Nervig, kickig: DSO & Ticciati im Kraftwerk Berlin

Neue Wege! Experimente! Manchmal kicken sie dich, manchmal nerven sie. So auch bei diesem dritten Termin des Mini-Festivals, das das Deutsche Symphonie-Orchester anlässlich des Amtsantritts seines neuen Chefdirigenten Robin Ticciati veranstaltet: nach Symphonic Mob im Shopping-Center und einem ambitionierten Philharmonie-Konzert jetzt ein dreistündiges Konzert-Event-Ding im Kraftwerk Berlin, dieser Betonkathedrale mit Techno-Flair. (Für die Jüngeren unter uns: Was war Techno?)

Was also kickt, was nervt?

Alte Kritikerdevise Bedenken first, Lob second: Warum nur muss jede Veranstaltung mit neuer Musik das Füllhorn der Schwafelei über dem Hörer ausschütten? Auch dieses Konzert unter dem Titel Parallax , in Zusammenarbeit mit Berlin Atonal, macht es im Programmheft nicht unter Parallelenaxiom der euklidischen Geometrie, 30.000 Jahre alten Darstellungen räumlicher Arrangements, Slavoj Žižeks parallaktischer Lücke zwischen den Perspektiven, Chronos versus Aion, the symbiotic real.

Andererseits darf man hier das Bier mit ins Konzert nehmen.

Ohne weiter bei Žižek nachzulesen, lässt sich sagen: Hier wird sogenannte klassische Musik von alt (Bach) über mittel (Debussy, Ives) bis neu (Ligeti, Berio) mit zeitgenössischer Elektronik kombiniert. Diese Freude an origineller Programmfriemelei, an großen Bögen über weite Zeiten verheißt Wunderbares für die (إن شاء الله) Ära Ticciati. Seine letzten Konzerte spannten sich von 1738 bis 2016 und von 1680 bis 2005.

Die (teil)elektronischen Werke, alles Uraufführungen, sind aufs angenehmste hörbar und fluten die riesige Kraftwerkshalle raumklanglich top-plausibel, mopsen jedoch auf Dauer das denkende Ohr. The Answer Unquestioned von Valerio Tricoli und Pyur ist sehr atmosphärisch, aber wirkt mit seinen den Enya-artigen Vokalisen als Gegenstück zu Ives‘ Unanswered Question etwas kalauerig. Paul Jebanasams Cycλomorphia kombiniert elektronisches Sounddesign mit sechs Solostreichern, die doch arg süßlich tönen, ein bisschen nach Max Richter. Am sperrigsten scheint Moritz von Oswalds La Reminiscenza für Orchester und Elektronik, das mit digitaler Rülpserei de profundis beginnt, ehe das große Orchester reagiert.

Alle diese Werke funktionieren (oder halt nicht) in der ganzen Halle, unabhängig vom Standort. Bei der „klassischen“ Komponente gilt das nur für Luciano Berios Sequenza II (1963), das die DSO-Harfenistin Elsie Bedleem zehn Meter über dem Publikum spielt: vom Gipfel des Betonberges, wie eine Loreley der Apokalypse. (Notwendige Abschweifung: Die heutigen Schiffer würden alle mit der Handykamera in der Pfote von den Wellen verschlungen werden.)

Bei allen anderen Stücken kommt es entscheidend auf den Hörort an. Bei Johann Sebastian Bachs Violinkonzert E-Dur BWV 1042 hat der Konzertgänger Glück, er steht direkt vor dem DSO-Ensemble und der feurigen, freudigen, überaus witzigen Solistin Alina Ibramigova. (Die gibts schon am 3. Oktober wieder beim DSO zu erleben.) Pech hat er bei György Ligetis Atmosphères, das er vom falschen Ende der Halle aus hört. Ausgerechnet! Wie verlockend schien es, die Atmosphères im Kraftwerk zu hören, das in der Stadt schwebt wie die Discovery One im Weltall. Ach, hätte er nur in der kurzen Pause nicht noch ein Bier geholt. So bleiben nur ein paar Klangfetzen übrig.

In Charles Ives‘ The Unanswered Question erlebt man mehr Sounddesign als metaphysisches Drama. Bevor erstmals die Trompete erklingt, hat schon ein Handy gebimmelt und eine Bierflasche geklirrt. Das permanente Bierflaschenklirren allerdings, und das ist doch wieder sehr schön und hätte dem alten Polytony Ives bestimmt gefallen, amalgamiert aufs Feinste mit den choralartigen Streicherakkorden, dem Schweigen der Druiden, die nichts wissen, nichts hören, nichts sehen. Claude Debussys La mer indes ist ungeheuer eindrucksvoll in diesem, zusätzlich mit Lichteffekten inszenierten, Riesenraum. Aber seine akustischen Limits werden da schon spürbar. Und während La mer im Konzertsaal doch meist wie im Fluge vergeht, wird es einem im Stehen schon etwas lang. Da erinnert der Konzertgänger sich, wie gut er hier schon gelegen hat: vor anderthalb Jahren, als er im Kraftwerk übernachtete.

Fazit: Manches nervt, manches kickt. Aber künstlerische Experimente sind ja nicht dann gut, wenn sie glattgehen. Wenn alles gelingt, wars kein Experiment. Ein Abend jedenfalls, der die Neugier auf Robin Ticciati steigert. Dienstag gehts weiter, dann wieder im alten Kraftwerk von Hans Scharoun.

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