Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

Immer mal wieder die Lobcanzonetta auf den Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin singen: flauschige Atmosphäre, behagliches Klima, moderate Preise – erstrangige Kammermusik zum Preis einer Kinokarte. Sitzt man auf den Seitenplätzen an der Wand, kann man die Füße ausstrecken. Verwunderung nur bei einigen südländischen Kulturtouristen darüber, dass man am Buffet schon 20 Minuten vor Konzertbeginn nichts mehr zu essen kaufen kann: Alles aus, tut uns leid. Kam das Konzert so überraschend, fiel ein Tasmanischer Vielfraß übers Buffet her, oder rechnete man einfach nicht mit Besuchern?

Weiterlesen

Aufatmend: „Johannespassion“ mit Audi Jugendchorakademie und Akademie für Alte Musik

Das ist mal was anderes von der deutschen Autoindustrie als Diesel, Diesel, Diesel: Licht, Luft und freier Atem mit der Audi Jugendchorakademie. Dieses verdienstvolle Projekt hat talentierte junge Sänger nicht nur nach Montréal oder in die Elbphilharmonie (mit Kent Nagano) geführt, sondern nun schon zum vierten Mal mit der Akademie für Alte Musik in die Berliner Gethsemanekirche. Zuletzt vor zwei Jahren mit der h-Moll-Messe – nun gabs Johann Sebastian Bachs Johannespassion. Wieder vorzüglich. Weiterlesen

Wenn die Sonne den Mond küsst

Wer oder was ist ein Theremin? Und was oder wer war der Philipp Glass des 15. Jahrhunderts? Was hat der VEB Ernst Lück mit englischer Gambenmusik zu tun? Und wieso setzt es bei Bach immer Schimpfe?

Meine Reportage über die famose Lautten Compagney und das zauberhafte Aequinox-Festival in Neuruppin, wo die Sonne den Mond küsst, jetzt im aktuellen VAN Magazin.

Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

Thereminzwitschernd: Aequinox in Neuruppin

Erfüllendes Wochenende in Neuruppin: Bei den 9. Aequinox-Musiktagen zur Tag- und Nachtgleiche spielte die Berliner Lautten Compagney mit einer illustren Gästeschar – von Odysseus bis zu Ernst Jünger, von singenden Schweden und trompetenden Böhmen bis zu bunten Vögeln auf dem Weg ins Paradies der Selbsterkenntnis. Seltsame Bekanntschaften gab’s da: Iranische Musiker trafen auf unerhörte frühe europäische Renaissanceklänge. Und in der nächtlichen Siechenhauskapelle erfuhr Johann Sebastian Bach eine Begegnung der dritten Art mit dem elektromag(net)ischen Theremin. Die Theremin-Virtuosin Carolina Eyck verkürzt die Zeit, bis in einigen Tagen meine ausführliche Reportage über die Lautten Compagney und das Aequinox-Festival im VAN Magazin erscheinen wird.

Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

Sakralbuffesk: Pergolesi mit Freiburger Barockorchester und Sunhae Im

Falscher Pergolesi, aber einzigartiger Wilhelm

Salve serva! Eine aparte, aber authentische Mischung gibts in diesem glänzenden Konzert des Freiburger Barockorchesters im Kammermusiksaal: geistlich und frivol, vom Allerheiligsten bis zur Ur-Mutter aller Buffo-Opern. Und alles daran ist Giovanni Battista Pergolesi: dreimal waschechter, einmal waschfälschlicher.

Lange galt nämlich das eröffnende Concerto armonico Nr. 5 f-Moll als originaler Pergolesi – wie so manches. Von den 150 Werken der Pergolesi-Gesamtausgabe dürften 50 bis 90 Prozent von anderen Komponisten stammen, erfährt man in der Einführung Star und Trendsetter von Florian Hauser (bei welcher Gelegenheit man wieder feststellt, dass das FBO stets die lesenswertesten Programmhefte mitbringt, so fundiert wie angenehm lesbar). In Wahrheit stammt das Concerto von einem Graf van Wassenaer, der von 1692 bis 1766 lebte, also fast dreimal so alt wurde wie der arme Pergolesi (1710-1736). Und er trug den schönen Vornamen Unico Wilhelm, den man sofort auf Prenzlberger Spielplätzen hören möchte. Weiterlesen

Nachtspritzig: Akademie für Alte Musik und Queyras spielen Haydn, Boccherini, Pleyel

„Madrid oder London – Hauptsache Wien.“ Von wegen. Die musikalische Vielfalt zur Zeit der Wiener Klassik zwischen 1780 und 1800 deutet dieses Programm der Akademie für Alte Musik mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras im Konzerthaus an – und das, obwohl die Hälfte aus Haydn besteht. Die andere Hälfte sind Boccherini und Pleyel. Ein gar nicht mal spektakulärer, aber aufschlussreicher Ausflug in die Nacht unseres Unwissens.

Weiterlesen

Oboenrein vielfältig: Ensemble Berlin Prag spielt Zelenka, Isang Yun, Bach, F. Couperin

Isang Yun und Jan Dismas Zelenka im Kammermusiksaal, zwei Komponisten mit der stärksten Sogwirkung überhaupt –  eine glühende Kandidatur für die schönste Kombination des Jahres! Der Konzertgänger hat beide erst in jüngerer Zeit für sich entdeckt: den tschechisch-dresdnerischen Barockkomponisten tippelschwrittweise in den vergangenen Jahren, den deutschkoreanischen Klangdenker und Kulturenverschmelzer im zu Ende gehenden Jahr, in dem Yun hundert geworden wäre.

Beim Weiterentdecken hilft ihm das fünfköpfige, 2011 gegründete Ensemble Berlin Prag auf die Sprünge, Weiterlesen

Hörstörung (21): Kein Ohr und kein Hals für Monteverdi mit William Christie

Der Vollständigkeit halber und fürs Archiv und mit Tränen auf den Wangen: William Christie und Les Arts Florissants und Monteverdi waren in der Philharmonie, der Konzertgänger leider nicht. Das ist die schlimmste Hörstörung überhaupt, wenn man sich seit Ewigkeiten auf ein Konzert freut und einen dann so ein Fiebern und Husten überfällt, dass mans einfach nicht verantworten kann. Will ja nicht den Musikern und den Mithörern eins husten wie diese Hustenbolde, über die man sich sonst so ärgert. Weiterlesen

Kregelkompetent: Berliner Philharmoniker und Ton Koopman mit Bachs h-Moll-Messe

Champagnerschwaden statt Haschischrauch! Das stilgerechte Aufführen von alter Musik, über deren wilde Undergroundzeiten Ton Koopman lustig erzählen kann, ist längst philharmonabel geworden. Irgendwie nostalgisch also, dass vor der Berliner-Philharmoniker-Aufführung von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe BWV 232 ein pechschwarz gekleideter, schlohweißhaariger Herr sich auf der philharmonischen Toilette etwas Undefinierbares aus einem perlenbesetzten Hippiedöschen in die Nase zieht. Diese Soziologieprofessoren i.R. kennen da nix.

Koopmans so mitreißende wie ulkige Ganzkörper-Fuchteltechnik hat was von Ministry of Silly Conducting. Es wird geraunt, einige Sänger und Musiker mache das ganz wuschig. Aber die musikalische Gesamtsituation in der Philharmonie ist ausgesprochen kregel und die Aufführung hinreichend unfuchtelig-präzise. Weiterlesen