Hiobsbotschaftlich: DSO, Norrington, Bostridge spielen Haydn, Britten, Vaughan Williams

Glücklich, wer bei Roger Norringtons über fünf Jahre laufendem Ralph Vaughan Williams-Zyklus von Anfang bis Ende dabei war! Zum Abschluss und als Zugabe zu den Sinfonien dirigiert er beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie „Job“ – A Masque for Dancing (1930).

800px-William_Blake_-_Satan_Before_the_Throne_of_GodDiese dreiviertelstündige, von Bildern William Blakes inspirierte Hiobs-Musik für Riesenorchester ist eher symphonische Dichtung als Ballett, aber auf jeden Fall ein theatralisches Spektakel und ein Fest für Freunde des romantischen Mischklangs, der auch mal zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Plakativ (erztonaler Gott versus dissonanter Tritonus-Springteufel), manchmal leicht bescheuert (plötzliches Losfetzen der Orgel wie in einem bizarren Horrorfilm), aber herrlich lustig und schaurig.  Auch gut als Orchester-Leistungsschau missbrauchbar, wäre also Berliner-Philharmoniker-tauglich. Weiterlesen

19./20.11.2016 – Fragezeichnend: Roger Norrington und DSO spielen Vaughan Williams, Mozart, Beethoven

Zweimal dreimal acht: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt am Samstag und Sonntag die achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven. Und weil Roger Norrington dirigiert, ist der Konzertgänger an beiden Abenden in der Philharmonie, einmal in Block A, wo es mehr knallt, einmal in Block D, wo man ausgewogener hört.

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7.6.2016 – Lebensrettend: DSO, Norrington, Faust spielen Haydn, Mozart, Vaughan Williams

HaydnportraitZwischen wartenden Harfen und allerlei Perkussionsgerödel, das großer Dinge harrt, beginnt Joseph Haydns Symphonie Nr. 87 A-Dur Hob I:87 wie ein Überraschungsangriff. Die lang gedehnten Pausen im Kopfsatz genießen die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mit sichtbarer diebischer Freude. Hörbar ist diese Freude sowieso, erst recht in den Soli der Flöte (Kornelia Brandkamp) im Adagio und der Oboe (Thomas Hecker) im Trio des Menuetts.

Der freudigste Dieb von allen, Sir Roger Norrington, dirigiert nur, wo es nötig ist, oft und gern hört er einfach staunend seinen famosen Musikern zu. Weiterlesen

2.12.2015 – Meeresböhmisch: Roger Norrington bringt Vaughan Williams zum DSO

Im 6-Monats-Takt setzt Sir Roger Norrington, 81, seinen Vaughan-Williams-Zyklus fort: Nach der aufwühlenden Sechsten im Juni gab es nun im Dezember die Fünfte, bevor im nächsten Juni die Neunte folgt. Die Siebte und Achte fehlen dann noch.

Der Anfang der Fünften erinnert allgemein an Sibelius (man vergleiche mal die Anfänge, hier und hier) und konkret an ein böhmisch-amerikanisches Cellokonzert: Bei Vaughan Williams ist der zweite Teil von Dvořáks zackigem Thema allgegenwärtig, in dem es untenrum zum Grundton zurückgeht:

Da wir seit Shakespeare ohnehin wissen, dass Böhmen am Meer liegt, passt es bestens, das Konzert mit Antonín Dvořáks Cellokonzert h-Moll op.104 (1894/95) zu eröffnen. Norrington und das Deutsche Symphonie-Orchester gehen es mit extremen Temporückungen an, den Anfang äußerst gedehnt, dann mit starker Beschleunigung. Das lyrische zweite Thema ist wieder sehr langsam. Zunächst befürchtet man, die Musik würde zerfasern. Aber der Ansatz kommt dem Stück zugute. Brahms konnte sich (vor Dvořák!) nicht vorstellen, dass das Cello als Solo-Instrument taugen könnte wie Klavier oder Violine, und der Kanadier Jean-Guihen Queyras ist erst recht kein musikalischer Kraft- und Schönheitsprotz: Offenhörlich im Herzen ein Kammermusiker, wirkt sein Spiel zunächst fast schwachbrüstig, jedenfalls zu intim für den Großen Saal und das romantische Konzert. Aber der Eindruck lichtet sich sehr: Mögen die Tutti auch heftig sein, breitet Norrington diesem zarten Spiel einen roten Teppich aus. Schon das Zusammenspiel mit der wunderbaren Flöte (Gergely Bodoky) im zweiten Satz ist pures Glück. Der Schluss des Adagio und der todeswehmütige Epilog des Finales könnten ergreifender nicht klingen; obwohl Queyras tief in die Saite geht, klingt sein Ton ganz leicht, ja zerbrechlich. Wie gern säße man bei der Sarabande aus Bachs G-Dur-Suite, die Queyras als Zugabe spielt, in einem kleineren Raum!

Nicht nur das kleine, um einen Ton kreisende Grundmotiv, sondern auch das Liedhafte, Gesangliche verbindet Dvořáks Cellokonzert mit Ralph Vaughan Williams‘ 5. Symphonie (1938-43, rev. 1951) in der Paralleltonart D-Dur. Während Dvořák die Erinnerung an ein Lied seiner einst geliebten, nun sterbenskranken Schwägerin Josefina einkomponierte, ließ Vaughan Williams Musik aus seiner spirituellen Oper The Pilgrim’s Progress einfließen, mit der er nicht vorankam. 

Und diese Musik aus der schlimmen Kriegszeit fließt tatsächlich: ein großes, ruhiges Dahintreiben. Selbst wenn man unterwegs in geheimnisvoll leise Strudel (das Scherzo Presto misterioso) gerät oder momentweise heftige Erregung aufwallt, zweifelt der Hörer nie am glücklichen Weitertreiben. Das Gegenteil von Kontrastextremismus, auch in ihren Steigerungen bleibt diese Musik immer flächig. Aber diese Gewässer sind nie seicht. Die archaische Harmonik der Streicher im Preludio evoziert eine faszinierende Atmosphäre. Von klarem, kalten Wasser, das er seinen Hörern zu trinken geben wolle, schrieb Sibelius, und altklug denkt der Konzertgänger bei Vaughan Williams‘ Fünfter: So hätte der späte Hindemith komponieren können, wenn er nur vom klaren, kalten Wasser Sibelius‘ getrunken hätte.

Höhepunkt der Fünften sind die anschwellenden Mischklänge im dritten Satz, der Romanza, meist sehr zart, später auch strahlend. Wunderbar die Zwiesprachen des Englischhorns mit der Oboe und den anderen Holzbläsern. Totaler Flow beim Hörer!

Am Ende des Finales, einer Passacaglia, kehrt der Anfang der Symphonie wieder; eine Symphonie, die stärker aus einem Guss wäre als diese Fünfte, ist kaum vorstellbar. Und was für ein schöner, lang anhaltender D-Dur-Schlussakkord! In den leider eine ungehobelte Besucherin lauthals hineinkräht; möge sie für diese ruchlose Tat an der tiefsten Stelle des Meeres versenkt werden.

Und möge Gott Sir Roger Norrington noch viele gesunde, glückliche, tatkräftige Jahre schenken!

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10. Juni 2015 – Atemberaubend: DSO und Roger Norrington mit Haydn, Mozart und Vaughan Williams

Featured imageVaughan Who? hätte der Konzertgänger vor wenigen Jahren gefragt. Doch seit Sir Roger Norrington vor drei Jahren seine zyklische Aufführung aller Symphonien von Ralph Vaughan Williams (1872-1958) mit dem Deutschen Symphonie-Orchester begonnen hat, ist dieser ignoranten Frage der Boden entzogen. Nach der bis an die Tinnitusgrenze pompösen Ersten Sea Symphony, der tausendfarbigen Zweiten London Symphony, der faszinierend paradoxen Dritten, die das Erlebnis des Ersten Weltkriegs als Pastoral Symphony reflektiert, und der finster-wütenden Vierten gibt es nunmehr die Sechste von 1948, die in England als Kriegssymphonie gilt.

Doch zuerst wie schon in den vorigen Konzerten Klassiker; aber keineswegs nur als Entrée oder Lockmittel, um Publikum zu dem hierzulande kaum bekannten Großsymphoniker zu locken. Joseph Haydns Symphonie Nr. 83 g-moll Hob. I:83 ‚La poule‘ dirigiert Norrington ohne Podest und Stab vom hohen Stuhl aus, die Holzbläser spielen im Stehen, den Streichern ist wie stets das Vibrato untersagt, was den klaren Linien des Stücks eindeutig gut tut. La poule ist ein höchst originelles Stück (aber welche Haydn-Symphonie ist nicht originell?) mit ihrem sehr dramatischen Beginn und dem absurd kontrastierenden Oboengackern als Seitenthema, dem die Symphonie ihren hübschen Beinamen verdankt; als es erklingt, pickt Sir Roger sehr lustig mit dem Kopf. Bei Norrington sollte man nie mit geschlossenen Augen zuhören! Manchmal dirigiert er auch gar nicht, weil er den Musikern vertraut, etwa im dritten Satz im Trio, das ein Quintett aus zwei Geigen, Bratsche, Kontrabass und Flöte ist. Im rasanten Finale schlägt die Flöte fantastische Purzelbäume, wie ein zwitschernder Vogel; aber bestimmt kein Huhn.

Ein singender Star im Vogelkäfig soll dem Finale von Mozarts Klavierkonzert Nr. 17 G-Dur KV 453 Pate gestanden haben. Der Pianist Martin Helmchen, der das Stück voll geheimen Lächelns und geheimer Trauer (Alfred Einstein) schon vor drei Tagen im Kulturradio-Kinderkonzert vorgestellt hat, sitzt mit dem Rücken zum Publikum, was historisch korrekt ist, höchstens bei der Zugabe etwas ungünstig. Er spielt brillant, aber völlig unvirtuos, obwohl er nicht nur die pianistischen Fähigkeiten, sondern auch die passende Liszt- (oder Rieu-)Mähne dazu hätte. Sein Anschlag ist faszinierend klar und hell; man kann sich bei Helmchen nicht die geringste Schlampigkeit vorstellen. Besonders schön die Kadenz im zweiten Satz (die letzte, die Mozart in einem langsamen Satz geschrieben hat – schade eigentlich), Norrington hört mit geschlossenen Augen zu.

Bei Ralph Vaughan Williams‘ Symphonie Nr. 6 e-moll, platzt das Podium nach den kleinen Besetzungen vor der Pause nun aus allen Nähten, weshalb auch Norrington jetzt Dirigentenpodest, Stab und Partitur braucht. Martin Helmchen hat sich, auch dies sympathisch, zum Zuhören in Block C gesetzt. Vaughan Williams wollte seine dramatische Symphonie, wie man im Kommentar von Habakuk Traber erfährt, keineswegs als Programmmusik verstanden wissen. Die Kombination mit Haydn und Mozart bezieht zu dieser Frage schon Stellung: Diese beiden Werke aus dem 18. Jahrhundert sind absolute, aber doch theatralische und sehr sprechende Musik.

Sobald man die Symphonie hört, wird die theoretische Frage ohnehin bedeutungslos: Krieg hin oder her, in dieser Musik wird eine zerstörte Welt hörbar, eine Seelenlandschaft in Trümmern. Die Tonsprache ist, wenn man Schubladen benutzen will, traditionell, es gibt eine Grundtonart, und der Tritonus, den Messiaen damals bereits zum schönsten Intervall erklärt hatte, ist hier althergebracht des Teufels; Vaughan Williams‘ Musik spricht direkt zum Hörer, ist nicht maskiert wie Mahler oder Schostakowitsch. Viel brass. Trotz äußerlicher Viersätzigkeit (mit dem langsamen Satz an vierter Stelle, wie in der Pathétique) hört man einen einzigen Satz. Nach dem Beginn mit drei klar abgegrenzten Themen – dramatischer Bewegung, einem flotten Marsch mit einer Prise Jazz, schließlich wogenden Harfen- und Streichergefilden – schreit die Musik auf, erstarrt, wird zu einem Trauermarsch, verharrt in beklemmenden Regionen, pendelt um einzelne Töne; erschütternd der minutenlang sich wiederholende Dreifachschlag . Inmitten der folgenden Schrecken überrascht ein Saxophon-Solo. Trotzdem wartet man, als der vierte und letzte Abschnitt beginnt, seit geraumer Zeit auf irgendein Licht. Aber das Werk endet in Verzweiflung, Klagen, endgültigem Verlöschen.

Seit langem hat den Konzertgänger kein Werk so ergriffen wie diese erschütternde Symphonie. Nach einer solchen atemberaubenden Aufführung ist es nicht zu verstehen, dass Vaughan Williams‘ Sechste nicht überall als eine der großen Symphonien unserer Musik kanonisiert ist. Das DSO und Roger Norrington haben alles getan, damit sich das ändert.

Man kann das Konzert Donnerstagabend im Deutschlandradio Kultur nachhören oder mit dem DRadio Recorder aufnehmen.

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Am 2. Dezember gibt es Vaughan Williams Fünfte, am 7. Juni 2016 die Neunte