Meisterinlich: Isabelle Faust und Akamus spielen Bachs

Dass Maestro Grigory Sokolov aus Corona-Vorsicht sein Konzert in der Berliner Philharmonie auf den Juni verschoben hat, dispensiert den geneigten Konzertgänger vom Zwang, sich an diesem Märzmontag in zwei Hälften aufzuspalten, um gleichzeitig Maestra Isabelle Faust im Kammermusiksaal zu hören. Auf deren Tournee mit der Akademie für Alte Musik fielen zwar bereits die beiden letzten Termine in Italien aus. In Deutschland aber darf man sich noch versammeln. (Nachtrag: Anderthalb Stunden nach Veröffentlichung des Beitrags hat sich das geändert.) Im ausverkauften Kammermusiksaal klaffen sichtbare Publikumslücken. Wir husten nicht, und sogar auf den Herrentoiletten werden sich neuerdings die Hände gewaschen.

Fünfmal Bach sowie einmal Bach stehen auf dem Programm; als Zugabe wird Bach gespielt.

Hört man in Johann Sebastian Bachs Konzert c-Moll BWV 1060R den konzentrierten, wie verinnerlichten Klang von Xenia Löfflers Barockoboe im Zusammenspiel mit Isabelle Fausts verwandtem Geigenton, so scheint das eine ideale Kombination der Farben und Temperamente. In zwei weiteren Werken ist Faust als Solo-Solistin zu erleben: Eindrücklich ist die flinke Gravität im ersten Satz des g-Moll-Concertos BWV 1056R, dem ein beglückendes Largo folgt, das mal eine andere Air als die einschlägig bekannte ist, aber nicht minder schön. Die „R“s in der Nummerierung verweisen auf verschiedene Fassungen eines Werks. Das d-Moll-Concerto BWV 1052R etwa, gewiss das geigerisch virtuoseste Stück des Abends, mag die eine oder der andere in der Version mit Cembalo (oder Klavier) im Ohr haben. Es wirkt aber, wenn man’s so hört, wie ein genuines Werk für Violine. Die harsche Artistik im ersten Satz ist ebenso imposant wie das Lächeln, das bei gewissen harmonischen Wendungen im Gesicht der Geigerin erscheint und man zugleich in ihrem Ton hört.

Dabei liegt alles Bloßvirtuose Fausts hoher Kunst so fern wie nur irgendwas. Feinste Wandelbarkeit, ohne je aufzutrumpfen. Spröde Meisterinlichkeit. Und alles in vollkommenem Einvernehmen mit der Akademie für Alte Musik, die so gelehrt wirkt, aber nicht kantorenhaft, sondern schön weltlich-musikantisch.

Perfektes Teamwork, wohin das Ohr auch lauscht. Zu Beginn des Abends spielt Faust das berühmte Doppelkonzert d-Moll BWV 1043. Ich habe das als Teenager in der antiken Aufnahme der beiden Oistrachs gehört, Gottvater & Gottsohn. Diesen breiten Ton werden Ohr und Seele ihr Leben lang nicht los; aber die Erinnerung verträgt sich mit der so völlig entgegengesetzten Auffassung, die Isabelle Faust und Akamus-Konzertmeister Bernhard Forck präsentieren. „Schlank“ möchte man das nicht nennen, das ist so ein Alte-Musik-Unwort, weil es unangemessen freudlos klingt. Feurig statt pastos-glühend, könnte man das sagen?

Im 1043er Largo ma non tanto der Oistrachs musste ich früher immer an die Filmmusik von Jean-Luc Godards Le mépris denken. Davon hier natürlich keine Spur.

Kompetentes Miteinander at its best auch in einer Triosonate, die Richard Gwilt nach dem Orgelstück BWV 529 erstellt hat. Die Cellistin Katharina Litschig und der Cembalist Raphael Alpermann musizieren hier mit Faust. Einziger Wermutstropfen vielleicht, dass man sich statt der Triosonate noch so einen Widerhaken hätte vorstellen können, wie er in der ersten Konzerthälfte mit Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonie C-Dur Wq 182/3 gesetzt ward. Mit geradezu abstrakter Motorik beginnt dieses Orchesterstück, genialisch experimentell – ein umwerfender Effekt direkt im Anschluss an das Non-Oistrach-1043. Ständig kommt es erstens anders und zweitens als das Ohr es es denkt in diesem Stück. Es wird doch, immer noch, zu wenig CPE gespielt.

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2 Gedanken zu „Meisterinlich: Isabelle Faust und Akamus spielen Bachs

  1. Freut mich: Glück für Maestra Isabelle Faust! Einem anderen (Gesangs-)Solisten wurde das Konzert buchstäblich „vor der Nase“ abgesagt.
    „Gut“ haben’s die überlasteten Kulturkritiker derzeit in Wien: Kulturleben total gestoppt. Vom Kammerkonzert bis zur Staatsoper …

    • Jetzt ziehen wir auch in Berlin nach. Nun ja, es ist wohl eine nachvollziehbare und verantwortliche Entscheidung (so bitter es sowohl für Künstler als auch für Konzertsüchtige ist).

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