Nervig, kickig: DSO & Ticciati im Kraftwerk Berlin

Neue Wege! Experimente! Manchmal kicken sie dich, manchmal nerven sie. So auch bei diesem dritten Termin des Mini-Festivals, das das Deutsche Symphonie-Orchester anlässlich des Amtsantritts seines neuen Chefdirigenten Robin Ticciati veranstaltet: nach Symphonic Mob im Shopping-Center und einem ambitionierten Philharmonie-Konzert jetzt ein dreistündiges Konzert-Event-Ding im Kraftwerk Berlin, dieser Betonkathedrale mit Techno-Flair. (Für die Jüngeren unter uns: Was war Techno?)

Was also kickt, was nervt?

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Stromfangend: Isang Yun mit dem Gyeonggi Philharmonic Orchestra und Kammermusikern

Wie aufregend, mal eins dieser glanzvoll klingenden asiatischen Orchester mit etwas anderem zu hören als Strauss oder Tschaikowsky! Anlass ist der 100. Geburtstag des deutschkoreanischen Komponisten Isang Yun, dem das Musikfest einen ganzen Tag widmet. Das Gyeonggi Philharmonic Orchestra eröffnet ihn sonntagfrüh im Konzerthaus, später folgt ein Kammermusiknachmittag und ein Yun-Einstieg bei der Saisoneröffnung des Rundfunk-Sinfonieorchesters.

Das Konzert des südkoreanischen Gyeonggi-Orchesters wird zu einem Höhepunkt des Musikfests. Zwei großartige Orchesterwerke von Isang Yun sind die Klammer, innerhalb derer zwei geistesverwandte Komponisten zu hören sind: Ligeti und Hosokawa. Ein kompromissloses Programm, und das ohne Pause, Hut ab! Weiterlesen

Bittschreiend: Teodor Currentzis und MusicAeterna mit Mozarts Requiem und Chormusik aus 1000 Jahren

Ein Konzert so berührend, dass es kaum zu ertragen ist. Ein Konzert, das Glauben sucht und Gott anschreit.

Ob es den Hörer auf die Palme bringt oder zu sich selbst, ihn belästigt oder erleuchtet, hängt sicher von dessen Persönlichkeit ab. Das beginnt schon beim Einzug des Chorus MusicAeterna, der schwarzgewandet und Kerzen tragend die abgedunkelte Philharmonie betritt. Dort bildet er einen Kreis um Teodor Currentzis, der mit ausladenden Wischbewegungen dirigiert: halb Magier, halb Touchpad-Benutzer. Sektenartig findet eine kluge Bekannte des Konzertgängers das alles. Weiterlesen

Spektakulös: Konzerthausorchester, Iván Fischer, Kit Armstrong spielen Kagel, Zimmermann, Beethoven

Iván Fischer-Programme können auf skurrile Weise spektakulär sein. Rund ums angeblich langweiligste der Klavierkonzerte Beethovens strickt er das originellste Programm, das in der zyklischen Aufführung aller fünfe im Konzerthaus zu hören ist: vorneweg Kagel, hintendran Bernd Alois Zimmermann.

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Levitierend: Aimard und Schuch spielen Klavier, Alfred Brendel nicht …

… der liest nämlich Gedichte vor: Brendels einziger Auftritt als ausdrückliche Bühnen-Hauptperson bei der zehntägigen Hommage, die das Konzerthaus Berlin ihm dieser Tage widmet. Daneben wird er Einführungen zu mehreren Streichquartetten geben (30. April, 19.30 & 21 Uhr) und über sein Leben sprechen (5. Mai, 18 Uhr). Das Konzerthaus richtet ihm überdies eine Ausstellung im Werner-Otto-Saal aus (Führungen ohne Konzertbesuch täglich um 15 Uhr), eine schnieke Festschrift gibt’s auch. Und sicher wird er im Publikum vieler Konzerte zu entdecken sein, die Schüler, Freunde, Weggefährten geben.

Rhode_island_red_1915_lithographBei der Late-Night-Lesung im Kleinen Saal tritt der Pianist Pierre-Laurent Aimard am Bechsteinflügel als Brendels Kompagnon auf. Oder sollte man besser Komplize sagen? Die beiden gäben ein herrlich verschrobenes Komikerpärchen ab, auch als Estragon und Wladimir könnte man sie sich gut vorstellen:

Als Godot endlich erschien, war die Enttäuschung groß, Weiterlesen

17.2.2017 – Aporkalüptisch: Simon Rattle & Berliner Philharmoniker spielen Ligetis „Le Grand Macabre“

Go, Hauptwerke des 20. Jahrhunderts, go! Eine Woche nach dem Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja führen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle schon wieder György Ligeti auf: die Oper Le Grand Macabre, als von Peter Sellars inszeniertes Konzert. Diese durchgeknallte Anti-Anti-Oper über den abgeranzten Untergangspropheten Nekrotzar im Breughelland passt natürlich bestens ins Jahr 2017, da ein miserabel getarnter Nekrotzar II gerade „mächtigster Mann der Welt“ spielt. Steht zu hoffen, dass der Abklatsch im Weißen Haus wie sein Ligeti-Vorbild bald vor Ärger einschrumpft und, sich hin und her kugelnd, im Boden versickert.

bruegel-deathLe Grand Macabre, 1978 entstanden, 1996 operngemäß überarbeitet (manche sagen geglättet), mag ein Werk für die Ewigkeit sein. Aber die Brillanz einiger Einfälle scheint doch ein Verfallsdatum zu haben, der Witz der konzertierenden Autohupen und Klingeln hat sich schnell abgenutzt. Insgesamt jedoch entwickelt Le Grand Macabre einen erstaunlich aggressiven und direkten Drive. Weiterlesen

11.2.2017 – Ohrend, herzend: Berliner Philharmoniker, Rattle, Kopatchinskaja spielen Ligeti, Rihm, Mahler

mahler_gustav4Diesmal kann kein Nörgler sich beschweren, die Programme der Berliner Philharmoniker wären zu seicht: Hier stellt der großartige, der unsterbliche György Ligeti nicht nur Rihm (und Boulez) in den Schatten, sondern selbst Gustav Mahler, dessen 4. Sinfonie G-Dur nach der Pause natürlich der planmäßige Höhepunkt des Konzerts sein sollte.

Und ist auch keineswegs missglückt. Den ersten Satz gehen die Philharmoniker unter Simon Rattle zwar nicht gerade Bedächtig an, nicht subtil abgründig. Stattdessen heizt der glöckchenklingende Schlitten von Beginn an unter Hochdruck dem Abgrund entgegen. Die gemächliche Bewegung des zweiten Satzes ohne Hast scheint voller sehr giftiger Spitzen, am wärmsten klingt paradoxerweise die um einen Ganzton höhergestimmte Solovioline von Daniel Stabrawa.

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14.10.2016 – Frühunvollendet: Ein Abend für Lili Boulanger beim RIAS Kammerchor

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Nadia und Lili Boulanger

Eine  Rarität, mit der man keine Zuhörerfluten hinter dem Ofen hervorlockt, doch gerade deshalb um so wertvoller: Während Tugan Sokhiev und die Berliner Philharmoniker im ausverkauften Großen Saal kalorienreiche russische Kost auftischen, serviert der RIAS Kammerchor im Kammermusiksaal erlesene ätherische Klangdüfte, Chorwerke der fast vergessenen Lili Boulanger.

Vorzeitig ist kein Ausdruck für Lili Boulangers frühen Tod, mit ihr verglichen wurden Pergolesi, Mozart und Schubert steinalt: Sie starb 1918 im Alter von nur 24 Jahren. Ihre große Schwester Nadia hängte auch aus Ehrfurcht vor dem Werk ihrer unerreichbar talentierten Schwester das Komponieren an den Nagel und wurde eine der bedeutendsten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts. Sie berichtete von den Worten ihrer sterbenskranken Schwester während einer häuslichen Probe: Es ist komisch, jedermann wird diese Musik hören außer mir.

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14.9.2016 – Sorgfältig ekstatisch: Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann spielen Ligeti, Bartók, Strauss

anthony_van_dyck_-_family_portraitSelbst eingefleischte Richard-Strauss-Muffel wie der Konzertgänger können dieser Sinfonia Domestica nicht widerstehen, die das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters beim Musikfest Berlin in der Philharmonie beschließt. Die Kluft zwischen dem privaten Sujet und den musikalischen Mitteln des Werkes (womit nicht die Größe des Orchesters gemeint ist, sondern die pompöse Klangsprache) ist und bleibt zwar bizarr, ja lächerlich. Sinfonische Dichtung Ein Eheleben. Der Konzertgänger kann nie umhin, sich bei den instrumentalen Potenzierungen des dritten Themas ein 60 Meter großes Frankensteinbaby „Bubi“ vorzustellen.

Aber das Bayerische Staatsorchester zeichnet sich unter Kirill Petrenko durch eine so hinreißende Klangkultur aus, dass alles egal wird. Weiterlesen

11.9.2016 – Fraktal: Junge Deutsche Philharmonie, Nott, Kuusisto spielen Varèse, Ligeti, Beethoven

toffifee

Philharmonie (Detail)

Die Tochter des Konzertgängers kommt am Sonntagvormittag nicht nur deshalb mit in die Philharmonie, weil deren goldene Fassadenplatten sie an Toffifee erinnern, sondern auch weil der Geiger Pekka Kuusisto und die Streicher der Jungen Deutschen Philharmonie sich in György Ligetis Violinkonzert (1990) alles erlauben dürfen und müssen, was die Geigenlehrerin ihrer Schülerin auszutreiben versucht: Weiterlesen