Dürrheil: Haydns „Jahreszeiten“ mit RSB, Vocalconsort, Jurowski

Gute Sache, ein paar Tage nach diversen Gewitter- und Pastoralmusiken mal wieder Joseph Haydns Jahreszeiten zu hören. Moment, „mal wieder“? Es ist der Erstkontakt seit dem Musikunterricht in der Schule, damals in der mittlerweile gefühlten nullten Jahreszeit des Lebens. Dass für Bammel und Kontaktsperre gar kein Grund war, zeigt aber die schöne Aufführung durchs Rundfunk-Sinfonieorchester und Vocalconsort Berlin mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski.

Okay, der zopfige Text des verdienstvollen Gottfried van Swieten, der seinerzeit in Wien Bach- und Händelkenntnis an den Mann zu bringen versuchte, u.a. an Mozart und eben Haydn (und geht sogar die Tatsache, dass selbst der alte Beethoven Händel für den Allergrößten hielt, auf van Swieten zurück?) — dieser zopfige Text also bleibt eine Anfechtung. O Fleiß, o edler Fleiß! Von dir kommt alles Heil, jubiliert es wie auf einem FDP-Parteitag, und an unfreiwilliger Komik ist auch sonst kein Mangel: und dann erhebt der brausende Most die Fröhlichkeit zum Lustgeschrei. Für die Spinnrad-Verse Außen blank und innen rein / muss des Mädchens Busen sein ist allerdings van Swieten nur mittelbar verantwortlich, die hat er nämlich bei Gottfried August Bürger geklaut.

Also besser nicht den Text mitlesen, während man Haydn hört. Die musikalische Umsetzung durch den alten Herrn ist fürs heutige Ohr immer wieder, wenn auch nicht durchgehend fesselnd. Durchaus störend etwa die komischen Brüche zwischen pantheistischen Gottesanrufungen und neckischem Singspiel (Steffen Georgi). Aber das Gespür fürs Milieu (auch Georgi) des Dorfkinds Haydn ist sogar in dieser ganzen aufgeblähten Künstlichkeit des Landleben-Popanzes anwesend, ja. Und die musikalische Erfindung natürlich immer wieder eminent, vor allem in den vier Einleitungen zu den Jahreszeiten: die Bangigkeit in der Dunkelheit und ihr Vergehen mit dem sommerlichen Sonnenaufgang und erst recht die dicken Nebel, mit denen der Winter beginnt – beklemmende Todeslandschaft. Dazu viel farbenreiche Genrezeichnerei, Gewitter, schleichende und knallende Jagd.

Oder dieses weinselige Musikantengelage. Da lassen Präzision und juchzender Schwung des Vocalconsort (Einstudierung Ralf Sochaczewsky) einem die Pumpe auch bei null Promille höher hüpfen. Das RSB ist jederzeit auf Augen-, Ohren- und Herzenshöhe mit dem fabelhaften Chor. Jurowski lässt es in dieser zügigen, idiomatisch trefflich wirkenden Aufführung in für ein Sinfonieorchester erstaunlichem Maß historisieren, nicht nur was Spielweisen angeht, auch mit antiken Trompeten, Hörnern, Hammerklavier in den Secco-Rezitativen.

Nicht jederzeit il più secco possibile, will sagen textdeutlich sind die drei Solisten, die dennoch alles in allem befriedigen: der begarnend schöne Sopran von Chen Reiss, der ausdrucksstarke, vielleicht manchmal übermäßig affektierte Tenor von Topi Lehtipuu und der markante Bass von Dietrich Henschel. Was am meisten für die drei einnimmt, sind die sehr adäquaten, ausgewogenen Terzette und das prima Miteinander mit dem Vocalconsort.

Einnehmend ist ja das menschliche, vielleicht auch betuliche Maß von Haydns ganzer Jahreszeiten-Betrachtung. Zugleich befremdet uns diese rundum heile Naturwelt ja in Zeiten der Klimakatastrophe, in der nichts mehr selbstverständlich ist. Während die putzigen Landleute da von der Sonne als des Lichts und Lebens Quelle tirilieren (und sich so en passant als heimliche Agrar-Freimaurer entpuppen), verbrennt sie in Indien derzeit das Leben. Gerade weil sie uns derart befremden, sind Haydns Jahreszeiten, diese zweistündige Heile-Welt-und-Wetter-Plauderei mit durchaus gemäßigtem Tiefgang, vielleicht ein besserer Abschluss für das RSB-Saisonthema Der Mensch und sein Lebensraum als alle drastische Apokalyptik.

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