Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

Franz_Kafka_-_Mann_zwischen_GitternLate-Night-Formate sind die wahren Familienkonzerte: Wenn die braven Kinder schnarchen und auch die Ehefrau holdselig schlummert, dann huscht der unruhige Konzertgänger leise ins Konzerthaus zu György Kurtágs Kafka-Fragmenten. Hoch oben im gold- und glitzerfreien Werner-Otto-Saal, erst blau illuminiert wie ein Weg im Herbst oder ein hoher Traum, später rot wie die Süßigkeit der Trauer und der Liebe — oder aber wie die Jagdhunde im Hof.

Anna Maria Pammer singt, Patricia Kopatchinskaja geigt. Weiterlesen

Ungewöhnlich: Konzerthausorchester, Venzago, Tabea Zimmermann spielen Michael Jarrell und Schumann

Nichts lieben die Kinder des Konzertgängers an der täglichen LOGO-Sendung mehr als den täglichen Tag des/der soundso: des Eichhörnchens, der Mundhygiene, des Glücks. Sehr passend also das Freitagsprogramm des Konzerthausorchesters zum Tag der ungewöhnlichen Instrumente. Denn was ist schon eine Flammenorgel, ein Trautonium, eine Glasharfe im Vergleich zu einer … Bratsche?

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Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus

50dddab938844c06e7b894ab0874dfb9Forderung: Jede Geigenschülerin im Laufe ihres Geigenschülerindaseins mindestens einmal zu Patricia Kopatchinskaja schicken. Nicht weil sie da die sauberste Bogenführung sähe oder hören würde, wie makellose Intonation geht oder süffiges Vibrato oder historisch korrektes Stilbewusstsein. Sondern weil sie da die Frage vor den Latz geknallt kriegte: Was ist dein Stil? Was willst du von der Musik?

Mit Jean Sibelius‘ Violinkonzert d-Moll op. 47 verabschiedet sich PatKop von der hochoffiziösen Würde als Staatsviolinistin-in-residencia des Konzerthauses. Da weht einen teils ein eisiger Wind an, so ungewohnt klingt das alles. Weiterlesen

Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

Marc-blue-black_foxEs gibt Programme, die einen retten, wenn man gerade ganz vernagelt ist im eigenen Kopf und die innere Welt vor lauter Brettern nicht sieht. Ein solches Programm spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem jungen Finnen Pietari Inkinen im Konzerthaus.

Die Welt dieses Programms ist bevölkert von galoppierenden Helden an nordischen Meeren und von sentimentalen Förstern in böhmischen Wäldern. Und natürlich von einer mystisch-erotischen Füchsin: Die posthum zusammengestellte Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein steht in der Mitte des Programms, zwischen Sibelius und Sibelius.  Weiterlesen

Augenschließend: Beatrice Rana spielt Goldberg-Variationen

Canon_triplex_3Im Konzert gewesen. Verliebt.

Nicht in die Frau Beatrice Rana! Die wirkt zwar hinreißend, aber der Konzertgänger ist bereits verheiratet mit einer schlechthin vollkommenen Frau. Beatrice Ranas Klavierspiel aber weckt schon nach wenigen Tönen das unwiderstehliche Bedürfnis, die Augen zu schließen, um die Ohren so weit es geht zu öffnen. Der Konzertgänger gibt dem Bedürfnis nach und wird die Augen siebzig Minuten lang nicht mehr öffnen, bis zum letzten G mit dem himmlischen Vorschlag. Und das will bei einer so attraktiven Pianistin etwas heißen.

Denn schon die Aria von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen BWV 988 kündigt an, dass das etwas Außergewöhnliches wird zum Abschluss des Berliner Klavierfestivals im Kleinen Saal des Konzerthauses. Rana spielt langsam, voller Anmut und Konzentration, mit fast sachlichen Verzierungen. Die Basslinie in der Linken, wo sich das Thema versteckt, hebt sie deutlich, aber ohne einen Anflug von Zeigefingerhaftigkeit hervor. Weiterlesen

Entspannt: Christian Zacharias spielt Schubert, Beethoven, Schumann

António_Carneiro_Claudio_ao_piano_by_Henrique_Matos_02Ein bisschen wie ein Musiklehrer schlurft Christian Zacharias beim Klavierfestival im Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses auf die Bühne: Aber keiner jener Musiklehrer, die das halsstarrige Dummseinwollen der Schüler ausgemergelt hat, sondern einer, den die Schüler in seiner Schlaksigkeit mögen und bewundern, weil er kompetent und zugleich entspannt ist. Seine Schuhe glänzen nicht, die Hose schlottert, das Hemd hängt über den Bund, es ist vielleicht sein einziges. Eine äußerst sympathische Erscheinung.

Scheinbar tiefenentspannt spielt sich Zacharias auch ins Allegro ma non troppo von Franz Schuberts Sonate a-Moll D 537, so dass man sich zuerst fragt: troppo moderato? Weiterlesen

Buntstrukturiert: Yevgeny Sudbin beim Klavierfestival

800px-Retrato_de_Domenico_ScarlattiDomenico Scarlatti fiele wahrscheinlich die Kinnlade auf den Jabot, wenn er im Konzerthaus säße und seine Nachbarin fragte, von wem denn diese hinreißenden Stücke seien, die der hagere junge Virtuose da spiele: Nocturnes, Fantasien, Etüden, unendlich nuanciert und durchgestuft in Klangfarben, Dynamik, Agogik und dabei ungeheuer dezent, von ferne an ein Cembalo erinnernd.

Fünf Sonaten von Domenico Scarlatti, wäre die Antwort der Nachbarin, auf einem modernen Konzertflügel gespielt.

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Tipp: Berliner Klavierfestival

Boldini,_Gentleman_at_the_PianoElysium ad portas für Klavierfreunde, die mal andere Pianisten hören wollen als das grandiose Dutzend, das an den üblichen philharmonischen Klavierabenden zu hören ist: Im Konzerthaus beginnt am Dienstag das 6. Berliner Klavierfestival. Neben dem Weddinger Pianosalon Christophori ist das der heißeste Scheiß, den Berlin neugierigen Klavierfreunden zu bieten hat. Keine Eigenveranstaltung des Konzerthauses, sondern eine private Initiative des Anglo-Steglitzer Klavierwahnsinnigen Barnaby Weiler, den das ewige Einerlei der hiesigen Klavierrezitals anödete.

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Spektakulös: Konzerthausorchester, Iván Fischer, Kit Armstrong spielen Kagel, Zimmermann, Beethoven

Iván Fischer-Programme können auf skurrile Weise spektakulär sein. Rund ums angeblich langweiligste der Klavierkonzerte Beethovens strickt er das originellste Programm, das in der zyklischen Aufführung aller fünfe im Konzerthaus zu hören ist: vorneweg Kagel, hintendran Bernd Alois Zimmermann.

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Samtsichtig: Wiener Philharmoniker, Blomstedt, Kit Armstrong spielen Beethoven & Bruckner

Beethoven_HornemannBesser als in die Scharoun-Philharmonie passen die Wiener Philharmoniker, wenn sie Berlin besuchen, doch ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Sie werden ja wohl nachsichtig sein gegenüber den akustischen und bildhauerisch-malerischen Mängeln im Katzengoldenen Saal unseres realklassizistischen Musikvereins alla piefka.

Gänzlich unentschuldbar ist nur das Rumpeln und Pumpeln, Knistern und Knuspern des Berliner Publikums zu Beginn des Largo von Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37. Aber weder der Dirigent Herbert Blomstedt noch der Solist Kit Armstrong lassen sich etwas anmerken: Gelassenheit des hohen Alters und der knackfrischen Jugend. Weiterlesen