Enttaubend: Cherubinis „Médée“ an der Staatsoper Unter den Linden

Eine der traurigsten und berührendsten Geschichten der Beethoven-Hagiographie erzählt, wie der fast Taube angestrengt einer Spieldose mit der Ouvertüre von Cherubinis Medea lauschte. Das mag eine dieser Schindler-Stories sein, trotzdem ergreifend. Den Namen Luigi Cherubini kennt jeder, was von ihm gehört haben nur Fachpersonal, Freaks und Callas-Fans. Uns musikgeschichtlich Ertaubten erlaubt jetzt eine Neuproduktion der Staatsoper Unter den Linden, das Ohr dicht an die Spieldose zu halten. Und einen atemberaubenden Anti-Fidelio kennenzulernen, inszeniert von Andrea Breth, dirigiert von Daniel Barenboim, hochkarätig besetzt. Am Sonntag war Premiere, der Konzertgänger war in der Folgevorstellung. Weiterlesen

Begegnend: Beethovens „Missa solemnis“ mit Rundfunkchor, KA Potsdam, Janowski

Unverhoffte Begegnungen

Unverhoffte Begegnungen beschert das Berliner Konzertleben: Jene Missa solemnis von Ludwig van Beethoven, die in ebendem Jahr 1824 in Petersburg und Wien erstmals aufgeführt wurde, in dem man in Leipzig einen gewissen Johann Christian Woyzeck aufs Schafott führte, kann man einen Tag nach der Deutsche-Oper-Premiere von Alban Bergs Wozzeck hören. Dabei gibts ein unverhofftes Wiederhören mit Marek Janowski: Der dirigiert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt den Rundfunkchor Berlin und die Kammerakademie Potsdam, weil Chorchef Gijs Leenaars, der die Aufführung vorbereitet hatte, plötzlich krank wurde. Wenige Stunden vor Konzertbeginn erklärte Janowski sich zum Einspringen bereit. Was man halt so macht mit 79. Weiterlesen

Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

À la recherche du Herz und Kern

Zum Auftakt Galopp direkt in Kern und Herz. Denn da ist ja schon wieder dieses Kakeln im Walde: Die spätromantischen Schinken, ja, die seien gewiss Kirill Petrenkos Herzenssache, aber wie’s eigentlich um seinen Musikgeschmack stehe und zumal ums ominöse deutsche Kernschinkenrepertoire. Nun also Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Louis van Beethoven, das ist unzweifellosfrei Kernschinkenrepertoire, und mit Richard Strauss, berlinerphilharmonischem Herzschinkenrepertoire. Weiterlesen

Gründig: Michael Abramovich spielt Schubert, Haydn, Beethoven

Einen Ort, den sogar die Frankfurter Allgemeine schon als „Untergrund“ bezeichnet hat, den mag man kaum mehr so nennen. Also ist der Pianosalon Christophori wohl einfach einer der schönsten, interessantesten Klavier- und Kammermusikgründe Berlins. Und immer ein Obergrund, in den (nicht nach!) Wedding zu fahren. Zumal im August hilft der Pianosalon dem Klassikfreund, der nicht in Bayreuth oder Salzburg weilt, ohne bleibende Schäden zu übersommern. Weiterlesen

Freudetafelnd: Freiburger Barockorchester jubiliert Telemann, CPE Bach und Beethovens Neunte

Ludwig van Telemann

Was hat La Neunte nicht schon alles erlebt, was kann man denn da noch draufsatteln? Schönbergs Survivor from Warsaw gabs als legendären Kontrapunkt: Der Dirigent Michael Gielen koppelte ihn sogar zwischen die Sätze 3 und 4. Vladimir Jurowski wiederholte das jüngst und drehte die Schraube noch weiter, indem er den von Mahler gepimpten Beethoven hervorkramte. Sir Simon verstörte sein Abo-Publikum vielleicht noch tiefer, indem er vor der Neunten Helmut Lachenmanns Tableau spielte. Dabei hatte der Teufelsbündner Leverkühn die Neunte doch längst zurückgenommen! Was also kann da noch kommen?

Telemann.

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Promenierend: Berliner Philharmoniker, Sokhiev, Bronfman spielen Prokofjew, Beethoven, Mussorgsky/Ravel

Zu Zweidritteln perfekt kindergeeignetes Programm bei den Berliner Philharmonikern, zu dem der Konzertgänger denn auch (Artemisquartett im Kammermusiksaal hin oder her) tiefstenentspannt mit seiner höchstgeschätzten Tochter promeniert, um’s von knapp unter der Saaldecke zu goutieren. Tugan Sokhiev dirigiert, stets gern gesehener Gast. Der rote Faden des Programms bleibt ein bissl scheinig, wischiwaschi, ein Genuss ist es aber allemal, und wischiwaschigen Klang gibts bei Sokhiev nie. Weiterlesen

Skrupulös musikantisch: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Lucio Amanti

Woher diese unkaputtbare Mär, Beethovens späte Streichquartette seien kopflastig und im Grunde nur intensivststudierenden Tiefenanalysten zugänglich? Gälte diese Studienhürde, wenn schon, nicht eher für die frühen Quartette, für die man gewisse Grundformen nun mal zur Kenntnis nehmen muss, während die späten Quartette ihre je eigene Form aus sich selbst wachsen lassen? Die man schon mitfühlend erkennen wird, wenn man sich nur mit Herz und Ohr auf die Stücke einlässt? (Und sie, entscheidend, wieder und wieder hört?)

Gelegenheit zum Vergleich gibts mit gleich drei Beethovenquartetten (früh, mittel, spät) in einem Programm des katalanischen Cuarteto Casals im Kammermusiksaal. Weiterlesen

Klanggärtnerisch: Takemitsu und Beethovens Neunte im Konzerthaus

Was tun mit der übergroßen, entsetzlichen Neunten? Nichtspielen ist auch keine Lösung. Fürs Abschaffenwollen würde man am Ende noch vom Teufel geholt, wie Adrian Leverkühn.

Iván Fischer tut also im Konzerthaus zweierlei, um den Panzer unserer Ohren und unserer Herzen aufzubrechen. Weiterlesen

Bemerkenswertig: Le Concert Olympique spielt prometheischen Beethoven

Wenn schon, dann richtig: entweder gar nicht mehr Beethoven spielen oder nur noch Beethoven. Ersteres schlug Lothar Zagrosek mal vor, zumindest für ein Jahr. Letzteres tun die Musiker von Le Concert Olympique, zumindest mehrmals im Jahr – immer wenn Jan Caeyers, Gelehrter und Dirigent von genialer Einseitigkeit, diese Musiker aus verschiedenen Ensembles zu einem neuen Projekt seines Tournee-Orchesters zusammenruft. Wurde auf der letzten Herbsttournee Beethoven noch in Haydn gespiegelt, steht Beethoven im Kammermusiksaal der Philharmonie diesmal Beethoven gegenüber; außerdem gibts noch Beethoven. Das Konzert ist dennoch, oder gerade deshalb, das Gegenteil von Smoothest of Wiener Klassik.

Leitfaden ist die Entwicklung des Prometheus-Themas bei Beethoven kurz nach 1800. Weiterlesen

Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen