Sehstörung (3): Selbsteinprangerung beim „Fidelio“

Auch einem Konzertgänger, der meint, er hätte schon alles gesehen, kann es passieren, dass er einer Aufführung des Fidelio an der Staatsoper Unter den Linden auf einem der gar nicht soooo üblen Hörplätze im dritten Rang beiwohnt, von denen aus man immerhin die halbe Bühne überblickt (freilich um den Preis, direkt unter dem Dach im Kondenswasser von Tönen und Publikum zu sitzen), und gerade darüber sinniert, wie berühmt Ludwig van Beethoven heute wohl noch wäre, wenn diese langweilige, hier überdies öde inszenierte und knallig-lasch musizierte, dabei freilich – u.a. von Klaus Florian Vogt – recht gut gesungene Oper sein gewichtigstes erhaltenes Werk wäre; um auf einmal eine Zuschauerin im am ungünstigsten gelegenen Hörplatzwinkel des Saals zu bemerken, die, um dem Bühnengeschehen besser folgen zu können, ihren Kopf zwischen Brüstung und Geländer eingefädelt hat: gleich einem Pranger in finsteren Zeiten oder gar jener schrecklichen Entkopfungsmaschine zu französischrevolutionärer Zeit, aus der das merckwürdige, schon in den 1820er Jahren außer Mode gekommene Genre der Rettungsoper ja stammt; woraufhin er begreift, dass er eben noch nicht alles gesehen hatte und hat.

Besprechung der Fidelio-Wiederaufnahme bei Schlatz

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Hörstörung (24): Notwehr-Exzesse im Konzertsaal

Sinfoniekonzert (Symbolbild)

Dass vor wenigen Wochen ein Malmöer Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons in einer Schlägerei endete, lag weder an aufführungstechnischen Unzulänglichkeiten noch an der generell aufwühlenden Wirkung von Gustav Mahlers Fünfter, sondern war die Eskalation eines Konflikts, der von der Hörstörung durch ein sich auswickelndes Kaugummi (oder doch eher ein Hustenbonbon?) ausging. Das Parlando über solche notorischen Hörstörungen ist nicht nur ein beliebtes, manchmal leider an die Stelle der Reflexion über die gehörte Musik tretendes Pausengesprächsthema unter Konzertgängern, sondern seit jeher eine der erfolgreichsten Rubriken in diesem Blog. Aus Gründen. Und Anflüge von Körperverletzung sind da tatsächlich nichts Neues. Auf einen anderen Aspekt machte jedoch anlässlich des Malmöer Exzesses die, oft selbst von Hustern und Raschlern gestörte, Musikkritikerin Julia Ruth Spinola bei Facebook aufmerksam: Weiterlesen

33 Veränderungen über Vladimir Jurowski

Berlin und Moskau. Oleg Senzow und Gustav Mahler. Die Frage nach der Halbgöttlichkeit von Carlos Kleiber, Teodor Currentzis und Alfred Schnittke. Radfahren und die Ewigkeit und die Freiheit des Musikers: Vladimir Jurowski in 33 Veränderungen. Mein Porträt des Dirigenten im neuen VAN Magazin.

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Was ist Warten?

„Die Hälfte seines Lebens / wartet der Soldat vergebens“, pflegte der Großvater des Konzertgängers zu sagen. Mit der Hälfte wär ein Musiker noch gut bedient. Erst recht, wenn er der Beckenschläger in Bruckners Achter ist. Der Hörer und die Hörerin aber warten ganz anders. Worauf auch immer. Zu einer Anthologie mit dem Titel Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen habe ich eine Erzählung beigesteuert, die Der Schlag heißt. Daraus:

Langweilig ist mir nie. Nicht mehr. Früher schon manchmal! Wenn man jung ist, das ist ein einziges Hampeln, zumindest innerlich. Heute nicht mehr. Keine Ahnung, warum das Gesicht des Pförtners am Bühneneingang – worauf du beim Warten halt so verfällst, während die andern sich abrackern. Meine Güte, erinnerst du dich halt ans Gesicht des Pförtners. Aber was heißt rackern, es soll ja fließen und strömen. Auch wenns kracht. Und strömt und fließt auch heute Abend, hört man gleich, Dirigent vertraut, Bläser gut drauf. Nur da … na, das hört keine Sau. Das Publikum will sich eh nur wegpusten lassen, außer den paar Kennern.

Die Kenner sind die schlimmsten.

Und merkst du wenns richtig fließt sowieso nicht, wieviel Arbeit da drin steckt.

Nur halt bei mir nicht.

Bis zum Schlag.

Außerdem im Buch ein Haufen prima Autorinnen und Autoren wie Marion Brasch, Dietmar Dath, Andrea Diener, Nora-Eugenie Gomringer, Andreas Maier, Philipp Mosetter. Erschienen im Marix Verlag und für 18 Euro erhältlich in allen Buchhandlungen sowie den einschlägigen Online-Shops.

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Wie ich lernte, Lutosławski zu lieben

Erst dachte ich, der Komponist hat eine Meise. Dann verschlug es mir den Atem, weil ich‘s so großartig fand. Witold Lutosławskis Werk war für mich ein Aha-Erlebnis und Lutosławski ein perfekter Türöffner zur neuen Musik, ein Vorhang-beiseite-Schieber. Darum freue ich mich (gleich dem jungen Herrn zu Füßen der Polonia auf Jacek Malczewskis Bild rechts) überaus immens, dass ich für das jungehrwürdige Elbphilharmonie Magazin ein paar Seiten über Lutosławski schreiben durfte.

Das Heft steht unter dem Titel Nachbarn, weil es in der kommenden Elbphilharmonie-Saison einen Schwerpunkt Polen gibt. Online gibts das Magazin (momentan) leider nicht, aber man kann reinblättern. Oder auch das Heft bestellen.

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Lieben Sie Bruckner?

Bruckners Neunte, von Eduard Tomek

Die Liebe zu Anton Bruckner, sagte der Konzertgänger, behauptete ich, sei naturgemäß die fürchterlichste und die herrlichste. Die Liebe der Linzer zu Anton Bruckner aber sei naturgemäß die allerfürchterlichste und die allerherrlichste, sagte er, behauptete ich. Einerseits Torte, andererseits Bruckner. Die einerseits unerträglich fürchterliche, andererseits unerträglich herrliche oberösterreichische Linzer Liebe zu Anton Bruckner, sagte er, behauptete ich, gehe sogar so weit, dass sie ihr oberösterreichisches Linzer Orchester nach Anton Bruckner benannt hätten.

Weiterführende Literatur: Mein eben erschienener Artikel Sieben Arten, Bruckner zu lieben — naturgemäß im Orchesterbuch 2018/19 des Bruckner Orchesters Linz (pdf).

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Rattle-Abschieds-Countdown ⑤④③②❶: ZERO!

Nun wirklich aller, aller, allerletztes Konzert von Sir Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, in der Waldbühne. An diesem Wochenende muss sogar der Himmel über Berlin nach Wochen und Monaten des strahlenden Sonnenscheins vor Abschiedsschmerz weinen. Publikum und Musiker werden sich davon nicht die Laune verderben lassen. Hier sind indes alle Berichte über Rattle-Konzerte zu lesen, die seit 2015 auf diesem Blog erschienen.

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32 Variationen über einen Ball: Die Musik zum Fußball

Fußball und Musik, ein heikles Verhältnis. Engländer sind mit You’ll Never Walk Alone noch gut bedient. Südländische Temperamente können zu Nelly Furtados Força die Hüften wiegen. Die Deutschen freilich sind durch Songs wie Fußball ist unser Leben oder Zeit dass sich was dreht schwer traumatisiert. Was aber können Klassikfans hören?

Na, das hier: Ein deutsches Brasilien-Capricho, eine lappische Deutschland-Motette, ein englisch/niederländisches Lamento und und und – 32 Musikstücke für 32 Teams. Von Klassikern bis zu abstrusen Raritäten. Zur Einstimmung vor jedem Spiel. Oder halt statt Fußball. Denn diese ultimative Playlist zur WM 2018 ist auch für Fußballverächter geeignet.

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Goodbye, Sir Simon

Was haben eine Ostberliner Weltreisende, ein englischer Erasmusstudent, ein Dahlemer Ausparkkünstler, ein 9jähriges Mädchen mit Glitzerohrringen und eine Frau aus Syrien mit Bach, Mahler, John Adams und dem Himmel über Berlin zu tun? Die Zeit mit dem Stadtraum? Und sie alle mit dem scheidenden Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker? Mehr dazu in meinem Beitrag in der eben erschienenen neuen Ausgabe von 128 – Das Magazin der Berliner Philharmoniker. „Der Schriftsteller Albrecht Selge erinnert in seiner literarischen Chronik an die Höhepunkte der Rattle-Ära“, heißt es da. Oder kurz: Goodbye, Sir Simon.

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Wenn die Sonne den Mond küsst

Wer oder was ist ein Theremin? Und was oder wer war der Philipp Glass des 15. Jahrhunderts? Was hat der VEB Ernst Lück mit englischer Gambenmusik zu tun? Und wieso setzt es bei Bach immer Schimpfe?

Meine Reportage über die famose Lautten Compagney und das zauberhafte Aequinox-Festival in Neuruppin, wo die Sonne den Mond küsst, jetzt im aktuellen VAN Magazin.

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Hörstörung (22): Eltern bewundern ihr Kind

In jenem familiären Parallelleben, das er klammheimlich neben Konzertsaal, Kammermusiksalon und Opernhaus führt, gerät der Konzertgänger öfter in musikschulische Aufführungen, in denen er nicht nur die stets stupenden Darbietungen seiner eigenen Sprösslinge und vieler anderer Kinder und Jugendlicher bewundern darf, sondern auch immer wieder einem Phänomen begegnet, das ihm ebenfalls des, allerdings ungläubigen im Sinne von das ist doch unglaublich, Staunens wert scheint: Weiterlesen

Saisonvorschauen (1): Rundfunk-Sinfonieorchester

Noch mitten in der Saison erscheinen die Ankündigungen für die neue Saison. Als erstes ist das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dran. Die laufende Saison hat im Konzertgänger den Eindruck bestärkt, dass das RSB mit Vladimir Jurowski den aufregendsten Chefdirigenten aller Berliner Orchester hat. In der neuen Saison tritt zu Jurowskis Pastoren-, wenn nicht Mönchsschwarz kräftiges Pastoralgrün, denn es gibt jetzt (wie zu Metzmachers Zeiten beim DSO) ein übergreifendes Saisonthema: Der Mensch und sein Lebensraum. Weiterlesen