Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

Immer mal wieder die Lobcanzonetta auf den Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin singen: flauschige Atmosphäre, behagliches Klima, moderate Preise – erstrangige Kammermusik zum Preis einer Kinokarte. Sitzt man auf den Seitenplätzen an der Wand, kann man die Füße ausstrecken. Verwunderung nur bei einigen südländischen Kulturtouristen darüber, dass man am Buffet schon 20 Minuten vor Konzertbeginn nichts mehr zu essen kaufen kann: Alles aus, tut uns leid. Kam das Konzert so überraschend, fiel ein Tasmanischer Vielfraß übers Buffet her, oder rechnete man einfach nicht mit Besuchern?

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Mikrosexy: Vogler Quartett und Gäste spielen Brahms, Haydn, Rihm

Mikrotonale Beziehungskiste (Symbolbild)

Vor dem Entfleuchen in den konzertlosen österlichen Arbeitsurlaub mit der Familie noch irgendwo hingehen, wo’s garantiert gut wird: Da ist das Vogler Quartett eine sichere Bank. Bewährte Qualität, aber nie routiniert.

Schön auch das Konzerthaus an einem Samstagabend, wenn im Großen Saal nix gespielt wird. Auf dem Weg hinauf zum Kleinen Saal magische Atmosphäre wie in einem Badeort nach Ende der Saison. Oben wartet Rihm, eingerahmt von Haydn und Brahms. Vor Konzertbeginn unterhalten sich zwei alte Damen über die ehrenamtliche Deutschnachhilfe für einen Flüchtlingsjungen. Das Publikum hier hat neben aller sonstigen auch Herzensbildung. Weiterlesen

Weltenfarbig: Kodály, Bartók, Rimsky-Korsakow mit Gilbert Varga und Dezsö Ránki im Konzerthaus

Wenn schon Klassik, dann Oper, ist eigentlich das Motto der Tochter des Konzertgängers, aber für die Scheherazade macht sie eine Ausnahme. Denn diese Sinfonische Suite op. 35 von Nikolai Rimsky-Korsakow ist doch farbenprächtiger, sinnenfroher, kinderphantasiekatapultierender als jedes Musiktheater.

Ja, für die wunderschöne Scheherazade nimmt sie sogar das ausgiebige Vorspiel in Kauf – und nachdem sie es offenen Ohrs angehört hat, beschließt sie, es durchaus gern in Kauf genommen zu haben. Der Dirigent Gilbert Varga (den man nicht erwähnen kann, ohne zu erwähnen, dass er der Sohn von Tibor Varga ist, was doch etwas ungerecht ist) erfindet im Konzerthaus das Rad der Programmgestaltung nicht gerade neu, man könnte sich diesen Ablauf auch in einem Konzert anno 1950 vorstellen: Ouvertüre-oder-Tanzsuite-Dings, Solokonzertbums, Sinfoniedingsbums – der Klassiker schlechthin.

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Nachtspritzig: Akademie für Alte Musik und Queyras spielen Haydn, Boccherini, Pleyel

„Madrid oder London – Hauptsache Wien.“ Von wegen. Die musikalische Vielfalt zur Zeit der Wiener Klassik zwischen 1780 und 1800 deutet dieses Programm der Akademie für Alte Musik mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras im Konzerthaus an – und das, obwohl die Hälfte aus Haydn besteht. Die andere Hälfte sind Boccherini und Pleyel. Ein gar nicht mal spektakulärer, aber aufschlussreicher Ausflug in die Nacht unseres Unwissens.

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Fremdschaftlich: Ein Claude-Vivier-Abend mit dem ensemble unitedberlin und Vladimir Jurowski

Bloß auf der Hut sein vor Künstlermythen bei einem Komponisten, neben dessen Leiche im Jahr 1983 blutbefleckte Papiere gefunden wurden: und darauf ein Werk, dessen Text eben das beschreibt, was ihm am Ende widerfuhr. Einer verlässt die Wohnung, gabelt einen Mann auf und wird von diesem getötet — zog er einen Dolch aus seiner tiefschwarzen, wahrscheinlich in Paris erstandenen Jacke, und stieß ihn mir mitten ins Herz. In diesem Moment reißt die Musik ab, so wie das Leben des 1948 geborenen Frankokanadiers Claude Vivier abriss. 35 Jahre hatte er da gelebt, seit 35 Jahren ist er tot. Und so widmet ihm zum 70. Geburtstag das ensemble unitedberlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski einen aufwändigen Abend im Konzerthaus. Wunderbare Gelegenheit, mit Vivier Fremdschaft zu schließen. Weiterlesen

Angst, Kleinmut und ein viraler Scherbenhaufen

Update zum Fall Lücker/Hope – für den Teil der Blog-Leserschaft, der nicht die Weltpresse verfolgt: Denn über die Sache mit dem Moderator, den das Konzerthaus Berlin wegen eines satirischen und/oder schmähenden Videos über Daniel Hope rausschmeißen will (siehe hier und hier), berichtet mittlerweile nicht nur BR Klassik, sondern auch die Londoner Times und die New York Times. Weiterlesen

Angstkleinlich: Ein Star schießt mit Kanonen auf Satirespatzen

Haarsträubender Vorgang am Konzerthaus Berlin: Offenbar weil der berühmte Geiger Daniel Hope sich über eine Satire (oder auch bloß Allerweltsblödelei) ärgert, wird ein unberühmter Dramaturg gefeuert. Darauf macht der Komponist Moritz Eggert in einem offenen Brief im „Bad Blog“ der neuen musikzeitung aufmerksam.

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Goldsilbrig: Mendelssohns „Italienische“ und Mahlers „Lied von der Erde“ im Konzerthaus

Es gibt Programme, die kicken den Konzertgänger auf den ersten Blick. Obwohl er auch auf den zweiten und dritten Blick nicht ganz sicher ist, warum. Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler, das ist so ein Fall. Iván Fischer kombiniert die beiden beim Konzerthausorchester, das man ja schon deshalb mögen muss, weil es sich ohne blöden Bindestrich schreibt. (Daher der ganze folgende Text über die dritte, samstagabendliche Aufführung ohne Bindestriche.)

Warum kickts nun? Weil da Tag und Nacht aufeinandertreffen? Das sonnensüdliche Diesseits der Italienischen Sinfonie  und das schwarzschattene Jenseits des Lieds von der Erde? Felix Yin Mendelssohn und Gustav Yang Mahler? Aufbruch und Abschied überdies, wie Jens Schubbe im Programmheft schreibt, ideales Italien und eigenartiges Chinafantasma. Und beide überaus sanglich. Weiterlesen

Zartnagelnd: Mozarts Es-Dur-Sinfonie und Requiem mit Iván Fischer im Konzerthaus

Was spielt man so vor Mozarts Requiem? Beim Musikfest grundierte der teils vergötterte, teils verspötterte Teddy Currentzis es mit einem mystischen Overkill von Hildegard von Bingen bis Ligeti. Iván Fischer hingegen spiegelt und kontrastiert das Mozart-Requiem beim Konzerthausorchester Berlin mit — nun ja, mit Mozart. Eine helle, federnde Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 gibts vor der Pause. Höchste Lebensfreude, die durch ihre Momente von plötzlicher Eintrübung nur noch größer wird. Und durchs Bewusstsein, was danach kommen wird: Il Requiem. Weiterlesen