Atemraubend talan: DSO und Ticciati spielen Lindberg, Berg, Bruckner

Diverse Atemnöte, ja Talanität in diesem Konzert. Merkwürdige Erfahrung: ein vom Publikum bejubeltes, von der Kritik gelobtes, im äußerlichen Sinn gewiss geglücktes Konzert als befremdlich und beunglückend zu erleben. So dem Konzertgänger geschehen im Konzert des Deutschen Symphonieorchesters unter dessen neuem Chef Robin Ticciati. Weiterlesen

Kosmisch-individual: Charles Ives, Bernd Alois Zimmermann, Schostakowitsch mit DSO, Metzmacher, Hardenberger

Traumprogramm in der Philharmonie mit Höhepunkt im ersten Teil: Vor Schostakowitschs Sechster spielt das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher individualkosmische Meisterwerke von Charles Ives und Bernd Alois Zimmermann.

Schön, von Charles Ives mal was anderes zu hören als die relativ häufig gespielte Unanswered Question. Dieses Trompeten-Enigma mit Zimmermanns Trompetenkonzert zu kombinieren, wäre Metzmacher wohl zu billig. Stattdessen die Konzertouvertüre ›Robert Browning‹ (1908-12, rev. 1936-42), die weder nach Konzertouvertüre noch nach Robert Browning klingt. Weiterlesen

Wehwellig: Robert Helps, Brahms, Bartók bei Spectrum

Spät starten die Spectrum Concerts in die Saison, aber sie tuns, und bessere Kammermusik wird man in Berlin schwerlich finden – selbst wenn der erwartete Höhepunkt gar nicht mal das aufregendste Stück des Abends wird. Ein Nachtstück, ein Herbststück, ein Frühlingsstück im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Schwarzrosakindlich: RSB, Saraste, Vinnitskaya spielen Rachmaninow und Sibelius

Könnte man glatt ein bissl enttäuscht sein, dass die Pianistin Anna Vinnitskaya nur ein einziges Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow spielt und nicht alle, wie sie es vor knapp zwei Jahren mit Bartók machte. Allerdings hat Rachmaninow nicht drei geschrieben, sondern vier, und das 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 (1909) dürfte allein schon mehr Noten enthalten als alle von Bartók. Na, vielleicht nicht ganz, aber angeblich 55.000 für den Pianisten, wie man im Zusammenhang dieses Konzerts des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin in der Philharmonie erfährt: Rekord sei das unter den Klavierkonzerten. Wissen, das niemand braucht, trotzdem hübsch.

Im Publikum Wolfgang Thierse, der nach seinem Abschied aus der Politik zwanzig Jahre jünger aussieht. Anna Vinnitskayas Kleid ist zu 2/3 rosa und zu 1/3 schwarz, wie Rachmaninows Musik. Weiterlesen

Vernichtungsblühend: Berliner Philharmoniker, Antonio Pappano, Véronique Gens mit Ravel, Duparc, Mussorgsky, Skrjabin

Für den Konzertgänger immer ein Extrapunkt, wenn bei den Berliner Philharmonikern ein Komponist auf dem Programm steht, von dem er noch nie gehört hat. Das ist der Fall beim ersten Gastdirigat von Antonio Pappano seit 12 Jahren. Mag das Orchester den Pappano nicht, wie Brug meinte? Und ist der Konzertgänger der einzige im Saal, der den Franzosen Henri Duparc (1848-1933) nicht kennt? Fragen über Fragen.

Auf die man gar keine Antwort mehr will, wenn die hinreißende Sopranistin Véronique Gens singt. Weiterlesen

Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.

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Obskur schön: Ticciati und DSO spielen Berlioz‘ „L’enfance du Christ“

Seltsame bis haarsträubende Rührseligkeit am dritten Advent. Aber haarsträubend nicht zum Wegrennen, sondern zum unbedingt Dableiben: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt unter seinem neuen Chef Robin Ticciati die so obskure wie hörenswerte Weihnachtsschmonzette L’enfance du Christ, die Hector Berlioz zwischen 1850 und 1854 auf verschlungenen Wegen zusammenfrickelte.

Von einer hochdramatischen Herodes-Oper (inklusive judäischem Wahrsager-Hexensabballett) über aufdringlich schlichte Krippenspielbeschaulichkeit bis zur Flucht nach Ägypten reicht die Bandbreite dieser Geistlichen Trilogie, die Berlioz auf einen eigenen, unsäglich scheinenden Text fabrizierte. Interessant, dass der geniale Berlioz nicht nur Homer, Vergil, Goethe und Shakespeare verwurstete, ohne einen Deut von deren sprachlichen Eigenheiten zu bewahren, sondern sogar das Neue Testament schamlos-schön verhunzt hat. Weiterlesen

Hörstörung (21): Kein Ohr und kein Hals für Monteverdi mit William Christie

Der Vollständigkeit halber und fürs Archiv und mit Tränen auf den Wangen: William Christie und Les Arts Florissants und Monteverdi waren in der Philharmonie, der Konzertgänger leider nicht. Das ist die schlimmste Hörstörung überhaupt, wenn man sich seit Ewigkeiten auf ein Konzert freut und einen dann so ein Fiebern und Husten überfällt, dass mans einfach nicht verantworten kann. Will ja nicht den Musikern und den Mithörern eins husten wie diese Hustenbolde, über die man sich sonst so ärgert. Weiterlesen

Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Hörstörung (19): Ohrenzuhalten bei Mahlers Neunter mit Haitink und den Berliner Philharmonikern

Quelle: Anne Wellmer

Um diesem hemmungslosen Aus- und Raushusten in den Pausen zwischen den Sätzen zu entgehen, dem vorsorglichen Geröchel, dem Schnäuzen und Ausschmeißen, dem raschelnden Bonbonauswickeln, dem Poltern hastigen Nacheinlasses, dem unvermeidlichen Nachstimmen zwischen zweitem und drittem Satz und vor allem dem nichtigen Geplapper — um all dem zu entgehen, muss man sich bloß zwischen den Sätzen mit spitzen Zeigefingern die Ohren zuhalten: Weiterlesen