Hörstörung (27): Wenn alle weg sind, fehlen sie auch wieder

Nun also zum ersten Mal seit, Sie wissen schon, wieder Berliner Philharmoniker, mit Kirill Petrenko. Schönes Konzert, aber es will sich, obwohl tadellos gespielt, nicht völlig philharmonisch anfühlen. Dabei ist die Philharmonie ja ein ausgesprochen freundlicher Hochsicherheitstrakt, das Lächeln des Personals strahlt durch alle Masken, die Farben des Wegeleitsystems illuminieren schön die Treppen des Scharoun-Hauses; und gibt es auch zero Gastronomie, so sind außer den Handdesinfektionsstationen auch Wasserspender aufgestellt. Nicht verwechseln!

Das Musikfest Berlin hat ordentlich Gastorchester-Etats eingespart und spendiert darum bei seinen Eigenveranstaltungen schwanenhalslange weiße Edelbleistifte, die man nach Ausfüllung seines Kontaktdatenbogens am zugewiesenen Platz behalten kann. Die Berliner Philharmoniker, als ihre eigenen Hausherren und -damen, lassen stattdessen gelbe Stummelstifte springen, gerade so kurz, dass Name und Logo draufpassen.

Die Philharmonie ist weiterhin ungewohnt dünnbesiedelt; ab November sollen immerhin ein paar Plätze mehr wieder besetzt werden dürfen, im Schachbrettmuster, dafür muss die Maske dann aber auch während des Musikhörens aufbleiben. Angesichts und -ohrs der derzeit beinah gähnenden Leere (und die Verunsicherung des Publikums ist so groß, dass man sogar für Petrenko kurzfristig Karten bekommt, was prä-Sie-wissen-schon kaum denkbar war) würde ich nicht so weit gehen wie eine leidenschaftliche Konzertbesucherin, die gar das notorische Tasche-auf-und-zu oder Bonbonfolienknistern früherer Zeiten vermisst:

Aber doch. So sehr unruhige Mitmenschen einem sonst den Hörgenuss trübten – wenn alle weg sind, fehlen sie auch wieder. Dafür nimmt das geschärfte Ohr neue, ungeahnte Unruhen im zu leeren Raum wahr. Etwa die immer wieder zwischen den Sitzen rullernden und kullernden Bleistiftstummel der happy few.

Die Musik selbst ist ja schön wie eh und je. Alban Bergs Violinkonzert, erwartungsgemäß meisterhaft gespielt von Frank Peter Zimmermann, fasst einen im entfremdeten Saal eigenartig an: das immerfein immerfort sich fortspinnende und -singende Feingewebe des ersten, Katastrophe und resignative Kontemplation des zweiten Satzes. Die Bach-Zugabe am Samstag (Donnerstag gab er Bartók als Encore) passt nach diesem Werk natürlich besser als die von Simone Lamsma nach Tschaikowsky vor einer Woche im Konzerthaus.

Dafür mesalliiert Antonín Dvořáks 5. Sinfonie F-Dur bemerkenswert mit Bergs Violinkonzert – und wenn man tausendmal „Katastrophe und Idyll“ drüberschriebe, um das Unvereinbare plausibel zu machen! Aber sei’s drum, auf diese Hörstörung kommt es jetzt auch nicht mehr an. Und die Sinfonie ist ja, wie man so sagt, fulminant musiziert, präzise ohnehin, schwungvolle Orchestermusik mit fanfarenartigem Thema, das man leicht ein bisschen über bekommen kann; am Ende des Finales kehrt es wieder. Und dann ist da eben dieser warme, leuchtende Klang des Andante, dessen traurigfrohe Wohligkeit einen ebenfalls anfasst. Der fremdgewordene Raum ist eben immer noch Raum, echter lebender Raum – wie herrlich, philharmonischen Klang in ihm hören, spüren, atmen zu dürfen. Allen Störungen zum Trotz.

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