6.3.2016 – Bildhaft: Mit Juri, Mussorgsky und dem RSB im Museum

Die Tochter des Konzertgängers steht zwar klassischen Konzerten prinzipiell skeptisch gegenüber, weil es da zu wenig schicke Kostüme gibt. Museen allerdings schätzt sie so sehr, dass man sie locken kann: „Wenn du jetzt Geige übst, geh ich nachher mit dir ins Museum!“ Ein für den Vater unbegreifliches und vermutlich weltweit singuläres Phänomen. Auf ein Konzert, in dem es um ein Museum geht, lässt sie sich also huldvoll ein. Zumal wenn es von dem aus dem Baumhaus wohlbeleumundeten Kika-Moderator Juri Tetzlaff moderiert wird; die Erkenntnis, dass es Menschen aus dem Fernsehen in echt gibt, wirkt ja auch auf Erwachsene oft magisch.

Hat es Modest Mussorgsky wirklich gegeben? Da ist der Konzertgänger, wie bei anderen Komponisten, nicht sicher. (Den künstlichen Menschen Ravel muss es allerdings gegeben haben, sonst könnte es nicht so eine fantastische Fantasie über ihn geben wie den Ravel-Roman von Jean Echenoz.)

In einem Kinderkonzert ist die Frage müßig, ob der großartige Ravel mit seiner großartigen Instrumentierung Mussorgskys ungehobelte Bilder einer Ausstellung vielleicht großartig verhunzt hat: Orchesterfarben können für Kinder nicht hell genug leuchten; die Freude an Mathis dem Maler kommt dann später, wie Haarausfall und Hüftspeck. Das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) pinselt im Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks prächtig: die auf dem Ochsenkarren singende Tuba  in Bydlo, die aus Eierschalen schlüpfenden Flöten im Ballett der Küken, die schnarrend bettelnde Trompete in Samuel Goldenberg und Schmuyle – bis das ganze Orchester mit vereinter Wucht das Große Tor von Kiew durchschreitet. Der Dirigent Steffen Tast (an sich RSB-Musiker bei den ersten Geigen) leitet mit sicherer Hand. Schon in die erste Promenade mit ihrem Wechsel von 5/4 und 6/4-Takt lässt er das Orchester flott hineinmarschieren, ganz richtig, mit Kindern schlurft man nicht durchs Museum.

Außerdem ist Tast ein angenehm eloquenter Sidekick für den Moderator Juri  Tetzlaff, der leibhaftig genauso nett wirkt wie in der Glotze. Vor allem überzeugt sein Konzept: In den ersten Stücken wird die Vorstellungskraft der Kinder noch mit Hilfe von projizierten Bildern entzündet (und zwar nicht der Originale von Wiktor Hartmann, die zum größten Teil ohnehin verloren sind, sondern von acht Berliner Schulklassen, die auch die Promenaden pantomimisch darstellen). Aber sobald das jeweilige Stück beginnt, verdunkelt sich die Leinwand. Und nach dem 5. Stück hat die böse Baba Jaga die Bilder geraubt, so dass die Kinder komplett auf ihre eigene Imaginationskraft angewiesen sind!

Schließlich wird die olle Hexe aber mit einem gemeinsamen Zauberspruch Mores gelehrt, und die Bilder purzeln zurück auf die Bühne. In den Köpfen der Kinder tanzen und klingen sie ohnehin.

Der Tochter des Konzertgängers gefällt selbstredend die hühnerfüßige Hütte der Baba Jaga am besten. Sie kündigt an, ab jetzt öfter ins Konzert zu gehen.

Nachtrag: Auf dem Education-Blog des RSB erfährt man mehr über die Arbeit mit Schulklassen unter dem Motto „Mussorgsky neu verföhnt“.

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24.1.2016 – Pianoforteverklärend: Ultraschall, letzter Tag

Schwachstarktastenkasten – dieser Name, den Beethoven für das innovative Pianoforte vorschlug, passt zum Programm, mit dem der Pianist Christoph Grund den letzten Tag des ULTRASCHALL-Festivals für neue Musik eröffnet. Es folgen noch ein Geigenrecital von Barbara Lüneburg und das Abschlusskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters.

Zwei Klaviersonaten der St. Petersburgerin Galina Ustwolskaja (1919-2006), die erst seit dem Ende der Sowjetunion allmählich bekannt wird, rahmen Christoph Grunds Recital im Radialsystem. Oft werden an Ustwolskajas Klaviermusik die x-fachen Fortissimi und extremen klanglichen Härten betont, die im Dienst einer sehr individuellen Spiritualität stehen. Doch an der Klaviersonate Nr. 5 (1986) fallen nicht nur die heftigen Cluster auf, sondern ebenso das lange Nachlauschen und die häufigen Paarungen sehr hoher und sehr tiefer Töne, wie in Beethovens Spätwerk – nur der Anschlag ist völlig anders: Harte Gnade manifestiert sich in dieser Musik. In der 6. Sonate (1988) gibt es ein solches Nachlauschen hingegen nur in einem kurzen Piano-Intermezzo kurz vor Schluss. Ansonsten walzt die Musik, von Grund mit vollem Unterarmeinsatz auf die Tastatur geschmettert, heftig über den Hörer hinweg. Erstaunlich aber, wie der ebenso feinnervige wie athletische Grund die Walze umstandslos anhält, um die Noten umzublättern; und danach weiterzuwalzen.

Leise, aber keineswegs an der Grenze zum Unhörbaren, wie gern geschrieben wird, komponiert Mark Andre, Komponist der Wunderzaichen, für Ultraschallverhältnisse geradezu eine Berühmtheit. Magische elektronische Klänge steigen in S3 direkt aus dem Flügelkorpus auf, ausgehend von Aufnahmen, die André in Istanbul gemacht hat. So wie es in der deutschen Literatur immer Romgedichte geben wird, so lange die Villa Massimo ihre Stipendien vergibt, so bringen die DAAD- und sonstigen Komponistenstipendien alle möglichen Stadtgeräusche in die Musik; etwa auch die Unterwasserrecordings von Karen Power.

Überaus dankbar hört man Andrés kontemplativ, ja spirituell sirrende Klänge. Man muss beim Hören die Augen schließen, um verklärt zu werden – und es funktioniert, der Konzertgänger hat die Ewigkeit erblickt. Wie sie aussah, weiß er danach nicht mehr; aber sie klang wunderschön.

Rummeliger geht es in Franck Bedrossians The edges are no longer parallel zu: Der ganzkörperverkabelte Pianist darf am, auf, ums und im Klavier all das machen, was man als Kind gern getan hätte, aber wegen der Nachbarn nicht durfte. Man hätte den Eltern sagen müssen: Ich will das Opertonspektrum analysieren und ein Meta-Klavier erzeugen. Ein grandioses Spektakel, aber auch kleinteilig, weil der finger- und handflächenfertige Pianist immer an einer anderen Stelle einen neuen Prozess in Gang setzen muss. – Zum Konzert

Zugang verpasst…

In Barbara Lüneburgs Solo-Recital gibt es eine Bildershow mit sehr schönen Fotos von Eisstrukturen, arktischen Landschaften und Schiffsbugen, interessante Sätze über Identität/identity aus Forschungsprojekten in sozialen Netzwerken sowie interessante Glazialklänge aus dem Lautsprecher. Der Konzertgänger fragt sich nur, wer die sympathische Frau ist, die da am Rand der Bühne steht und ein wenig auf der Geige herumstreicht. Aber man hat schon langweiligere Urlaubsdias gesehen.

Die junge Ultraschall-Reporterin hat in diesem Recital mehr gehört. – Zum Konzert

…und ein gelungener Ausstieg

Zum Abschluss des diesjährigen Ultraschall-Festivals tritt wieder das Deutsche Symphonie-Orchester auf, das auch das durchwachsene Eröffnungskonzert gespielt hat. Für Simone Young ist kurzfristig der Dirigent Franck Ollu eingesprungen. Im Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks sitzt der Konzertgänger neben einem zufällig hereingeschneiten alten Herrn ohne Neue-Musik-Affinität, der hier vor 50 Jahren Ferenc Fricsay gehört hat und sich erinnert, wie weiland Karl Richter Bruckners Vierte verhunzte.

Liza Lims Pearl, Ochre, Hair String hat einen frohmachenden vollen symphonischen Sound, einen sehr spezifischen Ton, der wellenförmig durch das Orchester ritscht und ratscht, ausgehend vom Cello, das Mischa Meyer mit einem Bogen streicht, bei dem das Haar außenrum gewickelt ist. In Blau, See von Robert HP Platz deckt der Titel mehr Assoziationen zu, als dass er sie öffnete – trotzdem ist es ein fesselndes Oboenkonzert. Der Solist (François Leleux) musiziert gemeinsam mit dem Englischhorn auf der Empore, nach und nach treten weitere Instrumente hinzu. Bis die Große Trommel dreinfährt und das Stück zwar nicht abmurkst, aber in ständiger Wiederholung niederschmettert, so dass die Musik nur im Not-Modus weiterglimmt. In dem aber immer noch ein wunderbares Zwiespiel von Oboe und Tuba möglich ist. – Schön auch die eigens von Platz komponierte Zugabe, in der die Oboe scheherazadeerlesen auf einem Liege- oder besser Schwebeton von Flöten, Klarinetten, Hörnern und Trompeten singt. Leleux macht das vom Festival ermüdete Auditorium eindringlich auf die Qualität dieser Musik aufmerksam – so dass es sich doch noch zum rauschenden Applaus durchringt.

Das war ja Musik, murmelt der Fricsay-Veteran.

Zum Abschluss FLUCHT. Sechs Passagen von Peter Ruzicka, Vorgeschmack auf eine entstehende Walter-Benjamin-Oper: makellos theatralische Musik, die das Ausdrucksrad nicht gerade neu erfindet. Es gibt 6 klar unterscheidbare Abschnitte, jeder auf seine Weise gehetzt. Das klingt mitunter etwas routiniert, aber gut; und nach 5 Tagen neuer Musik mögen auch die Ohren des Konzertgängers erschöpft sein. – Zum Konzert

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20.1.2016 – Ohne Unterlass: DSO mit Kristjan Järvi und James Carter eröffnet Ultraschall-Festival

In Berlin ist immer Festival. Nach inoffiziellen Festtagen alter Musik mit dem Freiburger BarockConsort, der Akademie für Alte Musik und MusicAeterna wurde am Mittwoch ULTRASCHALL BERLIN eröffnet, das gemeinsame Festival für neue Musik von Kulturradio und Deutschlandradio Kultur. Im Haus des Rundfunks spielte das Deutsche Symphonie-Orchester unter der Leitung von Kristjan Järvi, jüngstem Spross der musikalischen Järvi-Sippe, gebürtigem Esten und naturalisiertem Amerikaner, ausschließlich amerikanische Musik von 1990 bis 2013.

Es ist sympathisch, dass neue Musik heute mit kleinem n geschrieben wird und ein Gegenwartsfestival nicht mehr mit Klängen eröffnen muss, die jedem zufällig hereingepurzelten Hörer einen Schreck bis ans Ende seiner Tage einjagen. Aber ganz so harmlos, wie dieses Konzert beginnt, muss es vielleicht auch nicht sein. Aaron Jay Kernis bezieht sich in Musica Celestis (1990) auf Hildegard von Bingen und imaginiert ohne Unterlass singende Engel im Himmel. Wenn man in Michael Heinemanns einschüchternd gelehrtem Reclambändchen Kleine Geschichte der Musik von der heftigen Irritation liest, die Hildegards eher aus Unkenntnis denn aus Mutwillen nonkonforme Kompositionen bei ihren Zeitgenossen ausgelöst haben müssen, ist Kernis‘ makelloser Wohlklang schon erstaunlich. Das Stück beginnt und endet wie Lohengrin, ist dazwischen bewegter, in seinen Aufwärtsbewegungen etwas plakativ; in der zweiten Hälfte gibt es eine interessante Passage: eine Steigerung ins Schrille, dann eine Generalpause und schließlich gläserne Zaubertonsphäre. Trotzdem: Wenn das Himmelsmusik ist, dann doch lieber zu Pierre Boulez in die Hölle.

Was bei Kernis Hildegard, ist bei Philip Lasser Bach und das Problem ähnlich. Der Komponist erläutert, sein klassisch dreisätziges Klavierkonzert The Circle and the Child (2013) basiere auf dem Choral Ihr Gestirn‘, ihr hohen Lüfte BWV 476, und erläutert vollmundig: Wie ein erlesener Duft strömt sein Choral aus jeder Passage meines Konzerts (Zitat aus dem Programmheft). Die aus dem Choral herausgefilterte aufsteigende fünftönige Skala entpuppt sich dann jedoch als die untere Hälfte der C-Dur-Tonleiter, die sich auch aus Alle meine Entchen herausfiltern lässt, und wiederholt sich tatsächlich ohne Unterlass. Es ist zwar witzig, wenn der 2. Satz dann mit einer 5fachen Tonrepetition beginnt, aber die Musik fließt und klingelt einlullend, selbst die eingestreuten Bitonalitäten im Finale. Die Pianistin Simone Dinnerstein klimpert tiefenentspannt mit. – Freundlicher Applaus sowie zwei halbe Buhrufe, die keinen ganzen ergeben.

Zum Glück wird es nach der Pause besser. 40 Changing Orbits /(2012) des Opernkomponisten und Rappers Gene Pritsker, der schon mit dem großen Joe Zawinul musizierte, ist durchaus fernsehshowtauglich und mitwippbar, aber mehr als Bigbandsound, die Orchesterfarben schillern in allen Nuancen; wenngleich die Musiker des DSO auch hier noch etwas unterfordert wirken. Erfahrungswert, schon beim Konzerthausorchester bemerkt: Wenn eine Aufführung die Musiker nervt, sieht man es am deutlichsten in den Gesichtern der Bratscher.

Der Dirigent Kristjan Järvi nervt allerdings nicht, er leitet umsichtig und tanzt sympathisch ungelenk mit. Noch weniger nervt der großartige Saxophonist James Carter (hier bei den Leverkusener Jazztagen 2004), der den Abend rettet: in Roberto Sierras Concerto for Saxophones and Orchestra (2002). Es gibt definitiv zu wenige Saxophonkonzerte in der klassischen Musik; erst recht von jazzkundigen Ligeti-Schülern, wie Sierra einer ist. Es ist kein Jazz mit Symphonieorchester, sondern ein klassisches Solokonzert (wenngleich jazziger als die jazzigen Stücke von Milhaud, Ravel oder Strawinsky), das Orchester antwortet, spielt, streitet mit dem Solisten. Vor allem aber trägt es ihn auf Flügeln, mit gutem Grund. Schon bei der ersten Solokadenz (mit Tenorsaxophon) gibt es berechtigten Zwischenapplaus für den ohne Unterlass virtuosen Carter. Im zweiten Satz greift Carter zum Sopransaxophon, Donau und Mississippi (oder Hudson) treffen aufeinander, und das Instrument klappert, pustet, keucht und pocht wie bei Lachenmann, nur viel lustiger. Das ist Musica celestis: ein sensationell gutes Konzert mit einem grandiosen Musiker.

Am Donnerstag steht bei Ultraschall kein Mangel an kompositorischem Ernst zu befürchten: In den Rundfunkstudios der DDR in der Nalepastraße, tief im Osten Berlins, gibt es eine Hommage an den 90jährigen Friedrich Cerha, den österreichischen Doyen der Nachkriegs-Avantgarde und Lulu-Vollender. Am Freitag geht es nach Kreuzberg und Neukölln, am Wochenende nach Friedrichshain, bevor das Festival Sonntagabend zum Abschluss in den Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks zurückkehrt.

Hier geht’s zu den Festivalberichten junger Reporter von 15 bis 24.

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