Prachtjammrig: RIAS Kammerchor klagt und klagt

Früher war mehr Lamento? Von wegen, wie dieses Konzert beweist. Die Tour d’Unbekanntes Zeug von Strawinsky des diesjährigen Musikfests läuft aufs Ziel zu, und es ist alles hochinteressant, auch wenn vieles vom Spätwerk bei mir eher Heidenrespekt als wahre Liebe hervorruft. Aber die Kopplung mit polyphonem Renaissance-Jammer ist etwas, was Strawinskys Threni nochmal verexquisitet.

Erhebendes Kopfhängenlassen, wenn der Prophet dir Unglück verheißt

Hochklassikkulturell gesehen ist Konzertbeginn 21 Uhr bereits Late Night, und es ist eigentlich sehr schön, wenn es in der Philharmonie erst um diese Zeit losgeht. Vor allem bei sowas wie dem Abend des Collegium Vocale Gent vor einer Woche, als es ausschließlich Madrigale von Carlo Gesualdo gab. Im klug durchdachten Programm des RIAS Kammerchors nun ist Gesualdo einer von fünfen aus der Zeit um 1600, die Strawinskys Spätwerk vorangehen; und alles ist klagvoll, die blanke Jeremiade. Halt, nicht ganz! Drei Instrumentalstücke des Venezianers Giovanni Gabrieli stehen zwischen den hinreißenden Kar- und Wehgesängen seiner Zeitgenossen, und auch wenn ihnen der Raum des Markusdoms fehlt, entfaltet sich Gabrielis Pracht, dank dreiposaunigen Blechs, dem mal eine Tuba, mal eine Trompete beigesellt wird, um vier Streicher und Fagott gezielt zu übergoldwölben. Die tüchtige Kammerakademie Potsdam ist dazu nach Berlin gekommen.

Während das Collegium Vocale die Madrigale mit fünf Einzelstimmen sang, geht der RIAS Kammerchor Gesualdos sechsstimmiges Aestimatus sum mit über 30 Stimmen an. Betörende Fülle für das abrupte Schwanken zwischen Zerknirschungschromatismen und Enttodesbandungsmelismen: Dem dumpfen inter mortuos folgt promptamente das jauchzig aufflatternde liber. Später hebt uns dann der vatikanische Prachtjammer der Palestrina-Kunst in höhere Nebel (kein größerer Kontrast denkbar als zu Gesualdos Kunst). Eindringlich und aufwühlend klingt Thomas Tallis. Doch das vielleicht schönste Stück des ganzen Abends ist William Byrds nachdrückliches Ne irasceris Domine, an dessen Schluss uns die hohen Stimmen in die schwebende, helle Einsamkeit des zerstörten Jerusalem führen, eine leuchtende Öde.

Fein, dass der Chef des RIAS Kammerchors, Justin Doyle, die britische Vokalkunst mit aufs Programm setzt. Byrd vertont Klageverse aus Jesaja, Tallis und Palestrina aus Jeremia, die auch die Grundlage für Igor Strawinskys 1957/58 entstandene Threni bilden: id est lamentationes Jeremiae Prophetae. Es ist das erste konsequent zwölftönig konstruierte Werk Strawinskys – aber was heißt das bei dem listigen Meister schon! Fast schrullig wirkt das tupferhaft eingesetzte Orchester manchmal, Sinnenfülle verweigernd, die das polyphone Spreizen des Chors umso stärker macht: vor allem im (wenn das Paradox erlaubt ist) überwältigend innigen Schlussvers des Werks, der um Erneuerung der Gottesnähe bittenden Gebetszeile innova dies nostros, sicut a principio.

Im mittleren Hauptteil des Werks intoniert der Chor Buchstaben des hebräischen Alphabets vulgo Alephbethvaus. Damit strukturiert er den Gesang der Solisten, den a capella und sehr berührend der Bass beginnt; dann setzen abschnittsweise die anderen Solostimmen ein, erst zwei, dann drei, am Ende alle sechs. Mit der Zeit ruft das ständig sich wiederholende, psalmensinfonieartige Chor-Auffächern von Aleph, Caph und Zain eine beinah tranceartige Wirkung hervor. Dem steht der echte Strawinsky-Witz gegenüber, das Flüstern des Chors, das insistierende Grunzen von Klavierschlag und seltsamem Blech (ein Sarrusophon ist dabei, Riesenfagott aus Metall). Und unter allem die immer spürbare rhythmische Energie, auch im Ausgekargten.

Dass die Threni so schlagartig plausibel wirken (für mich direkter als das kurz zuvor entstandene Canticum, das ich vor zwei Tagen hörte), liegt gewiss auch an Kompetenz, Sangintelligenz und Sinnlichkeit des RIAS Kammerchors. Einnehmend auch, wie am Schluss Justin Doyle Orchester und Chor sich nicht nur in alle Richtungen drehen, sondern auch in alle Richtungen verneigen lässt. Und der Sarrusophonist hält eigens sein merkwürdiges Instrument in die Höhe.

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