Zartnagelnd: Mozarts Es-Dur-Sinfonie und Requiem mit Iván Fischer im Konzerthaus

Was spielt man so vor Mozarts Requiem? Beim Musikfest grundierte der teils vergötterte, teils verspötterte Teddy Currentzis es mit einem mystischen Overkill von Hildegard von Bingen bis Ligeti. Iván Fischer hingegen spiegelt und kontrastiert das Mozart-Requiem beim Konzerthausorchester Berlin mit — nun ja, mit Mozart. Eine helle, federnde Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 gibts vor der Pause. Höchste Lebensfreude, die durch ihre Momente von plötzlicher Eintrübung nur noch größer wird. Und durchs Bewusstsein, was danach kommen wird: Il Requiem. Weiterlesen

„Wo bist du, kleiner Stern?“ – Zur Rostropowitsch-Hommage im Konzerthaus Berlin

Die Gnade der späten Geburt wurde seinen Händen zuteil. Denn eigentlich wäre des 90. Geburtstags von Rostropowitsch nicht erst im März dieses Jahres zu Gedenken gewesen, sondern schon früher. Aber die schwangere Pianistin Sofia Nikolajewna Fedotowa brauchte viel Geduld im Spätwinter 1927 in Baku: Wochenlang ließ ihr Kind auf sich warten. Und als Mstislaw Leopoldowitsch alias Slawa viele Jahre später seine Mutter fragte, warum sie ihm in all der Zeit kein schöneres Gesicht gegeben habe, da antwortete sie: „Dafür habe ich an deinen Händen gearbeitet.“

Lange, dünne Finger waren das. Und doch wurde der Celloklang von Mstislaw Rostropowitsch, den das Konzerthaus Berlin jetzt mit einer zehntägigen Hommage ehrt, zum Inbegriff des schönen, warmen Tons. Kraftvoll und golden. Weiterlesen und Hören 

Dunkelrot: Sowjetrussisches vom DSO/Payare und Ensemble unitedberlin/Vladimir Jurowski

Reformationstag oder Halloween? Sowohl als auch: 100 Jahre Oktoberrevolution.

In zwei Berliner Konzerten kommt sie vor: Einmal als ferner Gast, aus Inferno-Tiefen betrachtet beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Rafael Payare. Einmal als Hauptperson, aus größter Nähe und unendlicher Weite zugleich in einem aufregenden Programm des Ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowski.

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Bonfortionös: Junge Deutsche Philharmonie, Saraste, Lugansky spielen Saariaho, Prokofjew, Carl Nielsen

Wer ernstlich meint, Deutschland ginge den Bach runter, der muss sich nur mal die Junge Deutsche Philharmonie im Konzerthaus anhören: Auch wenn man weiß, dass dieses Orchester aus den besten Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen besteht, ist man baff über das musikalische Niveau. Dass ein Dirigent wie Jukka-Pekka Saraste und ein Pianist wie Nikolai Lugansky gemeinsam mit dem 18- bis 28jährigen Nachwuchs auftreten, scheint keine pädagogische Aufopferung zu sein, eher Partnerschaft auf Augenhöhe.

Noch mehr Grund zur Freude: dieses sehr reizvolle Programm. Warum wird bei uns bloß so wenig Carl Nielsen gespielt? Weiterlesen

Stromfangend: Isang Yun mit dem Gyeonggi Philharmonic Orchestra und Kammermusikern

Wie aufregend, mal eins dieser glanzvoll klingenden asiatischen Orchester mit etwas anderem zu hören als Strauss oder Tschaikowsky! Anlass ist der 100. Geburtstag des deutschkoreanischen Komponisten Isang Yun, dem das Musikfest einen ganzen Tag widmet. Das Gyeonggi Philharmonic Orchestra eröffnet ihn sonntagfrüh im Konzerthaus, später folgt ein Kammermusiknachmittag und ein Yun-Einstieg bei der Saisoneröffnung des Rundfunk-Sinfonieorchesters.

Das Konzert des südkoreanischen Gyeonggi-Orchesters wird zu einem Höhepunkt des Musikfests. Zwei großartige Orchesterwerke von Isang Yun sind die Klammer, innerhalb derer zwei geistesverwandte Komponisten zu hören sind: Ligeti und Hosokawa. Ein kompromissloses Programm, und das ohne Pause, Hut ab! Weiterlesen

Weh: Konzerthaus-Saisoneröffnung mit Iván Fischer und Cameron Carpenter

Einiges tut weh bei dieser Saisoneröffnung im Konzerthaus Berlin. Zum Glück überwiegt das wohlige Weh.

Aber vor Mahlers Fünfter mit dem Konzerthausorchester gibt es erstmal Cameron Carpenter zu bestaunen, den Organisten, der Patricia Kopatchinskajas Nachfolge als Artist in Residence antritt. Zwangsvorstellung des Konzertgängers: dass bei Johann Sebastian Bach, als er in einer Leipziger Probe vor Ärger seine Perücke herunterriss und darauf herumtrampelte, eine ähnliche Haarbürste zum Vorschein käme wie auf Carpenters Kopf. Weiterlesen

Schlürfend: Saisonschlüsse im Konzerthaus und an der Komischen Oper

So wie der nördliche Mensch im Herbst Sonne schlürft, um den endlosen Winter zu überstehen, schlürft der Konzertgänger im Juli Musik, um die endlose Sommerpause zu überstehen. Zweimal am Wochenende: Die Komische Oper spielte zum Abschluss ihres Neuproduktions-Festivals Mussorgskys Jahrmarkt von Sorotschinzi (mehr dazu unten), und im KONZERTHAUS gabs ein Programm mit Musik und Sonne.

Und, wichtiger als Sonne: Sommernacht. Kein Open-Air-Quatsch, sondern ein schönes spanisch-baskisches Programm des Konzerthausorchesters mit dem spanischen Dirigenten Josep Pons und zwei hinreißenden Sängerinnen. Wobei hinreißend, frei nach Loriot, das künstlerische Gesamtkonzept ist; rein sängerisch hinreißend ist zumindest eine der beiden. Weiterlesen

Verwunschkonzert: Konzerthausorchester und Kitajenko spielen Strawinsky, Tschaikowsky, Schostakowitsch

Alle Berliner Orchester sind schon in den Sommerferien oder auf Überlandtournee, nur das Konzerthausorchester hält noch die Stellung. Nach dem Abschied Patricia Kopatchinskajas (der nur ein halber Abschied ist, nämlich als Artist in Residence) jetzt ein weiterer Abschied: Dmitrij Kitajenko gibt aus Altersgründen sein letztes Konzert als offizieller Erster Gastdirigent des Hauses. Der Slowake Juraj Valčuha, 36 Jahre jünger, wird sein Nachfolger.

Die Altersgründe sieht man Kitajenko nicht an, das Geburtsjahr 1940 bei Wikipedia wirkt wie ein Tippfehler. Im Januar kommt er auch schon zurück, dann als normaler Gastdirigent, wieder mit einem russischen Programm. Also ebenfalls nur ein halber Abschied. Zum Glück. Weiterlesen

Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

Franz_Kafka_-_Mann_zwischen_GitternLate-Night-Formate sind die wahren Familienkonzerte: Wenn die braven Kinder schnarchen und auch die Ehefrau holdselig schlummert, dann huscht der unruhige Konzertgänger leise ins Konzerthaus zu György Kurtágs Kafka-Fragmenten. Hoch oben im gold- und glitzerfreien Werner-Otto-Saal, erst blau illuminiert wie ein Weg im Herbst oder ein hoher Traum, später rot wie die Süßigkeit der Trauer und der Liebe — oder aber wie die Jagdhunde im Hof.

Anna Maria Pammer singt, Patricia Kopatchinskaja geigt. Weiterlesen

Ungewöhnlich: Konzerthausorchester, Venzago, Tabea Zimmermann spielen Michael Jarrell und Schumann

Nichts lieben die Kinder des Konzertgängers an der täglichen LOGO-Sendung mehr als den täglichen Tag des/der soundso: des Eichhörnchens, der Mundhygiene, des Glücks. Sehr passend also das Freitagsprogramm des Konzerthausorchesters zum Tag der ungewöhnlichen Instrumente. Denn was ist schon eine Flammenorgel, ein Trautonium, eine Glasharfe im Vergleich zu einer … Bratsche?

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