Erbaulich: Premiere IL PRIMO OMICIDIO von Alessandro Scarlatti an der Staatsoper

Barockoper? Muss es sein?

Zur Eröffnung der Barocktage der Staatsoper Unter den Linden ein – nein, der Mord: IL PRIMO OMICIDIO, das erste Kapitalverbrechen der Weltgeschichte, ist nämlich die Bluttat von Kain an Abel. In dem Oratorium von Alessandro Scarlatti (dem Vater von Domenico S., aber das nur am Rande) dauert die Tat nur einen kurzen Moment: Der titelgebende Mord ist eher ein Zustand. Meditativ, wenig zu sehen, sehr einfach, demütig – solche Vokabeln, mit denen Regisseur Romeo Castellucci und Dirigent René Jacobs wedeln, lassen homizidierende Langeweile befürchten. Und wie man hernach so aufschnappt, klaffen die Eindrücke weit auseinander. Für den Konzertgänger aber funktionierts: wunderschön, geschmackvoll, klug, bewegend.

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Vereisschränkt: KATJA KABANOWA an der Staatsoper

Statt zu den lustigen Weibern von Windsor zur todtraurigen Frau von Kalinow! Denn Leoš Janáček kann man niemals zu viel hören. Jedenfalls der Konzertgänger. Janáčeks Musik macht ihn unglaublich glücklich, obwohl sie so oft vom Unglücklichsein handelt. Die Oper Katja Kabanowa von 1921 birgt jede kleinste Regung des Herzens und der Sprache in melodischen Formeln und schlägt zugleich einen riesengroßen Bogen von Gefühl und Erkenntnis. Nur muss man höllisch aufpassen, nichts zu versäumen, weil das Stück (wie alle Janáček-Opern) so kurz ist – jedesmal aufs Neue kann einen das verdattern.

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„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

Am Berliner Marathon-Wochenende gelangt mit der GÖTTERDÄMMERUNG auch der Ring des Nibelungen nach circa 42,195 Stunden Gesamtdauer ans Ziel. Finish an der Staatsoper Unter den Linden: Michael Volles geradezu epochaler Wotan ist als Igel längst vor allen Hasen am Ziel und darum leider am letzten Abend schon nicht mehr dabei. Dafür haben Andreas Schagers Siegfried und Iréne Theorins Brünnhilde die dritte Lunge. Daniel Barenboim gewinnt den Günter-Hallas-Gedächtnispreis, es ist sein geschätzt viertausendster Wagner-Marathon, und da bleibt man zwischendurch auch mal stehen – nicht um zu trinken, sondern um Enkel zu begrüßen oder besonders liebe Leitmotive! Der Regisseur Guy Cassiers aber ist schon vor langem samt Kasse mit den Teilnehmergebühren durchgebrannt.

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„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: SIEGFRIED

Wonneproppen zeugen im Wintermond

Schade, dass Wagner-Heldinnen niemals Kinder bekommen, wie Nietzsche feststellte (Sieglinde hatte er wohl übersehen). Denn ansonsten könnten Iréne Theorin und Andreas Schager, die Brünnhilde und der Titelheld im SIEGFRIED, glatt die Übermenschenstimme zeugen. Die beiden bringen die Mauern der Staatsoper Unter den Linden kräftig zum Wackeln, noch vor der Götterdämmerung, mit der diese allzu nuschelige Ring des Nibelungen-Inszenierung von Guy Cassiers dann wohlverdiente Geschichte sein wird.

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„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: RHEINGOLD und WALKÜRE

Wagner, frisch frisiert

Ein echter Ring-Rausch beginnt schon beim Einspielen des Orchesters. Im Wirrwarr der Klänge vor dem Rheingold wartet man auf die Stille, aus der der Ur-Ton erstehen wird; und wenn aus dem Warmmachen vor der Walküre immer wieder das Hundingmotiv heraufhörnt, so spürt man bereits die in mystischer Ferne längst schon stattfindenden zährenden Zwangsheiraten und jähen Jagden. Der Ring des Nibelungen der Staatsoper Unter den Linden Berlin, der am vergangenen Wochenende seinen zweiten Durchlauf begann, ist dabei eine Welt in Ur-Ordnung ohne Mitteletage: in wonnigem Walhall wesen Orchester und fast alle Sänger, während die Regie nebulös nibelheimt. Dazwischen – niente, nitschewo, nothing.

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Aqualamentös: DIDO & AENEAS an der Staatsoper

Früher war mehr Lamento. Die späte Hochsommerwelle ist ein guter Anlass, mal wieder die Flügel traurig hängen zu lassen und die Sasha Waltz-Inszenierung von Henry Purcells Dido & Aeneas zu besuchen, diesen Klassiker, der mit einem beherzten Sprung der Tänzer ins trübe Nass beginnt, als wär die Staatsoper Unter den Linden das Kombibad Seestraße. Die Eröffnungs-Choreografie der Männer- und Frauenkörper im Aquarium hat schon ikonischen Charakter, die bleibt wirklich nachhaltig hängen von dieser 2005er „Neukreation“ (so die Selbstbezeichnung) der 1689 in einem Mädchenpensionat in Chelsea uraufgeführten Oper.

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Allbadend: TRISTAN UND ISOLDE an der Staatsoper Unter den Linden

Unbefußt, höchste Lust

„Staatsoper für alle“ ist eine feine Sache mit endlich mal autofreien Unter den Linden und Live-Übertragung auf dem Bebelplatz. Doofer Name allerdings, denn Oper sollte ja immer „für alle“ sein. Dass die Sache sich #SOFA abkürzt und hashtaggt, macht sie aber wieder liebenswert. Tristan und Isolde also um 15 Uhr bei 30 Grad plus. Der Konzertgänger ist drinnen dabei. Heiß ist es im Saal, aber kühler als draußen: Olfaktorisch sind sowas schwierige Termine – ungeduscht, höchschde Luscht. Aber für Bayreuth-Veteranen pas de problème! Fehlt nur die fränkische Kneipp-Anlage hinterm Haus. Zeit wärs also für dieses Flussbad in der Spree, Herr Regierender Bürgermeister. Vielleicht würde da sogar René Pape vorbeischauen, der eine Stunde vor Beginn schniek beanzugt zum Bühneneingang e-rollert, da wo die paar vernünftigen Fahrradständer sind und darum auch der Konzertgänger.

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String riot: Klimakonzert der Staatskapelle mit Patricia Kopatchinskaja

Streichquartett der Apokalypse

Dies irae for future am Freitagabend: Dass das Orchester des Wandels sich an die aktuellen Schülerproteste angehängt hätte, kann man allerdings beim schlimmsten Willen nicht behaupten – seit 2009 gibt es diese Initiative der Berliner Staatskapelle schon. Vorbildlich konkret ist die Arbeit ihrer Stiftung NaturTon, etwa wenn sie mit dem Verein Eben!Holz das nachhaltige Wirtschaften im Instrumentenbau fördert. Die Einnahmen des 8. Klimakonzerts nun kommen der Renaturierung eines Auenwaldes in Moldawien zugute – von dort stammt Patricia Kopatchinskaja, geigende Stargästin des Konzerts im e-werk, das auch rein musikalisch ansprechend bis produktiv quälend gerät.

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KURZ UND KRYPTISCH (3): Debussys „Pelléas et Mélisande“ an der Staatsoper

KURZ UND KRITISCH hieß einst eine Rubrik im Tagesspiegel, die es leider nicht mehr gibt. Da aber k & k immer fein ist, wird der Konzertgänger, wenn er wenig Zeit hat, in Zukunft immer mal KURZ UND KRYPTISCH rezensieren. Heute: Vier gewichtige Gründe, zu „Pelléas et Mélisande“ zu gehen

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Krakesk: Beckett/Feldmans „Words And Music“ an der Staatsoper

Morton Feldman und Samuel Beckett 1976 (zeitgenössische Darstellung)

Eine der seltsamsten Künstlerbegegnungen des 20. Jahrhunderts fand 1976 in West-Berlin statt, und zwar zwischen Samuel Beckett und Morton Feldman. Der halbblinde Feldman kam zu einer Beleuchtungsprobe (!) ins dunkle Schillertheater, schüttelte Beckett die Hand, genauer gesagt: versehentlich nur den Daumen und stolperte über einen Vorhang. Danach gingen sie essen, der dicke Feldman haute rein, der dürre Beckett trank nur ein Bier. Und dabei scheinen sie die ganze Zeit komplett aneinander vorbeigeredet und sich trotzdem, oder gerade deshalb, bestens verstanden zu haben. Das erfährt man aus Sebastian Clarens Feldman-Buch, aus dem ein Auszug im Programmheft zu der Produktion Words And Music der Staatsoper Unter den Linden abgedruckt ist.

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Hanfholundrig: „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der Staatsoper

Cosima Wagner als Biogärtnerin vor der wahnfried-eigenen Hanfzucht

Der ewige Parsifal am Karfreitag ist dem Konzertgänger ein No-go, aber DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG am Gründonnerstag sind okay. Evchenfrage: Wie hältst du’s mit Ostern? Da wird nämlich die Produktion der Staatsoper Unter den Linden zum dritten und für diese Saison letzten Mal laufen. Olfaktorische Irritationen indes am Donnerstag: An der Spree duftet schon so mild, so stark und voll der Flieder, im zweiten Aufzug der MEISTERSINGER bekanntlich auch, aber da ist ja Johannisnacht und mithin Ende Juni, in Hans Sachs‘ Flieder-Monolog ist nämlich der Holunder gemeint, wie FAZ-Leser wissen. In der Inszenierung aber an der Oper Unter den Linden (noch so ein Sommergeruch, mit Diesel versetzt) sinniert der Sachs über seiner Hanf-Plantage, die ihm weich die Glieder löst. Gründonnerstagsvision, Marihuanaduft in Gethsemane.

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Arki abubu: Jörg Widmanns „Babylon“ an der Staatsoper

Kriegenburg, Widmann, Sloterdijk (v.l.n.r.) besichtigen eine Oper

Die Gedenkminute für den gestorbenen Michael Gielen vor der Premiere ist nicht nur die hustenloseste Minute der ganzen Saison, sondern auch der konzentrierteste Klang des Abends. Dabei wird die Stille ja auch später beschworen im wohl aufregendsten Auftritt überhaupt in Jörg Widmanns exuberantem Spektakulum Babylon, wenn das weite und schöne Gewölbe der himmlischen Stimme von Marina Prudenskaya als Euphrat im wallenden Flutenkleid sich an den Moment nach dem Rückgang der Sintflut erinnert. Da erschrickt der Himmel selbst vor der eigenen Tat, angeohrs dieser Stille, gleich einem Bett, in dem ein Kind gestorben ist. Glasharmonika und Akkordeon machen den Orchesterklang schwerelos. Ein wirklich anrührender Moment innerhalb einer Flutwelle von Sound und Gerede, die alles, was anrührend sein könnte, zu verschlucken droht.

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Transhuman: Viviers „Kopernikus“ an der Staatsoper

„Transhumane der Heiligen Galaxien“?

Eindrucksvolles Faszinosum Kopernikus von Claude Vivier im Alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Unter den Linden: Versatzstücke aus allen möglichen östlichen, westlichen, westöstlichen Religionen und Philosophien stecken in dieser Opéra-rituel de mort von 1978/79, lauter Visionen und Verkündigung und Prüfung und Reinigung bis hin zur Entmaterialisierung. Und doch scheint das kein esoterisches Impfgegner-Eiapopeia wie Stockhausen in seinen schlimmsten Momenten (obwohl Vivier ja als Stockhausenschüler gilt). Kern der mystischen Chose scheint eine Art Kindwerdung im Tode.

Und ist Vivier nicht ein ausgesprochen kindlicher Komponist? Weiterlesen

sch:wer:fällig: Beat Furrers „Violetter Schnee“ an der Staatsoper Unter den Linden

Gibts heutzutage eigentlich was Langweiligeres als Apokalypsen? Hat schon seinen Grund, dass das Genre gänzlich vom Blockbuster aufgesogen scheint. Auf der Opernbühne schien Ligeti schon 40 Jahren mit Le Grand Macabre, der das Breughelland heimsucht, alles zur Apokallüpse gesagt zu haben. Nun aber legt Beat Furrer mit seiner neuen Oper Violetter Schnee, einem Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden, noch eine apokalyptische Vision vor. Die spielt kurioserweise auch im Breughelland, aber ist eher bierernste Tiefgründelei als feuchtfröhliche Höllenfurzfarce. So rein vom reizvoll Musikalischen her bemüht man sich aber ganz gern, mittiefzugründeln. Weiterlesen

Sehstörung (3): Selbsteinprangerung beim „Fidelio“

Auch einem Konzertgänger, der meint, er hätte schon alles gesehen, kann es passieren, dass er einer Aufführung des Fidelio an der Staatsoper Unter den Linden auf einem der gar nicht soooo üblen Hörplätze im dritten Rang beiwohnt, von denen aus man immerhin die halbe Bühne überblickt (freilich um den Preis, direkt unter dem Dach im Kondenswasser von Tönen und Publikum zu sitzen), und gerade darüber sinniert, wie berühmt Ludwig van Beethoven heute wohl noch wäre, wenn diese langweilige, hier überdies öde inszenierte und knallig-lasch musizierte, dabei freilich – u.a. von Klaus Florian Vogt – recht gut gesungene Oper sein gewichtigstes erhaltenes Werk wäre; um auf einmal eine Zuschauerin im am ungünstigsten gelegenen Hörplatzwinkel des Saals zu bemerken, die, um dem Bühnengeschehen besser folgen zu können, ihren Kopf zwischen Brüstung und Geländer eingefädelt hat: gleich einem Pranger in finsteren Zeiten oder gar jener schrecklichen Entkopfungsmaschine zu französischrevolutionärer Zeit, aus der das merckwürdige, schon in den 1820er Jahren außer Mode gekommene Genre der Rettungsoper ja stammt; woraufhin er begreift, dass er eben noch nicht alles gesehen hatte und hat.

Besprechung der Fidelio-Wiederaufnahme bei Schlatz

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