Vogelwerdend

„into the sky“ mit dem hr-Sinfonieorchester, Lubman, Aimard

To love a mockingbird

Hut ab, das ist mal ein Gastspiel der anderen Art. Während reisende Orchester ihren Auditorien sonst gern Feuervögel oder Pathétiquen reinbuttern, um zu zeigen, was man auf der Pfanne hat, spielt das hr-Sinfonieorchester Frankfurt in Berlin: George Crumb, Augusta Read Thomas, Olivier Messiaen und Claude Vivier. Mut in der Tradition von Hans Rosbauds Frankfurter Rundfunk-Symphonie-Orchester. Wenn auch exakt Programm der Art, dass Zuhörer im Großen Saal der Philharmonie einander per Handschlag begrüßen können müssten. Doch der Saal hat sich ziemlich gefüllt; wie, das bleibe mal Betriebsgeheimnis des Veranstalters. Dem man das Beste wünscht für seine hiermit begonnene Konzertreihe GREAT!CLSX, bei der vorzügliche Orchester auch weiterhin keine Petruschken und Boleri spielen werden, sondern Meisterwerke von Zemlinsky und Ives bis zu Lutosławski und Gérard Grisey. Im besten Sinn kompromisslose Programme, die dennoch breitenkompatibel erhofft werden, frei von Voraussetzungen außer der einen: die Ohren zu öffnen.

Der Musikmanager Karsten Witt hat zu den Erstarrungen des deutschen Klassikbetriebs einm lesenswertes Interview im Tagesspiegel gegeben: Wir wollen eine Lücke im Konzertbetrieb füllen, in dem üblicherweise das Repertoire bis zur klassischen Moderne gepflegt wird, gern mit einem kürzeren zeitgenössischen Stück, das notgedrungen in Kauf genommen wird. Was fehlt, sind die großen, viel zu selten gespielten Werke der Nachkriegszeit. Die wollen wir in einem dramaturgisch sinnvollen Kontext präsentieren (…) Und der kann auch in einem thematisch passenden Vorgetschilp bestehen: Warum sollen wir in der Philharmonie nicht einen Diskurs über den Gesang der Vögel führen, mit dem sich Olivier Messiaen ja intensiv beschäftigt hat? Warum nicht mal einen Historiker, einen Architekten, einen Virologen einladen?

Und so geht dem Konzert ein zwanzigminütiger Vortrag des Philosophen David Rothenberg voran: über the most classical music, nämlich den Gesang der Vögel, durchaus ornithoästhetisch orientiert, sogar beim Gesang der Einsiedlerdrosssel auf der eigenen Klarinette mit-improvisierend. Wie überhaupt der ganze Vortrag einnehmend musikalisch ist, sonorer Bariton, angenehm rhythmisierte Sprechweise. Verlangsamt man die mitgebrachten Vogelhörbeispiele stark, hört man aus der Weidenmusendrossel auf einmal eine Jazztrompete oder aus der Einsiedlerdrossel den Geist von Walt Whitman.

Le jeune Olivier Messiaen écoute le chant d’un oiseau moquer, Gemälde von Thomas Gainsborough (1740)

Auf andere Weise abstrahiert der Vogelmensch Olivier Messiaen die Gesänge in Kunstmusik: durch, man möchte sagen, penetrant konsequente Übertragung auf die hinsichtlich Farben und Intervallen ja durchaus beschränkte Palette des Klaviers. Pierre-Laurent Aimard ist natürlich die richtigste Person der Welt, um Réveil des oiseaux von 1953 zu spielen. Dieser Pianist ist ja selbst halb Messiaen, halb Vogel. Jedenfalls hat er eine innere ornithologische Sprungfeder, als käme der Klaviergesang direkt aus seinem gespitzten Mund. Dem Hörer ergehts genauso, er meint selbst bald zum Vogel zu werden. Und ebenso den Mitmusikern: Einzelne Orchesterinstrumente schnarren und zwitschern zurück, sodass erstaunliche dialogische Spannung entsteht. Und überhaupt faszinierend, wie faszinierend diese ganze Vogelschrulligkeit ist, die Messiaen ja ins Monumentale weitete: nicht im Klangvolumen, aber in Klangentfaltung und ganz einfach in lebenslanger Beschäftigung.

Bezauberängstigende Entfaltung steht auch am Beginn des Konzertteils, in George Crumbs A Haunted Landscape von 1984. Über eigens herabgestimmten Bässen und Orgelpunktlinie durchschreitet das Ohr mysteriöse Gänge, es öffnen sich immer wieder neue Türen. Die Schlag-und-Zupf-Abteilung des von Brad Lubman offenhörlich bestens vorbereiteten und geleiteten Orchesters steht dabei (wie es im 20. Jahrhundert üblich wurde) mindestens gleichberechtigt den Streich- und Blasdivisionen gegenüber. Immer ist dabei trotz äußerlicher Ruhe eine immense Anspannung, ja Bedrohung spürbar, bis es zu einer starken Verdickung und Zuspitzung kommt, ehe das Ganze dann labil meditativ ausgleitet und verschwebt. Das ist ein großer Orchestergenuss ebenso wie die Mitte der 1990er Jahre entstandenen Words of the Sea der 1964 geborenen amerikanischen Komponistin Augusta Read Thomas. Der scharf akzentuierte Klang des ersten Teils von fast schriller Silbrigkeit steht in deutlichem Kontrast zu den Tiefen von, sagen wir, Walgrunzen der Bassklarinette und Kalmanbrummen des Kontrafagotts, deren Begegnung ja zu heftigstem Brodeln in höheren Wasserregionen führen muss: eine Orchester-Eruption, die es in sich hat. Wenn der dritte von vier Teilen dann in geradezu scherzohafter Bewegung einsetzt, wähnt man sich einen kühnen Hauch lang gar im Werk einer natürlichen Brucknerenkeltochter.

Mehr als berechtigte Zwischenapplause bei Thomas‘ Werk übrigens; was kein Ärgernis ist, sondern ein Freudenzeichen, dass hier Leute im „klassischen Konzert“ sitzen, die sonst nicht ständig darinsitzen.

Und die, wenn sie nur offene Ohren mitgebracht haben, spätestens mit Claude Viviers packender Komposition Orion von 1979 beschließen werden, dass sie wiederkommen müssen. Es mag die Brucknerassoziationen schamlos und sachgrunddubios überstrapazieren, dennoch, Viviers Beginn mit Streichertremoli und was von „die Trompete“ (wie Wagner den „armen Organisten aus Linz“ spöttisch genannt haben soll) erinnern mich heute an einen ins Weltall gespülten A.B. Und auch wenn musikalisch natürlich endlose Weiten dazwischenliegen, so ist die blockhaft-schroff-konstruierte Wucht des eigenartigen Alleinstehers vielleicht gar keine sooo schlechte Referenz für diese Art von contemporary music. Erst recht bei einem erratischen Katholiken wie Vivier, dessen letztes Werk vor seiner Ermordnung durch einen Callboy AD 1983 Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele hieß. Von Java-Gongs strukturiert, ist in Orion große orchestrale Pracht zu erleben, spürbar ritualhaft und auratisch, auch wenn da völlig Disparates aufeinanderzutreffen scheint. Und selbst die nicht unkomische 70er-Jahre-Note der wie aus dem Nichts kommenden menschlich-schamanischen „Heijo“-Rufe mitten im Stück wirkt nicht so peinlich wie Vergleichbares bei Stockhausen. Orion ist aber viel mehr als bloß „nicht peinlich“: großartige Hörerfahrung. Wie dieses ganze Konzert. Man wünscht der Great!Clsx-Reihe (egal wie doof der Name) alles erdenklich Beste.

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