Miese beflügelnd!

Ton Koopman beim Konzerthausorchester

So miese kann’s einem gar nicht gehen, dass einem durch Carl Philipp Emanuel Bach nicht neuer Esprit injiziert würde. Und durch die beflügelnd vitale Erscheinung von Ton Koopman, dem schon 77jährigen niederländischen Cembal- und Organisten und auch Dirigenten, der beim Konzerthausorchester unter anderem zwei CPE-Sinfonien aus der späten Hamburger Zeit im Programm hat. Die bekanntere ist die in D-Dur (Wq 183/1), eine der originellsten, überraschungsbombigsten überhaupt. Und auch wenn man sich in den Abschnittsbeginnen des ersten Satzes die Kontraste noch unverschämter geschärft vorstellen könnte, flutschen doch die Streicher famos und die Holzfarben leuchten mit schöner Kontur.

Was Koopman angeht, schließt bei ihm auch der ärgste Ohrenmensch nicht die Augen. Es mag nicht die ganz hohe Dirigierschule sein: deutliche Rumpfbeuge auf die Eins, Hüpfen zum Akzent. Aber ist ja auch nicht Brahms oder Spätromantik hier. Und wichtig ist erstens, was aus dem Orchester raus und ins Ohr reinkommt (historisch informierte Facharbeit), und zweitens eben auch, dass Koopman immensen Charme, Witz und Freude verspritzt. Der ist ja miese sympathisch, murmelt meine mich gnädigerweise begleitende Zwölfjährige (stimmungsmäßig ansonsten an diesem Abend in düstres Gewölk gehüllt).

Dass das Arbeiten mit Koopman auch den Musikern Riesenspaß macht, spürt man bereits bei der eröffnenden G-Dur-Sinfonie Wq 183/4 von CPE Bach. Und dass das gut vorbereitete Konzerthausorchester auch ohne Dirigent gut kann, zeigt sich bei Joseph Haydns Orgelkonzert C-Dur Hob XVIII:1. Man könnte es auch mit Cembalo aufführen, aber Koopman spielt es eben nicht daran, sondern an der kleinen, einregistrigen Kastenorgel. Ist es sakrilegisch, diesen frühen Solokonzert-Haydn verglichen mit CPE Bach geradezu – pardon – langweilig zu finden? Dennoch hört man nicht ungern zu, gut durchgearbeitet, fasziniert auch vom höchst aufmerksamen Umblattler, der hier zugleich als Lautstärkeregler fungiert.

Nach der Pause zweierlei Mozart – sehr zweierlei tatsächlich: Die Serenata notturna D-Dur KV 239 (wie Haydns Orgelkonzert bläserlos, hier zu den Streichern nur eine Pauke) ist nicht zu verwechseln mit der späteren Kleinen Nachtmusik. Weniger bekannt, aber mit hohem Reiz nicht nur des Unbekannten. Klar müsste man sich das eigentlich mit Champagnerflöte oder Cocktailfagott oder Liköroboe im sommerlichen Salzburger Garten anhören. Aber da würde man sich dann wünschen, der Salzburger Konversationspartner möge mal gepflegt die pfeiffn hoidn, damit man besser dieser erstaunlich facettenreichen, vielfältigen Hintergrundmusik lauschen kann. Das Vorstreichquartett geht munter voran, geführt von der so energischen wie gutgelaunten ersten Geigerin Suyoen Kim. Und es ist zum Piepen, wie im finalen Rondo erst aus der zweiten Reihe die „falsche“ Bratsche einsetzt, anschließend der Kontrabass – der hier statt Cello zum Soloquartett gehört! – sich als Geige versucht, dann die Pauke aus der Ecke wüst das Szeptern an sich reißt; und schließlich noch hintenrum ein freches Celloquartett aus dem Nichts herbeigaloppiert.

Die „Linzer“ Sinfonie C-Dur KV 425 stößt danach beeidruckend das Tor in ganz andere musikalische Sphären auf. Man meint zu spüren, hier geht’s um was anderes als in Serenata oder Haydnkonzert. Obwohl sie angeblich innerhalb von vier Tagen komponiert sei! Aber diese Blitzkompositionsgeschichten über Mozart gehören auch zu den Mythen, die wenn nicht nach Widerlegung, so doch nach Differenzierung verlangen. Nun denn. Die spannungsvolle langsame Einleitung zum Kopfsatz, die schlagartigen Verdüsterungen im Andante, sehr theatralisch gegeben … Stützung durch korrektes Instrumentarium wie antike Drommeten und altes Gehörnst gibt dem Klang zusätzliche Spannung, und natürlich wird flott und schlank und vibratoarm gespielt, etc pp. Und mit Ton Koopman: miese publikumsbeflügelnd!

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