Pianist der Welt zu sein. Das mag, im Gegensatz zum Spinat, auch nicht falsch sein, allein wen interessiert’s? Musik ist ja kein Leistungssport mit Platzierungsabsicht. Außerdem schwingt manchmal ein maliziöser Unterton mit, so als wäre ein Pianist mit hohem Technikgehalt kein Künstler, sondern eine Maschine.

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Samuil Feinberg

In den Kammermusiksaal hat Hamelin, wie es scheint, kein Konzeptprogramm mitgebracht, sondern einen Haufen guter Musik – in dem sich dann allerdings doch interessante Querverbindungen erhören lassen. Der Saal ist nicht ganz ausverkauft, aber sehr gut besucht, auch Igor Levit ist da, mit rotem Schal in Block A links.

Connaisseurs sind selbstverständlich nicht wegen Beethoven oder Chopin gekommen, sondern wegen Samuil Feinberg (1890-1962).

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27.11.2016 – Gottsuchend: René Jacobs, Freiburger Barockorchester, RIAS Kammerchor spielen Mozart und Haydn

el_greco_-_a_boy_blowing_on_an_ember_to_light_a_candle_soplon_-_wga10422Ja, ist denn heut schon Ostern? Das ist mal ein Adventsprogramm, mit dem das Freiburger Barockorchester und der RIAS Kammerchor unter René Jacobs im ausverkauften Kammermusiksaal gastieren: durch den Tod ins Leben. Erst das Mozart-Requiem, dann Haydns vor Freude sprühende Harmoniemesse.

Die Kombination ist nicht nur klanglich interessant (aufgrund ihrer stilistischen Gegensätze), man könnte sie zugleich religiös musikalisch nennen. Vor einem Jahr, ebenfalls in der Adventszeit, baute das DSO mit Manfred Honeck um Mozarts Requiem ein Programm, das den Hörer durch Überwältigung Gott finden ließ. René Jacobs dagegen sagt: Gott zu suchen ist wichtiger als Gott zu finden, weil er ungreifbar bleibt.

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6.11.2016 – Traumrosamundisch: Mandelring Quartett spielt Haydn, Schubert, Beethoven

Ein Leben ohne Streichquartette ist möglich, aber sinnlos. Also beginnt der graue und grausige November mit einer höchlich sinnhaften Woche, einem inoffiziellen Streichquartett-Festival: Bevor heute das Cuarteto Casals und am Donnerstag das Emerson String Quartet Berlin beehren und am Samstag das feine Vogler Quartett im Konzerthaus spielt, eröffnet das vorzügliche Mandelring Quartett seinen neuen Berlin-Zyklus mit einer klassischen Drei-Gipfel-Wanderung im Kammermusiksaal. Hayschubhoven.

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23.9.2016 – Kühn, wortlos: „Sturm und Drang“ mit Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout

haydnportraitIn diesem Konzert weiß man nie, wann man sich schnäuzen kann: Im Finale von Joseph Haydns 47. Sinfonie wagt man es ebensowenig wie in C.P.E. Bachs Concerto d-Moll, zu abrupt folgen auf heftigste Bewegung plötzliche Pausen und überraschende Pianissimi. So hält der Nachbar des Konzertgängers minutenlang sein Taschentuch vor die Nase und traut sich doch nie, es zu benutzen, aus allzu berechtigter Sorge, in eine unerwartete Stille zu tröten. (Bei Mahler weiß man immer, wann man sich die Nase putzen kann, ohne zu stören.)

So lässt sich das Etikett Sturm und Drang unmittelbar physisch erfahren. Weiterlesen

7.6.2016 – Lebensrettend: DSO, Norrington, Faust spielen Haydn, Mozart, Vaughan Williams

HaydnportraitZwischen wartenden Harfen und allerlei Perkussionsgerödel, das großer Dinge harrt, beginnt Joseph Haydns Symphonie Nr. 87 A-Dur Hob I:87 wie ein Überraschungsangriff. Die lang gedehnten Pausen im Kopfsatz genießen die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mit sichtbarer diebischer Freude. Hörbar ist diese Freude sowieso, erst recht in den Soli der Flöte (Kornelia Brandkamp) im Adagio und der Oboe (Thomas Hecker) im Trio des Menuetts.

Der freudigste Dieb von allen, Sir Roger Norrington, dirigiert nur, wo es nötig ist, oft und gern hört er einfach staunend seinen famosen Musikern zu. Weiterlesen

7.5.2016 – Intim dissonant: Vogler Quartett spielt Haydn, Strawinsky, Beethoven

Mal wieder Zeit für ein Lob des Kleinen Saals: Die Akustik ist dort vielleicht nicht so brillant und ausgewogen wie auf den besten Plätzen im philharmonischen Kammermusiksaal. Aber dort ist eben nur die Hälfte der 1.180 Plätze brauchbar, während man im Kleinen Saal des Konzerthauses auf allen 400 Plätzen ordentlich hört. Und vor allem: intim.

Da glättet und schönt sich keine unsaubere Intonation, aber von ungehobelter emotionaler Vehemenz geht auch keine Schramme verloren: Ein Leidensschrei bleibt ein Leidensschrei. In Beethovens Streichquartett Es-Dur op. 74, das wegen ein paar Pizzicati im Kopfsatz den läppischen Beinamen Harfenquartett nicht los wird, spürt man intensiv eine gewisse Gewalt und leidet in der keineswegs beschaulichen Einleitung des ersten Satzes bei jenen Notrufen mit, die ein Uraufführungsrezensent 1811 als unnötigen Wirrwarr harter Dissonanzen bezeichnete. Das Vogler Quartett (dessen beide Geiger nicht nach Papier, sondern vom Tablet spielen) poliert wie gewohnt nichts, sondern kehrt das Unnötige, Wirrwarrige, Harte, Dissonante hervor, auf dass das Makellose umso heller leuchte: hart an der Grenze der schönen Kunst, wie der Rezensent von 1811 schrieb, mit durchaus richtigem Gespür (auch wenn er das Ganze als Folter empfand). Das Scherzo, in dem das dadada-dam der Fünften sich in einen 3/4-Takt verirrt hat, reißt ebenso mit wie der finale Variationensatz, der in einen beeindruckenden Schlussspurt mündet; das Fotofinish sieht die Musiker im selben Moment die Ziellinie überqueren, den Cellisten Stephan Forck vielleicht am elegantesten.

Warum dieses Quartett im Vergleich zu den vorhergehenden Rasumowsky-Quartetten als leicht, ja beschaulich gilt, fragt man sich angehörs dieser intensiven Interpretation. Am schönheits- und spannungsgeladenen Schluss des Adagio ma non troppo bewundert man zudem, wie die vier Musiker im Ansturm eines unnötigen Wirrwarrs hustender Dissonanzen (als wäre November, nicht Mai) ihre Konzentration bewahren. Der Konzertgänger hätte zurückgebellt; aber er ist ja zum Glück kein Musiker, nur Hörer.

Und bei jedem Beethoven-Streichquartett, das er hört, denkt er unweigerlich: Das ist wirklich ein besonders aufwühlendes! Bei jedem Haydn-Quartett denkt er hingegen: Das ist wirklich ein besonders originelles! So auch bei Joseph Haydns Streichquartett G-Dur op. 77, 1 (Hob III: 81), das das Konzert eröffnet.

Es wäre interessant gewesen, wie viele Hörer wohl bemerkt hätten, dass es sich nicht um das B-Dur-Quartett op. 71, 1 handelt; aber der Primarius Tim Vogler macht freundlicherweise schon vorher auf den Fehler im Programmheft aufmerksam. Elegant und gutgelaunt, aber mit einem für Haydn ungewohnt intensiven, ja romantischen Adagio, in dem das eindringliche Thema in breitem Unisono beginnt und dann durch die Stimmen wandert. Der dynamische dritte und vierte Satz hätten auch dem Sohn des Konzertgängers gefallen, der gleichwohl lieber zuhause geblieben ist, weil er sich mit neun Jahren innerlich noch nicht bereit für Streichquartette fühlt.

Am meisten hätte er sich aber zweifellos über die größte Überraschung gefreut, die in der Mitte des Programms steht: Igor Strawinskys wunderbar schräge Drei Stücke für Streichquartett von 1915. Bessere Anwälte dieses bedauerlich unbekannten Werks könnte man sich nicht wünschen. Das Quartett spielt nämlich nicht nur engagiert, sondern gibt zuvor eine sehr nützliche ausführliche Einführung: informativ, aber nicht bevormundend. Die Musiker spielen die verschiedenen Stimmen an und schlagen assoziative Bilder vor, aus denen der Hörer dann die aussuchen kann, die seinem Ohr frommen – wenn er will, auch alle: Dann hört er im ersten Stück einen an der ratternden Druckmaschine tanzenden Bauern, über dem eine wackelkontaktige Glühbirne sirrt, während in seinem Rücken ein wütender Hund bellt. Aus einer ganz anderen Sphäre klingt das dritte Stück herüber, mystisches Murmeln, in dem die Zeit aufgehoben scheint. Dies irae und Kyrie eleison gewinnen flüchtige Kontur. Die kaum, dann gar nicht mehr zu hörende Bratsche am Schluss dieses Stückes wird zum Höhepunkt des Abends.

Zugabe, vom Publikum durch unangenehm rhythmisches Klatschen erbeten: der vibratoreich gespielte 9. Kontrapunkt aus Bachs Kunst der Fuge, Vorgeschmack auf das nächste Konzert des Vogler Quartetts am 12. November.

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11.4.2016 – Olimpisch: Freiburger Barockorchester spielt Haydn, Mozart, Traetta

Die Verbindung von sportlichen Großereignissen und klassischer Musik löst beim Konzertgänger normalerweise Panikattacken aus, Bilder und Klänge des Grauens drängen sich auf. Dass es auch anders geht, beweist das Freiburger Barockorchester bei seinem Konzert mit dem schönen Titel Spaß und Sport: Während im Großen Saal der Philharmonie Daniil Trifonov in Rachmaninows 3. Klavierkonzert gewiss einen klaren Sieg durch Hörer-K.o. einfährt, erlebt der Musikfreund im Kammermusiksaal mit Sepp Haydn, Wolfgang Armando Mozart und dem neapolitanischen Kunstturner Tommaso Traetta tönende Athletik in ihrer fröhlichen Form. Quer durch alle Sportarten und Disziplinen.

Joseph Haydns Schauspielmusik Il distratto von 1774 ist als Sinfonie Nr. 60 C-Dur Hob. I:60 gelistet, obwohl sie keine Sinfonie ist – jedenfalls nicht im klassischen Sinn, der erst allmählich verbindlich wurde. Das Publikum hat diese Struktur so verinnerlicht, dass es nach dem 4. Satz, einem rasanten Presto der Art, die bei Haydn scheußlicherweise oft Kehraus genannt wird, ganz logisch klatscht. Aber es folgen noch zwei weitere Sätze. Zunächst ein Adagio di Lamentatione, das Katharina Eickhoff in ihrer sehr lesenswerten Einführung als Apotheose der Unfähigkeit bezeichnet: Zwar findet der Konzertgänger die über Triolenwellen ruhig dahinfließende Melodie der ersten Geige (später auch der Oboe) eigentlich ganz hübsch, aber das Orchester sieht es anders und fährt dem ziellosen Gesang laut in die Parade. Das folgende dramatisch losleiernde Prestissimo, ein zweites Finale, bricht dann nach wenigen Takten ab, weil die Geigen feststellen, dass sie dringend ihre G-Saite wieder hochstimmen müssen…

Zerstreut wie der Protagonist des von Haydn musikalisch untermalten Schauspiels, der Briefe an die falsche Braut schickt und sich einen Knoten ins Taschentuch macht, um nicht die eigene Hochzeit zu vergessen, waren auch die ersten vier Sätze: etwa das Einschlafen der Musik im 1. Satz, aus dem ein heftiges Erwachen folgt. Einige zerstreute Hörer erschrecken auch bei der Wiederholung des Witzes!

Das Freiburger Barockorchester ist so spiel- wie stehstark, links wie rechts. Als ebenso energische wie elegante Mannschaftskapitänin überzeugt die erste Geigerin Lorenza Borrani, die die Einsätze durch beeindruckende Kniebeugen mit hohen Absätzen gibt, ein dirigentisches Bauch-Beine-Po-Programm, das kein Maestro hinbekäme. Die tadellose Haltung, mit der sie gleichzeitig streicht, möchte man allen Geigenschülerinnen dieser Welt anempfehlen.

Überzeugt bei Haydn vor allem die kompakte Teamleistung, kommen im weiteren Verlauf des Abends individuelle Spielstärken zur Geltung. In dieser Einzelwertung ist zunächst die Sopranistin Christine Landshamer zu nennen, die Sonderpunkte für Kleid und Turnschuhe erhält:

Landshamer singt zwei Bravour-Arien von Tommaso Traetta und Wolfgang Amadeus Mozart, beide nach demselben, insgesamt über 70mal vertonten L’Olimpiade-Libretto von Metastasio, in welchem eine Schöne namens Aristea als Goldmedaille fungiert. Landshamer punktet in sämtlichen Auf-, Um- und Abschwungübungen am Koloraturbalken ebenso wie in der emotionalen Kür. Silberstrahlend und eher empört als verzweifelt übers männliche Geschlecht klingt die intensive, mit klaren Linien fesselnde Arie Che non mi disse un dì von Traetta, der angelegentlich seiner 2011 in Berlin aufgeführten Antigona als italienischer Gluck bezeichnet wurde und dessen Sohn 1801 das erste Konservatorium der USA gründete. Sehr lyrisch und hochdifferenziert dagegen Mozarts Rezitativ und Arie Non so donde viene KV 294, in dem Landshamers warmer Sopran, den einen Ohrenblick lang drohenden Absturz souverän vermeidend, in strahlende Höhe aufsteigt.

Wie stark und ausgeglichen der Freiburger Kader besetzt ist, zeigt sich aufs Kurzweiligste in Mozarts Posthornserenade D-Dur KV 320: einem groß besetzten und schon ziemlich vermannheimten Ständchen vom Ende der Salzburger Zeit. Zwar herrscht genregemäß nicht in jedem Moment dieser 40 Minuten die höchste musikalische Ereignisdichte. Aber  ginge man sich zwischen den ziemlich symphonischen Rahmensätzen 1 und 7 ein Getränk holen, würde man immer etwas Hörenswertes verpassen: die wunderbaren Holzbläser etwa im Concertante und Rondeau (Flöte Daniela Lieb, Oboe Ann-Kathrin Brüggemann) oder die fahlen Mollabgründe des Andantino, die den Hörer in diesem unterhaltenden Zusammenhang kalt erwischen, ja erschüttern. Und natürlich das Posthorn im 2. Trio des 2. Menuetts, kurz vor Schluss, das Jaroslav Rouček bemerkenswert unflatterig bläst: eine Provokation Mozarts gegen den ungeliebten Erzbischof Colloredo, wie man bei Eickhoff erfährt, denn das Posthorntuten war in Salzburg so verboten wie das Hupen in Wien.

Nicht mal das Mitklatschen, das den Auszug der Musiker zu Mozarts D-Dur-Marsch KV 335 verhunzt, trübt den Konzertgenuss; die freudige Stimmung des Abends entschuldigt selbst diesen Fauxpas des beglückten Publikums.

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