Instinktreflexiv: Dmitry Masleev im Pianosalon Christophori

Schöne Gelegenheit, einen aufgehenden Klavierstern noch in intimer Beleuchtung zu erleben: Der russische Pianist Dmitry Masleev spielt im Weddinger Pianosalon Christophori. Man hört nicht alle Tage einen aktuellen Tschaikowsky-Wettbewerbs-Sieger in so einer gleichermaßen sachlichen wie fancy Location. Noch dazu an einem Bösendorfer! Masleev spielt auf eigenen Wunsch hier. Spricht für seinen Instinkt und seine Reflexion. Denn es ist immer schmerzlich, einen hochbegabten Musiker im stimmungstötenden halbleeren Kammermusiksaal zu sehen. Der Pianosalon aber ist rappelvoll, und man darf während des pausenlosen Rezitals Bier trinken; leise, versteht sich. Weiterlesen

Hochdruckzugvoll: Anna Vinnitskaya spielt Prokofjew, Debussy, Chopin

Anna Vinnitskayas Hände ziehen die Töne aus dem Klavier. Sehr reizvoll, im Kammermusiksaal von links einen guten Blick auf die Tastatur zu haben (auch wenn wahre Pianomaniacs sich bekanntlich immer nach rechts setzen). Sie drücken die Töne. Sie müssen sie aber ziehen, sagte Alfred Brendel einmal zu einem Dilettanten, den er bei einem Besuch ans Klavier gebeten hatte. Was man darunter verstehen kann, lernt man bei Vinnitskaya. Dabei zieht sie paradoxerweise mit einer speziellen Form von Hochdruck, der durch den ganzen Körper zu fließen scheint.

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24.4.2016 – Forte ma dolce: Yefim Bronfman spielt Prokofjew, Anna Vinnitskaya Bartók

Zwei klavieristische Großereignisse am Sonntag: Am Vormittag vollendet Yefim Bronfman seinen Prokofjew-Zyklus , am Nachmittag spielt Anna Vinnitskaya gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók.

Yefim Bronfman in der Staatsoper im Schillertheater

Wie schon bei den beiden vorhergehenden Rezitals mit Sergej Prokofjews Sonaten 1-4 und 5-7 ist der Saal nicht überfüllt, aber besser besucht als ein evangelischer Gottesdienst. Dass man in der trockenen Akustik des Schillertheaters wie um die Ecke hört, passt ganz gut zu Prokofjews Klaviersonate Nr. 9 C-Dur, die zwischen irritierender Schlichtheit und sinistrer Spätwerkhaftigkeit schwankt (und Swjatoslaw Richter enttäuschte, bevor er sie 1951 doch uraufführte). In dieser letzten Sonate sind statt starker Pranke flinke Finger gefragt. Yefim Bronfman ist ein sachlicher Virtuose und feinsinniger Kraftprotz, zugleich ein Pianist, dessen Agilität, Akkuratesse und Filigranität den Hörer angesichts gewisser körperbaulicher Merkmale (ohne von Wurstfingern sprechen zu wollen) immer wieder verblüffen. Mit ihrer Simplizität und den vielen Tonleitern erinnert Prokofjews C-Dur-Sonate fast an Mozarts Sonata facile. Aber Bronfman betont mit angespanntem Bassgrollen im Kopfsatz und zwielichtigen Tonrepetitionen im Diskant des folgenden Allegro strepitoso die möglichen Abgründe dieser relaxten, am Ende ganz friedlich auspendelnden Musik.

Gleichwohl ein etwas verlegen machendes Werk, die vorletzte 8. Sonate B-Dur ist eine ganz andere Hausnummer und Bronfmans Entscheidung einleuchtend, mit ihr den Zyklus zu beschließen. Sonst meist im Zusammenhang der „Kriegssonaten“ 6 bis 8 gespielt, bezieht sie ihre Kraft hier einmal nicht aus dem Kontrast mit der explosiven Siebten, sondern in Kombination mit der tiefenentspannten Neunten. Forte ma dolce lautet eine kuriose Spielanweisung im zweiten Satz, und so könnte man Bronfmans Klavierspiel generell beschreiben: Zwar kommt es im Finale zu äußersten Entladungen, bei denen man fürchtet, der Pianist könnte sich insonderheit den rechten Zeigefinger brechen. Aber Bronfman nutzt seine Kraft vor allem, um klare Linien zu zeichnen. Jedes Tempo, jedes dynamische Extrem erscheint in höchster Deutlichkeit: alle Anschlags- und Ausdrucksnuancen vom Wispern bis zum Donnern, vom silbernen Celestabimmeln bis zum Orchesterorkan – eine Sonate als unendliche Reise. Wie Prokofjews Klavierschaffen überhaupt, das Bronfman in diesem staunenswerten Zyklus präsentiert hat. – Zum Konzert

Anna Vinnitskaya in der Philharmonie

Bronfman spielt in dieser Saison auch die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók (mit dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev). Aber er tut das an drei Abenden, nicht an einem einzigen Nachmittag, wie es Anna Vinnitskaya mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski wagt. Der Konzertgänger begibt sich etwas skeptisch in die Philharmonie, da im Vorfeld selbst fundierteste Musikkritiker (Jan Brachmann in der FAZ) den leistungssportlichen Aspekt dieses Unternehmens hervorhoben, nicht die musikalische Verheißung.

Ein beruhigend menschliches Zeichen: Vinnitskaya braucht nach jedem Konzert eine Pause. Beunruhigend un- bis übermenschlich: Danach schreibt sie im Foyer Autogramme.

In Bartóks flagellantischem 1. Klavierkonzert steht das Schlagzeug im Zentrum des Orchesters. Anna Vinnitskaya trägt ein weinrotes Kleid mit cremefarbenen Streifen. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Anfangs rätselt der Konzertgänger, wo Orchester und Solistin versehentlich auseinandergedriftet sind und wo es sich um korrekte Synkopen handelt. Später greift dann alles perfekt ineinander, nach Anna Vinnitskaya kann man die Metronome stellen, selbst ihr Rubato ist minutiös. – Zwei ältere Besucher links und rechts vom Konzertgänger in Block D halten unbeirrt von Rumor und Barbaro ihr Mittagsschläfchen.

Im 2. Klavierkonzert steht das Schlagzeug hinter dem Orchester. Anna Vinnitskaya trägt ein glitzerndes Pailettenkleid. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Nach dem ersten Hammerklavier-Konzert (Steffen Georgi) funkeln die Klangfarben des Zweiten umso schöner, obwohl hier der athletische Aspekt (etwa die Kadenz im Kopfsatz) noch enormer ist. Atemberaubend der zweite Satz, in dem der so sachte wie herbe Streicherklang, gedämpft und vibratolos, im Wechsel mit Klavier und Pauke raunt. In der Mitte des Mittelsatzes, auf der Spiegelachse des symmetrischen Werkes, rattert alles, was das Zeug hält. – Ein Mädchen in Block A liest unbeirrt ihr Lustiges Taschenbuch.

Im 3. Klavierkonzert hat sich ein Xylophon zum Schlagzeug gesellt. Anna Vinnitskaya trägt ein rosa Faltenkleid mit schwarzem Umhang. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. An Vinnitskayas Händen ist noch kein Blut zu sehen, auch keinerlei Ermüdungserscheinungen werden hörbar. Den Choral im Adagio religioso geht sie langsam an, mit festem, glasklarem Anschlag; wie klares Wasser ihre Läufe und Arpeggien. Die samtweichen Streicher und zarten Holzbläser des RSB verschmelzen mit dem Klavier, ohne dass nur ein Ton verschwömme. So kompakt und frisch klingen Orchester und Solistin im Finale, dass man sehr bedauert, dass es von Bartók kein 4. Klavierkonzert gibt. – Zumal das unbeirrte Mädchen in Block A ihr Lustiges Taschenbuch noch nicht ganz durch hat.


Skepsis grundlos, sehr lohnender Nachmittag. Mal sehen, was Vinnitskaya als nächstes treibt, vielleicht alle neun Prokofjewsonaten an einem Abend? Oder mal vierhändig und tausendfingrig mit Bronfman? – Zum Konzert

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17.3.2016 – Glitzernd: RSB, Janowski und Arabella Steinbacher spielen Prokofjew, Schubert, Haydn

Bild: THOR

Auch wenn Sergej Prokofjew nicht jedermanns Lieblingskomponist ist, lohnt es, seine beiden Violinkonzerte im Vergleich zu erleben – vor allem wenn Arabella Steinbacher sie spielt. Nicht etwa, weil Steinbacher so gut aussieht, dass gerüchteweise sogar Taube ihretwegen in die Philharmonie kommen. Diese großartige Geigerin zu hören würde auch lohnen, wenn sie wie ein behaarter Klops aussähe! Nicht nur ihr violettes Kleid glitzert und funkelt, sondern auch Prokofjews 1. Violinkonzert D-Dur (1915/17, UA 1923), dem Steinbachers „transparenter silberner Ton“ (Deutschlandfunk) besonders gut steht. Dieses Werk ist so maximal entspannt, dass ein Baby in Block C völlig zurecht jauchzt. Störend hingegen der Reinklatscher aus Block G am Schluss: Gern ließe man diese Musik, in der ein Reiz auf den anderen folgt, noch in der Stille nachklingen, die flötenbegleiteten Pizzicati, das kristallin trillernde und glissierende Eisprinzessinnenfinish des ersten Satzes, das federleicht fliegende, sausende, schwirrende, auch trommelnde Vivacissimo. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski begleitet so akkurat und begeistert, wie man es von diesem Orchester mittlerweile selbstverständlich erwartet.

Prokofjews 2. Violinkonzert g-Moll klingt im Vergleich weniger originell, dafür ist es von einer direkteren Schönheit, die auch dem Tschaikowsky- und Sibeliusfreund gefällt, geradezu irritierend klangsatt und rhapsodisch, wenn man bedenkt, dass es 1935 entstand, kurz bevor Prokofjew in die Sowjetunion zurückkehrte, mittenmang in Stalins Großen Terror. Der Abgrund, den man in diese Musik hineinzuhören neigt, liegt am ehesten in seiner Abwesenheit. Steinbacher spielt und singt den schönen Ton aus, ein großer Genuss, mit Best-of-Classics-tauglichem Andante und funkensprühendem, präzise besoffenem Finale mit iberischem Einschlag.

Franz Schubert hingegen ist jedermanns Lieblingskomponist, aber sein „Frühwerk“ hat einen schweren Stand, Brahms erwog gar (wie man im wie stets lesenswerten Einführungstext von Steffen Georgi erfährt), Schuberts Symphonien 1 bis 3 aus der Gesamtausgabe auszusperren. Aber das RSB schießt jeden Verdacht beiseite, Schuberts 3. Symphonie D-Dur D 200 (1815) sei langweilig. Mit zackiger, fast aggressiver Lustigkeit legt das Stück eine überdrehte Motorik an den Tag, die an Prokofjew denken lässt. Immer wieder schön, wie die Zusammenhänge von Janowskis altmodisch wirkenden Programmen beim Hören unmittelbar einleuchten.

Keine Prinzessinnenmusik, sondern wahrhaft königlich ist Joseph Haydns Symphonie Nr. 85 B-Dur Hob I:85 „La Reine“ (1787), die zweite der Pariser Symphonien, angeblich ein Lieblingsstück von Marie Antoinette. Janowskis Haydn ist eine sichere Bank, doch ohne falsche Routine. Wie Schubert ohne eigentlich langsamen Satz (fürs Lyrische ist heute ausgerechnet Prokofjew zuständig), dafür mit herrlichem Flötensolo von Ulf-Dieter Schaaff in der Allegretto-Romanze und prima synkopenfreudigem Menuett. Haydn wie Schubert von Janowski auswendig dirigiert.

Als einziger Wermutstropfen sei wieder einmal die elende Husterei erwähnt, die den verschnupften Wunsch weckt, Einlass in die Philharmonie nur noch mit ärztlichem Attest über die Abwesenheit von Erkältungskrankheiten und zwangsneurotisch bedingten Bronchialkontraktionen zu gewähren. Siehe zu diesem leidigen Thema auch die Ausführungen des Konzertgängers über Hörstörungen.

Am 10. April ist Arabella Steinbacher wieder beim RSB, dann mit dem Mendelssohn-Violinkonzert.

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20.12.2015 – Adventsschocker: Yefim Bronfman spielt Prokofjew

Prokofjew ist nicht gerade Schubert. Aber wenn inmitten der irren Tonkaskaden von Sergej Prokofjews 7. Klaviersonate B-Dur ein bittersüßer Walzer einsetzt, als wäre nichts gewesen, denkt der Konzertgänger doch für einen Moment an Schubert. Andante caloroso: als warm ist der Mittelsatz der Siebten deklariert, das Collins-Wörterbuch schlägt auch kälteunempfindlich vor, bei Prokofjew keine schlechte Option. Und schnell geht es wieder vorbei mit Schubert: Immer wieder kippt die Walzerwärme ins Giftige und Lärmende, selten hat ein Komponist einen schönen Einfall so malträtiert. Bei der Pendelbewegung gegen Ende des Andante klirren die Saiten, ehe die berühmte Schluss-Toccata Precipitato auf den Hörer einstürzt. Heftiger Klavierniederschlag zum vierten Advent.

Kaum vorstellbar, dass man Prokofjew besser spielen kann als Yefim Bronfman, im Allgemeinen sowieso und speziell an diesem Sonntagvormittag im Schillertheater. Es ist die zweite von drei Matinées, in denen der russisch-usbekisch-amerikanisch-israelische Pianist sämtliche Prokofjew-Sonaten spielt. Bronfman ist (nicht unähnlich Rudolf Buchbinder) ein freundlich wirkender, rundlicher Herr, der etwas von einem menschenfreundlichen katholischen Dorfpfarrer hat. Kaum zu fassen aber, wie grenzenlos beweglich er ist, wenn er zu spielen beginnt! Nur kurz hadert der Konzertgänger damit, dünnere Finger als Bronfman zu haben, aber schon bei viel leichteren Stücken nicht die richtigen Töne zu treffen. Denn Bronfmans Meisterschaft erschöpft sich selbstverständlich nicht im Treffen der richtigen Töne. Das wird längst vor dem Dur-Inferno des Precipitato deutlich, das Bronfman mit gewaltiger Wucht und größter Klarheit spielt, doch ohne Kraftmeierei. Der Eröffnungssatz der Siebten etwa mit der Bezeichnung Allegro inquieto erinnert bei manchen technisch brillanten Pianisten (etwa Bernd Glemser) fast an eine Studie für player piano von Nancarrow, gestanzte Musikmechanik. Bei Bronfman lebt, atmet, berührt diese Musik, ohne nur einen Funken von ihrer Brillanz zu verlieren.

Bronfman spielt die Siebte nicht als mittlere der drei Kriegssonaten 6 bis 8. Sein Konzert beginnt mit der Sechsten, stellt dann aber die Fünfte in die Mitte. Das ist insofern interessant, als die 5. Sonate C-Dur bereits Anfang der 20er Jahre in Paris entstanden ist und den frivolen Apollinismus der Groupe de Six nachahmt. Zwischen den beiden Ungetümen der Sechsten und Siebten wirkt diese Sonate zunächst etwas harmlos, aber es wird schnell ihr Brodeln deutlich, ihre maßlosen Steigerungen, ihre Schärfe: Prokofjew war nicht gerade Poulenc. Bronfman spielt diese Sonate so klar, dass es fast wehtut.

Umgekehrt stechen in der 6. Sonate A-Dur die klassizistischen Züge stärker hervor, nicht nur in der viersätzigen Anlage. Bronfman spielt klar disponiert – eine Kriegssonate bleibt die Sechste trotzdem: Wenn das Thema des Allegro-moderato-Kopfsatzes im Feuer des Vivace-Finales wiederkehrt, die Fäuste auf die Tastatur knallen, dann ist das ein wahrer Adventsschocker; ohne jedes Zudröhnen, das die Akustik des Schillertheaters (zugegeben kein Obertonparadies) ohnehin verbietet.

Zwei Zugaben spielt der freundlich wirkende, schockierend virtuose Herr Bronfman am Ende noch. Man fürchtet, nach dem Toccata-Sturm der Siebten müsse der Steinway doch heftig verstimmt sein, aber auch Robert Schumann klingt bei Bronfman wunderbar… schockierend schön.

Den dritten und finalen Prokofjew-Schocker gibt es dann vier Wochen nach Ostern, am Vormittag des 24. April 2016: mit der Achten als letzter Kriegssonate (für Swjatoslaw Richter die reichste aller Prokofjewsonaten) und der schockierend schlichten Neunten.

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1.11.2015 – Schwerelos hämmernd: Yefim Bronfman spielt Prokofjew

Virtuosität muss nicht nerven. Zwar raunen einige Hörer Wahnsinn, Unglaublich und was man sonst von sich gibt, um vorbegrifflichem Beeindrucktsein Ausdruck zu verleihen. Aber nie käme man bei Yefim Bronfman auf die Idee, dass pianistische Virtuosität ein Selbstzweck sein könnte. Auch bei Prokofjew nicht – wenn Bronfman ihn spielt.

Featured imageDie frühen, bis 1917 entstandenen Sonaten eröffnen eine Reihe, in der Bronfman an drei Sonntagvormittagen alle neun Sonaten von Sergej Prokofjew in der Staatsoper im Schillertheater spielen wird. Dass man in ein und demselben Saal die Meistersinger von Nürnberg ebenso hören kann wie ein Klavierrecital, ist schon verblüffend. Die etwas stumpfe Akustik des Saals ist nicht rauschfördernd, leise Töne gelangen kaum ins Schweben, die prächtigste Klangwolke verzieht sich relativ rasch. Das hat aber auch sein Gutes: Die Ausstellung von bloßer Klangschönheit ist hier unmöglich. Natürlich spielt Bronfman schön, so wie er auch virtuos spielt, aber in erster Linie ist er der sachliche Fürsprecher einer hierzulande eher unbekannten Musik (erst die Sonaten 6 bis 8 sind einem breiteren Publikum vertraut); was im Lauf des Vormittags einen erstaunlichen Sog entwickelt. Man könnte diese Klaviermusik auch ganz anders spielen, sehr angeberisch. Hier lernt man ein „Respekt einflößendes Werk“ (Detlef Giese) kennen, vor dem man keinerlei Angst zu haben braucht.

Alle frühen Sonaten stehen in Moll (Vorrecht der Jugend, auch der Sohn des Konzertgängers mag Moll lieber als Dur). In der einsätzigen 1. Klaviersonate in f-Moll, der Prokofjew als 19jähriger bewusst das Siegel opus 1 gegeben hat, darf der Pianist sofort kräftig zulangen, aber bei Bronfman ist das Rollen und Grollen der Akkorde jederzeit transparent. Mit den darüber singenden Figuren klingt das Werk eher nach Schumann als Skrjabin.

Die folgenden Sonaten klingen weder nach Skrjabin noch nach Schumann, sondern nach Prokofjew. Die 2. Sonate d-Moll op. 14 präsentiert Dissonanzen, die für den zeitgenössischen Hörer frech und aggressiv gewirkt haben mögen, aber heute ganz zart klingen, schwebend hell, auf gläserne Weise spukhaft. Im Scherzo biegen die trocken hämmernden Toccataklänge, über denen die Spitzentöne den Hörer geradezu stechen, wie selbstverständlich in leichte und luftige Sphären ab. Überhaupt gibt es in dieser Sonate einige Metamorphosen in die Schwerelosigkeit und zurück: Das Thema des Andante verschwindet im leisen Klangnebel und taucht dann, immer massiver sich zusammenballend, wieder daraus hervor. Im Vivace gibt es wunderbare basslos schwebende und hüpfende Passagen.

Immer wieder überrascht das Leichte und Witzige dieser gewiss sauschwer zu spielenden Musik, deren Schwierigkeiten Bronfman nie ausstellt. Umwerfend, wie in der 3. Sonate a-Moll op. 28 motorische und lyrische Abschnitte erst abrupt zusammengeschnitten, dann ineinander überblendet werden. Ein weiterer Höhepunkt ist das Andante assai der 4. Sonate c-Moll op. 29, in der sich ein großer Bogen aus tiefster Tiefe, aus Dunkelheit und Stille aufbaut zu fast symphonischen Dimensionen. Im Finale mit der eigenartigen Satzbezeichnung Allegro con brio, ma non leggiero gibt es tausend Formen von Bewegung, Läufe, Sprünge, Pirouetten und Gesangslinien, die plötzlich davon hüpfen.

Lyrisch und motorisch auch die Zugaben von Schumann und Scarlatti. Das Publikum klatscht begeistert, auch stellvertretend für die, die dieses Konzert verschlafen haben. Wer da war, wird nicht nur wegen der familiären Atmosphäre an den Sonntagvormittagen am 20. Dezember (Sonaten 5-7) und 24. April (8+9) wiederkommen.

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