Spinettriesig: erst Grigory Sokolov, dann Lugansky, Gerzenberg, Grosvenor beim Klavierfestival

Der sanftspinettige Virtuose und seine Jünger

Sanfter Spinettismus statt Virtuosengepranke, das sich in der heurigen Auflage des alljährlichen Grigory-Sokolov-Besuchs in Berlin nur einmal nebenher ereignet, aber nein, auch da ohne Gepranke, nur virtuos oder eben meisterlich: bei einer konzentriert hinbrillierten Rachmaninow-Zugabe, dem Prelude op. 23/2 als einem jener stets sechs Encores des dritten Konzertdrittels, in dem das Sokolov-Ritual erst seine Erfüllung findet. Die anderen sind zweimal Rameau (Les sauvages und Le Tambourin), zweimal Chopin (Prélude 28/15 und Mazurka 63/3) sowie einmal Bach (BWV 855a) im vollfülligen, dennoch faszinierenden Siloti-Ornat.

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Walpurgisch: Juraj Valčuha und Saleem Ashkar im Konzerthaus mit Ravel und Berlioz

Idée fixe umarmt Komponist

Das vielbeachtete Berliner-Philharmoniker-Debüt von Klaus Mäkelä letzte Woche habe ich bewusst ausgelassen. Denn der Auftritt des dirigentischen Jungwunders im vergangenen Herbst mit dem Concertgebouw-Orchester, dessen designierter Chef Mäkelä ist, hinterließ bei mir zwiespältige Gefühle sowie den Eindruck, dass diesem Hochbegabten etwas weniger steiler Rummel besser täte. Ein fast doppelt so alter, aber noch immer sehr jugendlich wirkender Dirigent, dem ich hingegen eher mehr Aufmerksamkeit wünschte, ist der Slowake Juraj Valčuha. Als erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters tritt er regelmäßig am Gendarmenmarkt auf. So auch in den letzten Tagen dieses Aprils.

Rund ums Schloss Bellevue singen schon überall die Nachtigallen, und am Spreeufer Höhe Paul-Löbe-Haus wird wieder argentinischer Tango getanzt, wenngleich noch bei eher feuerländischen Temperaturen. Dazu Ravel und Berlioz im Konzerthaus, das ist alles schon wie gemacht für einen glücklichen Abend.

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Turbulenzromantisch

Iván Fischer im Konzerthaus, Petrenko und Oramo bei den Berliner Philharmonikern: Entdeckungsreisen von Sinigaglia bis Langgaard

Drei hochinteressante Programme, reich an Unbekanntem: Iván Fischer ist zwar formal bloß der Ex, aber irgendwie doch der Chefdirigent der Herzen am Konzerthaus, jeder seiner Besuche ein Hochlicht. Boss Kirill Petrenko gab bei den Berliner Philharmonikern letzte Woche das vielleicht wichtigste Konzert der Saison. Und dieser Tage dirigierte Sakari Oramo ebendort ganz Seltsames: ein unverschämtes Werk, das alle hundert Jahre gespielt wird.

Foto: Steven Mathey CC BY-SA 4.0
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Pausenbericht

Worüber ich nicht geschrieben habe

Die Abonnenten merken es, im Moment schreibe ich nicht so häufig in diesem Blog wie gewohnt. Aus persönlichen und aus Energieeffizienz-Gründen. Dabei wäre einiges Gehörte und Erlebte der Nachrede wert gewesen! Ein Klavier- und ein Xenakis-Festival etwa, verschiedene Sinfoniekonzerte, oder auch ein Klavierabend von Grigory Sokolov.

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Frühstherblingshaft

Antoine Tamestit und Alexander Melnikov spielen Brahms und Schostakowitsch im Konzerthaus

Wochenbeginn-Spätbrahms und Montags-Endzeitschostakowitsch: gerade das Richtige zum Frühlingsanfang. Der Bratscher Tamestit und der Pianist Melnikov spielen im Kleinen Saal des Konzerthauses, im Rahmen einer zweiwöchigen Hommage an Dmitri Schostakowitsch, die gerade diffuse Gefühle hervorruft und diffuse Reaktionen auslöst: etwa einen aufreizend wischiwaschi formulierten Einlegezettel von Chefdirigent Eschenbach und Intendant Nordmann, der die konkrete Verantwortung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ausklammert (stattdessen Schicksalssätze wie „das Undenkbare ist geschehen“). Oder die seltsame Idee von Dirigent Krzysztof Urbański, am Freitag statt der Leningrad-Sinfonie Schostakowitschs Fünfte zu spielen, die ja ein nicht minder ambivalentes Werk ist. Wäre es nicht sinnvoller, klar auszusprechen: „Putin ist ein Mörder und Kriegsverbrecher“; und dennoch die Leningrad-Sinfonie zu spielen, die immerhin weder von Putin noch von Stalin komponiert wurde?

Anyway, das Programm des Rezitals von Tamestit und Melnikov ist unabhängig von allen aktuellen Weltläuften in sich stimmig.

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Miese beflügelnd!

Ton Koopman beim Konzerthausorchester

So miese kann’s einem gar nicht gehen, dass einem durch Carl Philipp Emanuel Bach nicht neuer Esprit injiziert würde. Und durch die beflügelnd vitale Erscheinung von Ton Koopman, dem schon 77jährigen niederländischen Cembal- und Organisten und auch Dirigenten, der beim Konzerthausorchester unter anderem zwei CPE-Sinfonien aus der späten Hamburger Zeit im Programm hat. Die bekanntere ist die in D-Dur (Wq 183/1), eine der originellsten, überraschungsbombigsten überhaupt. Und auch wenn man sich in den Abschnittsbeginnen des ersten Satzes die Kontraste noch unverschämter geschärft vorstellen könnte, flutschen doch die Streicher famos und die Holzfarben leuchten mit schöner Kontur.

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Kurz und kryptisch* (6): Takács Quartett im Konzerthaus

Der superhohe Tinnitus-Ton im Finale von Bedřich Smetanas Streichquartett e-Moll ist der Ton dieses erneut hereinbrechenden Winters unseres Missvergnügens. Man möchte nur noch schreien. Im Konzerthaus ist jetzt auch 2G, aber (noch) Maske ab am Platz erlaubt, selbst manch hochbetagter Kammermusikfreund macht im Kleinen Saal Gebrauch von dem Recht. Die vier Musiker des Takács Quartett hingegen (gegründet vor einem halben Jahrhundert in Budapest, heute daheim irgendwo in Colorado) tragen während des kompletten Konzerts schwarze Masken. Zwischendurch schaut der Primarius mit – so weit bei der halbverborgenen Mimik erkennbar – leicht verstörtem Blick ins Publikum des Hochinzidenz-Gastlandes, das durch verantwortungsscheue Politik und verblendete Impfverweigerer ins offene Messer geschlurft ist. Dass wir gemeinsam mit der Schweiz, Österreich und Südtirol gerade die selbstmörderische Trottelhochburg Westeuropas sind, dürfte sich bis in die Rocky Mountains herumgesprochen haben.

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Ferndelektierend: Brandenburgische Konzerte mit Akamus im Konzerthaus

„Nimm dir Essen mit, wir fahren nach Brandenburg“

Mit BRANDENBURG verbindet der Bachfreund nicht wie der Rainald-Grebe-Hörer Bisamratten im Freibad und das Autohaus in Schwedt, das Achim Menzel nicht finden kann, sondern bekanntlich sechs außerordentliche Instrumentalkonzerte. Auch wenn die Ortsbezeichnung in die Brandenburgischen Konzerte kam wie Pilatus ins Credo, Bach widmete die fertigen Konzerte von Köthen aus irgendeinem stoffeligen Markgrafen (ergebnislos), und Spitta erfand in seiner Bachbiografie aus den 1870er Jahren den Namen. Wieder mal zu hören waren sie jetzt in (nochmal Grebe) halleluja Berlin, alle wollen dahin.

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Mondsam: RSB, Francis, Sobotka mit Ravel, Szymanowski, Elgar

Sachliche Märchenonkel entfalten den nachdrücklichsten Erzählzauber. Der Brite Michael Francis ist so ein beinah unauffälliger, aber sehr genauer Dirigent, der nicht wildfuchtelnd zaubert, sondern zweckdienlich arbeitend Zauber entstehen lässt. Es ist aber auch ein feines, durchdachtes Programm, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt spielt: mit Maurice Ravel, Karol Szymanowski und Edward Elgar.

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Wiedersehrauschend: Einmal Konzerthaus, zweimal Philharmonie

Schlechte Vorsätze überstehen nicht mal das erste Wochenende: Der Konzertgänger wollte doch, wenns endlich wieder losginge, nicht mehr allabendlich in die Säle sausen! Nun aber, da der öffentliche Konzertbetrieb wieder begonnen hat, ist er am Freitag wie am Samstag auf der Piste und lässt auch den Sonntag nicht aus. Im Akkord getestet und dauermaskiert. Denn es ist ja wie ein Wiedersehen mit guten alten Bekannten, die man allzu lang vermisst hat: Iván Fischer und Anna Prohaska im Konzerthaus, die Berliner Philharmoniker, Vladimir Jurowski und „sein“ RSB. Es fühlt sich an wie Heimkehr.

Das Publikum kehrt zurück!
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Wellentauchend: Tetzlaffs & Co im Konzerthaus

Brahms der Vorbildliche (so Alfred Schönburg in einem vergessnen Aufsatz anno 1399) ist gerade der Richtige für dieses Programm: 20 Jahre lang, in denen ihm ein riesiger Bart wuchs, bosselte Meister Johannes an seinem 3. Klavierquartett, das in c-Moll steht wie die ebenfalls Mitte der 1870er fertiggestellte erste Sinfonie. Beide sind Ziel eines langen, langen Wegs und zugleich Beginn eines neuen, ins Offene. Und wir? Die Veranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gehört zum Berliner Pilotprojekt Perspektive Kultur, das standesgemäß mit den Philharmonikern begann und im Weiteren auch schon wieder unter die Räder kommt: Die Ostersonntagsvorstellung an der Deutschen Oper wird ausfallen. Das Wort Perspektive löst derzeit bei vielen Menschen kaum mehr als Skepsis und Trübsinn aus, und die Frage ist, ob wir auf der dritten oder Dauerwelle der Pandemie irgendwann reiten können oder nur noch untendurch zu tauchen versuchen.

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Drei-Generationen-Konzert-hoppend: Vom Konzerthaus über die Komische Oper in die Philharmonie

Ich hatte mir vorgenommen, mir als Konzertgänger und den Meinen keine eskalierenden Terminballungen mehr aufzuhalsen: Aber am vergangenen Wochenende war ich doch wieder in drei Konzerten innerhalb von 21 Stunden. Einmal mit dem alten Vater, einmal mit dem kleinsten Söhnchen, einmal mit der Frau. Samstagabend Konzerthaus, Sonntagfrüh Komische Oper, Sonntagnachmittag Philharmonie.

Konzertgängers Wochenende: von einem Konzert zum nächsten
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Fliegenfallend: Juraj Valčuha und Simone Lamsma

Erstmals wieder im Konzerthaus Berlin seit, Sie wissen schon. Ein bissl spooky ists schon, derart ausgedünnt im Großen Saal, jede zweite Reihe ausgebaut, je zwei von vier Plätzen in den verbleibenden Reihen bleiben frei. Andererseits, allein in der Loge mit meiner Marquise finde ich schon standesgemäß. Wenngleich die eingelegten OBI-Spanplatten über der verschwundenen ersten Logenreihe etwas subaristokratisch wirken; vor allem aber fehlen natürlich die diskreten Vorhänge vor der Loge, falls man, Sie wissen schon.

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Untapeziert: RSB, Jurowski, Richard Goode spielen Mozart und Bruckners Fünfte

Sehnsucht nach dem Frühling …

76 ist ja kein Alter für einen Pianisten, und immerhin ist der Amerikaner Richard Goode jünger als die beiden Herren Joe B. und Bernie S., von denen einer im November 2020 zum 46. Präsidenten der USA gewählt werden wird. In den USA ist Goode eine ziemlich große Nummer, hierzulande fast unbekannt, was wohl für die Ignoranz des deutschen Musikbetriebs spricht. Richard Goode jetzt eine halbe Stunde lang im Konzerthaus Mozart spielen zu hören, ist erfüllte Lebenszeit – zumal im Zusammenwirken mit Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB).

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Albtraumleicht: RSB mit Jurowski spielt Nikodijević und Mahler

Wichtige, lobenswerte, erfreuliche Durchlässigkeit vom Spezialistenreservat in den normalen Konzertbetrieb und umgekehrt: Der aus Serbien stammende Stuttgarter Komponist Marko Nikodijević, dessen Musik das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Vladimir Jurowski vor Mahlers Vierter spielt, ist auch beim gerade laufenden Ultraschall-Festival für neue Musik zu hören. Und Nikodijevićs „да исправится / gebetsraum mit nachtwache“ scheint beim RSB-Publikum im Konzerthaus großteils gut anzukommen; trotz einer Dame, die zwanzig Minuten lang immer wieder „Das ist doch keine Musik“ murmelt, wie dem Konzertgänger in der Pause berichtet wird.

Let me tell you about paradise …
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