Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Hörstörung (19): Ohrenzuhalten bei Mahlers Neunter mit Haitink und den Berliner Philharmonikern

Quelle: Anne Wellmer

Um diesem hemmungslosen Aus- und Raushusten in den Pausen zwischen den Sätzen zu entgehen, dem vorsorglichen Geröchel, dem Schnäuzen und Ausschmeißen, dem raschelnden Bonbonauswickeln, dem Poltern hastigen Nacheinlasses, dem unvermeidlichen Nachstimmen zwischen zweitem und drittem Satz und vor allem dem nichtigen Geplapper — um all dem zu entgehen, muss man sich bloß zwischen den Sätzen mit spitzen Zeigefingern die Ohren zuhalten: Weiterlesen

Rausmarschierend: Kurzbesuch beim DSO

Der Konzertgänger marschiert raus, vom erwachten Pan verfolgt.

Normalerweise geht der Konzertgänger kaum je vorzeitig nach Hause, schon gar nicht nach dem ersten Satz. Aber bei dieser Mahler-Dritten: Kaum ist Pan erwacht und der Sommer einmarschiert, marschiert der Konzertgänger raus. (Günstig, dass das Publikum nach dem ersten Satz stürmisch applaudiert, so stört der Konzertabgänger nicht durch Tapsen und Türenknallen.)

Aber der Tagesspiegel-Kritiker schreibt, der erste Satz habe frühlingshaft knospend geklungen, und der Tagesspiegel-Kritiker ist ein ehrenwerter Mann.

Vielleicht klang ja der erste Satz (nach einer vorhergehenden Meditation von Hosokawa, die ansprach, aber als Höröffner nicht recht schlüssig wirkte) wirklich frühlingshaft knospend, dann haben die Ohren des Konzertgängers an diesem Abend Hörschnupfen gehabt. Eine allergische Reaktion. Weiterlesen

Lehrsinnlich: Le Concert Olympique mit Jan Caeyers spielt Haydn und Beethoven

Wer liebt schon das Tripelkonzert? Im Konzertbetrieb wirds meist gescheut, fast als wärs ein Tripperkonzert. Dass es dazu gar keinen Grund gibt, beweist das belgisch-weltumspannende Ad-Hoc-Orchester Le Concert Olympique unter seinem Gründer Jan Caeyers im Kammermusiksaal.

Der Appeal des scheinbar unspektakulären Programms mit zwischen 1795 und 1810 entstandenen Werken von Haydn und Beethoven zeigt sich nicht auf den ersten Blick, aber aufs erste Hören. Und dass man das im Zentrum stehende Tripelkonzert C-Dur op. 56 (1804) von Ludwig van Beethoven sogar zu lieben lernt, daran ist nicht zuletzt das Solistentripel schuld. Weiterlesen

Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

Mal ein Lob dem ungebildeten Zwischenapplaus inmitten eines mehrsätzigen Werks: Sowieso die geringste aller denkbaren Hörstörungen, kann er auch eine befreiende und aufmunternde Wirkung haben. Zum Beispiel bei so einem Extrem-Einspringing, wie es der junge brasilianische Dirigent Eduardo Strausser beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Freitag hinlegt. Chefdirigent Robin Ticciati ist nämlich unpässlich geworden, offenbar äußerst kurzfristig: erst nach der Generalprobe, wie man hört, wieder der Rücken.

Johann Sebastian Bachs 4. Orchestersuite D-Dur BWV 1069 könnte das Orchester wohl auch dirigentenlos spielen, Konzertmeister Wei Lu würde das schaukeln, so wohlpräpariert ist das. Weiterlesen

Dunkelrot: Sowjetrussisches vom DSO/Payare und Ensemble unitedberlin/Vladimir Jurowski

Reformationstag oder Halloween? Sowohl als auch: 100 Jahre Oktoberrevolution.

In zwei Berliner Konzerten kommt sie vor: Einmal als ferner Gast, aus Inferno-Tiefen betrachtet beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Rafael Payare. Einmal als Hauptperson, aus größter Nähe und unendlicher Weite zugleich in einem aufregenden Programm des Ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowski.

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Kregelkompetent: Berliner Philharmoniker und Ton Koopman mit Bachs h-Moll-Messe

Champagnerschwaden statt Haschischrauch! Das stilgerechte Aufführen von alter Musik, über deren wilde Undergroundzeiten Ton Koopman lustig erzählen kann, ist längst philharmonabel geworden. Irgendwie nostalgisch also, dass vor der Berliner-Philharmoniker-Aufführung von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe BWV 232 ein pechschwarz gekleideter, schlohweißhaariger Herr sich auf der philharmonischen Toilette etwas Undefinierbares aus einem perlenbesetzten Hippiedöschen in die Nase zieht. Diese Soziologieprofessoren i.R. kennen da nix.

Koopmans so mitreißende wie ulkige Ganzkörper-Fuchteltechnik hat was von Ministry of Silly Conducting. Es wird geraunt, einige Sänger und Musiker mache das ganz wuschig. Aber die musikalische Gesamtsituation in der Philharmonie ist ausgesprochen kregel und die Aufführung hinreichend unfuchtelig-präzise. Weiterlesen

Hochdruckzugvoll: Anna Vinnitskaya spielt Prokofjew, Debussy, Chopin

Anna Vinnitskayas Hände ziehen die Töne aus dem Klavier. Sehr reizvoll, im Kammermusiksaal von links einen guten Blick auf die Tastatur zu haben (auch wenn wahre Pianomaniacs sich bekanntlich immer nach rechts setzen). Sie drücken die Töne. Sie müssen sie aber ziehen, sagte Alfred Brendel einmal zu einem Dilettanten, den er bei einem Besuch ans Klavier gebeten hatte. Was man darunter verstehen kann, lernt man bei Vinnitskaya. Dabei zieht sie paradoxerweise mit einer speziellen Form von Hochdruck, der durch den ganzen Körper zu fließen scheint.

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Scharfohrig: Berliner Philharmoniker, Rattle, Sellars mit Leoš Janáčeks „Příhody lišky bystroušky“

Leoš Janáčeks Wald webt nicht, sondern lebt. Hört man seine Oper Příhody lišky bystroušky (was man eher als Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf oder auch Scharfohr übersetzen müsste, nicht Das schlaue Füchslein), hat man den Eindruck, dass Janáček im Gegensatz zu Wagner und anderen teutschen Waldweberomantikern auch mal einen Wald betreten hat. Wie überwältigend und unangenehm zugleich es da flirrt, sirrt, sticht, funkelt, kratzt und knackt, zeigt die Aufführung der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und fantastischen Sängern (sowie einer endfaden Semi-Regie).
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Schwer gefasst: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Matan Porat

Allmählich spricht sich auch in unserer ach so aufregenden Weltstadt mit Herz herum, dass das spanische (oder muss man jetzt sagen: katalanische?) Cuarteto Casals eins der aufregendsten, herzergreifendsten, besten Streichquartette der Welt ist. Denn im Vergleich zu seinem letzten Auftritt ist der Kammermusiksaal nicht mehr lediglich halbvoll, sondern nur noch viertelleer. Schwer gefasster Entschluss der Berliner! Ein paar weitere Konzerte auf diesem Niveau, dann quillt der Saal über wie ein gerappeltes Glas. Weiterlesen