Konzertgänger auf Reisen: Brünn bringt Janáčeks „Jenůfa“ nach Leipzig


Leoš Janáček spaziert durch Brünn und denkt über Jenůfa nach

Gute und schlechte Nachricht aus Leipzig: Die gute ist, dass man ab dem 11. November auch kurz nach Mitternacht per Zug wie im Flug heim nach Berlin kommen wird. Bei der Tristan-Premiere im Oktober und auch an diesem Wochenende war das noch anders. Schlechte Nachricht, dass es diese Jenůfa von Leoš Janáček nicht nochmal gibt – es ist ein einmaliges Gastspiel des Nationaltheaters Brünn zum Abschluss des Tschechischen Kulturjahres in Leipzig.

Weiterlesen

Vereisschränkt: KATJA KABANOWA an der Staatsoper

Statt zu den lustigen Weibern von Windsor zur todtraurigen Frau von Kalinow! Denn Leoš Janáček kann man niemals zu viel hören. Jedenfalls der Konzertgänger. Janáčeks Musik macht ihn unglaublich glücklich, obwohl sie so oft vom Unglücklichsein handelt. Die Oper Katja Kabanowa von 1921 birgt jede kleinste Regung des Herzens und der Sprache in melodischen Formeln und schlägt zugleich einen riesengroßen Bogen von Gefühl und Erkenntnis. Nur muss man höllisch aufpassen, nichts zu versäumen, weil das Stück (wie alle Janáček-Opern) so kurz ist – jedesmal aufs Neue kann einen das verdattern.

Weiterlesen

Streichquartett-Woche: Belcea spielt Haydn und Janáček

„Seids vernünftig, sonst gibts eins mit dem Staberl über!“ (Schiller)

Abgenudeltster Über-Streichquartette-Einstieg: dieses berühmte Kant-Zitat (oder wars Konfuzius), demzufolge man vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten höre und dabei langweile. Bei Joseph Haydn aber hört man manchmal eine Person, die sich mit dreien unterhält, und Vernunft ist nicht alles, Vergnügen und Spielkultur sind von wenigstens gleicher Bedeutung. Und wenn im Menuett des d-Moll-Quartetts Hob. III:76 der Tanzbär hudelt, ist Vernunft schon gar keine Kategorie. Oder in diesem Largo e cantabile im G-Dur-Quartett Hob. III:41, einem erstaunlich pathetischen, teils sogar harschen Satz.

Weiterlesen

Phonogen: Valčuha dirigiert Korngold, Chatschaturjan, Janáček

Auch wenn das Berliner Konzerthaus gerade seinen sehr photogenen künftigen Chef Christoph Eschenbach stadtweit plakatiert, scheinen dem Konzertgänger die Auftritte des ausgesprochen phonogenen Ersten Gastdirigenten Juraj Valčuha derzeit die eigentlichen Ereignisse. Es sind am Freitagabend viele Schüler da, die direkt vom #Klimastreik kommen (ein solidarisches „Keep on schwänzing!“ an dieser Stelle), ansonsten ist der Saal bei diesem zweiten von drei Valčuha-Konzerten unter Wert gefüllt. Das heißt, es laufen in Berlin Menschen herum, die freiwillig auf Janáčeks Sinfonietta verzichten!?!

Weiterlesen

Naturgezartig: Staatskapelle und Rattle spielen Gabrieli, Haydn, Janáček

Stehen in der Berliner Philharmonie Haydn und Janáček auf dem Programm, muss man den Namen des Dirigenten gar nicht dazu sagen. Es sei denn, um zu streiten, ob man ihn Sir Simon nennen soll, wie laut Musiklehrer des Konzertgängersohns alle Berliner sagten (nein, ruft der Vater), oder eben Simon Rattle.

Beide Herzensstücke dirigiert er auswendig, nicht nur Haydns Pariser D-Dur Sinfonie Nr. 86, sondern auch Janáčeks gigantische Glagolitische Messe. Kurze Irritation, weil ihm das falsche Orchester gegenüber sitzt: nicht die Berliner Philharmoniker, sondern die Staatskapelle. Aber was heißt falsch, Rattle ist jetzt ein freier Mann, und das Orchester der Lindenoper dirigiert er ja schon seit langem immer wieder. Weiterlesen

Schattendinglich: „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper

E.M. on the isle of the living

Drei, zwei, eins – keins, nevermore, nie wieder: Wiederaufnahme der Sache Makropulos von Leoš Janáček an der Deutschen Oper Berlin, noch zwei Vorstellungen gibts bis zur Derniere am 22. November. Dreieinhalb Jahre waren das seit der Premiere, ein Hundertstel der Zeitspanne, die diese Oper umspannt: ein packendes Werk über das Entsetzen der Unsterblichkeit oder, denk pink, übers Glück der Sterblichkeit.

Eigentlich aber dürfte man, bevor man reingeht, gar nichts wissen über die Handlung von Věc Makropulos. Das findet jedenfalls Michael Füting in seiner kleinen Biographie von Leoš Janáček (Transit-Verlag). Denn diese Oper von 1926 ist ja ein Thriller, der erst am Ende aufgelöst wird. Nur dass wir Heutigen, bevor wir ins Opernmuseum gehen, mittels Opernführer oder Wikipedia eigenmächtig Surprise durch Suspense ersetzen, um mit Hitchcock zu sprechen. Ob man am Ende alles durchblicken würde, wenn man sich das Stück ganz unvorbereitet anschaute?  Man sollte schon ausgeschlafen sein, denn die Personenkonstellation ist verwickelt. Einen Versuch wärs aber wert, wenn man das Stück nicht kennt. In dem Fall hier nicht weiterlesen, sondern eine Karte kaufen, ohne die Inhaltsangabe zu lesen. Wer dagegen bis zum Schluss des Krimis vorblättern will (denn die Auflösung besteht in der Vorgeschichte): bitte sehr.

Weiterlesen

Spinnredlich: Berliner Philharmoniker, Hrůša, Zimmermann spielen Dvořák, Martinů, Janáček

Das Repertoire wird besichtigt.

Das 20. Jahrhundert ist rappelvoll von interessanten Violinkonzerten, die Alternativen und Abwechslungen zu den sechs immergleichen Repertoire-Schlachtrössern der berühmten Komponisten B1, B2, B3, M.-B., T. und S. bieten. Die Berliner Philharmoniker machten sich bereits beim Musikfest mit dem selten zu hörenden Werk des Komponisten Z um Repertoire-Erweiterung verdient. Nun ist der mit Bernd Alois weder verwandte noch verschwägerte Geiger Frank Peter Z. zu Gast und spielt das hörenswerte 1. Violinkonzert von Bohuslav M. An einem sehr tschechischen Abend, dessen Protagonisten die Sonderzeichen á, č, í, ř, š, ů auf die Zungenwaage werfen, dass dem schwerfälligen deutschen Pronunziationsvermögen ganz flatterzungig wird.

Weiterlesen

Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen

Selbstverständlich brillant: Berliner Philharmoniker, Rattle, Barenboim spielen Dvořák, Bartók, Janáček

Fortsetzung von Simon Rattles Abschiedstournee im eigenen Haus, zugleich durch Zeit und Raum: diesmal Schlenker nach Ostmitteleuropa (Prag, Budapest, Brünn), 1886 bis 1926. Dritte Aufführung, Samstag 19 Uhr. Der Konzertgänger aber vergisst Zeit und Raum, wenn es Janáčeks Sinfonietta gibt – ganz egal, was davor und danach und rundherum ist.

Im Konzert der Berliner Philharmoniker gibts ein Davor: nämlich Bartók mit keinem geringeren Gast als Daniel Barenboim und noch davor Antonín Dvořáks Slawische Tänze opus 72, das ist die zweite Sammlung der Erfolgsstücke. Weiterlesen

Scharfohrig: Berliner Philharmoniker, Rattle, Sellars mit Leoš Janáčeks „Příhody lišky bystroušky“

Leoš Janáčeks Wald webt nicht, sondern lebt. Hört man seine Oper Příhody lišky bystroušky (was man eher als Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf oder auch Scharfohr übersetzen müsste, nicht Das schlaue Füchslein), hat man den Eindruck, dass Janáček im Gegensatz zu Wagner und anderen teutschen Waldweberomantikern auch mal einen Wald betreten hat. Wie überwältigend und unangenehm zugleich es da flirrt, sirrt, sticht, funkelt, kratzt und knackt, zeigt die Aufführung der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und fantastischen Sängern (sowie einer endfaden Semi-Regie).
Weiterlesen

Beeisschränkt: Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ an der Staatsoper

Bei jeder Leoš Janáček-Oper, die er hört, denkt der Konzertgänger: Diese ist nun wirklich die schönste.

Aber Katja Kabanowa ist nun wirklich die schönste.

munch asche

Weiterlesen

Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

Marc-blue-black_foxEs gibt Programme, die einen retten, wenn man gerade ganz vernagelt ist im eigenen Kopf und die innere Welt vor lauter Brettern nicht sieht. Ein solches Programm spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem jungen Finnen Pietari Inkinen im Konzerthaus.

Die Welt dieses Programms ist bevölkert von galoppierenden Helden an nordischen Meeren und von sentimentalen Förstern in böhmischen Wäldern. Und natürlich von einer mystisch-erotischen Füchsin: Die posthum zusammengestellte Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein steht in der Mitte des Programms, zwischen Sibelius und Sibelius.  Weiterlesen

10.3.2017 – Verschollen: Poulenc & Janáček in der Werkstatt der Staatsoper

Aus einem großen Juwel sind zwei kleine Juwelen geworden: In der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater (wo es bekanntlich das interessanteste halbneue, neue und allerneueste Musiktheater aller Berliner Opern gibt) wurde das Doppelprogramm La voix humaine von Francis Poulenc und Tagebuch eines Verschollenen von Leoš Janáček wiederaufgenommen.

Jheronimus_Bosch_-_The_Pedlar_-_Google_Art_Project.jpgAber ist es überhaupt eine Wiederaufnahme? Verschollen ist nämlich auch Isabel Ostermanns (Regie) und Günther Albers‘ (Musik) ursprüngliches Konzept von 2014. Das bestand darin, die beiden Stücke nicht nacheinander zu geben, sondern ineinander geschnitten und teilweise sogar übereinander gelegt aufzuführen. Das war problematisch und teilweise nervig, hat aber insgesamt doch verblüffend gut funktioniert. Denn es gelang faszinierend, die beiden Stücke miteinander sprechen zu lassen: hier die Erinnerungen und die Einsamkeit einer Frau am Telefon, die ihren nie zu hörenden Geliebten verliert (Poulenc), dort die Erinnerungen und die Einsamkeit eines jungen Bauern, der aus Liebe zu einer Zigeunerin seine Heimat und Familie verlassen hat (Janáček). Weiterlesen

6.1.2017 – Etwas angeheitert: András Schiff spielt Bach, Bartók, Janáček, Schumann

alice-barber-stephensGipfel des kultivierten Klavierspiels im ausverkauften Kammermusiksaal: lehrreich, aber nicht belehrend. Mit erhobenem Zeigefinger ist ja schlecht Klavierspielen; aber mit waagerecht ausgestrecktem Zeigefinger hat man diesen Pianisten schon spielen sehen, vor zwei Jahren war’s, bei Haydn.

Eine pädagogische Note kommt zudem ins Spiel, weil András Schiff Werke auf dem Programm hat, von denen einige aus dem Klavierunterricht nicht ungeläufig sind.

Weiterlesen

28.4.2016 – Akazisch: Artemis Quartett spielt Wolf, Janáček, Beethoven im Kammermusiksaal

Unter all den Janáček-Wundern sind seine beiden Streichquartette nicht die geringsten. Auch in ihnen hopst die Musik von einer Motiv-Insel zur nächsten und erzeugt dabei einen gleichsam buddhistischen Rausch des Mitleidens, von dem Parsifal nur träumen kann. Im Fall von Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1 „Kreutzersonate“ tritt ein Mirakel hinzu, das eigentlich eine produktive Fehllektüre ist: Ich hatte die arme, gequälte, geschlagene, erschlagene Frau im Sinne, über die der russische Schriftsteller Tolstoj in dem Werk ‚Die Kreutzersonate‘ schrieb.  Janáček hat die abstoßend misogyne und misomusische Erzählung, in der das Alter Ego des Autors sich selbst bejammert und talibangleich erlöst (mittels Eifersuchtsmord an der musizierenden Gattin), in einem nur neuntägigen Schaffensanfall in ein Stück des Leidens und Erbarmens von derart aufwühlender Menschlichkeit und Schönheit verwandelt, dass es kaum auszuhalten ist. 

Zumal wenn das Artemis Quartett es spielt.

Eindringlich nicht nur, weil Violinen und Bratsche stehen; der spürbar leitende Cellist Eckart Runge sitzt auf einem Podest, der Augenhöhe wegen. Das im dritten Satz versetzt einfallende Kreischen der zweiten Geige und Bratsche rüttelt und schüttelt einen durch und durch. Auch der Gedanke an die Katastrophe, die das Quartett im vergangenen Sommer getroffen hat, macht diese Musik unerträglich intensiv.

Damit kann man guten Gewissens keinen Menschen in die Nacht entlassen. (Auch wenn das kultivierte Publikum bestimmt einiges abkann: auffällig viele Franzosen unter den Zuhörern, ein weltberühmter Theologe, der Bundesfinanzminister.) Es ist schön, dass man bei der „Kreutzersonate“ noch das luftige Eröffnungsstück des Abends im Ohr hat, Hugo Wolfs Italienische Serenade G-Dur. Die Zerbrechlichkeit und Gefährdung, die den hellen Ton der Primaria Vineta Sareika kennzeichnen und bei Janáček so markerschütternd wirken, zeigen sich in diesem lustigen Rondo von einer ganz anderen Seite: vergebliche Liebesmüh eines nächtlichen Sängers.

Im Adagio von Beethovens Razumovsky-Streichquartett F-Dur opus 59, 1 mit seiner insistierenden Klagefigur, dem Trauerweiden- oder Akazienbaum aufs Grab meines Bruders, ist einem freilich, als hörte man Janáčeks „Kreutzersonate“ von neuem. Der leidenschaftliche Ton des Cellisten Runge, der den ellenlangen Kopfsatz pastoral und drängend zugleich eröffnet und sich im Adagio dann in berührende Diskanthöhen hinaufsingt, prägt das ganze Stück. Die Neue im Quartett, Anthea Kreston, setzt gelegentlich wohltuende ironische Kontrapunkte , wie es auf seine stoische Weise auch der zur Bratsche gewechselte Gregor Sigl tut. Und fast (aber nur fast) ist man erleichtert, dass die mitreißende Musik im Finale abbricht, weil Sigl die Saite gerissen ist: So hochprofessionell das Quartett nach einigen Minuten mit den Trillern der ersten Geige erneut den Schlusstanz einleitet, ist der emotionale Sog natürlich futsch, zumal Sigl die neue Saite beim Spielen unauffällig nachstimmen muss.

Beim ätherischen Stillstand kurz vor Schluss bedauert der Konzertgänger, dass Beethoven als Wiener Klassiker, der er ja 1806 noch mehr oder weniger war, das Stück nicht hier schon zu Ende sein lassen konnte. Dort, vor den knalligen Schlussakkorden, sollten mal die Saiten reißen!

Zugabe der vierte Satz aus KV 387. Den ganzen Mozart gibt’s im nächsten Berliner Konzert des Artemis Quartetts am 23. Mai.

Zum Konzert / Zum Anfang des Blogs