Hej! Weselmy się!

Für Weihnachtskonzerte gelten eigene Gesetze. Wie voll wäre die Philharmonie bei einem normalen Abokonzert mit Zemlinsky, Pärt, Lutosławski, Honegger und (na gut) Bach? Bei dem originellen Weihnachtskonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters und mehrerer Chöre mit Vladimir Jurowski aber ist sie rappel. Reuelose musikalische Völlerei, mit einigen Prisen Askese, quer durch Europa.

Alexander Zemlinskys 1910 entstandene Vertonung des lebensbegleitenden, allerschönsten Psalms 23 Der Herr ist mein Hirte scheint mit Gebimmel und Harfnerei doch eine ästhetische Verirrung. Aber wie außerordentlich schön bimmelt und harft das RSB! Und die Berliner Singakademie, Laienchor der gehobenen Klasse, macht ihre Sache auch gut. Für den Psalm 121 hat Arvo Pärt einen adäquateren Klang gefunden, Beschränkung auf Streichorchester, der warme Countertenor von Andreas Scholl wiederholt lange immer denselben Ton und wechselt insgesamt viermal von mittel nach hoch und umgekehrt; während Pärts Vaterunser bedenklicher auf dem Kitschgrad balanciert.

Vorzüglich die Aufführung der Bach-Kantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63 mit dem schönen Rilke-Vers im Alt-Rezitativ: o ungemeines Heute sowie feiner Oboenleistung von Clara Dent-Boganyi in der Arie Gott, du hast es wohl gefüget, die die Sopranistin Olga Pasichnyk und der Bass Christopher Purves singen. Der Tenor Jan Petryka überzeugt in der Arie Ruft und fleht den Himmel an im Duett mit Andreas Scholl. (Bach gehörte doch zu den wenigen Sachen, die bei Jurowskis Vorgänger Marek Janowski nicht recht befriedigten.)

Nach der Pause stoßen die kindlichen Chorscharen dazu. Arthur Honeggers effektvolle, um nicht zu sagen reißerische Une Cantate de Noël von 1953 führt de profundis-dissonantibus in ein verrücktes vertikales Weihnachtslied-Medley, alles gleichzeitig, kunstvoll gemischt und mit Orgelsoße übergossen. Es ist eine stille Nacht entsprungen, o bergers, venez promptement, o du Orchesterbraten bringende Weihnachtszeit. So ein deutsch-französisches Potpourri wenige Jahre nach dem Krieg war natürlich auch ein Statement.

Bei Honegger sind die zuverlässigen Knaben des Staats- und Domchores dabei. In einer Auswahl aus Witold Lutosławskis Fassungen polnischer Weihnachtslieder erinnert der hervorragende Mädchenchor Berlin beiläufig daran, dass Mädchenchöre dieselbe Aufmerksamkeit und Förderung wie Knabenchöre verdienen. Dass hier noch einiges im argen liegt, zeigte jüngst ein kontroverser Artikel der Rechtsanwältin Susann Bräcklein im Tagesspiegel (und mehr noch die teils unflätigen, großteils von Männern stammenden Wutkommentare darunter).

Der Berliner Mädchenchor überzeugt aber nicht nur in eigener Sache, sondern mehr noch in der spritzigen, wohlklingenden Darbietung der polnischen Weihnachtslieder in den dezenten, originellen Bearbeitungen des jungen Lutosławski kurz nach dem Zweiten Weltkrieg; der alte Lutosławski orchestrierte die Klavierfassungen dann Ende der 1980er sehr raffiniert.

In diesem Sinn, liebe Leser des Blogs: Hej! hej! hej! Weselmy się, radujmy się, pożądany narodził się – lasst uns froh sein, lasst uns fröhlich ein, der Ersehnte ist geboren.

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