Heiter luguber: Berliner Philharmoniker mit Paavo Järvi spielen Lutosławski und Brahms

Brahms‘ Wolkenzeichen beachten!

Man muss nicht immer was hineingeheimnissen oder hineinabgrunden, oft ist das Überwölken wichtiger. Und Überwölkung wirkt umso berührender, je glänzender die überwölkte Schönheit strahlt. Das zeigen der Dirigent Paavo Järvi und die Berliner Philharmoniker bei dieser herrlichen Aufführung von Johannes Brahms‘ sonnenwolkiger 2. Sinfonie D-Dur.

Denn die Musiker lassen den Hörer jederzeit spüren, wie Brahms diese Zweite nach der Mühsal der Ersten aus der Seele geflutscht ist. Kunstvolle Natürlichkeit. Der Streicherklang bringt viel Sonne in den Saal, die nie brennt, sondern wärmt. Und die Bläser, allen voran der im Lauf der Sinfonie immer wieder herzbewegend hervortretende Hornist Stefan Dohr, sind eine Klasse für sich. Das große Ganze, um das es hier jederzeit geht, ist dabei so flüssig und frei von allem klanglichen Gründerzeitfett, dass man hier glatt die Berliner Kammerphilharmoniker zu hören meint – bis zur völlig polterfreien Streicherfreude im Finalsatz. Weiterlesen

Wie ich lernte, Lutosławski zu lieben

Erst dachte ich, der Komponist hat eine Meise. Dann verschlug es mir den Atem, weil ich‘s so großartig fand. Witold Lutosławskis Werk war für mich ein Aha-Erlebnis und Lutosławski ein perfekter Türöffner zur neuen Musik, ein Vorhang-beiseite-Schieber. Darum freue ich mich (gleich dem jungen Herrn zu Füßen der Polonia auf Jacek Malczewskis Bild rechts) überaus immens, dass ich für das jungehrwürdige Elbphilharmonie Magazin ein paar Seiten über Lutosławski schreiben durfte.

Das Heft steht unter dem Titel Nachbarn, weil es in der kommenden Elbphilharmonie-Saison einen Schwerpunkt Polen gibt. Online gibts das Magazin (momentan) leider nicht, aber man kann reinblättern. Oder auch das Heft bestellen.

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Rattle-Abschieds-Countdown ⑤❹③②①: Widmann, Lutosławski, Brahms

Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker am Abschiedsrotieren, einen Tag nach Bru folgt Bra. Vor der Philharmonie hört man noch immer das Wummern der Bässe, die der Afd gezeigt haben, was Berlin von ihr hält. In Block B sitzt ein junger Mann, der bis zum Konzertbeginn auf dem Smartphone Malen nach Zahlen spielt. Auf dem Programm stehen drei Tänze auf dem Vulkan: Ein Stück heißt so, zwei sind es. Weiterlesen

4.4.2016 – 2 x 3 strophes: Johannes Moser spielt Dutilleux

Eine der löblichsten Einrichtungen im Berliner Musikleben ist die Reihe 2 x hören im Konzerthaus. Natürlich sind Gesprächskonzerte keine neue Erfindung, es gibt auch einige andere Formate, etwa im Radialsystem. Aber die Idee: ein Werk im ganzen zu hören, danach ein wenig voranalysiert und erklärt zu bekommen, dann das Werk ein zweites Mal zu hören, ist ein schönes, einfaches Konzept. Zumal dafür immer wieder namhafte Solisten in den Werner-Otto-Saal unter dem Dach des Konzerthauses hinaufsteigen, Tabea Zimmermann oder Igor Levit waren schon da. Wahrscheinlich nicht nur aus didaktischem Pflichtbewusstsein, sondern weil es auch einem Musiker gut tun muss, das stoffelige Wesen Hörer, ohne das es ja irgendwie nicht geht, am Ende etwas weniger unwissend zu wissen.

Diesmal ist der Cellist Johannes Moser zu Gast, ein Star, bei dem laut SPIEGEL das Klassik-Publikum rast. Er spielt die Trois strophes sur le nom de Sacher“ für Violoncello solo (1976) von Henri Dutilleux, der die Gourmets unter den Neue-Musik-Freunden rasen macht und auch den Avantgardemuffel becirct. Während die halbe Welt über Putins märchenhaft reichen Cellisten spricht (der jedoch nicht ganz sauber intoniert), offenbart Moser im Gespräch, dass er keinen festen Wohnsitz hat, gestern Amsterdam, morgen Neuseeland; und die Celli seien heutzutage auch so teuer, dass man sie besser nicht wie weiland Rostropowitsch im Casino verspielen sollte.

Leider neigt der Moderator Christian Jost (der sich selbst Kurator nennt) an diesem Abend zum selbstbespiegelnden Ad-libitum-Geplänkel, über all den Anekdoten und Erinnerungen und Komplimenten für Mosers Cellokünste kommt die Konzentration auf Dutilleux‘ Werk zu kurz. Nur gut, dass der wohltuend lockere, aber nicht zerstreute Moser immer wieder in medias res geht und kurzentschlossen die sechs aus dem Namen Paul Sachers abgeleiteten Töne vorspielt, die Dutilleux im Auftrag Rostropowitschs zur Grundlage seines Werkes nahm: Es – A – C – H – E- Re (=D). Wobei Jost zwischen jedem Ton noch einmal den Namen nennt, so dass der ohnehin sperrige Höreindruck schon wieder flöten geht. Später wird der Bezug auf Béla Bartóks von Sacher in Auftrag gegebene Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta mehr erwähnt als analysiert. Schade, dass Jost, der im Hauptberuf ja Komponist ist, beim Blick auf Dutilleux sein eigenes Metier ignoriert: Wie genau werden denn hier aus sechs beliebigen Tönen ganze Phrasen und schließlich ein zauberhaftes Werk? Darüber wüsste man gern mehr und Genaueres. Die Leinwand hinter den Gesprächssesseln wartet auf Notenprojektionen, bleibt aber dunkel. Der ehemalige Moderator der Reihe, Arno Lücker, der mittlerweile den Ableger 2 x hören klassisch verantwortet, hat mit seiner forcierten Flapsigkeit zwar manchmal genervt, aber immer vorgemacht, wie man mit Gewinn in eine komplexe Partitur blicken kann, ohne dass die Veranstaltung zum Seminar für verschrobene Spezialisten wird. Bei 2 x hören zeitgenössisch wäre das wieder wünschenswert, bei aller lobenswerten Niederschwelligkeit.

Sehr interessant aber, zum Vergleich Witold Lutosławskis dreiminütige Sacher-Variationen zu hören, mit ihren engschrittigen Figuren und kompakten Wirbeln ein überaus witziger Gegenentwurf zu Dutilleux‘ sehr klassisch strukturierten Sacherstücken: Deren erstes ist offenhörlich thematisch fokussiert, das zweite kantabel bis elegisch, das dritte lustig galoppierend. Schön sind sie auf jeden Fall. Im Gespräch erzählt Moser, dass er sich zu einer Einladung von Dutilleux vor einigen Jahren nicht traute, weil er die Trois strophes noch nicht drauf hatte, nur das Cellokonzert. Nun ist Dutilleux seit bald drei Jahren tot, und Moser hat die Trois strophes sur le nom de Sacher bestens drauf. Hier spielt er sie zum ersten Mal im Konzert. Und natürlich auch zum zweiten Mal. Man meint, dass er sie beim zweiten Mal besser spielt als beim ersten Mal. Ganz sicher hört man sie beim zweiten Mal besser – auch wenn man nicht recht weiß, warum.

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