Seelfoppig: Petrenko und Kopatchinskaja bei den Berliner Philharmonikern

Analyse einer Zwölftonreihe (zeitgenöss. Darstellung)

Programm wie zum Adorno-Foppen: erst Schönberg, dann Tschaikowsky. Man kugelt sich vor Aussichtsfreude auf die kommenden Jahre bei dieser jüngsten Kirill-Petrenko-Verheißung bei den Berliner Philharmonikern – so toll ist das.

Von Anbeginn aktiven und konzentrierten Mitvollzug verlange Arnold Schönbergs Violinkonzert opus 36: So weist Adorno den Hörer zurecht (zitiert im lesenswert unverschraubten Einführungstext von Malte Krasting). Aber bei Patricia Kopatchinskaja wird die Philharmonie gottlob nicht zur geschlossenen Mitvollzugsanstalt. Es ist keine Interpretation für Merker mit Tabulaturen, die die Zwölftonreihen rauf, runter, rückwärts und im Sechseck gegen den Uhrzeigersinn verzeichnen. Sondern gestische Musik, klangtheatrig im besten Sinn. Schönberg aus dem Geiste des Pierrot; ein auch fürs Hören produktiver Ansatz.

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Nice, nicht lappig: Kirill Petrenko paukt das Bundesjugendorchester

Andere Teenager hören sich vielleicht (wenn sie einen offenen Geist, ordentlichen Musiklehrer oder nervige Eltern haben) Le Sacre du Printemps mal an – diese hier spielen ihn! Dabei sind sie nur paar Jährchen älter als das größte Konzertgängerkind, das momentan mit genau zwei Adjektiven auskommt: nice oder lappig. Nun, dieses Bundesjugendorchester, das seit 50 Jahren bestehende nationale Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn für Personen zwischen 14 und 19 Jahren, ist überaus nice. Wenn dann noch Kirill Petrenko dirigiert, bei dem man als Berliner jede Gelegenheit bei der Schopfhenne packen muss: nix wie hin. Das Programm ist ziemlich paukig, mit einem Paukenkonzert eines gewissen William Kraft sowie Strawinskys Sacre du Printemps. Weiterlesen

Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

À la recherche du Herz und Kern

Zum Auftakt Galopp direkt in Kern und Herz. Denn da ist ja schon wieder dieses Kakeln im Walde: Die spätromantischen Schinken, ja, die seien gewiss Kirill Petrenkos Herzenssache, aber wie’s eigentlich um seinen Musikgeschmack stehe und zumal ums ominöse deutsche Kernschinkenrepertoire. Nun also Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Louis van Beethoven, das ist unzweifellosfrei Kernschinkenrepertoire, und mit Richard Strauss, berlinerphilharmonischem Herzschinkenrepertoire. Weiterlesen

Konzertgänger auf Reisen: „Die Walküre“ in München

Bisschen stillhalten als Berliner an der Bayerischen Staatsoper, nicht rausposaunen, woher man ist. Erstens weil das Berliner Welthauptstadttum eh alle Welt nervt, zweitens weil man ja den Münchnern demnächst diesen enormidablen Chefdirigenten entführt. Der Sonderlevel von Kirill Petrenko beweist sich auch in dieser hochkarätig besetzten Aufführung der Walküre, im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Weiß Gott mehr als ein Zwischenstopp für den Wagnerianer auf dem Weg nach Bayreuth.

Der Berliner freut sich über die alpinhohen fünf Ränge und stolpert wie alle Touristen über die fiese kleine Schwelle, wenn er seine Reihe betritt. Weiterlesen

Schlangenbeschwörend: Kirill Petrenko, Yuja Wang, Berliner Philharmoniker mit Dukas, Prokofjew, Franz Schmidt

Obwohl Kirill Petrenko ja mal einige Jahre Generalmusikboss der Komischen Oper war, haben die Auftritte des zukünftigen Chefs der Berliner Philharmoniker in Berlin derzeit etwas Unalltägliches, ja Rar-Auratisches. Und so ist auch dieses merkwürdige bis verschrobene Programm unalltäglich, rar, auratisch. Weiterlesen

Glühend: Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern mit Mozart, John Adams, Tschaikowsky

Keine Hysterie am zweiten Tag, gut so. Nach den Berichten über Kirill Petrenkos erstes Icon_03027_Vhod_Gospoden_v_IerusalimKonzert seit seiner Wahl zum künftigen Chefdirigenten stand auch bei seinem Auftritt am Folgetag überkandidelte Euphorie zu befürchten wie bei einem SPD-Parteitag. Als bräuchten die Berliner Philharmoniker einen Erlöser! Aber zum Glück keine Klatsch-Ekstase vor dem ersten Ton, nur wohlwollender Applaus zur Begrüßung. Und am Ende gibt es zwar standing ovations, aber ohne dass Klatsch- und Bravo-Vordrängler die schreiende Stille nach dem Ersterben des letzten Pathétique-Tons zerstörten.

Bewies Petrenko im vergangenen Herbst mit dem Bayrischen Staatsorchester, dass er auch einem ätzenden Werk wie Strauss‘ Domestica Magie einzuhauchen vermag, ist sein Philharmoniker-Programm merkwürdig genug: Mozart, John Adams, Tschaikowsky. Worin besteht der Zusammenhang? Etwa in der klassikfernen Fünfzahl – bei Tschaikowsky der „Walzer“ im 5/4-Takt, in Mozarts Haffner-Sinfonie das irritierend fünftaktige erste Motto?

Was auf dem Papier beliebig scheint, erschließt sich dem Ohr.  Weiterlesen

14.9.2016 – Sorgfältig ekstatisch: Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann spielen Ligeti, Bartók, Strauss

anthony_van_dyck_-_family_portraitSelbst eingefleischte Richard-Strauss-Muffel wie der Konzertgänger können dieser Sinfonia Domestica nicht widerstehen, die das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters beim Musikfest Berlin in der Philharmonie beschließt. Die Kluft zwischen dem privaten Sujet und den musikalischen Mitteln des Werkes (womit nicht die Größe des Orchesters gemeint ist, sondern die pompöse Klangsprache) ist und bleibt zwar bizarr, ja lächerlich. Sinfonische Dichtung Ein Eheleben. Der Konzertgänger kann nie umhin, sich bei den instrumentalen Potenzierungen des dritten Themas ein 60 Meter großes Frankensteinbaby „Bubi“ vorzustellen.

Aber das Bayerische Staatsorchester zeichnet sich unter Kirill Petrenko durch eine so hinreißende Klangkultur aus, dass alles egal wird. Weiterlesen