Sauhimmelnd: Grigory Sokolov spielt Beethoven, Brahms und 6 Zugaben

Alljährlicher Grigory Sokolov-Aufschlag in Berlin, ein Aufprall wie eine kosmische Feder. Beethoven und Brahms stehen heuer auf dem Programm, aber ein bisschen spielt Sokolov immer Sokolov. Man verstünde allerdings, wenn er bald mal mit dem jungen Beethoven riefe: Für solche Schweine spiele ich nicht! Und dann nur noch in Kartäuserklostern aufträte. Denn im Großen Saal der Philharmonie ist es ein Must-go der Adabeis mittlerweile. Es blitzlichtert schon, wenn der Pianist hereinschlurft. Spielen muss er in Bronchialgewittern und unter Bonbonpapierknister-Tröpfchenfolter. Und eh nur das Adagio aus Beethovens 3. Sonate C-Dur op. 2/3 vorbei ist, haben schon mehrere Handys gebimmelt.

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Tentakelstreckend: Saisonvorschau des DSO

Education (Symbolbild)

Sinnigerweise stellt das Deutsche Symphonie-Orchester, welches abseits des großsymphonischen Hauptbetriebs ja regelmäßig nächtliche Kammerkonzerte in Berliner Museen gibt, seine neue Saison im Panorama-Pavillon am Kupfergraben vor. Dort hat man eine, nicht nur für Kinder, irre Antikenwelt aus Vogelperspektive innen drin und nach draußen den Blick aufs Pergamonmuseum – will heißen, eine dieser Berliner Baustellen, die Allegorien der Unendlichkeit sind.

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Hoppelteufelig: Daniil Trifonov spielt Beethoven, Schumann, Prokofjew

Die Phase „jahrelanger Geheimtipp“ hat Daniil Trifonov mit einem großen Hopps übersprungen, er füllt schon mit 27 die Philharmonie bis auf den letzten Platz. Im Grunde sind diese Klavierabende im Großen Saal eine Abwegigkeit – wo doch der Kammermusiksaal schon zu groß ist für Klavier. Trifonovs Programm bewegt sich zwischen irrwitzig und innig, wobei das Irrwitzige deutlich stärker gelingt. Bedenklich stimmt das Publikum, das auf Jubel gebürstet ist wie der Hooligan auf Krawall.

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Nebenhäuptig: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Cattaneo

Auch ganz schön, mal ein Abend mit Beethoven-Streichquartetten ohne Spätwerk darunter. Stehen die nicht mittlerweile derart höher in der Publikumsgunst, fast als wäre alles davor nur Nebensache gewesen? Seltsamer Gang der Dinge, das enigmatischste ist zum populärsten geworden. Im allererstrangigen Beethoven-Zyklus des katalanischen Cuarteto Casals, der sich allmählich seinem Ende zuneigt, gibt es nun im Kammermusiksaal zwei sogenannte frühe Quartette und ein mittleres (sprich Rasumowsky), an dem natürlich gar nichts mittel ist. Und schon gar nicht neben, sondern alles haupt.

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Klingonisch: Víkingur Ólafsson spielt Bach und Beethoven

Der isländische Ludwig van Bach, by Kelapstick

Angesichts der Tatsache, dass weltweit mehr Menschen Klingonisch als Isländisch beherrschen, ist es doch erstaunlich, dass es erheblich mehr isländische als klingonische Literaturnobelpreisträger, Fußball-WM-Teilnehmer, Pop-Ikonen, Neue-Musik-Ensembles und eben auch rising Klavierstars gibt: etwa Víkingur Ólafsson im Kammermusiksaal. Im ersten Teil steht Bach von verwirrender Unübersichtlichkeit auf dem Programm, über mehr als zwei Seiten erstreckt sich die Auflistung der Stücke. Der Beethoven im zweiten Teil ist dagegen von dubioser Stringenz: die allererste und die allerletzte Sonate.

Aber so allerletzt, wie die 32. Sonate c-Moll opus 111 noch immer oft gemacht wird, ist sie ja vielleicht gar nicht. Weiterlesen

Pistolblumig: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Casablancas

Zugegeben eine Herausforderung, im 21. Jahrhundert ein Streichquartett zu schreiben, um es zwischen Beethoven-Streichquartetten spielen zu lassen. Man würde sich fast wünschen, dass mal ein verblendeter Komponist Beethoven tolldreist die Pistole auf die Brust setzte, um ihm zu zeigen, wer der Größte ist. Aber die meisten Komponisten, die das Cuarteto Casals im Rahmen seiner über mehrere Jahre laufenden Aufführung sämtlicher Beethovenquartette beauftragt hat, gehen behutsamer zu Werk, tastender – naja, nachvollziehbar. Da war im Kammermusiksaal schon manches Interessante zu hören, aber auch allzu Zurückhaltendes. Bei dem spanischen Komponisten Benet Casablancas liegt der Fall jetzt etwas anders: Sein neues 4. Streichquartett ist trotz des beiläufig scheinenden Titels Widmung keine Petitesse, sondern ein Werk. Weiterlesen

Sehstörung (3): Selbsteinprangerung beim „Fidelio“

Auch einem Konzertgänger, der meint, er hätte schon alles gesehen, kann es passieren, dass er einer Aufführung des Fidelio an der Staatsoper Unter den Linden auf einem der gar nicht soooo üblen Hörplätze im dritten Rang beiwohnt, von denen aus man immerhin die halbe Bühne überblickt (freilich um den Preis, direkt unter dem Dach im Kondenswasser von Tönen und Publikum zu sitzen), und gerade darüber sinniert, wie berühmt Ludwig van Beethoven heute wohl noch wäre, wenn diese langweilige, hier überdies öde inszenierte und knallig-lasch musizierte, dabei freilich – u.a. von Klaus Florian Vogt – recht gut gesungene Oper sein gewichtigstes erhaltenes Werk wäre; um auf einmal eine Zuschauerin im am ungünstigsten gelegenen Hörplatzwinkel des Saals zu bemerken, die, um dem Bühnengeschehen besser folgen zu können, ihren Kopf zwischen Brüstung und Geländer eingefädelt hat: gleich einem Pranger in finsteren Zeiten oder gar jener schrecklichen Entkopfungsmaschine zu französischrevolutionärer Zeit, aus der das merckwürdige, schon in den 1820er Jahren außer Mode gekommene Genre der Rettungsoper ja stammt; woraufhin er begreift, dass er eben noch nicht alles gesehen hatte und hat.

Besprechung der Fidelio-Wiederaufnahme bei Schlatz

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Heiligpanisch: Le Concert Olympique spielt Beethovens „Missa Solemnis“

Putzige Idee im Grunde, ein Spezialorchester zu gründen für die scheinbar unspeziellste Musik der Welt: die des meistgespielten Komponisten von Abba bis Zappa, Afghanistan bis Zypern – Ludwig van Beethoven! Aber Le Concert Olympique mit seinem Dirigenten Jan Caeyers überzeugte in Berlin schon mit Tripelistik und Prometheuismus. Zur Missa Solemnis nun ist in der Berliner Philharmonie toute la Belgique anwesend, inklusive des Königspaars Philippe und Mathilde (und von deutscher Seite u.a. Altbundespräsident Gauck). Die Bitte ans Publikum, sich zur Begrüßung der royalen Ehrengäste zu erheben, ist eine harte Prüfung für den insubordinationsgewohnten Berliner. Ob Beethoven aufgestanden wär? (Die Anekdote, dass Beethoven anders als Goethe dem kaiserlichen Hofstaat nicht ausweichen wollte, mag freilich dubios sein.) Aber was tut man nicht alles – zumal, da das Königspaar in der Stadt weilt, um der Opfer des Ersten Weltkriegs zu gedenken und so ein Zeichen fürs europäische Miteinander zu setzen. Dafür erheben wir uns gern.

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Jenrückend: Piotr Anderszewski spielt Bach und Beethoven

Welcher lebende Pianist kann Bach so schön romantisieren, ohne je ignorant zu wirken? Piotr-Anderszewski-Abende gehören mit dem gedimmten Licht und verinnerlichten Klavierspiel zu jenen unaufdringlich rituellen Ereignissen, von denen man sich wünscht, sie mögen einen am Ende des Lebens eben dieses ganze Leben begleitet haben. Hoffentlich wird Anderszewski nie im Großen Saal spielen. Darum: nicht bejubeln, nicht weiterempfehlen; und wenn doch, nur ganz unaufdringlich.

Im Kammermusiksaal spielt Anderszewski Bach und Beethoven. Im Publikum sitzen auch zwei ziemlich kleine, ziemlich blonde, ziemlich entzückende Mädchen. Ob sie wegen des Wohltemperiertes Klaviers II oder eher wegen der Diabelli-Variationen da sind? Weiterlesen

Geisterweinend: RSB, Slobodeniouk, Widmann spielen Schumann, Reimann, Beethoven

Solistin mit Orchester

Auch wenn man eigentlich gern im 19. Jahrhundert gelebt hätte, manchmal ist es gut, dass es nicht so ist. So kann man sich heute Robert Schumanns Violinkonzert anhören, ohne sich an dessen Abweichungen oder auch Unzulänglichkeiten zu stoßen. Wie es die Hörer im 19. Jahrhundert vielleicht getan hätten, wenn das 19. Jahrhundert sie dieses Werk denn hätte hören lassen; genauer gesagt die Schumannfamilie und die Freunde Brahms und Joseph Joachim, die es unter Verschluss hielten. Bis es 1937 zur vernazigifteten Uraufführung kam. Kein Wunder also, dass die Zeit dieses Werks jetzt erst gekommen zu sein scheint. Statistisches Faktum oder nur Berliner Konzertgangszufall, dass es in letzter Zeit immer häufiger zu hören ist? Mit der Geigerin Carolin Widmann bildet es den Mittelpunkt des vergeisterten, tränenreichen Konzerts, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie unter Leitung von Dima Slobodeniouk spielt. Weiterlesen

Dreihirnherzig: Andreas Staier spielt Mozart, Haydn, Beethoven

Beethoven empfängt Mozart’s Hirn aus Hayden’s Händen. Rechts Gräfin Waldstein

Beethoven-Sonaten kann man sein ganzes Leben lang immer neu kennenlernen, aber zwei Kennenlernen sind einschneidend: das allererste natürlich, meist auf einem handelsüblichen Steinway. Und dann das erste Mal auf einem historischen Klavier. Da hört man plötzlich ein ganz neues Werk.

Der Pianist Andreas Staier spielt bei seinem Rezital im Pierre-Boulez-Saal Ludovico van Beethovens Sonate d-Moll op 31, 2 von 1802 auf dem Nachbau eines Alois-Graff-Flügels von etwa 1830 aus Wien. Das ist die Sonate, die nach einem vom Ober-Apokryph Schindler kolportierten kryptischen Hinweis auf Shakespeare geradezu apokryptisch Der Sturm genannt wird. Weiterlesen

Enttaubend: Cherubinis „Médée“ an der Staatsoper Unter den Linden

Eine der traurigsten und berührendsten Geschichten der Beethoven-Hagiographie erzählt, wie der fast Taube angestrengt einer Spieldose mit der Ouvertüre von Cherubinis Medea lauschte. Das mag eine dieser Schindler-Stories sein, trotzdem ergreifend. Den Namen Luigi Cherubini kennt jeder, was von ihm gehört haben nur Fachpersonal, Freaks und Callas-Fans. Uns musikgeschichtlich Ertaubten erlaubt jetzt eine Neuproduktion der Staatsoper Unter den Linden, das Ohr dicht an die Spieldose zu halten. Und einen atemberaubenden Anti-Fidelio kennenzulernen, inszeniert von Andrea Breth, dirigiert von Daniel Barenboim, hochkarätig besetzt. Am Sonntag war Premiere, der Konzertgänger war in der Folgevorstellung. Weiterlesen

Begegnend: Beethovens „Missa solemnis“ mit Rundfunkchor, KA Potsdam, Janowski

Unverhoffte Begegnungen

Unverhoffte Begegnungen beschert das Berliner Konzertleben: Jene Missa solemnis von Ludwig van Beethoven, die in ebendem Jahr 1824 in Petersburg und Wien erstmals aufgeführt wurde, in dem man in Leipzig einen gewissen Johann Christian Woyzeck aufs Schafott führte, kann man einen Tag nach der Deutsche-Oper-Premiere von Alban Bergs Wozzeck hören. Dabei gibts ein unverhofftes Wiederhören mit Marek Janowski: Der dirigiert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt den Rundfunkchor Berlin und die Kammerakademie Potsdam, weil Chorchef Gijs Leenaars, der die Aufführung vorbereitet hatte, plötzlich krank wurde. Wenige Stunden vor Konzertbeginn erklärte Janowski sich zum Einspringen bereit. Was man halt so macht mit 79. Weiterlesen

Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

À la recherche du Herz und Kern

Zum Auftakt Galopp direkt in Kern und Herz. Denn da ist ja schon wieder dieses Kakeln im Walde: Die spätromantischen Schinken, ja, die seien gewiss Kirill Petrenkos Herzenssache, aber wie’s eigentlich um seinen Musikgeschmack stehe und zumal ums ominöse deutsche Kernschinkenrepertoire. Nun also Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Louis van Beethoven, das ist unzweifellosfrei Kernschinkenrepertoire, und mit Richard Strauss, berlinerphilharmonischem Herzschinkenrepertoire. Weiterlesen

Gründig: Michael Abramovich spielt Schubert, Haydn, Beethoven

Einen Ort, den sogar die Frankfurter Allgemeine schon als „Untergrund“ bezeichnet hat, den mag man kaum mehr so nennen. Also ist der Pianosalon Christophori wohl einfach einer der schönsten, interessantesten Klavier- und Kammermusikgründe Berlins. Und immer ein Obergrund, in den (nicht nach!) Wedding zu fahren. Zumal im August hilft der Pianosalon dem Klassikfreund, der nicht in Bayreuth oder Salzburg weilt, ohne bleibende Schäden zu übersommern. Weiterlesen