Konzertgänger auf Reisen: Premiere TRISTAN UND ISOLDE an der Oper Leipzig

Nach Posen geht man nicht, von Posen kommt man, soll der Berliner Internist Georg Klemperer einmal zu einem Kollegen gesagt haben. Für den Berliner Opernreisenden gilt: Aus Leipzig reist man nicht ab, in Leipzig bleibt man. Denn der letzte Zug in die Hauptstadt (Verkehrswende in Deutschland, ein Jammerspiel) fährt bereits um kurz nach 22 Uhr. Und so kurz können keine Pausen sein, so flott kann kein Kapellmeister dirigieren, dass man das nach Richard Wagners Tristan und Isolde hinbekäme. Aber Leipzig ist ja immer eine Übernachtung wert, trotz der grauenerregenden Autobahnen rund um die Oper Leipzig; und der neue Tristan lohnt den Besuch, summa summarum. Nicht nur, weil das Opernhaus eine Perle der sozialistischen Baukultur ist! (Schönes Porträt mit vielen Fotos bei Vilmoskörte.)

Es gibt Inszenierungen, die in einem einzigen Moment gewinnen, mit einer einzigen Idee, selbst wenn der Rest nicht spektakulär auffällt. In Enrico Lübbes neuem Leipziger Tristan ereignet sich dieser Moment nach dem Wegbechern des Liebestranks: Da wird das Bühnenbild pechschwarz, und Tristan und Isolde kippen durch einen dünnen weißen Lichtrahmen, der schon während des Vorspiels zu sehen war, in den Bühnenvordergrund heraus – in eine andere Welt, wo es nur mehr sie beide gibt. Und zugleich sind sie direkt bei uns, dem Publikum. Ein kurzer, atemberaubender Augenblick.

Natürlich wird diese Idee wiederaufgenommen. In der Nacht der Liebe des zweiten Aufzugs wagen sich beide aus der erneut schwarz gewordenen Bühne, fallen auch wieder zurück, kurz und matt scheint zwischendurch die Welt auf. Zugleich erscheinen Doubles der Figuren, wir sehen also auch die beiden, wie sie Schemen nachjagen oder um sich selbst kreisen, Tristan um Tristan, Isolde um Isolde. Das Pendeln und Tasten nach der anderen Welt und auch die ganze Fragwürdigkeit wird da sinnfällig. Während die Stimmen von Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller hier erstaunlich harmonieren. Man war nach dem ersten Aufzug in dieser Hinsicht etwas skeptisch. Millers jugendlicher, ziemlich lyrischer Sopran passt natürlich zur Poesie des zweiten Aufzugs, aber Kirchs trockenes Timbre schien doch eher utopiefeindlich.

Da sieht man der Inszenierung auch längere Leerlaufstrecken nach und sogar Peinlichkeiten: etwa das Auspusten der Kerzen im lichtlöschenden zweiten Akt. Auch bei Mild und leise wie er lächelt den herausgekippten Tristan seine Isolde angrienen zu lassen, ist keine gute Idee. Grundsätzlich ist Lübbes Regie zweckdienlich, ohne eine charismatische Deutung zu bieten (anders etwa als die beiden kontroversen, eindrucksvollen Berliner Inszenierungen an Linden- und Deutscher Oper). Diese Art von zurückhaltender Regiearbeit ist bekanntlich für diesen Opernfreund ein Plus, für jenen ein Minus. Es gibt auf der Bühne von Étienne Pluss ein sich im Kreis drehendes Schiffswrack, das das Innenleben der Figuren ebenso spiegelt wie die dezent und durchdacht eingesetzten, auf einen vorderen Gazevorhang projizierten Videos (fettFilm). In denen scheinen sich die Figuren in halbtransparenten Traumräumen zu bewegen. Das Wrack mit seinen vielen Treppen und Türen erinnert irgendwann an ein Kletterlabyrinth auf dem Abenteuerspielplatz und erschöpft sich mit der Zeit. Und Linda Redlins Kostüme, diese üblichen langen Wagner-Mäntel, sind doch eher langweilig.

Was sich mit der Zeit nicht erschöpft, sondern gewinnt, sind die Stimmen der beiden oben schon erwähnten Hauptdarsteller, die man zu Beginn doch mit gewisser Skepsis hörte. Es ist dann sicher nicht der T&I-Cast der hehrsten Träume, aber die beiden tragen hinreichend durch den Abend. Meagan Miller ist eine Isolde von ganz eigenem lyrischen Gepräge, und natürlich gibt es da Abstriche bei den höhnischen und hexenhaften Passagen der kampfbereiten Isolde im ersten Akt. Auch um die Textdeutlichkeit ist es, wie bei einigen Sängern hier, nicht immer zum Besten bestellt. Aber Millers Isolde gewinnt die Herzen der Hörer, weil sie in jedem, wirklich jedem Moment gesungen ist. Der Liebestod gelingt, auch wenn man sich einen noch leiseren Beginn gewünscht hätte, auf berührende Weise.

Und Daniel Kirch? Sein Tenor ist baritonhaft gefärbt, sehr männlich, aber nicht wirklich schön. Auch Kirchs Neigung zum Stoß- und Druckgesang und das gelegentliche Anschleifen der Tonhöhen ist wohl ein Makel. Aber der Wille zur Gestaltung ist da, und vieles gelingt überzeugend. Im dritten Aufzug, bei oft ziemlich lautem Orchester, stößt Kirch an seine Grenzen, fällt aber nicht. Und wenn er wie unter Schmerzen aus sich herauspresst: Zu welchem Los?, spüren wir: Tristan, c’est nous. Sich sehnen und sterben.

Dennoch haben die Männer insgesamt einen schweren Stand. Jukka Rasilainen singt als Kurwenal außer Konkurrenz, er ist äußerst kurzfristig eingesprungen und hat einige Mühe, auf der ziemlich unebenen Bühne nicht zu stürzen. Sebastian Pilgrim singt einen voluminösen, leidenschaftlichen König Marke. Für den Konzertgänger ist diese Rolle eine ewige Krux – Tristanfeeling, wenn er Markes so eindrucksvollen Monolog hört und doch ständig denken muss: Was verausgabt der Jammerbasstölpel sich da? Halt doch den Sabbel, öder Tag.

Die stärkste von allen Männerstimmen ist der erzgenaue Herren-Chor.

Zu einer Rolle, gewichtiger als Kurwenal und Marke, wird in dieser Inszenierung die Brangäne. Barbara Kozelj singt sie, ihr Timbre ist Millers Isolde etwas ähnlich. Dass Kozeljs Brangäne im ersten Akt stimmlich von einer größeren Unruhe getrieben scheint als Isolde, passt durchaus. Denn sehr deutlich ist hier eine Art Liebesbeziehung wahrzunehmen – und Brangänes verzweifeltes Bewusstsein, dass diese Liebe zerbrechen wird. Und so wirkt ihr Verlust am Ende der Oper schmerzlich wie kaum je.

Eine einzige Freude, und vielleicht das größte Ereignis, ist das Gewandhausorchester. Gewiss ist der Dirigent Ulf Schirmer kein genialischer Pultmystiker. Dafür aber der gute Organisator eines großartigen Orchesters, so dass Mystik sich von selbst ereignet. Der Beginn des Vorspiels scheint wie aus dem Nichts auf und fällt erstmal in ein so langes, intensives Nichts zurück, dass man sich schon fragt, was der Bund der Steuerzahler zu so langen Generalpausen sagt. Der Klang des Orchesters ist zart und klug, voll und warm und meist – mit Einschränkungen im dritten Aufzug – sängerfreundlich, am Anfang sehr langsam, später erstaunlich fix (für den letzten Zug reichts dennoch nicht). Die Holztrompete, mit der am Ende Isoldes Schiff angekündigt wird, wird von Gábor Richter gespielt, die Marke-Bassklarinette von Ingold Barchmann. Das lange Englischhorn-Solo zu Beginn des dritten Aufzugs bläst Gundel Jannemann-Fischer wunderschön, und zwar auf der Bühne – wie bei Tcherniakovs Berliner Staatsopern-Inszenierung, wo der Instrumentalist allerdings szenisch raffinierter einbezogen wird. So oder so: Der Klangentfaltung des Instruments tut die Position gut, ein großer Genuss.

Störend ist allein das mehrmals zu hörende O2-Leitmotiv; aber dafür können die Musiker nix. Und selbst wenn man auch das Telekom-Motiv hören würde und die musikalischen Leistungen schlechter wären, als sie sind, freute man sich wie ein Honigkuchenbolle über die bequemen Sitze hier in Leipzig und eine großzügige Beinfreiheit, von der man in Berlin nur träumen kann. Da würde man am liebsten die ganze Nacht sitzenbleiben. Ansonsten wäre für die Heimfahrt der Radweg Leipzig-Berlin noch eine Alternative.

Weitere Aufführungen am 12. Oktober, 10. November, 14. März und 1. Juni.

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2 Gedanken zu „Konzertgänger auf Reisen: Premiere TRISTAN UND ISOLDE an der Oper Leipzig

  1. Sehr geehrter Opernfreund,
    Ihre Fahrplanerläuterung kann ich nicht nachvollziehen. Sie können Samstags um 23 Uhr 20 von Leipzig über Lutherstadt Wittenberg nach Berlin fahren. Das dauert länger als um 22 Uhr 16, ist aber möglich. Warum Sie die „grauenerregenden Autobahnen“ bei einer Bahnhfahrt stören, verstehe ich auch nicht.

    • Ich meine Direktverbindungen. Ihre Variante dauert über doppelt so lange. Es gibt bestimmt auch eine Möglichkeit über Wanne-Eickel und Shuzou, ja, aber zwischen zwei nahegelegenen Großstädten wie Leipzig und Berlin fände ich Direktverbindungen schon angemessen. Von Zürich oder Basel kommt man locker um Mitternacht nach Bern.
      Dabei liegt Leipzig ja noch einer Hauptstrecke der DB. Dresden z.B. ist sicher noch abgeschnittener. Aber das ist doch die Folge einer Politik, die jahrzehntelang nur das private Auto gefördert hat. Jetzt stehen wir dumm da vor einer jungen Generation, die im Rahmen der Klimaschutzpolitik auch eine Verkehrswende verlangt.
      Mit „grauenerregenden Autobahnen“ meine ich diese riesigen Autoschneisen rund um den Augustusplatz. Ich hätte auch Raketenstartbahnen schreiben können. Menschenfeindlicher innerstädtischer Verkehrshorror im Dienste des Autokults. Auch das natürlich in fast jeder anderen deutschen Stadt ebenso schlimm wie in Leipzig.

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