Kratzfeeallürig: Il Giardino Armonico verkuppelt Vivaldi mit dem dreckigen Halbdutzend

Have a new look at Vivaldi!

Nicht lang ists her (für manch einen noch gar nicht), da galt Vivaldi als die Steigerung von Telemann: öd, öder, Antonio. Wie konnte das passieren, da noch dem frühen Musikhistoriker John Hawkins Wildheit und Ungezwungenheit als Kennzeichen Vivaldis galten? In der lesenswerten Novelle Barockkonzert des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier erlebt ein mexikanischer Reisender im venezianischen Ospedale della Pietà eine elektrisierende nächtliche Jam Session Vivaldis mit Scarlatti, Händel und einem dunkelhäutigen Diener. Die „moldauisch-österreichisch-schweizerische“ Musikreisende Patricia Kopatchinskaja ist nun on the road mit Giovanni Antoninis Giardino Armonico, der so kompetent wie open minded musikgärtnert: zwecks Vivaldi-Re-Elektrifizierung. Auch wenn Puristen und Muffel argwöhnen, hier würde Vivaldi auf den elektrischen Stuhl gesetzt. Weiterlesen

Ausbalancierend: Wiener Philharmoniker im falschen Konzerthaus

„Klassik hautnah“ ist ja eine zwiespältige Verheißung in Zeiten von Levine, Dutoit, Gatti & Co. Aber wenn die Wiener Philharmoniker auf Tuchfühlung kommen, geht alles ganz manierlich zu. Grab them by the Trommelfell, zart, nicht hart. Das Publikum sitzt ringsum und dicht dran im aus Wiener Sicht falschen Konzerthaus, dem berlinischen nämlich. Hier ist man ja, dank Iván Fischer, solche durcheinander gewürfelten mittendrin-Formate gewohnt. Das Programm 360 Grad Wiener Philharmoniker ohne Dirigent, dafür mit Johannes Maria Staud, John Cage und Arnold Schönberg ist mehr als ein Appetizer für den Konzerthaus-Schwerpunkt Hommage an die Wiener Philharmoniker im Dezember. Weiterlesen

Begegnend: Beethovens „Missa solemnis“ mit Rundfunkchor, KA Potsdam, Janowski

Unverhoffte Begegnungen

Unverhoffte Begegnungen beschert das Berliner Konzertleben: Jene Missa solemnis von Ludwig van Beethoven, die in ebendem Jahr 1824 in Petersburg und Wien erstmals aufgeführt wurde, in dem man in Leipzig einen gewissen Johann Christian Woyzeck aufs Schafott führte, kann man einen Tag nach der Deutsche-Oper-Premiere von Alban Bergs Wozzeck hören. Dabei gibts ein unverhofftes Wiederhören mit Marek Janowski: Der dirigiert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt den Rundfunkchor Berlin und die Kammerakademie Potsdam, weil Chorchef Gijs Leenaars, der die Aufführung vorbereitet hatte, plötzlich krank wurde. Wenige Stunden vor Konzertbeginn erklärte Janowski sich zum Einspringen bereit. Was man halt so macht mit 79. Weiterlesen

Goldgeistig: RSB, Ruzicka, Chen spielen Bruch, Enescu, Ruzicka

Goldenes Feuerwerk ad honorem Erdoğani

Auf circa 777mal Schostakowitsch gibts in unserem Konzertleben einmal George Enescu. Oder auf immerhin noch 77mal Max Bruch, mit wohl abnehmender Tendenz. Wann wird zumindest Enescu-Bruch-Egalität erreicht sein? Einen Schritt in diese Richtung macht das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Peter Ruzicka im Konzerthaus.

Nur nicht ganz leicht, dahin zu gelangen! Denn Mitte ist dicht. Die alte Krawallschachtel Erdoğan scheint stundenlang die Linden rauf und runter zu kutschieren. Aber mit dem Fahrrad kommt man immer irgendwie durch. Ich wünschte, ich hätte auch eins, rührt eine eingeklemmte Taxifahrerin das Herz des Konzertgängers. Weiterlesen

Rargärtnernd: Michel Dalberto spielt Franck, Fauré, Debussy, Ravel

Schaut man sich die Liste der Klavierrezitals im Kammermusiksaal an, könnte man meinen, es gäbe weltweit nur circa zehn hörenswerte Pianisten. Umso begrüßenswerter sind Einrichtungen wie der Weddinger Pianosalon Christophori oder Barnaby Weilers (in diesem Jahr leider ausgefallenes) Berliner Klavierfestival. Ein weiterer Versuch, blühende oder gar wuchernde Oasen im Berliner pianistischen Ödland zu schaffen, sind seit einiger Zeit die C. Bechstein Klavierabende im Kleinen Saal des Konzerthauses. Im ersten Konzert der neuen Saison gärtnert der renommierte, hierzulande aber bizarr unbekannte Pariser Pianist Michel Dalberto à la française: neben Pianolympischem von Debussy und Ravel gibts rare Pflanzen von Fauré und Franck.
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Musikfest 2018: RSB beleuchtet Abel Gance

Zwischen vielen Stunden Stockhausen beim Musikfest was vergleichsweise Tiefenentspannendes: zum Beispiel einen dreistündigen Stummfilm über die Grauen des Ersten Weltkriegs. Live begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem filmorchestrigsten unter Berlins Spitzenorchestern. Auf 4:3-förmiger Leinwand (die für 16:9-deformierte Fernsehaugen fast quadratisch wirkt) gibts J’accuse von Abel Gance, entstanden zwischen August 1918 und März 1919 – ein filmisches Meisterwerk voller Widersprüche: schonungslose Darstellung des Krieges sowohl als auch patriotische Aufforderung zur nationalen Einheit, Naturalismus und Surrealismus vis-à-vis und eine melodramatische Ménage à trois überdies. Eine Musik des Lichts, wie Abel Gance sie postulierte, und alles in allem ein pazifistischer Film, wie Philippe Schoeller findet, dessen neu komponierte Musik für großes Orchester Frank Strobel im Konzerthaus dirigiert. Weiterlesen

Golden expansiv: Ungdomssymfonikerne bei Young Euro Classic

Aah, Norwegen!

Grauseelenerquicker Young Euro Classic, das Berliner Sommerfestival der jungen Orchester, das einen vergewissert, dass gar nichts den Bach runtergeht, so ganz allgemein nicht und kulturell schon gar nicht, im Gegenteil, die Bäche unserer Kultur fließen bergaufer denn je. Die Rumänen seien ganz hervorragend gewesen, hört man von Dauergästen. Jetzt also die Norweger der Ungdomssymfonikerne (Copy & Paste schrieb diesen Namen hier rein). Besonders schön immer, wenn die Orchester nicht nur sich selbst ins Konzerthaus Berlin mitbringen, sondern statt der internationalen Klassikhauer von Bee bis Tschai auch noch Musik aus ihrer Heimat. Weiterlesen

Vorspielhaft: Saisonvorschau & Konzert mit Juraj Valcuha im Konzerthaus

Vorspielhaft, nennt András Schiff die Arbeit des Berliner Konzerthauses und besonders des Noch-Chefdirigenten Iván Fischer. Und auch wenn er sich gleich zu beispielhaft verbessert, kann man das Wort gut stehenlassen, um die Vielseitigkeit und das lebendige Musizieren am Konzerthaus Berlin zu preisen. Den Eindruck von Schnarchmottigkeit, der das Konzerthaus-Image früher prägte, hat diese Vitalität doch ziemlich vertrieben. Mehr noch als die schnieken und preisgekrönten Social-Media-Kampagnen wie #klangberlins, die natürlich auch Nachfolger haben in der neuen Saison 2018/19 unter dem Motto Eins mit Berlin.

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Demütig erfüllend: Brad Mehldau Trio im Konzerthaus

Mal aus einer Parallelnischenhochkultur in die andere huschen: In der Klazzik-Reihe des Konzerthauses Berlin spielt das Brad Mehldau Trio in der Besetzung Klavier/Kontrabass/Schlagzeug. Der Konzertgänger ist in punktibus Jazziana wahrscheinlich der ahnungsloseste Hansotto im ganzen Saal: jener Hirbel oben im zweiten Rang, der vorher nach einem Programmheft fragt und mittendrin nach dem Seitensatz auf der Dominante sucht. Dabei scheinen im Parkett die Fans zu sitzen, im Rang die Kenner, aber er bleibt trotzdem oben. Denn seine jungen, gutaussehenden und sophistikäteten Sitznachbarn wirken in ihrer andächtigen Hörhaltung (würde man sich bei manchem klassischen Konzert wünschen) so sanftmütig, tolerant und paradox tiefenentspannt wie Brad Mehldau himself am Klavier. Weiterlesen

Klanggärtnerisch: Takemitsu und Beethovens Neunte im Konzerthaus

Was tun mit der übergroßen, entsetzlichen Neunten? Nichtspielen ist auch keine Lösung. Fürs Abschaffenwollen würde man am Ende noch vom Teufel geholt, wie Adrian Leverkühn.

Iván Fischer tut also im Konzerthaus zweierlei, um den Panzer unserer Ohren und unserer Herzen aufzubrechen. Weiterlesen

Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

Immer mal wieder die Lobcanzonetta auf den Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin singen: flauschige Atmosphäre, behagliches Klima, moderate Preise – erstrangige Kammermusik zum Preis einer Kinokarte. Sitzt man auf den Seitenplätzen an der Wand, kann man die Füße ausstrecken. Verwunderung nur bei einigen südländischen Kulturtouristen darüber, dass man am Buffet schon 20 Minuten vor Konzertbeginn nichts mehr zu essen kaufen kann: Alles aus, tut uns leid. Kam das Konzert so überraschend, fiel ein Tasmanischer Vielfraß übers Buffet her, oder rechnete man einfach nicht mit Besuchern?

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Mikrosexy: Vogler Quartett und Gäste spielen Brahms, Haydn, Rihm

Mikrotonale Beziehungskiste (Symbolbild)

Vor dem Entfleuchen in den konzertlosen österlichen Arbeitsurlaub mit der Familie noch irgendwo hingehen, wo’s garantiert gut wird: Da ist das Vogler Quartett eine sichere Bank. Bewährte Qualität, aber nie routiniert.

Schön auch das Konzerthaus an einem Samstagabend, wenn im Großen Saal nix gespielt wird. Auf dem Weg hinauf zum Kleinen Saal magische Atmosphäre wie in einem Badeort nach Ende der Saison. Oben wartet Rihm, eingerahmt von Haydn und Brahms. Vor Konzertbeginn unterhalten sich zwei alte Damen über die ehrenamtliche Deutschnachhilfe für einen Flüchtlingsjungen. Das Publikum hier hat neben aller sonstigen auch Herzensbildung. Weiterlesen